Sonntag, 24. September 2017

Avital meets Avital (Deutsche Grammophon)

„Dieses Album erzählt die Geschichte einer ganz besonderen Verbindung: Der Begegnung zweier Musiker mit ähnlichem Familienhintergrund, die in ganz unterschiedlichen künstlerischen Welten zu Hause sind“, schreibt Avi Avital: „Ein musikalisches Gespräch über die Klänge und Bedeutungen von Heimat, über Erinnerungen und Freiheit.“
Eingespielt hat es der Mandolinist gemeinsam mit seinem Namensvetter Omer Avital. Der Bassist und Komponist, der in New York lebt, hat sich auf Contemporary Jazz spezialisiert und wird von seinem Publikum ebenso gefeiert wie Avi Avital von den Klassikfans.
Gemeinsam haben sie sich auf die Suche nach ihren kulturellen Wurzeln begeben. Da gibt es viel zu entdecken – denn ihre Vorväter hießen ursprünglich Abutbul, und kamen aus Marokko. Bei der Einreise nach Israel änderten diese jüdischen Immigranten ihren Namen in Avital, weil das hebräischer klingt.
Und so finden sich auf dieser CD israelische Harmonien neben marokkanischen Rhythmen und westlichen Melodien; interpretiert wird all dies mit der improvisatorischen Freiheit des Jazz. Eine abwechslungs- und farbenreiche CD, die zwischen Orient und Okzident so manche Überraschung bereithält.

Music for Violin & Viola (Brilliant Classics)

Kammermusik und Konzerte aus drei Jahrhunderten für die seltene Solisten-Kombination Geige und Bratsche bietet diese Doppel-CD aus dem Hause Brilliant Classics. Der italienische Geiger Davide Alogna und der mexikanische Bratschist José Adolfo Alejo haben dafür eine sehr hörenswerte Auswahl zusammen- gestellt, die neben Bekanntem, wie der berühmten Sinfonia Concertante KV 364 von Wolfgang Amadeus Mozart und dem Doppelkonzert in e-Moll op. 88 von Max Bruch auch weniger populäre Stücke enthält, wie die Symphonie Concertante B112 von Ignaz Joseph Pleyel. Bei diesen drei Werken musizieren die Solisten gemeinsam mit dem mexikanischen Kammerorchester Camerata de Coahuila unter Leitung von Ramón Shade. 
Auf der ersten CD sind die beiden verwandten und klanglich doch so unterschiedlichen Instrumente in Duetten zu hören. Neben dem Duo in G-Dur KV 423 von Mozart erklingen hier das erste der 3 Madrigale H313 von Bohuslav Martinů, das Grand Duo op. 13 des Geigenvirtuosen Louis Spohr, eine Sonata a Duo des mexikanischen Komponisten Manuel Ponce und die beliebte Passacaglia auf ein Thema von Georg Friedrich Händel, ein ebenso klangschönes wie virtuoses Werk des norwegischen Kompo- nisten Johan Halvorsen. 

Samstag, 23. September 2017

Tchaikovsky - Jan Vogler (Sony)

Schon seit einiger Zeit steht sie bei mir im Regal – und nun will ich sie endlich auch im Blog vorstellen: Die Tschaikowski-CD von Jan Vogler, die man genießen sollte wie einen sonnigen Herbsttag. Der Cellist ist nicht nur in den Konzertsälen weltweit sehr gefragt, sondern darüber hinaus Intendant der Dresdner Musikfestspiele und künstlerischer Leiter des ebenso renommierten Moritzburg Festivals. 
Dennoch hat er sich die Zeit genommen für diese Einspielung, die aus seiner sehr persönlichen Sicht auf die Werke Peter Tschaikowskis entstanden ist. Die Idee dazu ergab sich auf einer Reise, bei einem Konzert in St. Petersburg, der Heimatstadt des Komponisten. Im Beiheft der CD berichtet Jan Vogler, wie er durch die Straßen flanierte, und sich über die Bauwerke freute: „Was für eine beeindruckende Rokoko-Pracht“, scheibt der Cellist. „Die wunderschönen Palais' stehen wie aufgereiht am Flussufer und inspirieren jeden Besucher. Was, wenn Tschaikowski sich von der Rokoko-Architektur seiner Heimatstadt zu seinen Rokoko-Variationen inspirieren ließ? Was, wenn all' die Verzierungen und verspielten Floskeln dieses Werkes Anklänge an die eleganten Möbel, die gewundenen Fassaden-Linien oder den galanten Stil der höfischen Kleider dieser Zeit wären?“ 
Für diese CD hat Vogler Tschaikowskis Musik daher nicht aus spätroman- tischer Perspektive, sondern mit dem Blick der historischen Aufführungs- praxis neu betrachtet, und dabei etliche Details liebevoll gestaltet. So spielt er zwar die Rokoko-Variationen in der Version des Cellisten Wilhelm Fitzenhagen, und nicht die Urfassung – aber er hat die letzte Variation, die sich durch „amüsante Verspieltheit“ auszeichnet, so Vogler, und die Fitzenhagen gestrichen hat, wieder eingefügt. 
Die Rokoko-Variationen sowie die ursprünglich für Violine komponierten Werke Sérénade mélancolique und Méditation hat der Cellist mit dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Andrés Orozco-Estrada eingespielt. Komplettiert wird das Programm durch das tempera- mentvolle Souvenir de Florence, das Vogler gemeinsam mit Valeriy Soko- lov, Annabelle Meare, Lawrence Power, Yura Lee und Christian Poltéra als ein nostalgisches Andenken an diese schöne Stadt interpretiert. 

Freitag, 22. September 2017

Schubert - Busoni: Complete Transcriptions for Piano Solo (Dynamic)

Feruccio Busoni (1866 bis 1924) ist nicht nur als Pianist und Komponist eine Legende. Auch als Musik- pädagoge hat er vielfältige Spuren hinterlassen. So unterrichtete er in seinen letzten Lebensjahren eine Meisterklasse im Fach Komposition an der Berliner Akademie der Künste. 
Auf dieser CD erkundet der italienische Pianist Marco Vincenzi eine interessante Facette im Werk seines berühmten Kollegen: Busoni hat, für Breitkopf & Härtel, Klaviertranskriptionen von fast allen Ouvertüren Franz Schuberts angefertigt. Dabei hat er sich an der originalen musikalischen Substanz zwar orientiert, aber letzten Endes doch oftmals ziemlich freie Bearbeitungen erstellt, die die Möglichkeiten des Klaviers genial ausnutzen. Ergänzt wird das Programm durch einige kleine Tänze, sehr hübsch und mitunter auch sehr virtuos durch Busoni arrangiert. 
Hört man diese Transkriptionen, so will man kaum glauben, dass Busoni mit Schubert eigentlich nicht viel anfangen konnte – im Konzert hat er dessen Musik jedenfalls selten gespielt, und wenn, dann fast immer in Bearbeitungen von Franz Liszt. 
Marco Vincenzi hat diese Einspielung mit großem Aufwand vorbereitet; das hat sich gelohnt, denn die CD ist wirklich interessant. Und auch klanglich bietet die Aufnahme, bei der übrigens nicht der Standard-Steinway, sondern ein Konzertflügel aus dem Hause Steingraeber & Söhne zu hören ist, reichlich Abwechslung. Meine Empfehlung! 

Caldara: Trio Sonatas (Glossa)

Eine neue Aufnahme mit Triosona- ten von Antonio Caldara (um 1670 bis 1736) haben Amandine Beyer und Leila Schayegh zusammen eingespielt. An dieser Produktion der Schola Cantorum Basilienses, der weltweit einzigartigen Hochschule für Alte Musik, wirken zudem mit Jonathan Pešek, Violoncello, Jörg-Andreas Bötticher, Cembalo und Orgel, sowie Matthias Spaeter, der eine italienische Barocklaute spielt. 
Die Triosonaten von Caldara sind deshalb so interessant, weil der Komponist eigentlich mit seinen Opern und Oratorien berühmt wurde. Die Instrumentalstücke erschienen 1693 bzw. 1699 als Opus 1 und 2 im Druck. Caldara, der sich auf dem Titelblatt seines Erstlings als „Musico di Violoncello Veneto“ vorstellt, setzt sich darin zwar mit dem Vorbild Corelli auseinander – aber er findet sehr rasch ganz eigene musikalische Wege, die sich vom typischen „Corelli-Sound“ doch deutlich unterscheiden. 
Die Karriere des jungen Musikers haben die beiden Drucke offenbar befördert: 1699 ging er an den Hof der Gonzaga nach Mantua, ab 1707 wirkte er in Rom, und 1717 wurde er Vizekapellmeister am Wiener Hof. In Wien blieb der Musiker bis zu seinem Tod; er war dort anerkannt und wurde sehr geehrt. 
Auf dieser CD präsentieren Amandine Beyer und Leila Schayegh gemein- sam mit ihren Musikerkollegen eine Auswahl seiner Triosonaten, stilsicher vorgetragen und auch heute noch durchaus hörenswert. 

Dienstag, 19. September 2017

Nucius: Sacred Motets, Missa "Vestiva i colli" (MDG)

Mit dieser CD erinnert das Alsfelder Vokalensemble an einen bedeutenden Musiker aus der Zeit der Gegen- reformation: Johann Nucius („Nüßler“ – 1556 bis 1620), geboren in Görlitz, ging im Jahre 1586 als Mönch in das Zisterzienserkloster Rauden in Oberschlesien. 1591 wurde er zum Abt des Tochterklosters Himmelwitz gewählt. Auch als Komponist und Musiktheoretiker war er sehr angesehen; drei Kollektionen seiner Werke mit insgesamt mehr als 170 Motetten sowie seine theoretische Schrift Musices poeticae, sive de Compositione Cantu erschienen im Druck. 
Leider brannten 1617 die Kirche, das Kloster und alle Wirtschaftsgebäude in Himmelwitz ab. Dabei wurden auch Nucius' Manuskripte vernichtet, vermutlich auch ein zweiter Teil seiner Musices poeticae. In Bibliotheken sind einige wenige Exemplare seiner gedruckten Werke erhalten geblieben. Weitere kursierten in Abschriften; so hatte sich der Breslauer Kantor Simon Lyra zwei Messen Nucius' kopiert. Sie gelangten in die Bestände der Stadtbibliothek – und sind seit dem Kriegsende verschollen. 
Eine Abschrift dieser Abschrift der Missa Vestiva i colli hatte sich allerdings seinerzeit Domkapellmeister Paul Blaschke angefertigt. Sie wurde 1985 ediert, und so konnte diese offenbar einzige noch auffindbare Messe Nucius' ein gewichtiger Part dieses Albums werden. 
Seine Motetten, die das Programm ergänzen, ähneln stilistisch denen von Orlando di Lasso, einige auch denen von Giovanni Gabrieli. Und um auch das weniger gebildete Kirchenvolk zu erreichen, hat Nucius einige seiner Werke auch mit deutschen Texten versehen. 
Das Alsfelder Vokalensemble singt bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1993 noch unter Leitung von Professor Wolfgang Helbich, der leider 2013 verstorben ist. Die schöne Einspielung, die sich durch Stilsicherheit und einen wunderbar homogenen Chorklang auszeichnet, ist nun bei MDG wieder verfügbar. 

Montag, 18. September 2017

In the moment (Naxos)

Das Streichquartett, heutzutage eine der bedeutendsten Gattungen der Kammermusik, gilt gemeinhin als ein Genre großer Meisterwerke. Das Arabella Quartett beweist mit dieser Aufnahme, dass diese nicht unbe- dingt besonders umfangreich sein müssen. Denn es gibt durchaus auch kleine Werke für diese Besetzung, die sich als Pretiosen erweisen. 
So bietet diese CD unter anderem zwei wenig bekannte, aber dennoch starke Stücke von Dmitri Schostako- witsch. Dazu gesellen sich sorgsam ausgewählte Werke von Joaquin Turina, Anton Webern, Felix Mendels- sohn Bartholdy, Carl Nielsen, Hugo Wolff, Antonin Dvořák, Franz Schubert und auch die elegischen Crisan- temi von Giacomo Puccini. Und die Aufnahmen sind sowohl musikalisch als auch akustisch von exzellenter Qualität – meine Empfehlung! 

Johann Christian Bach: Six Quartettos Opus 8 for Carl Friedrich Abel (Coviello)

Mit Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787), dem bedeutendesten Gambisten seiner Zeit, war Johann Christian Bach (1735 bis 1782) eng befreundet. Beide waren Kammer- musiker der Königin Charlotte, und sie riefen 1764 gemeinsam die „Bach-Abel-Concerts“ ins Leben, die ersten Abonnementskonzerte in England, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Außerdem lebten sie gut zehn Jahre in einem Haushalt zusammen. 
Warum also sollte der „Londoner“ Bach für den Gambenvirtuosen Abel nicht auch komponiert haben? Dennoch war das Erstaunen groß, als 1992 bei einer Auktion das teil- autographe Manuskript einer Sonate für Viola da gamba und Clavier angeboten wurde. Die Sammlung enthielt auch noch weitere Gamben- sonaten, die auf Bachs op. 10 basieren. Sie befindet sich heute als Leihgabe im Bach-Archiv Leipzig. 
Der Leihgeber besitzt zudem ein Ensemble von Stimmbüchern für fünf der sechs Quartette op. 8; auf der Titelseite dieses Manuskriptes ist bei der Besetzung statt der Viola die Viola da gamba benannt. Leider ist die Kollektion unvollständig: Es fehlt das Es-Dur-Quartett – und die Gamben- stimme. 
Thomas Fritzsch ließ sich davon nicht entmutigen. Auf Grundlage der vorhandenen Quellen konnte er in mühsamer Kleinarbeit gemeinsam mit Günter von Zadow sowohl den fehlenden Gambenpart als auch die entsprechende Fassung des Es-Dur-Quartettes erstellen. Der Aufwand hat sich gelohnt, wie die Weltersteinspielung beweist. 
Go Arai, Oboe, Daniel Deuter, Violine, Thomas Fritzsch, Gambe und Inka Döring, Violoncello, präsentieren den kompletten Quartettzyklus op. 8 von Johann Christian Bach – klanglich reizvoll, dazu musikalisch einfalls- und abwechslungsreich, und in dieser Aufnahme auch ausgesprochen inspiriert vorgetragen. Sehr hörenswert!

Freitag, 15. September 2017

Aris Quartett - Beethoven (Genuin)

Als Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling (beide Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) sich im Jahre 2009 auf Initiative von Kammer- musikprofesssor Hubert Buchberger zum Quartett zusammenfanden, waren die vier Musiker noch Schüler. Dennoch studierten sie bereits als Jungstudenten an der Frankfurter Musikhochschule. 
Das Experiment gelang; heute ist das Aris Quartett ein überaus erfolg- reiches Ensemble, weltweit gefragt und mit vielerlei Musikpreisen ausgezeichnet. So gelang es den jungen Musikern, beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2016 in München gleich fünf (!) Preise zu gewinnen. 
Wie ausdrucksstark das Aris Quartett musiziert, das belegt auch diese CD mit den Beethoven-Streichquartetten Nr. 9 und Nr. 14. es sind zwei höchst unterschiedliche Werke, die hier ziemlich stürmisch interpretiert werden. Überwältigend! 

Mozart: Peasant Wedding and Toy Symphony; Koopman (Challenge)

„Dies ist eine besondere CD. Noch nie zuvor spielte das Amsterdam Baroque Orchestra Musik, in der Drehleier, Psalterium, Dudelsack und Kinderpfeifen erklangen. Diese Aufnahme hat uns sehr viel Spaß bereitet“, berichtet Ton Koopman im Beiheft. 
Diese Freude überträgt sich beim Anhören – soviel Musizierlust macht einfach gute Laune. Und so kann man hier fröhlich der Bauernhochzeit lauschen sowie der Cassatio ex G mit der berühmten Kindersinfonie, allesamt von Leopold Mozart. Ergänzt haben die Musiker dieses unterhaltsame Programm noch durch die Sinfonie in Es-Dur KV 16 – die erste Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, komponiert 1764 in London -, die Fuge aus dem Gallimathias musicum KV 32, und die bekannten Variationen über das französische Lied Ah, vous dirai-je maman K 265. Letzteres wird vorgetragen von Tini Mathot auf einem Hammerklavier von Andreas Stein aus dem Jahre 1803. Großartig, bravi! 

Donnerstag, 14. September 2017

John Potter: Secret History - Sacred Music by Josquin and Victoria (ECM)

Josquin Desprez (um 1450 bis 1521) wird jeder Musikwissenschaftler in der Renaissance verorten, Tomas Luis de Victoria (um 1548 bis 1611) wohl eher im Frühbarock. Der eine wirkte in Frankreich, der andere in Spanien; beide waren zeitweise auch in Rom tätig. 
Ob der Spanier die Werke seines berühmten französischen Kollegen kannte – viele davon waren im Druck erschienen, und sie waren in ganz Europa verbreitet –, lässt sich heute nicht mehr feststellen. John Potter aber meint, dass man Musikgeschich- te nicht als nur Abfolge von Kompositionen und unter dem Aspekt der Suche nach der originalen Gestalt eines Werkes schreiben sollte. 
Mindestens ebenso interessant findet der Sänger den Blick auf die Rezeptionsgeschichte von Musikstücken – und mit dieser CD bietet er dafür gleich ein Beispiel. Es ist eine spannende Erkenntnis, dass Kompositionen, die man heutzutage als reine Vokalmusik anzusehen geneigt ist, seinerzeit durchaus auch auf Instrumenten gespielt wurden. In diesem Zusammenhang hat sich John Potter den sogenannten „Sekundär- quellen“ zugewandt – „which actually represent the music as it was known and loved by musicians who felt the composers to be kindred spirits long after their deaths“, schreibt der Sänger im Beiheft. 
So finden sich Kompositionen von Desprez und de Victoria erstaunlicher- weise in den Tabulaturen vieler europäischer Lautenisten, und auch Musiker, die Vihuela spielten – eine Art Gitarre, die aber wie eine Laute gestimmt war –, besaßen Abschriften dieser Messen und Motetten. 
Die Klänge jener Zeit rekonstruiert Potter auf dieser CD gemeinsam mit Trio Mediaeval-Sängerin Anna Maria Friman und den exzellenten Vihuela-Virtuosen Ariel Abramovich, Jacob Heringman und Lee Santana. In einigen Stücken ist zudem Hille Perl mit ihrer Viola da gamba zu hören. 
Das klangschöne Album, produziert von Manfred Eicher, wurde im Kloster St. Gerold in den österreichischen Bergen aufgezeichnet, wo Potter bereits zuvor Stücke für Officium und andere Alben mit dem Hilliard Ensemble und mit dem Dowland Project eingespielt hat. 

Dienstag, 12. September 2017

Pandolfi Mealli: Sonate, Roma 1669 (Tactus)

Es gibt kaum jemanden, der über das Leben von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli ähnlich viel weiß wie Fabrizio Longo. Als Andrew Manze in den 90er Jahren die Violinsonaten des Komponisten erstmals einspielte, meinte er, es gebe Gründe für den Argwohn, „ein gewitzter Musikwissenschaftler habe Pandolfi an einem regnerischen Mittwoch erfunden“ – denn außer den alten Drucken hat Pandolfi Mealli kaum eine Spur hinterlassen, so schien es. 
Mittlerweile hat Fabrizio Longo aber etliche Quellen aufgespürt, und den Lebensweg des Musikers nachvollzogen. Er soll 1624 in Montepulciano in der Toskana als Domenico Pandolfi zur Welt gekommen sein. Seine Ausbildung erhielt er wohl bei seinem Stiefbruder aus der ersten Ehe seiner Mutter, dem Kastraten Giovan Battista Mealli, in Venedig. Dann finden wir den Musiker 1660 in Diensten des Habsburger Hofes in Innsbruck. 1675 war er auf Sizilien tätig, wo er in der Kirche einen Kapellkollegen, den Kastraten Giovannino Marquett, ermordete und dann über Frankreich nach Spanien entfloh. In Madrid wirkte er ab April 1678, wobei er zwischenzeitlich mehrfach auch nach Rom gereist sein soll. Seine Spur verliert sich 1687; es wird daher vermutet, dass er in diesem Jahr verstorben sein könnte. 
Nur wenige seiner Werke sind überliefert und wurden mittlerweile eingespielt. Es sind kühne Kompositionen, technisch wie musikalische aberwitzig anspruchsvoll. Die Noten von op. 3 und 4 sind bei Walhall inzwischen verfügbar. Fabrizio Longo hat nun ein weiteres Opus des Komponisten ediert, die Sonate cioé Balletti, Sarabande, Correnti, Passacagli, Capriccetti, & vna Trombetta, a vno, e dui Violini, im Druck erstmals erschienen 1669 in Rom. Dabei handelt es sich in erster Linie um Tanzsätze, und sie sind eher schlicht gestaltet, verglichen mit den kapriziösen Werken Pandolfi Meallis aus früheren Jahren. 
Leider ist Longo der Versuchung erlegen, diese Musik auch gleich selbst einzuspielen. Das hätte er besser sein lassen sollen. Die CD, die bei Tactus erschienen ist, lässt staunen: Eine so miese Qualität habe ich wirklich lange nicht mehr gehört. Das hätte wohl jedes Laienensemble besser hinbekommen. Die Aufnahme ist sowohl musikalisch als auch akustisch unterirdisch. Zum Gruseln. Schade! 

En El Amor (Carpe Diem)

Eine Frauenstimme, ein Serpent, und dazu Becken- und Trommelklänge – „En El Amor“ ist eine ganz und gar ungewöhnliche CD. Nataša Mirković hat sie gemeinsam mit den bekannten Jazz-Musikern Michel Godard und Jarrod Cagwin eingespielt. 
Die Sängerin, die aus Bosnien stammt, beschäftigt sich auf diesem Album mit sephardischen Volksliedern. Dieses musikalische Erbe, das sie in ihrer Kindheit auf dem Balkan kennengelernt hat, hat seine Wurzeln eigentlich auf der iberischen Halbinsel. Die Juden dort, die diese Lieder gesungen haben, haben sich nach ihrer Vertreibung im 15. Jahrhundert in Nordafrika sowie im Orient und auf dem Balkan niedergelassen. Wer sich also wundert und glaubt, spanische Texte zu hören, der irrt keineswegs. 
Diese alten Melodien haben die Musiker in einen experimentellen Kontext gestellt. Zum neuen Klanggewand gehört neben den urtümlichen Tönen des Serpents und des Schlagwerkes auch der Raum, der hier tatsächlich wahrnehmbar ist: Entstanden ist diese Aufnahme in drei stillen, kalten Februarnächten in der alten Synagoge zu St. Pölten. 

Montag, 11. September 2017

Edelweiss? (Preiser Records)

Im harmonischen Einklang mit Vergangenheit und Moderne befinden sich die St. Florianer Sängerknaben – und sie befinden sich dabei ausgesprochen wohl, wie dieses Doppelalbum zeigt. „Die Tatsache, dass der Chor der St. Florianer Sängerknaben seit fast 1000 Jahren besteht, gibt uns die Möglichkeit, ihn zu Recht als einen der ältesten und traditionsreichsten Knabenchöre der Welt anpreisen zu dürfen“, schreibt Chorleiter Franz Farnberger im Beiheft. „Bei der täglichen Probenarbeit hilft diese Tatsache wenig: zu Beginn jedes Schuljahres kommen neue Buben und die Arbeit beginnt von vorne. Das ist natürlich auch das Schöne daran – es kommt weder Langeweile noch Routine auf.“ 
Und auch wenn der Chor seit Jahrhunderten seine Heimat im Stift St. Florian hat, so ist diese Tradition eher eine Stärke als ein Umstand, der behindert. Zwar ist Anton Bruckner, der wohl berühmteste ehemalige Sängerknabe, immer präsent; in der Stiftsbasilika, unter der Orgel befindet sich Bruckners Grab. Doch ansonsten bieten die prächtigen Barock- gemäuer in erster Linie Lebensqualität – wozu auch ein modernes Internat für die Sängerknaben gehört. 
Franz Farnberger, eigenen Angaben zufolge „aus der Rolle des großen Bruders (während meiner Tätigkeit als Kapellmeister der Wiener Sängerknaben 1976 – 1983) unmerklich in die des Großvaters der Buben geschlittert“, hat mit den Jungs ein umfangreiches Repertoire erarbeitet. Es reicht von Mozarts Ave verum über Felix Mendelssohn Bartholdys Vertonung des Hundertsten Psalms bis hin zum Comedian-Harmonists-Klassiker Mein kleiner grüner Kaktus und zu Johann Strauss' Geschichten aus dem Wienerwald
Die Knabenstimmen werden dabei ergänzt durch den Männerchor, den Farnberger im Jahre 1990 gegründet hat, und in dem ehemalige Sängerknaben mitwirken. Das bringt kräftig Farbe: „Das Repertoire für Gemischten Chor ist einfach bunter und größer“, meint auch der Chorleiter. Und die Burschen singen allesamt hinreißend. Natürlich darf Alois Mühlbacher nicht fehlen, der mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen und eigentlich zum Bass gereift ist. Aber seine Fähigkeit, die hohe Stimmlage zu nutzen, hat er dabei bewahrt. 
Doch die eigentliche Überraschung ist die Tatsache, dass Farnberger ringsum exzellente Stimmen und selbstbewusste junge Sänger ausgebildet hat. Auf der Doppel-CD lassen sich eine Menge jugendlicher Solisten hören – ob Lukas Zobl und Fabian Winkelmaier in Rossinis Katzenduett, Felix Lumesberger im Do-Re-Mi, Peter Leitenbauer, Simon Bernhard oder aber die vielen jungen Männer. Bravo!

Vivaldi: Fagottkonzerte / Oboenkonzerte (Ars Produktion)

Simon Fuchs, Solo-Oboist des Tonhalle-Orchesters Zürich, und Matthias Rácz, Solofagottist dieses Ensembles sowie des Lucerne Festival Orchestra, präsentieren Konzerte von Antonio Vivaldi. Entstanden sind sie einst für das Mädchenorchester des Ospedale della Pietà in Venedig. Nicht umsonst wird dieses Ensemble in zeitgenössi- schen Reiseberichten immer wieder sehr gelobt. Die jungen Musikerinnen müssen enorm gut ausgebildet und überragend in ihrem jeweiligen Fach gewesen sein; diese Kompositionen jedenfalls sind durchaus anspruchsvoll und bieten selbst heutigen Solisten, auf modernen Instrumenten, so manche Herausforderung. 
Sowohl die Oboe als auch das Fagott waren zu Vivaldis Lebzeiten Innova- tionen. Entsprechend experimentierfreudig werden sie eingesetzt. Bei den Oboenkonzerten beispielsweise orientierte sich der Komponist am Vorbild der Violine, und auch dem Fagott verlangt er, unter anderem mit weiten Intervallsprüngen zwischen Tenor- und Basslage, so einiges ab. 
Eine Auswahl aus dem umfangreichen Repertoire, das Vivaldi für die Oboe und das Fagott geschaffen hat, ist auf dieser CD zu hören. Simon Fuchs und Matthias Rácz spielen virtuos, gekonnt gestalten sie ein abwechs- lungsreiches Programm. Die Solisten musizieren gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter Johannes Schlaefli. 

Dienstag, 5. September 2017

Eduard Strauss I - A Centenary Celebration (Marco Polo)

Eduard Strauß (1835 bis 1916) war der jüngste Sohn von Johann Strauss (Vater), und ein Bruder des „Walzer- königs“ Johann Strauss (Sohn). Eigentlich wäre er gern Diplomat geworden, doch dann schlug er doch die Musikerlaufbahn ein. Das war nicht ganz einfach, da er von der Wiener Presse stets an seinen erfolg- reichen Brüdern Johann und Josef gemessen wurde – ein Vergleich, bei dem Eduard nicht wirklich eine Chance hatte.
Dennoch ging der junge Musiker unbeirrt seinen Weg; nach dem Tod seines Bruders Josef 1870 übernahm er die Strauss-Kapelle, während Johann sich ganz darauf konzentrieren konnte, Operetten zu komponie- ren. Eduard Strauß leitete das Ensemble mehr als 30 Jahre lang, und während dieser Zeit erwarb sich die Kapelle sowohl in Wien als auch auf ausgedehnten Konzertreisen einen ausgezeichneten Ruf. 1901 löste er schließlich das Orchester auf, und zog sich ins Privatleben zurück.
Diese CD präsentiert zum ersten Male auf CD eine Auswahl aus dem umfangreichen Werk von Eduard Strauß; er hat mehr als 300 Tänze und Märsche komponiert, von denen heute nur noch sehr wenige gespielt werden. Diese Aufnahme beweist, dass sie den Kreationen seiner Brüder in jeder Hinsicht ebenbürtig sind. Insofern darf man sich freuen, weil diese CD offenbar der Anfang einer Serie ist. Und das Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice musiziert unter Leitung von John Georgiadis mit Witz und Schwung. 

Henryk Szeryng plays Vivaldi & Mozart (SWR Music)

Wer diese Aufnahmen angehört hat, der fragt sich, warum Henryk Szeryng (1918 bis 1988) – zu Lebzeiten ebenso berühmt wie etwa Jascha Heifetz, David Oistrach oder Yehudi Menuhin – heute nur noch Experten bekannt ist. Dass der Nachruhm dieses exzellenten Geigers lang nicht an den seiner Kollegen heranreicht, ist mit der Qualität seines Spiels jedenfalls nicht zu erklären.
Szeryng kam in Zelazowa Wola, in der Nähe von Warschau, zur Welt, und erhielt ersten Musikunterricht von seiner Mutter. Das Geigenspiel erlernte er bei dem Auer-Schüler Moritz Frenkel. Als er acht Jahre alt war, hörte Bronislaw Huberman den Knaben und schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu Carl Flesch, dem renommiertesten Violinpädagogen jener Zeit. 
1933 übersiedelte die Familie nach Paris, wo Szeryng zunächst an der Sorbonne studierte, und dann ab 1936 am Conservatoire. Dann kam der Krieg – und Szeryng, der etliche Sprachen beherrschte, trat als Dolmetscher und Verbindungsoffizier von General Sikorski in den Dienst der polnischen Exilregierung. Er spielte für die alliierten Truppen – unter anderem auch in Mexiko. Dieses Land faszinierte den Musiker, und so nahm Szeryng nach Kriegsende eine Professur an der Universität von Mexico City an. 1946 wurde er mexikanischer Staatsbürger. 
Und er hätte wohl dort bis ans Ende seiner Tage Studierende unterrichtet. Doch dann hörte er 1954 ein Konzert von Artur Rubinstein, und bedankte sich bei dem Pianisten für dieses Erlebnis. Dieser wiederum fragte, als höflicher Mensch, ob er denn auch ein Instrument spiele. Was Szeryng gleich am nächsten Tag unter Beweis stellte – er kam ins Hotel, und spielte Rubinstein vor. 
Diese Begegnung wurde zum Beginn einer großen Musikerfreundschaft, und zum Ausgangspunkt von Szeryngs internationaler Karriere, die ihn sehr bald weltweit in die bedeutenden Konzertsäle führte. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester aus Pforzheim zu hören, das er in diesem Konzertmitschnitt vom 07. Dezem- ber 1969 als Solist zugleich geleitet hat. 
Die Eleganz seines Vortrages und sein strahlender, nobler Ton sind einzigartig. Vivaldis Vier Jahreszeiten gestaltet Szeryng überraschend modern; er setzt auf klare Strukturen und oftmals schroffe Gegensätze. Das Ensemble unterstützt den Solisten dabei auf das Beste; es folgt auch seinen eigenwilligen, aber in ihrer Wirkung beeindruckenden Temponuancierungen. Für mich ist diese Aufnahme der Vier Jahreszeiten mit Szeryngs herrlichem Geigenton eine der schönsten überhaupt – und das will bei diesem extrem häufig eingespielten Werk schon etwas besagen. 
Bei Mozarts Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219 kommt Szeryngs brillante Technik ebenfalls bestens zur Geltung. Dennoch wählte er auch grundsätzlich Tempi, die nicht die flinken Finger des Solisten in den Vordergrund stellen, sondern die innere Logik des jeweiligen Stückes. Unbedingt anhören, das lohnt sich! 

Sonntag, 3. September 2017

Mozart - Beethoven - Brahms: Violinsonaten (Eloquence)

Diese frühe Aufnahme mit Sir Georg Solti präsentiert ihn nicht als Dirigenten, sondern als Pianisten – gemeinsam mit dem Geiger Georg Kulenkampff. 
Im Februar 1947 spielten die beiden Musiker die G-Dur-Sonate op. 78 von Johannes Brahms ein, im Juni 1947 folgte Ludwig van Beethovens Kreutzer-Sonate. Im Juli 1948 folgten dann die Sonate für Klavier und Violine KV 454 von Wolfgang Amadeus Mozart, und die beiden Brahms-Violinsonaten op. 100 und 108. 
Leider endete die Zusammenarbeit damit, denn Kulenkampff starb noch im selben Jahr, mit gerade einmal 50 Jahren. Die alten Aufnahmen, sorgfältig remastert, sind nun bei Eloquence auf einer Doppel-CD wieder erschienen. Sie anzuhören, das lohnt sich durchaus. Denn zum einen kann man dabei einen hervorragenden Geiger erleben. 
Zum anderen begeistert Solti als ausgesprochen versierter Klavierpartner. Er begleitet diskret, aber nie defensiv. Der Pianist ist stets präsent, doch er musiziert auch in solistischen Passagen oder bei quasi orchestralem Klaviersatz elegant, in nobler Zurückhaltung. Sehr beeindruckend!