Montag, 14. Mai 2018

The New Paganini Project (Sony)

Welch enorme Bedeutung doch die Begleitung für die Wirkung eines Musikstückes hat, das macht dieses faszinierende Experiment deutlich: Der junge Geiger Niklas Liepe, Preisträger des Deutschen Musik- wettbewerbes 2017 und NDR-Kulturpreisträger, hat ausgewählte Komponisten eingeladen, Capricen für Violine solo von Niccolo Paganini (1782 bis1842) durch einen Orchesterpart zu ergänzen. Einzige Bedingung: Der Geigenpart durfte nicht verändert werden.
Dieses Verfahren hat Tradition. Denn schon die Zeitgenossen des Virtuosen fühlten sich dazu herausgefordert, Paganinis Capricen zu „komplettieren“; so schrieb beispielsweise Robert Schumann 1853/54 eine – sehr dezente – Klavierbegleitung. Den jeweiligen Zeitgeschmack spiegeln Klavierparts, die Geigenvirtuosen von Ferdinand David bis zu Fritz Kreisler oder Jacques Thiebaut hinzugefügt haben.
Sieben dieser „historischen“ Begleitungen hat Niklas Liepe in Zusammen- arbeit mit Andreas N. Tarkmann für diese Aufnahme ausgesucht. Tark- mann, ein renommierter Arrangeur, hat sie gekonnt und stilgerecht orchestriert. Er ließ es sich natürlich auch nicht nehmen, eine Caprice, und zwar die Nr. 14, mit einer Begleitung zu versehen.
Generell zeichnen sich die Komponisten, die sich an diesem Vexierspiel beteiligten, durch höchst unterschiedliche musikalische Handschriften und Klangvorstellungen aus. Peter WesenAuer beispielsweise hat die Caprice Nr. 7 mit einem Orchesterpart versehen, der sicherlich auch Paganini gut gefallen hätte. Gérard Tamestit hingegen stellt seine Komposition ganz entschieden neben jene von Paganini. Das wirkt beinahe so, als würde er das Original ignorieren.
Nahezu jede Variante aber wertet den Orchesterpart auf, macht ihn zu einem gleichberechtigten Partner des Solisten. Die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern hat sich unter der Leitung von Georg Bühl dieser Herausforderung gestellt, und die 24 Capricen mit den neu komponierten Begleitungen gemeinsam mit Niklas Liepe eingespielt. Außerordentlich spannend! So aufregend war Klassik lange nicht mehr. 

Freitag, 11. Mai 2018

Antonio Piricone - Fortepiano De Meglio 1826

Eine ganz besonders gelungene Klaviermusik-CD hat Antonio Piricone bei Ayros Raritas veröffentlicht. Der italienische Pianist hat dafür ein Programm zusammengestellt, das eigentlich ziemlich unspektakulär wäre – wenn er es auf dem derzeit gebräuchlichen Standardinstrument eingespielt hätte. 
Er wählte dafür aber keinen Steinway D, sondern einen Hammerflügel nach Wiener Vorbild, den Carlo de Meglio im Jahre 1826 in Neapel angefertigt hat. Dieses Instrument wiederum hat Ugo Casiglia 2002 in Palermo sorgsam restauriert und exzellent spielbar gemacht. 
Und der Hammerflügel-Klang ist tatsächlich unbeschreiblich schön. Der de Meglio kann mit der Lautstärke moderner Konzertflügel nicht mithalten. Aber dafür bietet er in Piano unendlich viele Nuancen. Das gilt auch für den Klang des Fortepianos, der mit seinem verblüffenden Farbenreichtum eine sehr viel stärkere Differenziertheit ermöglicht. 
Piricone nutzt diese Stärken des historischen Instrumentes großartig. Die Einspielung lädt dazu ein, Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven völlig neu zu entdecken. Aber auch die Werke von Muzio Clementi (1752 bis 1832) und Giacomo Gotifredo Ferrari (1763 bis 1842) bieten so manche Überraschung. Hinreißend! Unbedingt anhören. 

Donnerstag, 10. Mai 2018

Gregorian Chants (MPS)

Wer sich für die Anfänge und Ursprünge unserer modernen Musik interessiert, der sollte diese Einspielungen der Capella Antiqua München kennenlernen: Auf drei CD erklingen ausgewählte gregorianische Gesänge für die wichtigsten Feste des Kirchenjahres – Adventszeit und Weihnachten, Fastenzeit und Ostern, sowie Pfingsten. Aber auch die Marienfeste sowie einige wichtige liturgische Gesänge wie das Nunc dimittis aus der Komplet, das Requiem der Totenmesse oder das Te deum laudamus sind zu hören – von der Choralschola in beeindruckender Klarheit und Harmonie gesungen. 
Im deutschsprachigen Raum haben diese Aufnahmen einst, mehr noch als die der Mönche von Solesmes, dazu beigetragen, die herbe Schönheit dieser alten liturgischen Gesänge auch Menschen zugänglich zu machen, die nicht am Stundengebet der Benediktiner oder Zisterzienser teilnehmen. Vom Introitus Rorate caeli desuper, der am vierten Advent gesungen wird, über das freudige Alleluia des Osterfestes bis hin zum Veni creator spiritus lässt die Choralschola der Capella Antiqua München unter Leitung von Konrad Ruhland den kirchlichen Jahreskreis hörbar und in seiner spirituellen Kraft erlebbar werden. 
Das Ensemble, 1951 gegründet und bis 1981 aktiv, gehörte zu den Vorreitern der Alte-Musik-Bewegung. Es widmete sich ebenso intensiv wie sachkundig der Musik des Mittelalters und der Renaissance – und vom gregorianischen Gesang aus erarbeitete sich die Capella Antiqua München den Zugang zu diesen lang vergessenen Klängen. So entstand schließlich die Idee, die Mönchsgesänge auf Schallplatte zu veröffentlichen. 
Aufgezeichnet wurde diese Jahrhunderteinspielung 1972 und 1973 im Pfarrhof Reuth, weit draußen in der Abgeschiedenheit, in Aicha vorm Wald, kurz vor der österreichischen Grenze. Erschienen sind diese legendären Aufnahmen dann bei dem Label MPS aus Villingen. Tonmeister Hans Georg Brunner-Schwer ist berühmt für seine exquisiten, technisch raffinierten, auf Perfektion bedachten Aufnahmen. Er widmete sich ganz überwiegend dem Jazz. Sein Vermächtnis pflegt heute die Edel AG; sie hat nun auch die Gregorianik-Aufnahmen mit der Capella Antiqua München sorgsam remastert und auf CD wieder zugänglich gemacht. Ein unglaublicher Schatz wurde da gehoben. Weltkulturerbe! 

Dienstag, 8. Mai 2018

Bach: Himmelfahrtsoratorium (Rondeau)

Auch das Himmelfahrtsoratorium BWV 11 von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) lässt Pauken und Trompeten laut erschallen. Anders als das berühmte Weihnachtsoratorium beschränkt sich dieses Werk allerdings auf eine Kantate – ursprünglich wurde es im Werkverzeichnis auch als solche geführt, mit dem Titel Lobet Gott in seinen Reichen
Eine Aufnahme, die ziemlich genau vor einem Jahr aufgezeichnet worden ist, lädt dazu ein, sich mit Bachs musikalischer Botschaft zum Festo Ascensionis Christi zu befassen. Auf der CD sind dazu noch zwei weitere thematisch passende Bach-Werke zu finden – die Himmelfahrtskantate Wer da gläubet und getauft wird (BWV 37) sowie die Pfingstkantate O ewiges Feuer, o Ursprung der Liebe (BWV 34). 
Zu hören sind der Gutenberg-Kammerchor Mainz und das auf historischen Instrumenten musizierende Neumeyer Consort. Unter der Leitung von Felix Koch singt zudem mit Jasmin Hörner, Sopran, Julien Freymuth, Altus, Christian Rathgeber, Tenor, und Christian Wagner, Bass ein viel- versprechendes junges Solistenquartett. Eine interessante Einspielung, wunderbar passend zum Festkalender. 

Montag, 7. Mai 2018

Reutter: Arie & Sinfonie (Accent)

Johann Adam Joseph Karl Georg Reutter (1708 bis 1772) war offenbar ebenso fleißig wie begabt: Schon als 14jähriger vertrat er seinen Vater im Dienst – dieser war Dom- und Hoforganist in Wien, und man kann sich vorstellen, dass die Anforderun- gen, die der musikliebende und sachkundige Kaiser Karl VI. an seine Virtuosen stellte, nicht gerade gering waren. 
Dennoch befürwortete Hofkapell- meister Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) die wiederholte Bewerbung des jungen Musikers um eine Hof- scholarenstelle nicht. Möglicherweise lag dies mit daran, dass Georg Reutter d.J. seinen Kompositionsunterricht beim Vizekapellmeister Antonio Caldara erhielt – und dass die ersten Werke, die der Bewerber bei Hofe vorgestellt hatte, dort mit großem Beifall bedacht worden waren. 
Wie auch immer - Reutter reiste 1729 erst einmal nach Italien. Nach seiner Rückkehr 1731 ernannte ihn der Kaiser zum Hofkomponisten. 1738 wurde der Musiker Amtsnachfolger seines Vaters, der mittlerweile zum Ersten Kapellmeister am Stephansdom aufgestiegen war. In dieser Position war er auch für die Sängerknaben verantwortlich. So holte Reutter Joseph Haydn nach Wien und sorgte für dessen musikalische Unterweisung. 
1740 wurde Reutter in den Adelsstand erhoben. 1746 machte Kaiserin Maria Theresia ihn zum Vize-Hofkapellmeister, sein Bereich war die Sakralmusik. Ab 1751 war Reutter faktisch für die gesamte Tafel-, Kammer- und Kirchenmusik zuständig, die er dazu unter abenteuerlichen Bedingungen pachten musste. Doch erst 1769 wurde er endlich Hofkapell- meister.  
Nach seinem Tode gelangte sein Nachlass über seinen Sohn, den Abt Marian, in das Archiv des Stiftes Heiligenkreuz. Auf dieser CD sind drei Werke aus diesen Beständen zu hören – eine Sinfonia in D-Dur, ein Concerto per il clarino sowie ein verträumter, fast schon klassisch schlichter Einzelsatz, der Pizzicato überschrieben ist. 
Komplettiert wird das Programm durch die Sinfonia in g-Moll aus La Betula Liberata, einer azione sacra, sowie durch ausgewählte Arien, die sich sämtlich dadurch auszeichnen, dass das Hackbrett bei der Begleitung der Singstimme einen wichtigen Part übernimmt. Das Salterio war damals groß in Mode, und am Wiener Hof gab es gleich zwei Virtuosen, die es exzellent spielten. Sängerin Olivia Vermeulen ist bei dieser Aufnahme im Dialog zu hören mit Elisabeth Seitz, die dieses in Vergessenheit geratene Instrument auf das Schönste wieder zum Erklingen bringt. Auch sonst ermuntert das Ensemble Nuovo Aspetto mit dieser CD zur Wieder- entdeckung eines Wiener Meisters, dem die Musikgeschichtsschreibung ziemlich übel mitgespielt hat. Die Aufnahme jedenfalls zeigt: Es lohnt sich! 

Donnerstag, 3. Mai 2018

Granados: Orchestral Works (Naxos)

Zum 150. Geburtstag von Enrique Granados (1867 bis 1916) veröffentlichte Naxos eine Drei-CD-Box mit Orchester- musik des spanischen Komponisten. Granados gehörte, ebenso wie Isaac Albéniz und Manuel de Falla, zu den Erneuerern der spanischen Musik. Die Komponisten, allesamt Schüler von Felipe Pedrell, nutzten dabei vor allem das Vorbild der Volksmusik. 
Die Aufnahmen in dieser Box waren ursprünglich 2016 auf drei einzelnen CD erschienen. Man staune, aber es sind zahlreiche Weltersteinspielungen dabei. Die Interpretationen durch das Orquestra Simfònica de Barcelona i National de Catalunya unter Leitung von Pablo González wurden von Kritikern weltweit hochgelobt. Und auch ich kann mir einen authentischeren Vortrag kaum vorstellen.

John Williams - Themes and Transcriptions for Piano (Varèse Sarabande)

An dieser Stelle sei gleich noch eine weitere CD mit Melodien von John Williams empfohlen. Denn Simone Pedroni, Goldmedaillen-Gewinner beim Van Cliburn International Piano Competition, schätzt die Werke des renommierten Filmmusik-Spezialisten sehr. 
„My love for John William's music dates back to my adolescence when, sitting in a movie theatre, I saw Return Of The Jedi three times in an row“, erinnert sich der italienische Pianist. „I realized that behind those images, there was a great symphonic orchestra performing a complex score for almost the entire duration of the film.“ 
Die Faszination ist seitdem ungebrochen. Und so hat Pedroni für das Filmmusik-Label Varèse Sarabande einige der bekanntesten Kompositionen von John Williams auf dem Klavier eingespielt. Das ist besonders deshalb interessant, weil es einen Einblick in die Werkstatt des Meisters gestattet: Williams, ebenfalls ein brillanter Pianist, entwickelt seine Soundideen am Klavier; orchestriert wird später. 
„As a concert pianist, I always wanted to play his music in my recitals but no original work was available“, bedauert Pedroni. „So it was an immense surprise when I found two suites for piano originally arranged by the composer from the soundtracks of Lincoln and The Book Thief! These intimate and extremely refined piano versions give us the possibility to trace the ,dawn' of Williams' creative process, as he always composes at the piano.“ Allerdings sei Musik aus den Suiten letztendlich im Film nicht verwendet worden. „My enthusiasm for these Williams originals pushed me to transcribe in a virtuosic and transcendent style other works that could, on the piano, have the same evocative power oft the orchestral versions – a sort of ;Pianist's cut'.“ 
Pedronis Transkriptionen sind nun auf dieser CD zu hören. Es erklingt Filmmusik aus Lincoln, Sabrina, Die Bücherdiebin, Schindlers Liste, Aus Mangel an Beweisen, zwei Harry-Potter-Filmen und den Star-Wars-Filmen Das Imperium schlägt zurück sowie Die Rückkehr der Jedi-Ritter. Viel Vergnügen! 

John Williams - A Life in Music (Decca)

Lang ist die Liste der Filmmusiken, die John Williams (*1932) komponiert hat. Und beinahe ebenso lang ist die Liste der Auszeichnungen, die er dafür erhalten hat, darunter mehrere Oscars und Grammys. So hat Williams die Musik zu nahezu allen Filmen des Regisseurs Steven Spielberg geschrieben. 
Diese CD fasst wichtige Meilensteine zusammen. Sie enthält Melodien aus Der weiße Hai, Jurassic Park, E.T. – Der Außerirdische, Hook, Der Soldat James Ryan, Schindlers Liste und Jäger des verlorenen Schatzes. Zu hören sind zudem Hedwigs Thema aus Harry Potter und der Stein der Weisen, der Superman-Marsch und natürlich die Titelmelodie aus Star Wars
Neu eingespielt hat all diese Filmhits das London Symphony Orchestra unter Leitung von Gavin Greenway, einem Dirigenten, der mit Filmmusik sehr viel Erfahrung hat. Das Album ist insgesamt mit großer Sorgfalt erarbeitet worden. So kann man in dem schön gestalteten Beiheft nachlesen, wie sehr die beteiligten Musiker John William und seine Werke schätzen. „John William's music will be as long-lasting as Beethoven's and I feel truly privileged to have worked with him“, sagt beispielsweise Tim Hugh, Solocellist des LSO, „as well as having now performed his newly-arranged version of the Schindler's List theme.“ Rundum gelungen! 

Mittwoch, 2. Mai 2018

Walter: Geystliches Gesangk Buchleyn (cpo)

Eyn geystlich Gesangk Buchleyn von Johann Walter (1496 bis 1570), im Druck erschienen 1524, steht am Be- ginn der Tradition protestantischer Choralbearbeitungen. Der Komponist war ein enger Vertrauter Martin Luthers. Er stammte aus dem thüringischen Kahla, studierte in Leipzig, und wollte dann mit diesem Chorbuch eine Karriere als Sänger und Komponist am ernestinischen Hof in Torgau starten. 
Leider starb sein Dienstherr, Kurfürst Friedrich der Weise, schon 1525 – und sein Nachfolger, Johann der Beständige, löste 1526 die Hofkantorei auf. Daraufhin gründete Walter die Stadtkantorei, die aus Torgauer Schülern und Bürgern bestand, und den Gottesdienst an der Marienkirche mit der neuartigen Kirchenmusik gestaltete. Damit wurde er zum „Urkantor“ der protestantisch-lutheri- schen Kirche. 
Ein Schulkantorat für die muskalische Ausbildung der Schüler kam bald hinzu. Und ab 1536 gab es vom neuen Kurfürsten, Johann Friedrich dem Großmütigen, sogar Geld dafür. Im Schmalkaldischen Krieg fiel Torgau dann an die albertinische Linie. Kurfürst Moritz ernannte Walter zum Kapellmeister der Hofkantorei. Doch Querelen verleideten dem Musiker diesen Posten. 1554, nach der Weihe der neuen Dresdner Hofkapelle, ließ er sich pensionieren und kehrte nach Torgau zurück. 
Auf dieser CD stellt das Ensemble Weser-Renaissance unter Leitung von Manfred Cordes eine Auswahl an Liedsätzen aus dem Geistlichen Gesangbüchlein Walters vor. Musikalisch orientierte sich Walter für seine Kompositionen am (weltlichen) Tenorlied, einer genuin bürgerlichen Gattung. Die vierstimmigen Liedsätze, bei denen die Melodie in der Tenorstimme liegt, werden von den Vokalisten und Instrumentalisten klanglich ausgesprochen abwechslungsreich und technisch versiert vorgetragen. So wird Musikgeschichte zum Hörgenuss! 

Landkjening - Landerkennung (Genuin)

Als die Fabriken und die Städte wuchsen und mehr und mehr Eisenbahnen durch die Lande schnauften, da trafen sich nach Feierabend die Männer gern im Gesangsverein – und sie sangen ein Loblied auf Heimat, Natur und Volksverbundenheit. 
Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit der Männerchöre. Und besonders schön sangen sie offenbar in Leipzig. 
So kam es, dass Musiker aus ganz Europa, die am Leipziger Konservatorium studierten, durch diese Chorvereine inspiriert wurden. Das romantische Repertoire passte ausgezeichnet zum erstarkenden politischen Bewusstsein in jener Zeit: Überall regten sich die Völker, mit dem Ziel, Nationalstaaten zu gründen. Und deshalb betonte man auch die eigenen Traditionen. 
Beispiele dafür hat das Ensemble Nobiles auf seiner dritten CD bei Genuin zusammengetragen. Bei einigen Liedern werden die Sänger durch die Pianisten Alexander Schmalcz und Sung-Ah Park gekonnt begleitet. Zu hören sind charaktervolle Vokalwerke aus Böhmen, Norwegen und Finnland, von Antonín Dvořák, Edvard Grieg und Jean Sibelius. 
Diese Raritäten erklingen in den Originalsprachen; im Beiheft sind die Texte sowie Übersetzungen zu finden. Die fünf Sänger aus Leipzig lassen sich blitzsauber und perfekt aufeinander abgestimmt hören. Allerdings vermisst man an manchen Stellen Kraft und Wucht, wie sie stärker besetzte Männerchöre aufbringen können. Dennoch bleibt es eine hinreißende Aufnahme, mit hervorragenden Klangqualitäten. 

Dienstag, 1. Mai 2018

Merk: 20 etudes for cello solo op. 11 (Paladino Music)

Da wir gerade bei Martin Rummel und seinem Engagement für Cello-Lehrwerke sind, folgt gleich noch eine weitere CD des renommierten Cellisten, der derzeit übrigens als Rektor der School of Music an der Universität Auckland in Neuseeland tätig ist: Eine Aufnahme mit den 20 Etüden op. 11 von Joseph Merk aus dem Jahre 2008 hat Rummel kürzlich bei seinem Label Paladino Music wiederveröffentlicht. 
Einige Werke von Joseph Merk (1795 bis 1852), darunter die Fleurs d'Italie, eine Folge von Fantasien über Motive aus Opern Donizettis und Verdis, hatte Rummel gemeinsam mit dem Pianisten Roland Krüger bereits für Naxos eingespielt. Die Etüden sind für Zuhörer sicherlich ein wenig mühsamer als Valses brillantes, aber man wird feststellen, dass Merk selbst diese Übungsstücke, an denen Musiker ihre Technik schulen, erstaunlich ansprechend und auch abwechslungsreich gestaltete. 
Ursprünglich wollte Merk Geiger werden. Doch dann biss ihn ein Hund so unglücklich, dass er den linken Arm nicht mehr korrekt benutzen konnte. Und so wechselte er zum Violoncello. Unterrichtet wurde der junge Musiker von Philipp Schindlöcker, dem Solocellisten der Hofoper. Mit gerade einmal 18 Jahren wurde Merk ebenfalls in dieses Orchester aufge- nommen; später wurde er zudem Mitglied der Hofkapelle, Kammervirtuo- se und Professor am Wiener Konservatorium. 
Er gab Konzerte in Österreich, in Deutschland und Italien, aber in erster Linie blieb der Cellist Wien verbunden. Der Kritiker Eduard Hanslick schrieb über Merk, er sei als „fleißiger Concertgeber unermüdlich und stets von der Sympathie des Publikums getragen.“ Auch als Musikpäda- goge war Merk ziemlich erfolgreich – und für den Gebrauch im Unterricht schrieb er zwei Bände Etüden. Die 20 Etüden op. 11 sind vermutlich in den 1820er Jahren entstanden und Franz Schubert, mit dem Merk befreundet war, gewidmet. 
Außerhalb Wiens gerieten sie „rasch in Vergessenheit, obwohl darin die klassische Logik des Violoncellospiels nach Jean Louis Duport doku- mentiert ist“, bedauert Rummel. Mit seiner Einspielung sowie einer Notenedition bei Bärenreiter will er das ändern: „Besonders diese 20 Etüden verdienen einen Standardplatz in der Ausbildung eines jeden Cellisten.“ 

Montag, 30. April 2018

Klengel: Complete Concertinos for Cello and Piano (Naxos)

Julius Klengel (1859 bis 1933) war Solo-Cellist des schon damals welt- berühmten Gewandhausorchesters Leipzig. In der Pleißestadt kam er zur Welt, und er wurde in eine hoch- musikalische Familie hineingeboren. 
Schon sein Großvater Moritz Klengel spielte als Geiger im Gewandhaus- orchester, und unterrichtete zudem am Leipziger Konservatorium. Sein Vater Wilhelm Julius Klengel war mit Mendelssohn befreundet, und musikalisch beschlagen genug, um seinen sieben Kindern den Anfangsunterricht selbst zu erteilen. Julius' Bruder Paul wirkte ebenfalls als Geiger, Pianist und Komponist. 
Julius Klengel galt als Wunderkind. Als er sieben Jahre alt war, begann seine Ausbildung bei Emil Hegar. Dieser war ein Schüler Friedrich Grützmachers, und Stimmführer der Violoncellisten am Gewandhaus- orchester. Mit 15 Jahren trat Klengel selbst in das renommierte Orchester ein; 1881 wurde er Solo-Cellist und zugleich Lehrer am Konservatorium. Außerdem war er als Solist und Kammermusikpartner gleichermaßen gefragt, und ging regelmäßig auf Konzertreisen. 
Klengel war auch ein exzellenter Pianist, und er komponierte viele Stücke für das Violoncello. Diese CD porträtiert ihn allerdings weniger als Virtuosen denn vielmehr als Lehrenden: Klengels Concertinos für Cello und Klavier gehören noch heute zu dem Repertoire, das nahezu jeder Cellist im Laufe seiner Ausbildung erarbeitet. Klengel war als Pädagoge von enormer Bedeutung; er hat ganze Heerscharen von Studenten unterrichtet. Zu seinen Schülern zählten legendäre Künstler wie etwa Emanuel Feuermann, Rudolf Metzmacher und Gregor Piatigorsky. 
Auf dieser CD werden Klengels Concertinos von Martin Rummel großartig gespielt, der übrigens der letzte Schüler von William Pleeth war, und somit ein Enkelschüler Klengels ist. Rummel musiziert gemeinsam mit der Pianistin Mari Kato – und das Konzertstück d-Moll op. 10 bietet auch ihr die Möglichkeit, gleichberechtigt neben dem Cello zu konzertieren. Sehr gelungen! 

Schütz: Kleine geistliche Konzerte II (Carus)

Diese Doppel-CD ist zugleich ein Abschied. Denn die Aufnahme der Kleinen geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz ist eine der letzten Produktionen, an denen der Cembalist, Organist und Dirigent Ludger Rémy mitgewirkt hat. Er starb im Juni 2017 nach schwerer Krankheit. 
In einem persönlichen Geleitwort würdigt Hans-Christoph Rademann den langjährigen Weggefährten. Und auch die Rezensentin verneigt sich tief vor einem Musiker, der viele Jahre erfolgreich in Mitteldeutsch- land gewirkt und die „Alte“-Musik-Szene überregional entscheidend mit geprägt hat. 
Dennoch ist leider festzustellen, dass die Aufnahme in ihrer Qualität, wie schon der erste Teil, an das Niveau nicht heranreicht, das andere Produktionen vorgeben. Es fehlt an Präzision, an Ausdruckswillen, an Energie. So ist Carus mit diesem Teil der Schütz-Gesamteinspielung erstmals keine Referenz gelungen. Schade! 

Quantz: Concertos & Trio Sonatas with recorder (Brilliant Classics)

Dass Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773), der Flötenlehrer Friedrichs des Großen, zahlreiche Werke für die Traversflöte komponiert hat, ist allgemein bekannt. Er hat allerdings auch einige Konzerte und Sonaten für die Blockflöte geschrieben, in denen er diese teils allein, teils gemeinsam mit Traversflöte oder Violine er- klingen lässt. Stefano Bagliano, einer der besten Blockflötisten Europas, stellt auf dieser CD gemeinsam mit dem Collegium Pro Musica zwei Concerti und zwei Triosonaten vor. Wunderschön! 

Carl Philipp Emanuel Bach - Tangere (ECM New Series)

Was für ein Sound! Alexei Lubimov spielt Clavierstücke von Carl Philipp Emanuel Bach – auf einem Tangentenflügel. Das Instrument, das auf dieser CD zu hören ist, stammt aus der Werkstatt von Späth & Schmahl in Regensburg, wo es 1794 gebaut worden ist. 
Franz Jacob Späth war der bedeu- tendste Hersteller von Tangenten- klavieren. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass ihre Saiten von unten durch emporschnellende Stäbchen aus Holz angeschlagen werden. Mit einem Dämpfer lässt sich der Ton wieder beenden. Außerdem kann er durch Moderatorzüge klanglich verändert werden. 
Es erstaunt nicht, dass Musiker die Tangentenflügel schätzten, die wie ein Psalterium, wie eine Harfe oder auch wie ein Hammerklavier klingen konnten. Und weil die Instrumente sehr gefragt waren, nahm Späth seinen Schwiegersohn Christoph Friedrich Schmahl als Partner mit ins Geschäft. Ungefähr zehn Instrumente von Späth und Schmahl sind erhalten geblieben. 
Alexei Lubimov spielt den Tangentenflügel auf dieser CD höchst virtuos. Man lauscht verblüfft, und freut sich über das enorme Ausdrucksvermögen dieses Instrumentes. „Historical keyboard instruments contradict the ideal shared by the great pianists of the last century, that of achieving the perfect, ultimate interpretation. And this is absolutely fine!“, schreibt der Pianist im Beiheft. „,Tangere' (to touch) means to find an instrument's personal, individual touch, to touch the hidden secrets of its own proper language.“ 
In Lubimovs Interpretation wird hör- und nachvollziehbar, wie extra- vagant die Musik des ältesten Bach-Sohnes eigentlich war. Auf dem Tangentenflügel lässt sich ihre kapriziöse Mutwilligkeit so recht auskosten. Das sind Klänge! Wer diese Aufnahme gehört hat, der mag diese Stücke nie wieder anders erleben. 

Freitag, 27. April 2018

Shostakovich: Complete Symphonies (Melodija)

In einer limitierten Edition hat das Label Melodija eine neue Gesamteinspielung der Sinfonien Dmitri Schostakowitschs (1906 bis 1975) veröffentlicht. Die 15 CD konnte man gar nicht so schnell anhören und besprechen, wie diese Box vergriffen war. Wer sie kaufen möchte und sie noch irgendwo findet, der sollte wohl rasch zuschlagen, denn es kann sich nur um einige wenige Einzelexemplare handeln. Das erstaunt ein wenig. 
Zwar hat sich das Tatarstan National Symphony Orchestra, beheimatet in der Millionenstadt Kazan am Ufer der Wolga, auf zwei umjubelten Deutschlandtourneen als eines der besten modernen russischen Orchester empfohlen. Das Orchester hat zudem unter Leitung seines Chefdirigenten Alexander Sladkovsky bereits eine viel beachtete Aufnahme von Sinfonien Gustav Mahlers vorgelegt. 
Aber mit den Sinfonien Schostakowitschs erreicht das Ensemble meiner Meinung nach kein Spitzenniveau. Die 15 Werke hat das Tatarstan National Symphony Orchestra durchweg im Jahre 2016 eingespielt – neben einem umfangreichen Konzert- und Tourneeprogramm, selbstredend. Das ist ein höchst kräftezehrendes Unterfangen. Vielleicht hätte man sich für das Projekt mehr Zeit nehmen sollen. Hört man diese Einspielung im Vergleich zu älteren, beispielsweise jener mit dem Berliner Sinfonie-Orchester unter Kurt Sanderling aus dem Jahre 1961, fällt zum einen auf, dass das Klangbild zu wünschen übrig lässt. Da mangelt es sowohl an Klarheit als auch an farblicher Differenziertheit. 
Sladkovsky setzt stark auf Virtuosität und auf Brillanz. Schostakowitsch hat allerdings, unter dem Druck der Verhältnisse, sehr oft doppeldeutig komponiert. Der Sarkasmus, der seine Werke häufig geprägt hat, ist hier kaum wahrzunehmen. Das ist schade, denn bei den meisten Sinfonien Schostakowitschs kommt es genau darauf an, dass der Hörer dies wahrnehmen kann. Für eine neue Referenz ist das eindeutig zu wenig. 

Süddeutsche Orgelmeister (Oehms Classics)

Joseph Kelemen, Hauptorganist an St. Johann Baptist in Neu-Ulm, befasst sich seit vielen Jahren mit süddeut- scher Orgelmusik. In dieser Box präsentiert er auf sechs CD eine Werkauswahl bedeutender Orgel- meister des 16. und 17. Jahrhunderts. Die Region, um die es dabei geht, erstreckte sichseinerzeit vom heutigen Süddeutschland über die deutsch- sprachigen Gebiete Österreichs und der Schweiz sowie vom Elsaß bis hin nach Polen. 
Bei allen Unterschieden eint die süddeutsche Orgelmusik ihre Orientierung am Vorbild Italien, berichtet Kelemen im Beiheft zu dieser Box: „Auch der süddeutsche Orgelbau zeigt Anlehnungen an Italien. Wie ihre italienische Schwester – ebenso wie das italienische Cembalo – ist die süddeutsche Orgel in der Regel einmanualig; ihr Pedal beschränkt sich im Umfang auf 1½ Oktaven und wird vornehmlich für Stütztöne zur Verstärkung der Basslinie eingesetzt. Die Diskrepanzen zum norddeutschen Orgelbau sind deutlich – hier finden wir meist mehrere Manuale und eine ausgebaute Pedalklaviatur von zwei Oktaven. Der Klang süddeutscher Orgeln wird oft als ,süß' beschrieben, wogegen das norddeutsche Instrument eher ,schneidend festlich' anmutet.“ 
Selbstverständlich hat Kelemen für seine Einspielungen passende Instrumente ausgesucht. Musik aus dem Buxheimer Orgelbuch, niedergeschrieben um 1460, spielt der Organist an einem Instrument in der St. Andreaskirche Soest-Ostönnen, erbaut von einem unbekannten Meister um 1425, einer der ältesten spielbaren Orgeln der Welt, sowie an der Ebert-Orgel von 1558 der Hofkirche Innsbruck. Für die Werke von Hans Leo Hassler (1564 bis 1612) wählte er die Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg von Johann Freundt 1642 sowie die Günzer-Orgel von 1609 der Kirche St. Martin in Gabelbach bei Augsburg. 
Die CD, die dem Schaffen von Johann Caspar Kerll (1627 bis 1693) gewidmet ist, entstand an der Egedacher-Orgel aus dem Jahre 1708 – sie enthält auch noch etliche Register des Vorgängerinstrumentes von Andreas Putz (1633) – die sich im Prämonstratenserstift Schlägl in Oberösterreich befindet. Bei der Einspielung der Musik von Johann Pachelbel (1653 bis 1706) entschied sich Kelemen für die Orgel in St. Petri, Erfurt-Büßleben, erbaut 1702 von Georg Christoph Stertzing, und die Crapp-Orgel von 1712 in der ehemaligen Klosterkirche zu Pappenheim im Altmühltal. 
Gleich zwei CD enthalten Werke von Georg Muffat (1653 bis 1704). Für diese Aufnahmen nutzte der Organist noch einmal die Freundt-Orgel der Stiftskirche Klosterneuburg, und die Orgel der Abteikirche St. Mauritius in Ebersmünster bei Schlettstadt im Elsaß. Sie wurde in den Jahren 1730-32 von Andreas Silbermann angefertigt, und gehört zu den am besten erhaltenen Instrumenten dieses berühmten Orgelbauers. 
Somit stellt Joseph Kelemen nicht nur wichtige Komponisten jener Zeit aus dem süddeutschen Raum und einige ihrer Werke vor. Er verbindet dies mit einer Auswahl klangschöner und charakteristischer historischer Orgeln. Mit ihren sehr unterschiedlichen Klangwelten, die Kelemen gekonnt in den Mittelpunkt stellt, sind sie die eigentlichen Stars dieser Aufnahmen. Und natürlich musiziert der Organist brillant und sehr differenziert. Hinreißend! 

Mittwoch, 25. April 2018

Auff die Mayerin (Genuin)

Diese CD ist aus einem Studien- projekt hervorgegangen. Die angehende Pianistin Kärt Ruubel fragte sich, warum die Musik ihren Lieblingskomponisten Johann Sebastian Bach erst lang nach seinem Tode so beliebt wurde – und welche Zeitgenossen Bachs eigentlich heute noch auf ihre Wiederentdeckung warten. „Zur Beendigung meines Klavierstudiums an der HMT Rostock fehlte mir noch eine Arbeit im Fach Musikwissenschaft“, berichtet die junge Musikerin. „Ich habe mich daher für das Leben und die Werke von Johann Jakob Froberger entschieden.“ 
Das ist ein lohnendes Thema – denn Johann Jakob Froberger (1616 bis 1667) hat in seinem kurzen Leben unglaublich viel erlebt (eine Kurzbiographie findet sich in diesem Blog bereits an anderer Stelle), und wunderbare Musik für Tasteninstrumente geschrieben. 
Wer sie originalgetreu aufführen möchte, der spielt sie zumeist auf einem Cembalo. Kärt Ruubel freilich suchte nach Aufnahmen mit einem modernen Flügel, und fand kaum eine. Und daher beschloss die estnische Pianistin, diesem Mangel abzuhelfen. Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat sie ein berühmtes Werk Frobergers ausgewählt, die Lamentation faite sur la mort très douloureuse de Sa Majesté Impériale, Ferdinand le troisième, und ein weniger bekanntes, die Partita Nr. 6 in G-Dur Auff die Maÿerin
Eingebettet hat sie diese Musik in drei Suiten von Georg Friedrich Händel, Johann Joseph Fux und Johann Sebastian Bach. Kärt Ruubel musiziert auf einem Konzertflügel, einem Steinway D, aber sie nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die das Instrument bietet, sehr dezent und überlegt. Ihr Spiel wirkt stets transparent und beseelt – ein hinreißender Ausflug in eine Klangwelt, die die meisten Pianisten heute allenfalls in den Encores streifen. 

Weichlein: Messen (Accent)

Wieder einmal präsentiert Gunar Letzbor Werke eines wenig bekann- ten österreichischen Komponisten: P. Romanus Weichlein (1652 bis 1706) war Benediktiner und gehörte dem Stift Lambach an. Er entstammte einer Linzer Musikerdynastie. Andreas Franz Weichlein, so sein Taufname, erhielt ersten Unterricht im Geigenspiel sowie am Clavier wahrscheinlich von seinem Vater, einem Organisten, sowie dem Lam- bacher Stiftsorganisten Benjamin Ludwig Ramhaufski. 1671 trat er als Novize in das Kloster ein. Er studierte Theologie und Philosophie in Salzburg, wo er möglicherweise auch Musikunterricht bei Heinrich Ignaz Franz Biber nahm. 
Nach seiner Priesterweihe 1678 war er als Gemeindepfarrer eingesetzt. 1687 wurde er Kaplan und Musikpräfekt im Salzburger Benediktinerin- nenstift Nonnberg; auf Bitten der Äbtissin wurde er 1691 in die neu gegründete Expositur Säben im Südtirol entsandt, wo er bis Januar 1705 tätig war. Dann kehrte er in sein Heimatkloster zurück. Doch schon nach einigen Wochen schickte man ihn wieder in den Pfarrdienst – nach Kleinfrauenhaid im Burgenland. Dort starb er 1706. 
Viel mehr ist über den Lebensweg von Pater Weichlein nicht bekannt. Letzbor wurde bei Recherchen auf den Komponisten aufmerksam, der nicht nur Kirchenmusik, sondern auch Werke für die Violine geschrieben hat. Für diese Einspielung allerdings stand der Geiger am Dirigentenpult; mit seinem Ensemble Ars Antiqua Austria und den St. Florianer Sängerknaben stellt er auf dieser Doppel-CD vor allem Messen von Romanus Weichlein vor. 
Letzbor will damit nicht nur auf ein Repertoire hinweisen, das seit dem Tode des Komponisten kaum noch aufgeführt worden sein dürfte. Er forscht zudem beständig nach, um herauszufinden, wie diese Musik einstmals geklungen haben könnte. Seine wichtigste Erkenntnis, die auch diese Aufnahme entscheidend geprägt hat: „Es verwundert mich seit langer Zeit, dass gerade berühmte Musiker aus der Alten Musik-Szene auf die Stimmen von Chorknaben bei der Aufführung kirchenmusika- lischer Werke vor Beethoven verzichten“, notierte der Musiker im Beiheft. 
Noch im 19. Jahrhundert habe es in Österreich erhebliche Widerstände gegen den Einsatz von Sängerinnen in der Kirchenmusik gegeben. Und auch wenn es verlockend erscheint – aber selbst größere Gruppen von Chorsängern lassen sich nicht einsetzen, wenn man den ursprünglichen Klang rekonstruieren möchte. 
Denn selbst an bedeutenden Kirchen standen nur kleine Besetzungen zur Verfügung: „Am Passauer Dom sangen beispielsweise lange Zeit nicht mehr als vier Knabensoprane Figuralmusik und noch weniger Knaben- altisten“, hat Letzbor festgestellt. „In kleineren Kirchenmusiken waren zwei bis drei Knaben eingestellt. In der vorliegenden Aufnahme haben wir die Sängerbesetzung also nochmals reduziert. Manche Knaben sangen nur bei Fortestellen im Tutti.“ 
Die St. Florianer Sängerknaben freilich bewältigen ihre Partien mühelos – der Chor beeindruckt seit Jahren, und selbst die jüngsten Mitwirkenden sind bereits hervorragend ausgebildet. Immer wieder fällt auf, wie viele schöne und gut geschulte Solostimmen aus dem Ensemble, das von Franz Farnberger geleitet wird, jederzeit hervortreten können. Ergänzt werden die jungen Sänger bei dieser Aufnahme durch Männerstimmen aus dem Kepler Konsort Linz bzw. dem Wiener Vokalensemble Nova. 
Bei der Missa Rectorum Cordium, sechsstimmig sowie mit Pauken, Trompeten und Posaunen, hat sich Letzbor allerdings nicht allein auf die Knabenstimmen verlassen. Auf CD 1 sind bei den Solopartien neben dem St. Florianer Sängerknaben Martin Wild der Sopranist Radu Marian und Alto Markus Forster zu hören. Insgesamt ist festzustellen, dass diese Auf- nahme Weichleins Werke gekonnt und in all ihrer Klangpracht vorstellt. Rundum erfreulich! 

Montag, 23. April 2018

Bach: Goldberg Variations / Buxtehude La Capricciosa (Capriccio)

Mit den Goldberg-Variationen
BWV 988 von Johann Sebastian Bach beschäftigt sich Christine Schorns- heim schon seit vielen Jahren. „Angefangen hat es bei mir bereits während meines Klavierstudiums, und unvergessen bleiben mir einige Stunden bei Amadeus Webersinke, der mit 1980 in einem Meisterkurs gehörig den Kopf gewaschen hat und mit unnachgiebiger Strenge versuchte, mir meinen bis dahin offensichtlich recht oberflächlichen Blick auf das Werk auszutreiben“, erinnert sich die Cembalistin. „Am Ende dieses Kurses gab es dann noch die freundliche Ermahnung, die Variationen immer und immer wieder zu studieren und den hoffnungsvollen Satz ,später werden Sie diese Variationen sicher gut spielen!'.“ 

Mittlerweile gibt die Musikerin selbst Meisterklassen; mit Leidenschaft unterrichtet Christine Schornsheim als Professorin für historische Tasteninstrumente Studierende an der Münchner Musikhochschule. Die Goldberg-Variationen hat sie schon vor mehr als 25 Jahren eingespielt. Dass sie sich nun noch einmal von Grund auf mit dem Werk befasste, verdanken wir dem Cembalobauer Christoph Kern. Denn er ermunterte die Musikerin, die Aria mit 30 Veränderungen ein zweites Mal aufzu- nehmen. Er hat auch das Cembalo angefertigt, das hier zu hören ist, nach einem Vorbild, gebaut von Michael Mietke um 1710 in Berlin. 
Schornsheim ließ sich auf das Experiment ein. Dafür kombinierte sie die Goldberg-Variationen mit einem anderen, ebenso bedeutenden, allerdings weit weniger populären Variationswerk – der Aria ,La Capricciosa' BuxWV 250 von Dieterich Buxtehude. (Diese Gegenüberstellung lässt noch immer erahnen, warum der junge Bach seinerzeit zu Fuß von Arnstadt nach Lübeck wanderte, um bei dem älteren Kollegen zu lernen.) „Viele Querverbindungen zeigen sich bei näherer Betrachtung beider Werke“, unterstreicht die Cembalistin im Beiheft. „Die rein norddeutsche Orgel- und Cembalotradition durchbricht Buxtehude bei ,La Capricciosa'. Indem er sich einer in Italien beheimateten Bergamasca als Thema bedient. Dieses Thema wiederum finden wir leicht verändert als ;Kraut und Rüben haben mich vertrieben' im Quodlibet der ,Goldbergvaria- tionen' wieder. Dass wir es bei beiden Werken mit 32 Stücken zu tun haben, wird auch kein Zufall sein.“ 
Zu jedem dieser insgesamt 64 Stücke findet Schornsheim einen indivi- duellen Zugang; die Cembalistin besteht auf differenziertem Gestus und Ausdruck. Außerdem spielt sie virtuos und mit Temperament, was es zu einem großen Vergnügen macht, ihr zuzuhören. 

Emotions (MDG)

Emotions, Gefühle, nannten Alexandra Troussova und Kirill Troussov ihre jüngste CD. Die Geschwister, die sich dem Klavier und der Geige verschrieben haben, offenbaren mit dieser Entscheidung erneut eine Vorliebe für intelligent gestaltete Konzeptalben. Denn schon ihr Debüt bei Dabringhaus und Grimm, mit dem Titel Memories, überraschte mit höchst sachkundiger Musikauswahl – und mit exzellenter musikalischer Qualität. 
Das gilt ohne Einschränkungen auch für Emotions. Auf dieser CD haben die beiden Musiker um die Violinsonate von César Franck und die Sonate für Violine und Klavier in G-Dur von Maurice Ravel noch drei kleinere Werke gruppiert, die aber keineswegs unbedeutend sind. Schon die beiden Stücke zu Beginn, Mélancolie und Andantino quietoso op. 6, machen deut- lich, dass der Organist Franck in seiner Kammermusik nicht nur techni- sche Brillanz, sondern in erster Linie auch die Gabe fordert, wunderbare Melodien ansprechend in Szene zu setzen. 
Die beiden Musiker bescheren dem Zuhörer so manchen Gänsehaut-Moment. Selbst bei größter dramatischer Intensität gelingt es den Troussovs, transparent und klar strukturiert zu spielen. Die Geschwister musizieren schon seit ihrer Kindheit gemeinsam. Sie haben dabei einen Grad an Vertrautheit erreicht, der ihnen unglaubliche agogische Freiheiten ermöglicht – für die Interpretation romantischer Musik ist das ein großes Plus. 
Man höre nur den zweiten Satz von Ravels Sonate, mit dem Titel Blues. Er klingt tatsächlich wie improvisiert. Und die populäre Tzigane wird bei diesem Duo von rasantem Virtuosenfutter zu allerbester, ausdrucks- starker Kammermusik. Vom ersten bis zum letzten Ton überzeugt diese Einspielung mit unerhörtem Farbenreichtum. Da kann man nur staunen – und die hervorragende Aufnahme macht auch das Timbre von Troussovs Brodsky-Stradivari, auf der seinerzeit Tschaikowskis Violinkonzert erstmals gespielt worden ist, und den Klang des legendären Steinway-Konzertflügels „Manfred Bürki“ erlebbar. Rundum erstklassig, unbedingt zu empfehlen! 

Mittwoch, 11. April 2018

Esenvalds: The Doors of Heaven (Naxos)

Mitunter erinnert seine Musik an Arvo Pärt, doch als Nachfolger des weltberühmten Komponisten sehe ich Ēriks Ešenvalds nicht. Die Chorwerke, die auf dieser CD erklingen, verweisen auf eine ganz eigene Klangwelt. Sie lebt weniger aus der Repetition und der Stille und Reduktion als vielmehr aus Klang- flächen und überraschenden harmonischen Effekten. Es ist aber richtig, dass der 1977 geborene Ešenvalds ebenso wie Pärt aus dem Baltikum stammt, jener musikali- schen Wunderkammer Europas, aus der leider viel zu selten Kunde zu uns dringt. 
Vor allem als Komponist von Chormusik hat Ešenvalds international hohes Ansehen errungen. Einige seiner Werke werden hier vom Portland State Chamber Choir unter Leitung von Ethan Sperry gesungen, einem der besten jungen Chöre der USA, vielfach preisgekrönt und ausgezeichnet. 

Ludwig Güttler - Edition Europa (Berlin Classics)

In Vorbereitung auf den 75. Ge- burtstag, den Ludwig Güttler im Juni feiert, hat Berlin Classics nun eine Vier-CD-Box veröffentlicht. Sie fasst noch einmal Werke zusammen, die dem berühmten Trompeter besonders wichtig sind. Das liegt nicht allein an ihrer musikalischen Qualität. Ebenso bedeutsam findet Güttler einen ganz anderen Aspekt der Musik: Sie führt Europa zusammen – und das schon seit Jahrhunderten. 
Unbeeindruckt von politischen Ent- wicklungen, reisten Musiker durch die Lande. Sie lernten voneinander, sie korrespondierten miteinander, und sie tauschten ihre Werke aus. So spielte das Wunderkind Wolfgang Amadeus Mozart unter anderem in Italien, in Paris und in London. „Reisen bereichern Persönlichkeit und Personalstil und wirken so auf die Arbeit des Komponisten an jedem Ort weiter“, unterstreicht Ludwig Güttler. Doch ein Musiker musste nicht unbedingt den mühsamen Weg über die Alpen antreten, um von seinen italienischen Kollegen zu lernen. 
Als Beispiel führt Güttler Johann Sebastian Bach an, der sich bekanntlich längere Zeit in Norddeutschland aufhielt – aber Vivaldis Konzerte mit Hilfe von Partituren erkundete, die sein Weimarer Dienstherr aus Italien mitgebracht hatte. Auch Georg Philipp Telemann war mit der italienischen Musik bestens vertraut, ohne jemals in Italien gewesen zu sein. Seine weiteste Reise führte nach Paris; seine erste Anstellung hatte er in Polen. All diese Eindrücke und Einflüsse spiegeln sich in seinen Werken. 
Gefördert wurde dieser Austausch durch den Adel Europas. In dem Bestreben, dem jeweiligen Hof Glanz zu verleihen und damit das eigene Renommée zu stärken, wetteiferten die Herrscher darum, die besten Musiker zu engagieren. Talente aus dem eigenen Land schickten sie zur Ausbildung bei berühmten Kollegen. So kam der Dresdner Geiger Johann Georg Pisendel zu Antonio Vivaldi nach Venedig, und der Kontrabassist Jan Dismas Zelenka nach Wien, wo er Kontrapunkt und Komposition bei Johann Joseph Fux studierte. 
Musikalisch war Europa schon früh vereint – diese Botschaft vermittelt der Trompeter Ludwig Güttler mit einer Auswahl an Einspielungen, die viele Facetten des kulturellen Austausches hörbar werden lässt. Dabei reicht diese Edition von Bach und dessen Zeitgenossen Vivaldi, Telemann, Pisendel, Zelenka, Neruda und Hasse über Haydn und Mozart bis hin zu Antonín Dvořák, der freilich bis nach Amerika reiste. Aber das ist eigentlich schon wieder ein anderes Kapitel europäischer Geschichte. 

Dienstag, 10. April 2018

Zaderatsky: Piano Works (Hänssler Classic)

Wselowod Petrowitsch Saderatski (1891 bis 1953) gehört zu jenen Komponisten, die Verfolgung und Not durchlitten und dennoch großartige Musik geschrieben haben. Dass er Bürgerkrieg und Stalinzeit überlebt hat, das ist schon an sich ein Wunder. 
Denn Saderatski stammte aus einer russischen Adelsfamilie. Während seines Studiums am Moskauer Konservatorium war Saderatski der Klavierlehrer des Zarensohns und Thronfolgers Alexej Romanow. Und im Bürgerkrieg kämpfte  er unter General Denikin als Offizier der Weißen gegen die Rote Armee. Nach der Gefangennahme rettete Saderatski sein Klavierspiel das Leben - Felix Dsershinski, der Leiter der kommunistischen Geheimpolizei, hörte ihm zu, und schickte ihn dann in die Verbannung. 
Der Lebensweg des Komponisten, ausführlicher nachzulesen in diesem Blog an anderer Stelle, war geprägt von Verfolgung, Haft und Schikane. Selbst wenn er ab 1949 am Konservatorium in Lemberg unterrichten konnte, durfte seine Musik weder im Druck veröffentlicht noch aufgeführt werden. Das Beiheft zu dieser CD-Box ist voll von erschütternden Anekdoten aus jenen Jahren des Grauens. 
Jascha Nemtsov, selbst Sohn eines Gulag-Überlebenden, engagiert sich seit Jahren für die Wiederentdeckung der Musik von Saderatski. Nicht wenige Werke des Komponisten sind leider verloren. In dieser Box stellt Nemtsov auf fünf CD nun die Klaviermusik vor, soweit sie überliefert ist. Enthalten sind, neben den 24 Präludien und Fugen, die Nemtsov bereits separat veröffentlicht hatte, die Zyklen Die Heimat, Die Front und Legenden aus den 40er Jahren, drei Klaviersonaten, 24 Präludien aus dem Jahre 1934, sowie Das Album der Miniaturen, Porzellantassen und Mikroben der Lyrik, entstanden 1929/30. 

Rediscovered Treasures from Dresden (Deutsche Harmonia Mundi)

Der Geiger Robin Peter Müller hat sich mit dem La Folia Barock- orchester an ein außergewöhnliches Projekt gewagt: Die Musiker haben eine komplette CD mit Konzerten veröffentlicht, deren Komponisten unbekannt sind. Chapeau! Denn dieses Album ist wirklich sehr interessant und hörenswert. Die ausgewählte Musik hat durchaus Qualität, auch wenn der Komponist anonym bleibt. 
Was? Man weiß nicht, wer diese Musik komponiert hat?? Aber wie soll man sie dann würdigen – gilt doch seit der Romantik der Künstler als zwar begnadete, aber zumeist auch tragische Figur. Denn der faire Ausgleich für überdurchschnittliche Begabung ist beständiges Leiden. Wer daran zweifelt, der lese nur, was die Zeitung mit den vier Buchstaben tagtäglich über Stars und Sternchen berichtet. 
Das Genie, so das romantische Konzept, ringt seine Werke seiner Seele und auch seiner Biograpie ab, und bei einem großen Künstler wird daher traditionell auch irgend ein großes Defizit vermutet. So entstehen Legenden; man denke nur an die Geschichte vom ewig notleidenden Mozart, der zum Schluss an unbekannter Stelle in einem Armengrab verscharrt worden sei. 
Dass Musiker noch im Barock mitunter ziemlich umfangreich aus Werken von Kollegen zitierten, oder bestimmte Stücke immer wieder neu verwendeten – man denke beispielsweise an Händels Arien oder an Bachs Kantaten – passt aber nicht so recht in dieses Konzept vom Originalgenie. Auch Anonymität verstört, denn in diesem Falle fehlt die enge Verknüp- fung von Urheber und Werk. 
Bei der Erschließung von Archivbeständen sind Werke, die sich nicht einem Komponisten zuordnen lassen, daher ein wenig benachteiligt. Das gilt auch für die Notenbibliothek, die einst in dem berühmten „Schranck No:2“ gefunden wurde und sich heute in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek in Dresden befindet. Sie stammt zum großen Teil aus dem Nachlass des Konzertmeisters Johann Georg Pisendel (1687 bis 1755), und enthält eine gewaltige Anzahl von Notenhand- schriften. 
In den Fächern 1 bis 28 befanden sich Werke von Adam bis Zipoli, sorg- sam alphabetisch geordnet. Es folgen drei Fächer mit Sammelhandschrif- ten, ein Fach, dessen Inhalt leider verloren gegangen ist, und dann, in den Fächern 33 bis 40, folgen die Anonyma. Einiges davon konnte die Musikwissenschaft mittlerweile Komponisten zuordnen. Doch es warten noch immer genug Rätsel in diesem Notenbestand – und wer sich damit befassen will, der muss heute auch nicht mehr nach Dresden reisen, über dicken Findbüchern grübeln, und dann darauf warten, im Lesesaal in den Originalen blättern zu dürfen, unter dem wachen Blick des Aufsichts- personals. Heute sind all diese Handschriften im Internet zugänglich, jederzeit und für jedermann. 
Ein wenig wundert man sich da schon, dass nicht mehr Musiker daran gehen, diese Schätze zu heben. Dass sich die Mühe lohnt, zeigt diese CD, die übrigens durchweg Weltersteinspielungen enthält. Bei der Auswahl habe man „zwei Tage lang sämtliche Concerti aus den Handschriften mit dem ganzen Ensemble“ einfach durchgespielt, berichtet Müller. Für fünf Konzerte haben sich die Musiker dann entschieden. 
Das La Folia Barockorchester musiziert mit Präzision und Temperament. Mein persönlicher Favorit ist das Concerto à 5 obligati in F-Dur. Es ist sehr wahrscheinlich zur Zeit August des Starken entstanden. Konzertmeister war damals der Flame Jean Baptiste Woulmyer. Der Amtsvorgänger Pisendels orientierte sich am französischen Vorbild – nachfolgende Generationen schauten eher nach Italien.  

Donnerstag, 5. April 2018

Karg-Elert: Music for Piano and Organ (Toccata Classics)

Beinahe ebenso beliebt wie das Klavier war zur Zeit der Romantik das Harmonium. Und weil es interessante Klangfarben mitbrachte, durfte es nicht nur in so manchem gutbürgerlichen Haushalt Einzug ins Musikzimmer halten. Auch erstaun- lich viele Komponisten schrieben Werke dafür. 
Annikka Konttori-Gustafsson, Piano, und der Organist Jan Lehtola präsentieren auf dieser CD einige Beispiele dafür – und zwar, bis auf das Andante cantabile von Jean Sibelius (1865 bis 1957), durchweg in Weltersteinspielungen. Zu hören sind Sibelius' Schauspielmusik zu Pelléas und Mélisande, bearbeitet für Harmonium und Klavier von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933), sowie zwei Zyklen Karg-Elerts für diese Besetzung, Poesien op. 35 und Silhouetten op. 29. 
Musikalisch sind diese Werke ziemlich reizvoll. Allerdings wird der Hörgenuss dadurch etwas getrübt, dass in Finnland, wo die Aufnahmen entstanden sind, kein Kunstharmonium aufzutreiben war. Und deshalb spielt Jan Lehtola auf der Orgel der Sovitutsenkirkko in Hollola. Das moderne Instrument, errichtet von Veikko Virtanen Oy, verfügt über 26 Register auf zwei Manualen und Pedal. Es klingt aber nicht wirklich wie ein Harmonium (das zudem deutlich weniger Register aufbieten könnte). Insofern ist dies tatsächlich eine Orgel-CD, auch wenn Jan Lehtola ziemlich zurückhaltend registriert. 

Dienstag, 3. April 2018

Graupner: Lass mein Herz (Accent)

Schier unerschöpflich scheint der Schatz an Kantaten zu sein, den Christoph Graupner (1683 bis 1760) für Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt und dessen Nachfolger geschaffen hat. 
Die Werke, die der Hofkapellmeister komponierte, sind heute nahezu vollständig in der Hessischen Landes- und Hochschulbibliothek zu finden, wo nicht zuletzt unter den mehr als 1.400 Kantaten noch so manches Juwel seiner Wieder- entdeckung harrt. Drei davon, aus Graupners frühen Jahren in Darmstadt, stellt Dorothee Mields mit dem Ensemble Harmonie Universelle auf dieser CD vor. 
Im Jahre 1711 entstanden die Kantaten Ach Gott, wie manches Herzeleid zum ersten Sonntag nach Trinitatis und Reiner Geist, lass doch mein Herz zum Pfingstsonntag. Für den dritten Sonntag nach Trinitatis bestimmt war die Kantate Verleih, dass ich aus Herzensgrund aus dem Jahre 1716. 
Die Texte schrieb Hofbibliothekar Georg Christian Lehm. Er hatte, wie Graupner, in Leipzig studiert und nebenher Libretti für die Leipziger Oper geschrieben. Leider starb er bereits 1717. Graupners Musik deutet die Texte gekonnt aus – allerdings hat er für die (Berufs-)Sängerinnen, die diese Monologe einst vorgetragen haben, nicht nur eindringliche, sondern vor allem auch ziemlich virtuose Stücke geschaffen. 
Dorothee Mields erweist sich als ideale Interpretin für Graupners Kantaten. In den Chorälen gestaltet sie mühelos weite Melodiebögen, und auch die anspruchsvollen Koloraturen, die so manche Arie fordert, gelingen ihr problemlos. Ihre Technik ist makellos; allerdings geht es der Sopranistin nicht vordergründig darum, mit Kehlfertigkeit zu glänzen. In ihrer Interpretation steht stets der Text im Mittelpunkt, und der Zuhörer darf sich freuen, denn man versteht tatsächlich auch jedes Wort. 
Das Ensemble Harmonie Universelle, geleitet von seinen Konzertmeistern Florian Deuter und Mónica Waisman, ergänzt die Kantaten noch durch die Ouvertüren Suite GWV 442, in der besonders die beiden Oboen da caccia einen herausragenden Part spielen, und durch das Concerto g-Moll GWV 334, wo zwei Violinen solistisch agieren. Es sind beides bedeutende Werke, und sie werden meisterhaft gespielt. Unbedingt anhören, diese CD lohnt sich! 

Sonntag, 1. April 2018

Haydn: The Seven Last Words of our Saviour on the Cross (Capriccio)

Noch ein Nachtrag zur Passionszeit: Einspielungen von Joseph Haydns Passionsmusik Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuz gibt es in großer Zahl – aber eine der schönsten und zugleich eine der unbestrittenen Referenzen ist im vergangenen Jahr bei Capriccio digital remastered wieder erschienen. Entstanden ist sie 1992 als Live-Mitschnitt eines Konzertes mit den Camerata Salzburg – das Ensemble hieß damals noch Camerata Acade- mica des Mozarteums Salzburg – unter Leitung von Sándor Végh. 
Der ungarische Violinist, ein Schüler von Jenö Hubay, kam 1972 als Professor für Geige an das Mozarteum. Er musizierte mehrfach mit den Camerata, und 1978 wurde er zum künstlerischen Leiter des Ensembles gewählt, dem er dann bis zu seinem Tode 1997 vorstand. Végh war ein Musiker von Format. Das zeigt sich auch in dieser Aufnahme, mit ihrer ganz erstaunlichen Eindringlichkeit und Intimität. Welche Klarheit der Strukturen! Man meint mitunter, ein Streichquartett zu hören, doch in diesem Falle musiziert tatsächlich ein Kammerorchester. Auch wenn man dieses Werk heute wahrscheinlich ganz anders spielen würde, lohnt es sich unbedingt, diese Aufnahme anzuhören. Faszinierend! 

Duo Gurfinkel Concertante (Cavi-Music)

Gute Laune haben mir die Zwillings- brüder Daniel und Alexander Gurfinkel mit ihrer Debüt-CD beschert. Sie sind Klarinettisten in der dritten Generation; schon ihr Großvater Arkadi Gurfinkel war ein Klarinettenvirtuose, und ihr Vater Michael Gurfinkel musiziert als Solo-Klarinettist im Israel Symphony Orchestra und an der Israeli Opera. 
Auf dieser CD präsentieren Daniel und Alexander Gurfinkel Virtuosenmusik für Klarinettenduo und Sinfonieorchester; begleitet werden sie vom Philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus unter Leitung seines experimentier- freudigen GMD Evan Alexis Christ. Zu hören sind Introduction et Rondo capricciosa a-Moll op. 28 von Camille Saint-Saëns, das Duo Concertant op. 33 von Carl Baermann, das Divertimento Il Convegno op. 76 von Amilcare Ponchielli, die Carmen-Fantasie von Georges Bizet, eine Suite aus Romeo und Julia von Sergej Prokofjew, und eine Fantasie über das Thema aus Rhapsodie in Blue von George Gershwin, durchweg in ansprechenden Arrangements. Etliche davon hat Eugene Levitas geschrieben. 
Den beiden Solisten geben diese Bearbeitungen Gelegenheit, sowohl Brillanz als auch Musikalität zu beweisen. Ihr Zusammenspiel ist exquisit, und Sinn für Humor haben sie offensichtlich auch. So ist diese CD vom ersten bis zum letzten Ton ein Genuss – mir hat diese Einspielung großes Vergnügen bereitet. 

Samstag, 31. März 2018

Bach: Johannes-Passion (Naxos)

„Klänge, die atmen“, lautet das Motto des Bachchores Mainz. Das Ensemble, das seit 32 Jahren von Ralf Otto geleitet wird, hat nun erstmals die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Die Aufnahme, an der auch das Bachorchester Mainz mitgewirkt hat, ist geprägt durch Ottos bewährten Leitsatz: „Historisch informiert, aber zeitgemäß interpretiert“. 
So ist diese Interpretation gleicher- maßen dramatisch wie berührend, pulsierend und lebendig, klanglich transparent, aber dabei beseelt und ausgewogen. Derart mitreißend hat man Bachs Werk lange nicht gehört. Otto verzichtet auf übertriebene Schroffheit und auf Manierismen, die man bei „Alte“-Musik-Ensembles leider mittlerweile häufig wahrnimmt (und oftmals als nervig empfindet). Im Mittelpunkt steht hier klar Bachs Musik, die konsequent darauf befragt wird, was sie uns heute zu sagen hat. 
Auch das Solistenensemble überzeugt. Georg Poplutz gestaltet den Part des Evangelisten gekonnt und mit großer Klarheit. Yorck Felix Speer ist als Jesus zu hören. Die Arien singen Julia Kleiter, Gerhild Romberger, Daniel Sans und Matthias Winckhler. 
Eine Besonderheit der vorliegenden Aufnahme ist die Ergänzung der Partiturversion des Jahres 1749, die als Bachs finale Fassung gilt, um die zusätzlichen Sätze der abweichenden Partiturversion von 1725. Sie wurden der Einspielung angehängt. So kann vergleichen, wer das möchte. Und noch eine erfreulíche Nachricht zum Schluss: In den kommenden Monaten will der Bachchor Mainz noch Bachs Weihnachtsoratorium, die Matthäus-Passion und die h-Moll-Messe einspielen. Da zu erwarten ist, dass diese Aufnahmen von ähnlich hoher Qualität sind wie die der Johannes-Passion, darf man darauf schon heute sehr gespannt sein.

Freitag, 30. März 2018

Vivaldi: Gloria (Decca)

Barocke Kirchenmusik stellt oftmals hohe Anforderungen an die Sänger. Das gilt auch für die Werke von Antonio Vivaldi (1678 bis 1741), die Decca jüngst auf diesem Album vorgestellt hat. Das Gloria RV 589, mit seinen schwungvollen Chören, gehört zu den bekannten Kompositionen des Musikers; es wird vermutet, dass er es für die Mädchen des Ospedale della Pietà schrieb, als Venedig 1716 den Sieg über die Türken feierte. Wenn diese These stimmt, dann muss man allerdings fragen, wieso der Chor in diesem Falle kein reiner Frauenchor ist. Egal – in jedem Falle ist dieses beliebte Werk auf dieser CD zu hören. Und die Besetzung ist grandios: Es singen Julia Lezhneva und Franco Fagioli, sowie der Coro della Radiotelevisione Svizzera, und es musiziert das Ensemble I Barocchisti unter Leitung von Diego Fasolis. Ausgewiesene Barockspezialisten also sind hier versammelt, was sich vor allem auch bei den beiden anderen sakralen Meisterwerken zeigt, die auf dieser CD erklingen. 
Nisi Dominus RV 608, eine Vertonung des 127. Psalms, gibt dem Countertenor Franco Fagioli Gelegenheit zu ausdrucksstarkem Gesang. Der argentinische Sänger beeindruckt einmal mehr mit seiner enorm umfangreichen, beweglichen und obendrein farblich flexiblen Stimme. Jede Passage formt er perfekt, sei sie noch so schwierig, und jede Verzierung sitzt. 
Ähnliches lässt sich über Julia Lezhneva sagen. Sie singt die Solo-Motette Nulla in mundo pax sincera RV 630, bei der Vivaldi fromme Verse höchst raffiniert und extravagant musikalisch gestaltet hat. Insbesondere das abschließende Alleluia mit seiner instrumentalen Stimmführung erweist sich als Herausforderung. Die Sopranistin meistert alles so strahlend und locker, dass man nur staunen kann. Traumhaft! 

Romantic Viola Sonatas (Naxos)

Eine exzellente junge Musikerin stellt sich vor: Hiyoli Togawa, Schülerin von Antoine Tamestit, legt bei Naxos ihr Debütalbum vor. Die Wahl-Berlinerin, die wichtige Wettbewerbe gewonnen hat, ist als Solistin auf bedeutenden Konzertpodien mittlerweile sehr gefragt. 
Auf dieser CD präsentiert sie sich allerdings als leidenschaftliche Kammermusikerin mit Werken der Romantiker George Onslow (1784 bis 1853), Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) und Johann Wenzel Kalliwoda (1801 bis 1866). Dabei musiziert sie gemeinsam mit ihrer langjährigen Klavierpartnerin Lilit Grigoryan. 
Die beiden Sonaten von Onslow und Mendelssohn zeichnen sich dadurch aus, dass das Klavier in diesen Werken einen gewichtigen Part übernimmt. So treten die Musikerinnen in einen Dialog, der beide durchaus umfassend zu Wort kommen lässt – und den sie ebenso präzise wie sensibel gestalten. Besonders zu rühmen ist ihr feinsinniges Zusammenspiel, wie aus einem Puls und einem Gedanken. Ein Debüt, das rundum begeistert! 

Mittwoch, 28. März 2018

Schütz: Johannespassion (Carus)

Mit der Johannespassion komplet- tiert der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann seine Einspielung der drei Passionen von Heinrich Schütz. Die zentrale Gestalt in diesem A-Cappella-Werk ist der Evangelist, der die Passionserzählung rezitierend vorträgt, oftmals im Wechselgesang mit dem Sänger, der den Part des Jesus gestaltet. Auch dieser hat an musikalischen Mitteln kaum mehr zur Verfügung als eine Art Psalmodie. Als Solisten sind in diesen Partien Jan Kobow und Harry van der Kamp zu hören; sie singen schlicht, ganz auf den Text bezogen, und ausdrucksstark. 
Der Chor eröffnet und beschließt die Passion; aus ihm treten die Soliloquenten hervor, wie Pilatus, Petrus sowie die Knechte und die Magd des Hohepriesters. Ihm obliegen aber vor allem auch die zumeist kurzen Turbae-Chöre. Schütz gestaltete sie kantig und dramatisch: Die Meinungsführer schreien los, und die anderen stimmen ein. Hier hat der Dresdner Kammerchor einen starken Auftritt. Mit seinem beeindruckend homogenen Chorklang und seiner konsequenten Orientierung am Sprachgestus gelingt ihm eine Interpretation, die dauerhaft Maßstäbe setzt. 
Die Einspielung erhielt vollkommen zu Recht den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Ergänzt wird das Programm durch zwei Erstaufnahmen – eine Vertonung der Deutschen Litanei Martin Luthers und die Abensmahlsmotette Unser Herr Jesus Christus in der Nacht, da er verraten ward – sowie den Evangeliendialog Ach Herr, du Sohn Davids. Dabei werden die Sänger durch Lee Santana, Theorbe, Frauke Hess, Violone, und Ludger Rémy, Orgelpositiv, begleitet. 

Mittwoch, 21. März 2018

Bach meets Vivaldi - Lautten Compagney Berlin ( K&K)

Wenn man diese Aufnahme aus der Edition Kloster Maulbronn angehört hat, weiß man, warum das Sprich- wort sagt, der Himmel hänge voller Geigen. Die Lautten Compagney Berlin war am 26. Mai 2017 zu Gast in der Klosterkirche – und spielte gemeinsam mit Julia Schröder unter dem Titel „Bach meets Vivaldi“ einige der schönsten Violinkonzerte überhaupt. 
Das Programm beginnt mit dem berühmten Doppelkonzert in d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach, als Solisten sind Birgit Schnurpfeil, die Konzertmeisterin der Lautten Compagney, und Julia Schröder zu hören. Die Freiburger Violinprofessorin spielt auch die Soloparts der beiden anderen Bach-Konzerte BWV 1041 und 1042. Im Programm wechseln sie sich ab mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi. Und hier sind zunächst alle Streicher Solisten, denn das Concerto in h-Moll RV 580 für vier (!) Violinen, zwei Violen, Violoncello und Basso Continuo aus der Sammlung L'Estro Armonico hält für alle Beteiligten höchst anspruchsvolle Aufgaben bereit. 
Das Concerto in d-Moll RV 565 für zwei Violinen, Violoncello, Streicher und Basso continuo gestalten Birgit Schnurpfeil und Matthias Hummel. Es ist sehr interesssant, diese Werke neben Bachs Konzerten zu hören, denn dieser hat sich mit Vivaldis Musik sehr eingehend beschäftigt – das Konzert RV 565 hat Bach sogar für die Orgel bearbeitet (BWV 596). 
Das g-Moll-Konzert RV 157 folgt noch der ursprünglichen Idee der damals neuen Gattung, ein Streicherorchester mit Basso continuo musizieren zu lassen. Das gelingt traumhaft. Und daher sollen an dieser Stelle auch die weiteren Mitwirkenden benannt werden: Daniela Gubatz, Violine, Bettina Ihrig, Viola, Magdalena Schenk-Bader, Violine/Viola, Ulrike Becker, Violoncello, Alf Brauner, Kontrabass, Johannes Gontarski, Laute und Elina Albach, Cembalo. 
Musiziert wird durchweg kammermusikalisch und in historischer Aufführungspraxis – engagiert, sehr präzise, aber auch ausgesprochen lustvoll, lebendig und abwechslungsreich. Kurzum: Es war ein rundum gelungenes Konzert. Und es wurde in gewohnt exzellenter Qualität mitgeschnitten. Unbedingt anhören, diese Aufnahme ist wirklich hinreißend! 

Montag, 19. März 2018

Comedian Harmonists (Hänssler Profil)

Nahezu hundert Aufnahmen mit den Comedian Harmonists weist der Katalog ihrer Plattenfirma Electrola aus. Das Ensemble war 1928 ent- standen, in wirtschaftlich schwieriger Zeit – und fast ein Jahr lang dauerte es dann, bevor in ganz Deutschland schließlich der Durchbruch gelang. Harry Frommermann, Robert Biberti, Ari Leschnikoff, Roman Cycowski, Erich Collin und der Pianist Erwin Bootz waren Stars; sie sangen vor ausverkauften Häusern und wurden weltweit gefeiert. 
Das Ende dieser Erfolgsgeschichte kam 1935, als drei „Nichtarier“ mit Auftrittsverbot belegt wurden, und Deutschland verließen. Noch bis 1949 gab es Nachfolge-Gruppen, die aber allesamt nicht das Format des Originals hatten. 
Noch heute sind Lieder wie Wochenend und Sonnenschein oder Veronika, der Lenz ist da bekannt und beliebt. Und so habe ich mich gefreut, als das Label Profil eine Kollektion ihrer Hits auf zwei CD veröffentlichte. Die Freude aber hielt nicht lange vor. Zum einen befindet sich auf der ersten CD ein dicker Kratzer, der dafür sorgt, dass einige Titel nicht angehört werden können. 
Zum anderen hat das Unternehmen diesmal das Beiheft eingespart. An Informationen sind wirklich nur die Titel der Songs verfügbar – es gibt keine Aufnahmedaten, keine Hinweise auf die genutzten Platten, keine Angaben zu Komponisten und Textautoren, keinerlei biografische Anmerkungen. Und das ist wirklich enttäuschend. Wer nur eine Playlist haben möchte, der kann sich diese ganz sicher auch anderweitig zusammenstellen. 

Unvergänglichkeit - Michaela Schuster (Oehms Classics)

Unvergänglichkeit nannte Erich Wolfgang Korngold seinen Liederzyklus, und Michaela Schuster wählt Zyklus und Idee zum Kern des Programmes für ihre zweite CD, die jüngst bei Oehms Classics erschienen ist. Die Mezzosopranistin hat offenbar ein Faible für das große Thema Zeit – ihre erste CD mit dem Titel Morgen! und mit Liedern von Johannes Brahms, Robert Schumann, Max Reger und Richard Strauss begeisterte ebenfalls bereits durch ein kluges Konzept. 
Nun folgt also das zweite Album, und hier sind Lieder von Gustav Mahler, Max Reger Kurt Weill in Korngolds Zyklus quasi hineingeflochten. Sie ergänzen diese Liederfolge, und setzen mitunter nachdenkliche, mitunter auch kecke Akzente. Dieses Programm ist rundum schlüssig, und zugleich überraschend und extravagant. Ähnliches lässt sich über den Liedvortrag von Michaela Schuster sagen. 
Die Sängerin gestaltet jedes einzelne Lied mit großer Sorgfalt, und mit brillanter Technik und Artikulation. Man versteht wirklich jedes Wort, und man kann jeden musikalischen Gedanken nachvollziehen. Das macht diese CD zum Erlebnis – und in Matthias Veit hat die Mezzosopranistin zudem einen exzellenten Liedbegleiter an ihrer Seite. Großartig! 

Sonntag, 18. März 2018

Händel: Tu fedel? Tu costante? (Challenge Classics)

In einem Manuskript, das um 1770 zusammengestellt wurde und sich heute in der Musikaliensammlung Ton Koopmans befindet, wurde eine bislang unbekannte Version einer Kantate von Georg Friedrich Händel aufgespürt: Tu fedel? Tu costante? HWV 171a weicht erheblich von der bislang bekannten Fassung HWV 171 ab. 
Es wird vermutet, dass Händel diese Kantate auf seiner Italienreise in Venedig oder in Florenz komponierte – und als sie 1707 in Rom aufgeführt werden sollte, hatte er die Noten nicht mehr, und musste sich noch einmal an die Arbeit machen. Das Ergebnis unterscheidet sich erheblich von der älteren Variante, was eine ziemliche Sensation darstellt. Zumal bislang unbekannte Kompositionen Händels aus seiner Zeit in Italien ohnehin nur noch sehr selten entdeckt werden. 
Auf dieser CD ist die Kantate nun erstmals in der neu aufgefundenen Fassung zu hören, gemeinsam mit weiteren Kantaten aus Händels frühen Jahren sowie zwei auserlesenen Kammerduetten. Ton Koopman musiziert mit dem Amsterdam Baroque Orchestra. Es singen die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez und Bassbariton Klaus Mertens. 

Lassus: St Matthew Passion (Naxos)

Passionsmusiken haben eine lange Tradition. Eine der schönsten Vertonungen der Matthäus-Passion aus dem 16. Jahrhundert stammt von Orlando di Lasso (1532 bis 1594). Er schuf insgesamt vier Passionen für die Münchner Hofkapelle, die unter anderem für die Kirchenmusik am Hofe des Herzogs Albrecht V. zuständig war. 
In dieser Einspielung stellt Bo Holten mit seinem Ensemble Musica Ficta die Matthäus-Passion vor. Das lohnt sich durchaus, denn dieses Werk zeichnet sich durch beeindruckende Klangpracht ebenso aus wie durch Glaubenstiefe. Orlando di Lasso verknüpfte darin die althergebrachten gregorianischen Melodien mit polyphonen Gesängen. Das Solistenensemble Musica Ficta singt durchweg grandios; namentlich erwähnt seien an dieser Stelle aber Torsten Nielsen, in der Partie des Evangelisten, und Lauritz Jakob Thomsen als Jesus. 
Die eigentliche Passionserzählung ergänzte Bo Holten außerdem durch sorgsam ausgewählte Motetten und geistliche Madrigale des Renaissancekomponisten. „I hesitate to call this a ,reconstruction' of how Lassus' Passion may have sounded in 1575 Munich – which, in any case, we know very little about – but I think it might be a way of making Lassus' wonderful music accessible to a modern audience, making its natural and reticent telling of the story easy and appealing to follow“, kommentiert Holten seine Entscheidung im Beiheft. „Several years of performing it also confirms my belief in conveying its deeply felt contents successfully in this way.“