Mittwoch, 26. April 2017

Aksel! Arias by Bach, Handel & Mozart (Signum Classics)

Die Jugend heutzutage singt nicht mehr? Das dies nicht grundsätzlich zutrifft, beweist das britische Label Signum Classics mit dieser CD, die einen exzellenten jungen Sänger vorstellt: Aksel Rykkvin, Jahrgang 2003, bewältigt scheinbar mühelos die schwierigsten Partien. Der Knabensopran singt in Kinderchor der norwegischen Nationaloper und im Knabenchor der Kathedrale von Oslo; er ist aber auch als Solist mittlerweile sehr gefragt. 
Das ist kein Wunder, denn er verfügt über eine schöne und sehr geübte Stimme, die zudem erstaunlich tragfähig ist. Nicht jede Koloratur liegt Aksel Rykkvin gleichermaßen, dennoch beeindruckt die Geläufigkeit, mit der er hier Werke von Bach, Händel und Mozart vorträgt. Fast noch wichtiger aber ist sein phänomenales musikalisches Empfinden. Man höre nur die Arie Jauchzet Gott in allen Landen aus der Kantate BWV 51, mit der diese CD beginnt, das bekannte Lascia ch'io pianga aus Händels Oper Rinaldo oder die beiden Arien aus Mozarts Oper Le nozze di Figaro – das könnte auch ein Erwachsener kaum besser gestalten. Begleitet wird der junge Solist vom Orchestra of the Age of Enlightenment unter Nigel Short. 

Dienstag, 25. April 2017

Glaubensbekenntnisse (Genuin)

Die erste CD des MDR Rundfunk- chores unter seinem neuen künstle- rischen Leiter Risto Joost ist russischer geistlicher Musik gewidmet. Für einen estnischen Dirigenten ist das ein ebenso ungewöhnliches Repertoire wie für die in Leipzig ansässige Sängerschar, die in ihrer Mehrheit ganz sicher nicht dem russisch-orthodoxen Glaubenskreis zugehörig sein dürfte. 
Dort hat der Gesang eine bedeutende Tradition, denn im orthodoxen Gottesdienst werden keine von Menschenhand erbauten Instrumente genutzt. Nur die Stimme, als ein Teil von Gottes Schöpfung, darf dort erklingen. Und so sind im Laufe der Jahrhunderte im Osten großartige Chorwerke entstanden, von denen der Westen so gut wie nichts weiß. Nur selten berühren sich diese doch sehr unterschiedlichen kirchenmusika- lischen Welten. 
„Lang habe ich nicht eine solch liebliche Harmonie gehört“, schwärmte einst ein Zeitgenosse: „So zarte Stimmen! Solch eine Musik! Solch einen Ausdruck auf allen Gesichtern!“ Diese Begeisterung galt der Musik von Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751 bis 1825). Er kam schon als Siebenjähriger nach St. Petersburg, wo er Mitglied der Hofsängerkapelle wurde. Ausgebildet wurde der talentierte Knabe vor allem von Hofkapell- meister Baldassare Galuppi, und als dieser nach Venedig zurückkehrte, durfte sein Zögling ihn begleiten. Zehn Jahre lernte und wirkte Bortnjanski in Italien, bis er 1779 zurückgerufen wurde. 
Zunächst war er als Cembalist bei Hofe tätig; 1784 wurde er dann Kapell- meister des Thronfolgers, für den er unter  anderem Opern komponierte. Nachdem sein Dienstherr als Zar Pawel I. die Herrschaft übernommen hatte, wurde Bortnjanski schließlich Leiter der Hofsängerkapelle, die er auf ein legendäres Niveau brachte. Für dieses Ensemble schuf er zahlreiche liturgische A-cappella-Chorwerke. 
Der Kirchengesang am Zarenhof beeindruckte den preußischen König Friedrich Wilhelm III. derart, dass er Musik für den Gottesdienst nach dem Vorbild Bortnjanskis vertonen ließ. Werke des russischen Komponisten gehörten zudem zum Repertoire sowohl des Berliner Staats- und Dom- chores wie auch etlicher deutscher Kirchenchöre und Gesangsvereine. So prägte Bortnjanski die evangelische Kirchenmusik jener Zeit wesentlich mit – umso erstaunlicher ist es, dass er heute im Westen weitgehend vergessen ist. 
Auf dieser CD sind der Cherubinische Lobgesang Nr. 7 sowie zwei seiner Konzerte zu hören. Diese ausdrucksstarken Werke basieren auf Psalmversen, und verknüpfen den östlichen Chorklang mit westlichen Elementen. Der MDR Rundfunkchor singt Bortnjanskis Musik mit der gewohnten Professionalität. Allerdings ist das Klangbild insgesamt stark durch die Oberstimmen dominiert; die Mittelstimmen wünscht man sich präsenter und die Bässe dominanter. Einen russischen Chor zu imitieren, das wird einem westlichen Ensemble ohnehin nicht gelingen. 
Alfred Schnittke (1934 bis 1998) verbrachte einen großen Teil seines Lebens in der Sowjetunion. Sein Vater, ein jüdischer Journalist aus Frankfurt/Main, der 1926 dorthin floh, und seine Mutter, eine Wolga- deutsche, die als Lehrerin arbeitete, waren Kommunisten, so dass Schnittke zur Kirche zunächst keine Beziehung hatte. 
Schnittke absolvierte seine musikalische Ausbildung in Wien und am Moskauer Konservatorium. Dort unterrichtete er auch selbst, bevor er sich dann ab 1973 aufs Komponieren konzentrierte. In den 70er Jahren begann auch seine Auseinandersetzung mit dem Glauben; Kirchenmusik hat Schnittke aber nur sehr wenig geschrieben. Grundlage seines Concerto für Chor, das auf dieser CD erklingt, ist das Buch der traurigen Lieder des armenischen Mystikers Gregor von Narek aus dem 10. Jahrhundert – ein großer Text, voll Tiefe und Weisheit. Schnittke lässt seine Vertonung zwischen Meditation und dramatischen Ausbrüchen oszillieren. Musika- lisch ist das äußerst spannend, und sängerisch ist das ohne Zweifel eine enorme Herausforderung, die der MDR Rundfunkchor aber ohne Abstriche hervorragend bewältigt. Das ist große Chorkunst. 

Montag, 24. April 2017

Bach: St John Passion (The Choir of King's College)

Auch der King’s College Choir aus Cambridge und die Academy of Ancient Music haben unter Leitung von Stephen Cleobury eine Aufnahme von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion veröffentlicht. Ausgewählt wurde dafür die erste Fassung aus dem Jahre 1724. 
Den Herren Choristern zu lauschen, das ist nicht durchweg ein Vergnügen; Koloraturen insbesondere sind ihre Stärke nicht. Diese Schwäche aber gleicht die Einspielung durch die vorzüglichen Musiker und durch ein exzellentes Solistenensemble wieder aus. Die Sängerinnen und Sänger, wie Sophie Bevan, Sopran, Iestyn Davies, Altus, Ed Lyon, Tenor-Arien oder Roderick Williams, Bass-Arien und Pilatus machen diesen Live-Mitschnitt aus dem King's College interesssant. Als Christus ist Neal Davies zu hören, und wie James Gilchrist die Partie des Evangelisten gestaltet, das ist wirklich großartig. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass sich die Johannes-Passion aus Cambridge letztendlich als ein faszinierendes Hörerlebnis erweist. 

Montag, 17. April 2017

Caldara: Motetti a due o tre voci op. 4 (Pan Classics)

Die Motetti a due o tre voci op. 4 waren die letzten Werke von Antonio Caldara (um 1670 bis 1736), die zu seinen Lebzeiten im Druck erschie- nen sind. Sie wurden 1715 in Bologna veröffentlicht. 1716 übersiedelte der Komponist nach Wien, wo er Vize- kapellmeister am Hofe des Kaisers Karl VI. wurde. 
Wie eng verbunden Europas Kultur- metropolen seinerzeit waren, das zeigt ein Blick in ihre Kunstsamm- lungen – und in die Archive. Ein Exemplar von Caldaras Motetten beispielweise gelangte nach Dresden, wo Jan Dismas Zelenka die Stücke, teilweise mit neu unterlegten Texten, zum Gebrauch im Rahmen der Fastenpredigten einrichtete. 
Sie gehörten wahrscheinlich seit Mitte der 1720er Jahre in Dresden zum Repertoire, das während der vorösterlichen Fastenzeit alljährlich erklang. So dürfte auch Johann Adam Hiller (1728 bis 1804) sie kennengelernt haben, der seine Ausbildung als Kruzianer in Dresden begann. Hiller, der später nach Leipzig ging und letztendlich sogar Thomaskantor wurde, nahm eine dieser Motetten in seine berühmte Sammlung mit auf – was wiederum dazu führte, dass Caldara in die protestantische Kirchenmusik- praxis mit integriert wurde. 
Auf dieser CD sind die zehn Motetten komplett zu hören – eindringlich gesungen von Ingeborg Dalheim, Anna Kellnhofer, Sopran, Franz Vitzthum und Alex Potter, Countertenor, Jan Van Elsacker, Tenor, und Florian Götz, Bariton. Begleitet werden die Sänger vom United Continuo Ensemble, bestehend aus Jörg Meder, Violone, Johannes Hämmerle, Orgel, und Thomas C. Boysen, Theorbe, der auch die Leitung dieses Ensembles inne hat. 
Kombiniert wurden die Motetten mit Orgelwerken niederländischer und norddeutscher Komponisten älterer Generationen – Matthias Weckmann (1618/19 bis 1674), Franz Tunder (1614 bis 1667) und Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621). Johannes Hämmerle spielt sie an der histori- schen Orgel des Schlosses Gottorf. Sehr hörenswert! 

Graupner: Das Leiden Jesu (cpo)

Fast 50 Jahre leitete Christoph Graupner (1683 bis 1760) die Darmstädter Hofkapelle. Der Musiker, der unter Johann Schelle und Johann Kuhnau an der Thomasschule in Leipzig gelernt und anschließend an der Pleiße Jura studiert hatte, wurde nach einem kurzen Intermezzo in Hamburg 1709 durch Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt engagiert. Wenig später ernannte ihn sein Dienstherr zum Hofkapellmeister, und als Graupner sich später auf Empfehlung seines Freundes Telemann um das Amt des Thomaskantors bewarb, ließ ihn der Landgraf nicht gehen. 
So blieb Graupner also in Darmstadt bis ans Ende seiner Tage, und schuf großartige Musik, die nach seinem Tode in Vergessenheit geraten ist. Ein glücklicher Zufall sorgte aber dafür, dass die Werke des Komponisten nahezu geschlossen ins landgräfliche Archiv kamen. Dort haben sie die Zeiten überdauert, so dass sie heute allmählich wieder einem staunenden Publikum vorgestellt werden können. 
Wer die Bestände kennt, der weiß, dass da noch so manche Überraschung wartet. Denn Graupners Musik ist nicht nur ausgesprochen originell. Kaum ein zweiter Komponist hat sich zudem so flexibel auf die Fähigkeiten seiner Musiker eingestellt – und derart interessiert auf Anregungen reagiert. Aus seiner Lebensstellung in Darmstadt heraus beobachtete Graupner, was seine Kollegen komponierten, immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. So entwickelte er seine Musik weiter – von ausgesprochen barocken Formen bis hin zu Klängen, die man eher der Frühklassik zuordnen würde. 
Wie Graupner mit Instrumentierung und Klangfarben experimentierte, das lässt sich sehr schön am Beispiel seiner Kantaten beobachten. Die ersten drei der zehn Passionskantaten, die der Komponist im Jahre 1741 für den landgräflichen Gottesdienst geschaffen hat, sind nun bei cpo erschienen. Florian Heyerick hat sich mit seinem Originalklang-Orchester Mann- heimer Hofkapelle sowie dem Solistenensemble Ex Tempore die Wiederentdeckung dieses Kantatenschatzes auf die Fahnen geschrieben, und man darf davon ausgehen, dass weitere Folgen schon bald vorliegen werden. 
Das lohnt sich durchaus; schon die erste Kantate, Erzittre, toll und freche Welt, die den Hörer an die Seite des verzagenden Jesus in den Garten Gethsemane führt, ist ein klangmalerisches Kabinettstück. Hier zeigt sich Graupners besondere Gabe, durch den geschickten Einsatz der jeweils verfügbaren Instrumente ganz erstaunliche Effekte zu erzielen. So ist das Zittern schon zu hören, bevor Tenor Jan Kobow auch nur einen Ton gesungen hat – eine beeindruckende Form der musikalischen Andacht, die von den Musikern der Mannheimer Hofkapelle lustvoll zelebriert wird. 

Samstag, 15. April 2017

Neukomm: Requiem à la mémoire de Louis XVI (Alpha)

Als der Wiener Kongress 1814/15 über die Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons beriet, gedachten die Beteiligten mit einer feierlichen Messe auch des Königs Ludwig XVI., der 1793 in Paris guillotiniert worden war. Die Musik für dieses Totengedenken lieferte Sigismund Ritter von Neukomm (1778 bis 1858), der Hauskomponist Talleyrands. 
Es ist erstaunlich, aber dieser Musiker ist heute nahezu vergessen. Dabei war er zu Lebzeiten auf drei Kontinenten tätig, und enorm erfolgreich. Sigismund Neukomm, der Sohn eines Salzburger Lehrers, war ein Wunderkind. Im zarten Alter von vier Jahren soll er bereits fließend gelesen haben; wenig später begann seine musikalische Ausbildung. So erlernte der Knabe das Orgelspiel beim Domorganisten Franz Xaver Weissager. Er musizierte zudem auf Streich- und Blasinstrumenten, und erhielt Unterricht in Harmonielehre bei Michael Haydn. 
Als er 16 Jahre alt war, wurde Neukomm Titularorganist der Salzburger Universitätskirche; außerdem war er als Korrepetitor am Theater tätig. 1797 ging er schließlich mit einer Empfehlung seines Lehrers Michael Haydn nach Wien, wo er erst Schüler und bald auch Mitarbeiter Joseph Haydns wurde. Für diesen erstellte er beispielsweise die Klavierauszüge der Oratorien Die Schöpfung und Die Jahreszeiten
Außerdem unterrichtete Neukomm; seine wohl bekanntesten Schüler waren Franz Xaver Wolfgang und Carl Thomas Mozart. Das Werk von Wolfgang Amadeus Mozart schätzte Neukomm übrigens sehr – und nach dem Tode Joseph Haydns 1809 stiftete er diesem den Grabstein. 
Der Musiker war ausgesprochen reisefreudig. Er wirkte als Kapellmeister in St. Petersburg und in Rio de Janeiro; wenn er nicht unterwegs war, dann lebte er zumeist in Paris. Im Laufe seines langen Lebens schuf Neukomm unglaublich viele Musikstücke, von der Oper bis zum Klavierkonzert und vom Lied bis zum Oratorium. Sein ebenso umfangreiches wie qualitätvolles Lebenswerk ist im Konzertsaal allerdings derzeit faktisch nicht präsent. Die französische Nationalbibliothek besitzt etwa 2.000 Manuskripte des Komponisten, doch dieser Bestand soll bislang schlecht erschlossen sein. Noteneditionen sind rar. 
Umso mehr freut diese Einspielung der Trauermusik, die einst in Wien zum Gedenken an den hingerichteten König von Frankreich erklungen ist. Neukomms Musik ist imposant, und dabei ausgesprochen nobel und elegant. Jean-Claude Malgoire hat diese Trauerklänge mit dem Ensemble La Grande Écurie et la Chambre du Roy sowie dem Chœur de Chambre de Namur würdig eingespielt. Clémence Tilquin, Yasmina Favre, Robert Getchell und Alain Buet sind in den Solopartien zu hören. Musiziert wird voll Respekt, sehr gekonnt und historisch authentisch – so erklingen beispielsweise eine Ophicleide, ein auch von Mendelssohn, Berlioz, Verdi und Wagner verwendetes Blechblasinstrument, das später im Orchester durch die Tuba ersetzt wurde, und ein Tamtam, ein großer Gong unbe- stimmter Tonhöhe, der aus Ostasien stammt und in Frankreich seit dem Ende des 18. Jahrhunderts gezielt als Effektinstrument bei Trauermusiken eingesetzt wurde. 
Neukomms Trauermusik ist ein Werk mit einer einzigartigen Aura. Dieses Requiem, das der Komponist ursprünglich zu Ehren seiner Lehrer, der Gebrüder Haydn und des Organisten Weissager, zu Papier gebracht hatte, gehört für mich zu den schönsten Werken der Funeralmusik überhaupt. Was für eine Entdeckung! 

Donnerstag, 13. April 2017

Pergolesi: Adriano in Siria (Decca)

Ein einziger fauler Apfel kann einen ganzen Keller voll Obst verderben – wenn er nicht rechtzeitig erkannt und entfernt wird. Damit lässt sich auch die Handlung dieser langen Oper kurz beschreiben, in der ein Tribun namens Aquilio ohne Rücksicht versucht,  seine Interessen durchzu- setzen. 
Im Mittelpunkt steht eine junge Dame, die Emirena heißt und dem parthischen Fürsten Farnaspe versprochen ist, sich aber nun nach der Niederlage ihres Vaters Osroa in der Hand des siegreichen Kaisers Adriano befindet. Hadrian wiederum – unter diesem Namen ist der Römer uns bekannt – hat sich in die schöne Gefangene verliebt, obwohl er eigentlich mit der römischen Edelfrau Sabina verlobt ist. Diese wiederum möchte Aquilio für sich gewinnen, und dazu ist ihm jede Intrige und jeder Vertrauensbruch recht. 
In seinem Libretto Adriano in Siria hat Pietro Metastasio aus dieser Konstellation drei komplette Akte lang eine komplizierte Geschichte mit allerlei Irrungen und Wirrungen erdacht. Giovanni Battista Pergolesi (1710 bis 1736) nutzte Metastasios Text, als er 1734 im Auftrag für Karl, den König von Neapel, eine Oper zum Geburtstag seiner Mutter Elisabetta Farnese, Königin von Spanien, komponierte. Berühmt ist Pergolesi bis zum heutigen Tag als Schöpfer der Opera buffa La serva padrona sowie des populären Stabat mater. Dass der Komponist seinerzeit auch und vor allem für seine Opere serie gefeiert wurde, ist hingegen ein wenig in Vergessen- heit geraten. 
Jan Tomasz Adamus hat sich mit der Capella Cracoviensis und einem handverlesenen Solistenensemble nun einer dieser Opern zugewandt. Pergolesi schuf Adriano in Siria für grandiose Stimmen. So entstand die Partie des Farnaspe für Gaetano Majorano, bekannter unter dem Namen Caffarelli, ausgebildet durch Nicola Porpora. Dieser Kastrat galt seinerzeit als bester Sänger Italiens – und entsprechend umfangreich und anspruchs- voll ist sein Gesangspart. 
Den Adriano und seinen Vertrauten Aquilio übernahmen zwei Sopranistin- nen, die auf Hosenrollen spezialisiert waren. Auch die beiden Frauenrollen sind für Sopran geschrieben, und sie fordern neben vokaler Virtuosität durchaus auch Ausdruckstärke. Den Osroa schließlich sang ein hervor- ragender Tenor. 
Diese Besetzung mit fünf Sopranen und einem Tenor, zwei Männern und vier Frauen, erscheint in einem Zeitalter seltsam, in dem die Heldinnen auf der Bühne tunlichst nicht nur gut singen sollten, sondern auch möglichst wie ein Model jung und schlank aussehen müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen (wahrscheinlich ist das Publikum heutzutage in seiner optischen Wahrnehmung geschulter als im Zuhören). Auch sind seit einigen Jahren wieder zahlreiche Countertenöre verfügbar, die mitunter selbst hohe Partien übernehmen können. 
Und so singt hier an der Seite von Franco Fagioli, der sich an die höchst schwierige Partie des Farnaspe wagt, der junge ukrainische Countertenor Juri Mynenko als Adriano. Der Aquilio hingegen blieb mit einer Frauen- stimme besetzt, mit der jungen türkischen Sängerin Çiğdem Soyarslan. Den Osroa, König der Parther, singt Juan Sancho; in den Rollen der Emirena und der Sabina sind Romina Basso und Dilyara Idrisova zu hören. 
Die Capella Cracoviensis musiziert auf historischen Instrumenten – mun- ter, mitunter auch emotionsgeladen, dabei aber stets klangschön. Wer Lust hat auf vokale Ausnahmeklänge, auf die hochartifizielle Gesangskunst einer längst versunkenen Opernkultur, die nunmehr schrittweise wieder rekonstruiert wird, der sollte sich insbesondere die Arien mit Franco Fagioli anhören. Es dürfte auf der ganzen Welt derzeit keine drei Sänger geben, die in der Lage sind, eine solche Partie live und ohne Striche zu bewältigen.

Mittwoch, 12. April 2017

Bach: Johannes-Passion (MDG)

Rainer Johannes Homburg hat mit „seinen“ Stuttgarter Hymnus-Chor- knaben die Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach eingespielt. Dabei entschied sich der erfahrene Kirchenmusiker für die vierte und letzte Version, aus dem Jahre 1749. In dieser verwarf Bach etliche Glättungen und kehrte „zur 25 Jahre alten Urfassung zurück“, so Hom- burg: „Nur die Instrumentation ist nun reicher, insbesondere die Continuo-Gruppe erweitert bis zum Kontrafagott. Diese Fassung ist hier aufgenommen.“ 
Neben namhaften Solisten – besonders beeindrucken hier Veronika Winter mit ihrem schlanken, klangschönen Sopran und Andreas Post, Tenor, der sowohl die Arien als auch die Partie des Evangelisten klug gestaltet – wirkte an der Aufnahme, die im Mai 2016 aufgezeichnet worden ist, auch die Handel's Company mit. Dieses Instrumentalensemble hat Homburg 1999 mit gegründet, um „Alte“ Musik stilecht aufführen zu können. Es musiziert auf historisch jeweils passenden Instrumenten und  orientiert sich an der jeweiligen Aufführungspraxis – verzichtet aber auf den klanglichen Purismus, den „Originalklang“-Ensembles mitunter gern pflegen. 
Im Vordergrund steht hier der Ausdruck von Affekten. „Historische Instrumente? So selbstverständliche Voraussetzung interpretatorischen Denkens, dass sie allein schon lange keine Antwort mehr sind“, meint Homburg in seinem Geleitwort zu dieser CD: „Was man mit ihnen macht, entscheidet.“ Bei dieser Aufnahme stellt er die Expressivität von Bachs Musik in den Mittelpunkt der Interpretation, und die jungen Chorsänger folgen ihm dabei mit Begeisterung und Können. Selbst schwierigste Koloraturen singen die Hymnus-Chorknaben erfreulich sicher und blitzsauber. So bleiben musikalische Strukturen auch in den großen Chören stets klar erkennbar. Und die Instrumentalisten sorgen dafür, dass auch Bachs klangliche Finessen gebührend zur Geltung kommen. Eine derart farbenreiche Continuo-Gruppe beispielsweise dürfte selbst den Thomas- kantor entzückt haben. Faszinierend! 

Montag, 10. April 2017

Fauré/Messager: Messe des pêcheurs de Villerville, Bach/Pergolesi: Tilge, Höchster, meine Sünden (Rondeau)

Wer bei den beiden Werken,die auf dieser CD zu hören sind, meint, er hätte diese Musik doch schon ander- weitig gehört, der hat vollkommen recht. Die Messe des pêcheurs de Villerville haben Gabriel Fauré und André Messager gemeinsam geschaffen. Der Komponist und sein Schüler waren in dem Fischerdorf des öfteren zu Gast; 1881 schufen sie ein Werk, das von Dorfbewohnern zusammen mit Sommergästen in der Dorfkirche aufgeführt wurde, begleitet von Harmonium und einer Geige. Die Kollekte, die dabei eingesammelt wurde, kam den Fischern und ihren Familien zugute. 
Im darauffolgenden Jahr waren deutlich mehr Musiker anwesend, was dazu führte, dass die Instrumentalbegleitung der verfügbaren Besetzung angepasst wurde. Auf dieser CD musizieren Eva Ludwig, Flöte, Nikolaus Kolb, Oboe, Sharon Kam, Klarinette, Birte Päplow und Saskia Rohde, Violine, Johanna Held, Viola, Ute Sommer, Violoncello, Heinrich Lade- mann, Kontrabass, und Ulfert Smidt, Orgel. 
Im Jahre 1907 verwendete Fauré diese Musik noch einmal: Die Messe basse ist ohne jeden Zweifel eine Variante der Fischermesse – noch schlichter und vielleicht sogar edler als das Original, das einst in der Sommerfrische entstanden ist. 
Im Parodieverfahren verwandelte 1746/47 Johann Sebastian Bach das Stabat mater von Giovanni Battista Pergolesi in eine Vertonung von Psalm 51. Er brachte die Musik des Italieners, die ihn inspirierte, vor seine Gemeinde – indem er sie für den evangelischen Gottesdienst tauglich machte. 
Für Tilge, Höchster, meine Sünden BWV 1083 wagte Bach aber weit mehr als nur die behutsame Anpassung auf einen neuen Text. Er veränderte Pergolesis Musik mit der offenkundigen Absicht, den Psalmtext musika- lisch auszudeuten. Dies zog stellenweise doch recht deutliche Eingriffe nach sich. So ersetzte Bach lange Notenwerte durch Melismen und überarbeitete auch die Begleitung umfangreich. Allerdings bleibt das Original immer präsent; Bach hat es, bei aller Umdeutung, ausgesprochen respektvoll behandelt. 
Der Mädchenchor Hannover singt die beiden Werke sehr hörenswert. Chorleiterin Gudrun Schröfel führt die jungen Sängerinnen mit sicherer Hand – und auch ungemein stilsicher. So erhält jedes Musikstück seinen individuellen Charakter. Faurés Messe des pêcheurs de Villerville erklingt eindringlich und innig, BWV 1083 klar akzentuiert und affektgeladen. Die Soli singen Ania Vegry, Sopran, und Mareike Morr, Alt; das Arte Ensemble musiziert gemeinsam mit dem Marktkirchenorganisten Ulfert Smidt. Eine gelungene Kombination zweier Raritäten. 

Montag, 3. April 2017

Brahms: The Complete Solo Piano Music, Vol. 3 (BIS)

„Der ernste, schweigsame Brahms, der echte Jünger Schumanns, norddeutsch, protestantisch und unweltlich wie dieser, schreibt Walzer?“, verwunderte sich einst Musikkritiker Eduard Hanslick. Jonathan Plowright hat für die dritte Folge seiner Brahms-Gesamtein- spielung die 16 Walzer op. 39 ausgewählt – höchst vergnügliche, und dabei facettenreiche Werke, die mit den Erwartungen des Zuhörers wie auch des Musizierenden spielen. Soviel Humor hätte man Johannes Brahms gar nicht zugetraut, zumal dieser die Walzer ganz offenkundig zum Verkauf an das geneigte Publikum geschrieben hat: Die erste Fassung entstand für Klavier zu vier Händen, und dann folgten noch einmal zwei Varianten für Klavier solo nach, wobei der Komponist eine davon ganz bewusst vereinfacht hat. 
Temperament zeigt Brahms aber auch bei den Variationen über ein unga- risches Lied op. 21 Nr.2. Durch seine Freundschaft und Zusammenarbeit mit dem Geiger Eduard Reményi lernte er Zigeunermelodien kennen und schätzen – Plowright zeigt, wie raffiniert und virtuos Brahms diese Klänge in seine Werke integriert hat. Wer eher den norddeutsch-nüchternen Brahms schätzt, für den enthält diese CD die Capricci und Intermezzi op. 76 sowie die Sechs Klavierstücke op. 118 – herb bis dramatisch, doch auch innig, kühn und erstaunlich modern. Plowright demonstriert dabei große Klavierkunst; auf die Fortsetzung dieser Gesamtaufnahme darf man schon jetzt sehr gespannt sein. 

Sonntag, 2. April 2017

Fritz Wunderlich (BR Klassik)

Noch einmal Fritz Wunderlich: Auf dieser CD, die von BR-Klassik anlässlich seines 50. Todestages veröffentlicht wurde, sind bislang nicht veröffentlichte Rundfunkauf- nahmen aus den Jahren 1959 bis 1965 zu hören. Die Mitschnitte eini- ger Münchener Sonntagskonzerte und die Studioaufnahmen des Bayerischen Rundfunks zeigen den Sänger auf dem Höhepunkt seiner künstlerischen Laufbahn, die dann leider viel zu früh beendet war. 
Diese CD zeigt, dass Wunderlich auch die sogenannte „leichte Muse“ nicht verschmähte. Im Gegenteil – mit seinen überragenden Fähigkeiten und seinem unverwechselbaren Timbre engagierte sich der Tenor für die Operette oder die deutsche Spieloper. So dürfen wir ihn noch heute auf dieser CD hören mit bekannten Melodien wie Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen aus Albert Lortzings Zar und Zimmermann, Horch, die Lerche singt im Hain aus Die lustigen Weiber von Windsor von Otto Nicolai sowie Liedern aus einst sehr populären Operetten von Franz Lehár, Johann Strauß, Leo Fall und Eduard Künnecke – und natürlich mit Robert Stolz' berühmtem Hit Ob blond, ob braun, ich liebe alle Frau'n
Wunderlich singt all dies mit der gleichen Intensität und Sorgfalt, mit der er auch Mozarts große Tenorpartien gestaltete. Selbst Schlager klingen, wenn der Tenor sie vorträgt, gar nicht kitschig und albern. An vielen kleinen Details wird man immer wieder feststellen, was für ein großer Sänger Fritz Wunderlich war – und welch ein Verlust sein früher Tod nach einem Treppensturz 1966. 

Samstag, 1. April 2017

Fritz Wunderlich Schlager aus den 50ern / Festliche Arien (SWR Music)

Fritz Wunderlich war ein Phänomen. Im Beiheft zu dieser CD kann man erfahren, dass der Tenor in Kindheit und Jugend eine harte Schule erlebte. Denn schon als Kind musizierte er gemeinsam mit seiner Mutter und seiner Schwester – um Geld zu verdienen; der Vater war mit einer Gastwirtschaft gescheitert und hatte sich das Leben genommen, als Fritz fünf Jahre alt war. 
„Ich habe mein Studiengeld bei der Tanzmusik verdient“, berichtete der Sänger später in einem Interview. „Ich hab also Jazz gemacht, ich habe Trompete geblasen, ich habe Akkordeon gespielt, ich habe Jazz gesungen, nachts, am nächsten Morgen bin ich zum Studium gegangen und habe alte Arien gesungen.“ 
Schon 1953 holte Willi Stech Wunderlich erstmals ins Studio des Südwest- funks, wo innerhalb weniger Jahre etliche Aufnahmen mit dem Sänger entstanden. Solche alten Schätze hat der SWR nun aus den Tonarchiven geholt und sorgsam remastert, so dass sie heutigen Ansprüchen genügen. Auf dieser Doppel-CD kann man Fritz Wunderlich nun also als Schlager- sänger und mitunter sogar als Trompeter hören. Die Schlager aus den 50er und 60er Jahren allerdings haben musikalisch ein etwas anderes Kaliber, als man das heute gewohnt ist; sie sind nahe Verwandte der Operettenlieder, und dieses Genre ist für Sänger alles andere als einfach – auch wenn es dann letztendlich in der Vorstellung mühelos klingen muss. 
Wie er in jenen frühen Jahren die „alten Arien“ gesungen hat, das belegt eine weitere CD mit Aufnahmen, die zwischen 1955 und 1959 entstanden sind. Zu hören sind Rezitative sowie eine Arie aus Bachs Weihnachts- oratorium, aufgezeichnet bei einer Aufführung 1955 in der Stuttgarter Markuskirche, zwei Weihnachtsmotetten von Heinrich Schütz und zwei Kantaten von Dieterich Buxtehunde und Georg Philipp Telemann sowie Ausschnitte aus Händels Messias. Dieser Mitschnitt von 1959 macht deutlich, welch rasante Entwicklung der Sänger innerhalb weniger Jahre genommen hat: Die Stimme gereift, die Technik exzellent, und der Vortrag zunehmend differenzierter. 
Zehn Folgen soll die Wunderlich-CD-Serie einmal umfassen, und alle Bereiche seines Wirkens – von Schlagern und Operetten, über „Alte“ Musik bis hin zu Werken des 20. Jahrhunderts. Man darf sehr gespannt sein auf die Entdeckungen, die da noch kommen werden. 

Freitag, 31. März 2017

Haydn: String Quartets; Goldmund Quartett (Naxos)

„Haydns Fantasie ist scheinbar grenzenlos. Von seinen über
80 Quartetten ist eines schöner als das andere. In den Werken zeigen sich wirklich alle denkbaren Charak- tere und Empfindungen. Seine zahl- reichen Ideen erfordern vom Musiker viel Liebe zum Detail. Vor allem von den Mittelstimmen wird in dieser Hinsicht hohe Aufmerksamkeit ver- langt. Aber es lohnt sich“
, schwärmt Pinchas Adt, zweiter Geiger im Gold- mund-Quartett. 

Florian Schötz, Pinchas Adt, Christoph Vandory und Raphael Paratore haben bereits während der Schulzeit gemeinsam musiziert: „Als wir in den letzten Schuljahren waren, hat unser damaliger Musiklehrer uns ermutigt, ein Quartett zu gründen und erste Auftrittsmöglichkeiten organisiert“, berichtet Paratore von den Anfängen. Ein Streichquartett von Joseph Haydn war auch das erste Stück, das die jungen Musiker gemeinsam erarbeitet haben. 
Die Entscheidung, ausgerechnet seine Werke für ihr Debüt einzuspielen, fiel wohlüberlegt: „Intonation, Artikulation, Phrasierung, Balance – eigentlich alle Parameter, die ein gepflegtes Quartettspiel benötigt, findet man bei Haydn“, meint Schötz. „Vielleicht kann man sagen, dass es nach Haydn wenige Werke für Streichquartett gibt, die die Qualität eines Ensembles so transparent spiegeln.“ 
Ausgewählt haben die Vier mit op. 1 Nr. 1 eines seiner frühesten Quartette, ein mittleres – op. 33 Nr. 5 – und ein spätes, op. 77 Nr. 1. Und dem Anspruch, den auch das CD-Coverfoto deutlich macht, wird das Goldmund-Quartett durchaus gerecht: Ja, die jungen Musiker haben mit dieser Ein- spielung einen Gipfel erobert. Auf die nächsten Aufnahmen dieses brillan- ten Ensembles, das alle Schwierigkeiten scheinbar mühelos meistert, das frisch und mit ebensoviel Humor wie Überlegung musiziert, darf man sehr gespannt sein.  Bravi! 

Schmierer: Zodiaci Musici (Accent)

Kann ein Mensch, der Schmierer heißt, gute Musik komponieren? Was für eine Frage! Wenn es um Johann Abraham Schmierer (um 1660 bis nach 1700) geht jedenfalls, dann gilt keineswegs „Nomen est omen.“ Petr Wagner hat sich nun mit seinem Ensemble Tourbillon an Werke des Komponisten gewagt – und demon- striert, wie überaus hörenswert diese sind. 
Über den Lebensweg Schmierers ist nicht viel bekannt. Es wird vermutet, dass er aus Augsburg stammt; zumindest sang er dort als Diskantist in der Domkapelle. Im Sommer 1680 endete sein Dienst dort; er erhielt ein Stipendium, und studierte zunächst in Dillingen Philosophie und dann ab 1682 an der Universität Salzburg Jura. 
1697 wurde Schmierer dann in einem Augsburger Sitzungsprotokoll als Gräffl. Fuggerisch gemeinschaftlicher Archivarius genannt. Ein Jahr später erschien in Augsburg der erste Teil der Zodiaci musici; ein zweiter Teil wurde 1710 im Katalog der Frankfurter Fastenmesse angekündigt. Ob dieser Druck jemals erschienen ist, das lässt sich aber nicht mit Sicherheit sagen – bislang wurde leider noch kein Exemplar aufgefunden. 
So beschränkt sich das Ensemble Tourbillon auf die ersten sechs Suiten dieser Ballettmusik, die sich offenbar an den zwölf Tierkreiszeichen orientiert – auch wenn Experten astrologische Bezüge nicht feststellen konnten. Es wird daher vermutet, dass die Titelwahl eher Werbezwecken diente; auch andere Komponisten zeigten sich dabei seinerzeit sehr einfallsreich. 
Die Musik von Johann Abraham Schmierer klingt, als wäre Jean-Baptiste Lully sein Lehrer gewesen. Die Besetzung, ursprünglich vorgesehen waren vier Streicher und Cembalo ad libitum, hat das Ensemble Tourbillon deut- lich erweitert, vor allem bei den Continuo-Instrumenten, wo insbesondere Theorbe und Gitarre klanglich für Abwechslung sorgen. In den tiefen Streicherpart teilen sich Viola da gamba, Violoncello und Fagott. Auch Violinen ersetzten die Musiker um Petr Wagner gelegentlich durch Holz- bläser, was klanglich Abwechslung bringt. Musiziert wird mit Eleganz und Esprit – eine wirklich gelungene Einspielung. 

Donnerstag, 30. März 2017

Ani & Nia Sulkhanishvili Piano Duo (Oehms Classics)

Die Zwillingsschwestern Ani und Nia Sulkhanishvili haben sich schon in jungen Jahren dem Klavier ver- schrieben. Hört man sie heute als Klavierduo musizieren, dann mag man kaum glauben, dass sie nicht schon als Kinder gemeinsam gespielt haben. 
Doch erst in ihrem 13. Lebensjahr entdeckten die Mädchen durch einen Zufall die Petite suite von Claude Debussy – für Klavier zu vier Händen. Und dieses Erlebnis hat sie so begeistert, dass die beiden Georgierinnen ihre Professorin überzeugten, sie fortan nicht nur solistisch, sondern auch als Klavierduo zu unterrichten. 
Mittlerweile haben die jungen Damen etliche Wettbewerbe gewonnen. Beim 64. Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2015 in München haben die Schwestern den zweiten Platz belegt – und konnten mit ihrer außergewöhnlichen Darbietung zudem Oehms Classics für eine CD-Produktion gewinnen. 
Zu hören sind die Legenden für Klavier zu vier Händen op. 59 von Antonín Dvořák und die Rhapsodie espagnole von Maurice Ravel, ebenfalls in einer Fassung für Klavier zu vier Händen. Die beiden Werke entstammen nicht nur geographisch betrachtet höchst unterschiedlichen Gegenden. So trifft Böhmen auf Spanien, wie es allerdings ein Franzose sah. Auch klanglich sind sie höchst verschieden, und Dvořáks Musik erscheint vom Charakter her lang nicht so orchestral wie Ravels Werk. 
Ani und Nia Sulkhanishvili gestalten daher auch ihre Interpretation sehr differenziert. Vom feinsten Pianissimo bis zum knalligen Akzent und mit einer großen Palette an Klangfarben spüren sie den Absichten der beiden Komponisten nach. Von diesem Klavierduo wird in Zukunft ohne Zweifel noch so manches zu hören sein. 

Mozart: Divertimenti (Linn)

Zwar sind es „nur“ Gelegenheits- kompositionen, aber dennoch sind die Bläser-Divertimenti von Wolf- gang Amadeus Mozart mit das Schönste, was er jemals geschrieben hat. In ihnen verknüpft er erstklas- sige Unterhaltung, für die Zuhörer, mit faszinierender musikalischer Substanz; die Bläser, für die diese Werke einst entstanden sind, müssen ihre Instrumente virtuos beherrscht haben. 
Das lässt sich auch von den Scottish Chamber Orchestra Wind Soloists sagen, die Mozarts Divertimenti KV 253, 270, 252/240a und 240 sowie die Serenade KV 375 nun kunstfertig eingespielt haben. Maximiliano Martín und William Stafford, Klarinette, Alec Frank-Gemmill und Harry Johnstone, Horn, sowie Peter Whelan und Alison Green, Fagott, musizieren schwungvoll, lebendig und phantastisch aufeinander abgestimmt. Die Super Audio CD, die bei dem schottischen Hifi-Label Linn erschienen ist, begeistert zudem mit einem wunderbar transparenten Klang. Unbedingt anhören! 

Dienstag, 28. März 2017

Besuch im Zoo (Genuin)

Besuch im Zoo“ gehörte einstmals, als wir noch Kinder waren, zu unseren absoluten Lieblingsplatten. Pony Hopp, Teddy Brumm, der auf einem Bein stehende Storch und der Elefant, der das Trompetensolo zum Tierkonzert besteuern kann, waren unsere Favoriten unter den vielen, vielen humorvollen Tierliedern. Hans Sandig (1914 bis 1989), der Gründer des Leipziger Rundfunk-Kinder- chores, hat diese Zookantate seiner- zeit für dieses Ensemble auf Texte von Richard Hambach komponiert. (Und wer den Leipziger Zoo kennt, der weiß, welch großartiges Vorbild er dabei vor Augen hatte.) 
Mit „seinem“ Rundfunk-Kinderchor hat Sandig das Werk dann natürlich auch eingespielt. Nun wagte sich der Nachfolger, der MDR Kinderchor, an eine Neueinspielung der Kantate. Es singt der Nachwuchschor 2 unter Leitung von Wieland Lemke – und man muss leider feststellen, dass diese Aufnahme an das Sandig-Original nicht heranreicht. Das ist alles ein wenig zu brav und farblos geraten, und die Balance zwischen den kleinen Sängern und Sprechern und dem Instrumentalensemble „Tierisch musika- lisch“ stimmt ebenfalls nicht; die Musiker sind mir zu laut. Schade! 
Ergänzt wird das Programm durch die Weltersteinspielung von Hans Sandigs später Winterkantate nach Texten von Christian Morgenstern, gesungen vom Konzertchor, also den älteren und bereits erfahrenen Mitgliedern des MDR Kinderchores, unter Leitung von Ulrich Kaiser. Am Klavier begleitet werden die jungen Sängerinnen und Sänger von Christian Otto, und Wieland Lemke ist hier mit einem Bariton-Solo zu hören. Auch wenn die Vertonungen nur ein- bis zweistimmig sind, so sind sie doch keineswegs simpel. Denn Sandig setzte in seinem Morgenstern-Zyklus auf eine relativ moderne Tonsprache. Dem Konzertchor bereitet dies keine Probleme – und das ist eindeutig der spannendere Teil dieser CD. 

"Les Bis" de Georges Athanasiadès (Tudor)

Georges Athanasiadès, Jahrgang 1929, wirkt seit vielen Jahren in der Abtei Saint-Maurice. Dieses Kloster der Augustiner-Chorherren, es befindet sich im Kanton Wallis in der Westschweiz, gilt als das älteste Kloster des Abendlandes, das ohne Unterbrechung existierte – 2014/15 feierte es sein 1500jähriges Bestehen. Als Priester unterrichtete Athanasia- dès lange am dortigen Gymnasium. 
Doch er ist nicht nur Germanist und Theologe, er hat in Lausanne auch Musik studiert und sein Solisten- diplom mit Auszeichnung absolviert. Als Organist der Stiftsbasilika Saint-Maurice musiziert Athanasiadès nicht nur im Gottesdienst; er gibt zudem weltweit Konzerte, engagiert sich für den musikalischen Nachwuchs und ist ein gefragter Berater, wenn es um Neubau und Restaurierung von Orgeln geht. 
Auf dieser CD präsentiert er nun seine Lieblingszugaben: „Une très longue carrière de concertiste m'a suggéré de grouper un certain nombre de mes encores sous le titre ,Les Bis'“, schreibt Athanasiadès. In seinem Begleit- wort zu dieser CD verweist er auf die Geschichte der Orgel, die ja keines- wegs schon immer ihren Platz im sakralen Raum hatte. Und auch heute wird auf diesem Instrument nicht nur genuin geistliche Musik gespielt; der Farbenreichtum und der orchestrale Charakter des Orgelklanges laden geradezu dazu ein, auch beispielsweise Orchestermusik vorzutragen. 
Und so steht auch hier beispielsweise Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach neben dem Pilgerchor aus der Oper Tannhäuser von Richard Wagner, und die Sonate facile KV 545 von Wolfgang Amadeus Mozart erklingt neben drei Préludes von Frédéric Chopin – arrangiert ebenso wie Wagners Pilgerchor für Orgel übrigens von Franz Liszt. Herzlich tut mich verlangen von Johannes Brahms spielte der Organist an der Orgel der Stiftsbasilika Waldsassen in Bayern; ansonsten ist die Große Orgel der Stiftsbasilika zu hören. Dieses facettenreiche Instrument, eingeweiht 1950, stammt von der Orgelbau Th. Kuhn AG, Männedorf im Kanton Zürich. Es verfügt über 56 Register auf drei Manualen und Pedal. 

Montag, 27. März 2017

C.P.E. Bach: 4 Symphonies Wq 183 6 Sonatas Wq 184 (Es-Dur)

Die vier Orchestersinfonien Wq 183 und die sechs Kleinen Sonaten für Bläser Wq 184 von Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) hat das Ensemble Resonanz auf dieser CD zusammengefasst. Das ist eine interessante Kombination. Denn die Kleinen Sonaten, entstanden 1775, künden vom verstärkten Interesse des Komponisten am Bläserklang. Besetzt sind sie jeweils mit zwei Flöten, zwei Klarinetten, zwei Hörnern und Fa- gott. Die Sonaten 1, 2, 3, und 5 sind Bearbeitungen älterer Trios, Wq 92. Bachs Hinwendung zu den Bläsern folgt einerseits dem Zeitgeist – um 1770 kam die sogenannte Harmonie- musik, komponiert typischerweise für Bläseroktett, groß in Mode. 
Dieses Experiment wirkt aber darüberhinaus wie die Vorbereitung auf ein wesentlich komplexeres Projekt, das Bach im gleichen Jahr begonnen hat: In seinen Orchestersinfonien Wq 183 spielen ebenfalls Bläser mit; noch die Hamburger Sinfonien Wq 182 waren für reines Streichorchester ent- standen. Wir erleben somit die ersten Schritte auf dem Weg zum modernen Orchester – zwar lang noch nicht mit der vollen Bläserbesetzung, wie wir sie heute kennen, dafür aber noch mit Cembalo, an dem wir uns Carl Philipp Emanuel Bach denken können, wie er seine Musiker dirigiert. 
Im empfindsamen Zeitalter löste Einfühlung das barocke Musikverständnis ab, das die Musik als eine rhetorische Kunst betrachtete, die auch der Mathematik durchaus nahe war. Der „Hamburger“ Bach hingegen wollte weniger den Verstand als vielmehr das Herz seiner Zuhörer ohne Umwege ansprechen. Und so zündet er auch in diesem Sinfonien ein wahres Gefühlsfeuerwerk. 
Das Ensemble Resonanz lässt, dirigiert von Riccardo Minasi, jede einzelne Rakete genussvoll aufleuchten. Die Musiker zeigen, wie dramatisch Bachs Werke teilweise sind, wie kühn, innovativ und farbenreich – und mitunter auch mitreißend heiter. So energisch und konsequent hört man das selten; das ist Sturm und Drang auch in der Interpretation. Faszinierend! 

Sonntag, 26. März 2017

Ferdinand Fischer - From Heaven on Earth (Challenge)

„Als ich vor einigen Jahren das Benediktinerstift Kremsmünster in Oberösterreich besuchte, um die dort verwahrten Lauten zu sehen, konnte ich noch nicht ahnen, dass dieser Besuch mein Leben als Laute spielender Musiker von Grund auf verändern würde“, berichtet Hubert Hoffmann im Geleitwort zu dieser CD. Der Lautenist schaute sich nicht nur die Instrumente an, er sichtete auch das Notenarchiv  – und dabei fand er in einigen Tabulaturbüchern Variationssätze, die ihn faszinierten: „Diese waren liebevoll kalligrafisch in winzigen Buchstaben niedergeschrieben und setzten für ihre Realisie- rung beträchtliches spieltechnisches Vermögen voraus.“ 
Hoffmann stellte fest, dass diese Werke Pater Ferdinando Fischer (1652 bis 1725) niedergeschrieben hat, der einst im Kloster lebte – seine Laute übri- gens ist erhalten geblieben, im Beiheft sieht man sie im Bild. Die Stücke, die Fischer notiert hat, seien  in keinem der vielen anderen Lautenmanu- skripte jener Zeit zu finden. „Es handelte sich also um Unikate“, so Hoffmann – und je mehr sich der Lautenist mit dieser Musik beschäftigte, desto stärker wurde in ihm der Wunsch, sie dem Publikum vorzustellen. „Da ich zudem über ein sehr außergewöhnliches elfchöriges Instrument aus der Werkstatt Andreas von Holst verfüge, welches für die Wiedergabe dieser Musik wie geschaffen schien, war es nur noch ein kleiner Schritt bis zum Plan diese wirklich ,neuen Lautenfrüchte' auf einer CD zu präsentieren“, schreibt Hoffmann. 
In den Galaxy Studios zu Mol/Belgien – einem der stillsten Aufnahme- räume ganz Europas, wie der Lautenist berichtet – ist dann diese Einspielung entstanden. Die drei Partiten zeigen uns Pater Fischer als einen Musiker von hoher technischer Brillanz, ausgezeichneter Repertoirekenntnis und ganz erstaunlicher Originalität. Fischer kennt offenbar die französischen Vorbilder und schätzt sie, aber er kopiert sie nicht. Man kann vermuten, dass es ihm weniger darum ging, mit seinem Lautenspiel zu beeindrucken, dass ihm vielmehr an einer musikalischen Meditation gelegen war. Denn Fischer liebte die Variation, insbesondere die Passacaglia, und er legte wenig Wert auf üppige Verzierungen. 
Hoffmann entführt uns in diese musikalische Welt, manchmal versonnen, mitunter auch galant – aber immer sehr eigen. Der Zuhörer darf sich auf eine Entdeckung freuen, sehr schön eingespielt und vor allem auch exzellent aufgenommen. Das klingt, als säße der Lautenist direkt vor einem im Zimmer, unglaublich! 

Montag, 13. März 2017

Czerny: Organ Music (Naxos)

Orgelmusik von Carl Czerny (1791 bis 1857)? Der Komponist und Klavier- pädagoge, der der Nachwelt vor allem durch seine Etüdenbände („Schule der Geläufigkeit“) in Erinnerung geblie- ben ist, war selbst offenbar nicht nur ein ausgezeichneter Pianist, sondern auch ein Organist, der sich hören lassen konnte. 
Seine Orgelwerke sind wahrschein- lich im Zusammenhang mit einer Reise nach England im Jahre 1837 entstanden. Dort musizierte Czerny nicht nur im Kensington Palace für die zukünftige Queen Victoria. Er scheint auch viele Kollegen getroffen zu haben – Preludio e Fuga per Organo e Pedale obbligato op. 607 jedenfalls widmete er George Elvey, dem Organisten der Queen an der St. Georgskapelle in Windsor. Die Twenty Short Voluntaries for Organ with Obbligato Pedal op. 698 wurden mit einer Widmung an den Londoner Organisten William Crathern gedruckt, und die Twelve Introductory or Intermeditate Voluntaries op. 627 sind James Windsor gewidmet, Organist in Bath. 
Publiziert wurden diese Werke übrigens nahezu zeitgleich 1840/41 in Frankreich, Deutschland und in Großbritannien, wo der Musikverleger Robert Cock Czernys Orgelmusik druckte. Was die Instrumente betrifft, so scheint sich die englische Orgellandschaft in jenen Jahren entscheidend entwickelt zu haben: Während Felix Mendelssohn Bartholdy 1829 noch das Fehlen eines Pedals, wie es auf dem Kontinent üblich war, beklagte, scheint dies 20 Jahre später nicht mehr problematisch zu sein. 
Der obligate Pedalpart von Czernys Werken jedenfalls erfordert einiges an Kunstfertigkeit; Präludium und Fuge zeugen zudem davon, dass ihr Komponist Bachs Musik mit Sorgfalt studiert hat. Besonders interessant aber sind die harmonischen Wendungen, mit denen Czerny immer wieder überrascht. Auch wenn es „kleine“ Orgelstücke sind, die als Vorspiel, Nachspiel oder aber auch kurzes Zwischenspiel während des Gottes- dienstes dienen sollen, so sind es doch musikalische Juwelen mit etlichen funkelnden Facetten – der Komponist, der immerhin ein Schüler Beetho- vens war, konnte eben doch sehr viel mehr als nur Meterware. 
Iain Quinn, promovierter Musikhistoriker und Orgellehrer an an der Florida State University, hat Orgelmusik von Carl Czerny in Notenausga- ben wiederveröffentlicht, und einige wichtige Werke nun bei Naxos eingespielt. Damit macht er nicht nur auf diese hörenswerten Stücke aufmerksam, er ermöglicht es zugleich interessierten Organisten, sie in ihr Repertoire aufzunehmen. Vorbildlich! 

Sonntag, 12. März 2017

Telemann Collection (Brilliant Classics)

Zum Telemann-Jubiläum 2017 legt Brilliant Classics eine Sammelbox mit erlesenen Werken des Altmeisters auf den Gabentisch. Auf zehn CD enthält sie wichtige und populäre Komposi- tionen von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) in zumeist exquisiten Aufnahmen. Zu hören sind Auszüge aus der Tafelmusik, eine Auswahl an Konzerten und Doppelkonzerten sowie aus der Vielzahl seiner Ouver- türen – darunter Alster-Ouvertüre, Völker-Ouvertüre und die Burlesque de Quixotte. Außerdem erklingen die Pariser Quartette in einer exzellenten Einspielung mit Musica ad Rhenum, die Scherzi Melodichi mit dem Ensemble Symposium und das Passions-Oratorium Das selige Erwägen des Leidens und Sterbens Jesu Christi in einer Aufnahme mit dem Freiburger Vokalensemble und L'Arpa Festante München unter Wolfgang Schäfer.
Unter den Mitwirkenden sind zudem unter anderem das Collegium Instru- mentale Brugense, das St. Christopher Chamber Orchestra aus Litauen, Musica Amphion, das Ensemble Cordeventum, Erik, Bosgraaf, Wilbert Hazelzet, Dan Laurin, Federico Guglielmo und Roberto Loreggian – die Liste ist noch viel länger, und sie bürgt für Qualität.

Praetorius: Erhalt uns Herr bey deinem Wort (cpo)

Das Label cpo startet seine Veröffent- lichungen zum Reformationsjubiläum gleich mit einer neuen Reihe: „Musik aus Schloss Wolfenbüttel“ erinnert an die Welfen, die ihre Residenzstadt, beginnend in der Spätrenaissance, zu einem norddeutschen Kulturzentrum ausbauten. Über mehrere Generatio- nen förderten sie als Mäzene nicht nur die Musik, sondern auch die Lite- ratur, das Theater und die Malerei. 
Mit Regierungsantritt im Jahre 1568 vollzog Herzog Julius von Braun- schweig-Wolfenbüttel in seinen Landen die Reformation. Zugleich orientierte er sich auch kulturell an Kursachsen. Die engen Kontakte nach Mitteldeutschland äußerten sich beispielsweise darin, dass sein Nachfol- ger, Herzog Heinrich Julius, Michael Praetorius (1571 bis 1621) als Kammerorganisten in seine Hofkapelle holte; 1604 beförderte er den Musiker dann zum Hofkapellmeister. 
Auf dieser CD sind Luther-Choräle in Vertonungen von Michael Praetorius zu hören. Das ist kein Zufall: Praetorius entstammte einer Familie, die die Reformation seit ihren Anfängen mit Leidenschaft begleitet hatte. Michaels Vater, unter dem noch den nicht latinisierten Familiennamen Schulteis, hatte an der Universität zu Wittenberg studiert, wo Luther lehrte. Er unterrichtete dann zunächst als Lehrer an jener Lateinschule in Torgau, an der Johann Walter wirkte, der „Urkantor“ der evangelischen Kirche. 
Dort begann auch die Schulausbildung von Michael Praetorius, die dieser anschließend in Zerbst fortsetzte. 1585 ging der Knabe zum Studium nach Frankfurt/Oder, wo er sich wie seine beiden älteren Brüder der Theologie widmen wollte. Als der Bruder starb, bei dem er wohnte, übernahm er, um weiter studieren zu können, das Amt des Universitätsorganisten. Wer sich für die Biographie des Musikers interessiert, kann mehr in diesem Blog an anderer Stelle nachlesen; bei den Orgelwerken wurde darüber bereits ausführlich berichtet. 
Praetorius schuf ein umfangreiches Werk, das auch zu guten Teilen über- liefert ist, weil der Komponist seine Musik drucken ließ. Er verhalf der Wolfenbütteler Hofkapelle zu überregionalem Ruhm; man kann sich daher leicht vorstellen, wie gefragt diese Noten waren. Einen besonderen Platz in seinem Schaffen hatten die Choräle, die sich in vielfältigsten Varianten finden – vom schlichten Kantionalsatz bis hin zum großformatigen mehr- chörigen Konzert nach italienischen Vorbild. 
Die venezianische Musizierpraxis soll Praetorius während seiner Reisen nach Prag kennengelernt haben. Wie erfolgreich er sich dieses Modell zu eigen gemacht hat, obwohl er nie selbst in Italien war, zeigt diese CD mit einer Auswahl an Choralkonzerten aus Praetorius' erlesener Kollektion Polyhymnia caduceatrix et panegyrica, veröffentlicht 1619. Bei Nun Frewt euch lieben Christen gemein sind gleich zwei Versionen, in großer und in weniger umfangreicher Besetzung, zu hören, unterbrochen vom Kantional- satz aus den Musae Sioniae VII
Praetorius' Konzerte sind teilweise üppig besetzt, sie warten mit Klang- effekten und Mehrchörigkeit auf in der „neuen italienischen Concerten-Manier“. In den Werken des Wolfenbütteler Hofkapellmeisters haben nicht nur die Sänger, sondern auch die Instrumentalisten mitunter ausgespro- chen virtuose Partien; nicht nur im gemeinsamen Musizieren mit den Sängern, sondern auch in Sinfonien und Ritornellen können sie ihre Kunst zeigen. Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen unter Leitung von Manfred Cordes musiziert mit starkem Ausdruck ebenso wie mit großer Klangpracht. So, wie die Vokalisten und Instrumentalisten des renommier- ten Ensembles diese Werke vortragen, vermag man sich gut vorzustellen, wie diese neue Art des Musizierens seinerzeit die Leute beeindruckt hat. Nicht nur der Andacht im Gottesdienst, sondern vor allem auch dem Ansehen des Herrscherhauses dürfte dies sehr zuträglich gewesen sein. 

Donnerstag, 9. März 2017

Barber - Bruckner - Konzerthaus Kammerorchester Berlin (Cugate Classics)

Zwei außerordentlich berühmte Adagios sind auf dieser SACD vereint: Das Adagio von Samuel Barber (1910 bis 1981) wird gern als Trauermusik genutzt. Entstanden ist es eigentlich als Mittelsatz des Streichquartettes op. 11. Barber komponierte dieses Werk 1936 in St. Wolfgang, wo er mit seinem Lebenspartner Gian Carlo Menotti den Sommer verbrachte. Aus Österreich nach Rom zurückgekehrt, begegnete Barber dann Arturo Toscanini. 
Der Dirigent riet dem Komponisten, das Adagio aus dem Kontext zu lösen und für Streichorchester zu instrumentieren. Toscanini übernahm dann mit dem NBC Symphony Orchestra 1938 in New York auch die Uraufführung. Sie wurde im Rundfunk übertragen – und das Stück wurde ein Welterfolg: Es erklang zur Beisetzung von Franklin D. Roosevelt, John F. Kennedy, Albert Einstein, Gracia Patricia und Rainier III. von Monaco. Auch als Filmmusik wurde es immer wieder eingesetzt. 
Das Adagio im Streichquintett F-Dur von Anton Bruckner (1824 bis 1896) hingegen behielt seinen Platz zwischen dem Scherzo. Schnell und dem Finale. Lebhaft bewegt. Schon die Zeitgenossen fanden diese Musik berückend; selbst der Kritiker Max Kalbeck, seinerzeit eine Autorität (und eigentlich ein leidenschaftlicher Gegner Bruckners) zeigte sich begeistert und schrieb: „Das Adagio strömt eitel Licht aus, Licht in Tausend Farben und Nuancen – der Abglanz einer bis in den siebenten Himmel verzückten Vision.“ 
Auch die vorliegende Einspielung mit dem Konzerthaus Kammerorchester Berlin ist durchaus dazu geeignet, den Zuhörer in den emotionalen Aus- nahmezustand zu versetzen. Die Musiker um die beiden Konzertmeister Sayako Kusaka und Michael Erxleben verzichten konsequent auf spätro- mantisches Pathos und allzu gefühlige Ausbrüche. Sie spielen mit hinreißender Klarheit, und mit erlesener Klangkultur. Das Bruckner-Quintett erklingt in einer Bearbeitung für Streichorchester von Michael Erxleben. Gerade bei diesem Werk kommt der kammermusikalisch-demokratische Ansatz, den dieses Ensemble als Prinzip vertritt, auf das Schönste zum Tragen. Bravi! 

Samstag, 4. März 2017

Maier: Violin Concerto in D minor (dB)

Eine Entdeckung ist dbProductions gelungen: Das schwedische Label veröffentlichte kürzlich eine CD mit Werken von Amanda Röntgen-Maier (1853 bis 1894). Anfangsunterricht auf Klavier und Geige erteilte ihr der Vater, der aus dem württembergi- schen Riedlingen stammte und nicht nur Konditor, sondern auch Musiker war. Als 14jährige begann sie ein Musikstudium in Stockholm; neben den theoretischen Fächern studierte sie Violine, Violoncello, Orgel und Komposition. 
1872 erhielt sie als erste Frau in Schweden das Diplom als musikdirektørUm ihre Ausbildung zu komplettieren, ging sie dann nach Leipzig, wo sie, wahrscheinlich als Privatschülerin, bei Engelbert Röntgen studierte, dem Konzertmeister des Gewandhausorchesters, und bei Carl Reinecke, dem Gewandhauskapell- meister, der am Leipziger Konservatorium auch Komposition lehrte. Ihr Violinkonzert, 1875 in Halle erfolgreich uraufgeführt, spielte sie wenig später auch in Leipzig im Gewandhaus, und in Stockholm. In den nächsten Jahren folgten ausgedehnte Konzertreisen – und sie nutzte jede Gelegen- heit, um nach Leipzig zu fahren, wo sie sich in Julius Röntgen verliebt hatte, den Sohn ihres Lehrers, der ebenfalls Musiker war.
1880 heiratete das Paar in Landskrona, und dann ging Amanda Röntgen mit ihrem Ehemann nach Amsterdam. In der Öffentlichkeit musizierte sie danach nur noch sehr selten. Die beiden Musiker waren mit vielen nam- haften Kollegen eng befreundet, beispielsweise mit Edvard Grieg, Johannes Brahms, Anton Rubinstein und Joseph Joachim. Im Hause Röntgen scheint es recht lebhaft zugegangen zu sein, wie die sechs Schwedischen Weisen und Tänze verraten, die zum Abschluss auf dieser CD erklingen. Sie wurden von den Eheleuten gemeinsam zu Papier gebracht.
Zu hören ist außerdem der erste Satz aus dem Violinkonzert von Amanda Maier; die anderen Sätze sind offensichtlich nicht überliefert – was wirk- lich ein Verlust ist, denn das Konzert beginnt ziemlich vielversprechend. Ergänzt wird das Programm durch das Klavierquartett in e-Moll aus dem Jahre 1891, ihr letztes großes Werk. Es wird gekonnt vorgestellt von Gregory Maytan, Violine, Bernt Lysell, Viola, Sara Wijk, Violoncello, und Ann-Sofi Klingberg am Klavier. Das Violinkonzert spielt Maytan gemein- sam mit dem Helsingborg Symphony Orchestra unter Andreas Stoehr; alle Aufnahmen sind Studio-Weltersteinspielungen. Und die Veröffentlichung als Volume 1 deutet bereits an, dass weitere CD folgen werden – was angesichts der Qualität dieser Kompositionen in der Tat erfreulich wäre. 
Allzu umfangreich freilich dürfte das Werk von Amanda Röntgen-Maier nicht sein. Schon seit 1886 war die Gesundheit der Musikerin angeschla- gen. Erschöpft durch mehrere Schwangerschaften, reiste sie 1888 nach Davos und Nizza, um sich auszukurieren. Zwar schien sich dadurch ihr Zustand stabilisiert zu haben. Doch es blieb ihr nur noch eine kurze Frist; letztendlich erlag sie einem Lungenleiden, möglicherweise Tuberkulose.

Donnerstag, 2. März 2017

Forqueray: Pièces de Clavecin (MDG)

„Jean-Baptiste Antoine Forqueray, ordinaire de la musique de la Chambre et Chapelle du Roy, n'eut pas moins de talent que son père. Ainsi que lui, il joua devant Louis XIV à l'âge de cinq ou six ans, et étonna toute la cour par la prodi- gieuse exécution qu'il avait déjà dans un âge aussi tendre“, berichtet Jean Benjamin de La Borde. „M. Forque- ray a fait graver plusieurs pièces pour la viole et pour le clavecin, dont quelques-unes sont de M. son père.“ 
Antoine Forqueray (1672 bis 1745), der Vater, wirkte als Gambist am Hofe Ludwigs XIV. Für seinen Sohn scheint er nicht allzuviel übrig gehabt zu haben; Jean-Baptiste Antoine Forqueray (1699 bis 1782) wuchs beim Großvater Michel Forqueray auf, einem Tanzmeister. Ebenso wie sein Vater war er ein musikalisches Wunderkind und spielte bereits in einem Alter, in dem heutzutage Kinder üblicherweise noch im Sandkasten sitzen, vor dem König. 
Als sein Großvater starb, war er bereits ein exzellenter Musiker und bald so gut im Geschäft, dass der Vater wohl eifersüchtig wurde: 1715 sorgte Antoine dafür, dass sein Sohn im Gefängnis landete; 1725 ließ er ihn dann sogar aus Frankreich ausweisen. Doch schon nach zwei Monaten durfte Jean-Baptiste zurückkehren, und wieder als Musiker in Versailles und bei den Concerts spirituels auftreten. 
Als Georg Philipp Telemann 1737 seine Nouveaux Quatuors präsentierte – wie die ersten sechs Pariser Quartette komponiert für Flöte, Violine, Viola da gamba und Violoncello sowie Cembalo – übernahm Jean-Baptiste Forqueray den Gamben-Part. Im September 1742 wurde er dann bei Hofe der Nachfolger seines Vaters. Diese Stelle hatte er offenbar bis 1761 inne; anschließend stand er im Dienste des Fürsten von Conti. Nach dessen Tod 1776 zog sich der Gambenvirtuose aus dem Musikleben zurück; dies scheint er auch wirklich konsequent betrieben zu haben, denn in einer Vermögens- aufstellung für seine Erben wird zwar ein Cembalo beschrieben – das auch auf einem Porträt seiner Frau, der Cembalistin Marie-Rose Du Bois, zu sehen ist – aber keine einzige der wertvollen Gamben, die Jean-Baptiste Forqueray in früheren Jahren gespielt hat. 
Ähnlich mysteriös wie die Familienverhältnisse der Forquerays ist die Geschichte um jene beiden Noteneditionen, die der Musiker 1747 veröffentlichte. Es handelt sich dabei um fünf Suiten für Viola da gamba, laut dem Geleitwort komponiert vom Vater, gewidmet Prinzessin Anne Henriette, einer Schülerin von Jean-Baptiste Forqueray, die eine exzellente Gambenvirtuosin gewesen sein muss. Leider starb sie 1752 an den Pocken. 
Maria Josepha von Sachsen, im Feburar 1747 verheiratet mit dem Thronfolger, widmete der Musiker eine Bearbeitung ebenjener Werke für das Cembalo. Auch hier verweist Forqueray darauf, dass es sich um Werke seines Vaters handele. Allerdings haben etliche dieser Stücke Titel, die Musikhistoriker daran zweifeln lassen – so war beispielsweise Jean Benjamin de La Borde, Namensgeber gleich für das erste Stück, beim Tode Antoine Forquerays erst elf Jahre alt. Auch andere Widmungsträger gehören der Generation Jean-Baptiste Forquerays an. Insofern darf weiter gerätselt werden. 
Hinter all den anspielungsreichen Titeln, von Le Carillon de Passy bis La Rameau und von La Sylva bis La Régente, verbergen sich Meisterwerke voller Anmut, Ausdruck und Intensität. Einem Interpreten geben sie allerdings heute zahlreiche Rätsel auf; sie zu spielen, das ist eine hohe Kunst, die viel Wissen ebenso wie ein gewisses Gespür für Klangeffekte benötigt, vielleicht auch ein wenig Lust am Experiment. 
Der amerikanischen Cembalistin Mitzi Meyerson ist mit ihrer Einspielung der Cembalo-Versionen für das audiophile Label Dabringhaus und Grimm im Jahre 2001 ein großer Wurf gelungen. Welches Format diese Musikerin hat, das ahnt man bereits, wenn man in ihrer Vita liest, dass sie als Professorin für Cembalo an der Hochschule der Künste Berlin lehrt – und somit einen Lehrstuhl inne hat, der einst für Wanda Landowska einge- richtet wurde. 
Die Cembalistin musiziert auf einem Instrument, das 1998 von Keith Hill gefertigt worden ist. Es ist der Nachbau eines Cembalos von Pascal Taskin (1723 bis 1793), einem herausragenden französischen Experten seines Faches, das sich heute in der Sammlung Russel in Edinburgh befindet. Dieses Instrument verfügt insbesondere über ein atemberaubend klang- schönes mittleres Register, das durch die Musik Forquerays auch bestens zur Geltung kommt. 
Mitzi Meyerson vermag es überhaupt kongenial, Gambenklänge auf das Cembalo zu transferieren. Sie spielt souverän und enorm farbenreich. Mit ihrem grandiosen technischen Vermögen gelingt es ihr sogar, all die winzigen Asynchronitäten, die aus dem Bogenstrich resultieren – und die Forqueray auch in seinen Anmerkungen vom Cembalisten einfordert – ganz natürlich wirken zu lassen. Rundum vorbildlich; diese Aufnahme kann man vom ersten bis zum letzten Ton genießen. 

Dienstag, 21. Februar 2017

23. Festliche Operngala für die Deutsche Aids-Stiftung (Naxos)

Ein Festival der schönsten Stimmen erleben und zugleich die Arbeit der Deutschen Aids-Stiftung unterstützen – dazu lädt alljährlich im Spätherbst die Deutsche Oper Berlin ein. Wer keine Gelegenheit hatte, 2016 die festliche Operngala mitzuerleben, der kann sich nun den Live-Mitschnitt dieser Veranstaltung anhören. Die 23. Operngala, dokumentiert einmal mehr bei Naxos, kann immer noch überraschen. So gelingt es Max Raabe in seiner Moderation, Opernhandlungen in Kürzestform zusammmenzufassen – mit bewährt staubtrockenem Humor. Er setzt damit eine Tradition fort, die sein hochverehrter Amtsvorgänger Vicco von Bülow,  bekannter unter seinem Künstlernamen Loriot, einst begründet hat. 
Große Stars sind in diesem Jahr nicht unter den Mitwirkenden; man muss aber feststellen, dass die Sängerinnen und Sänger wirklich gut sind. Und unter den ausgewählten Arien findet sich Populäres, wie die berühmte Auftrittsarie des Figaro aus dem Barbier von Sevilla, gesungen von Mattia Olivieri, neben weniger Bekanntem, wie dem Duett Au fond du temple saint aus Georges Bizets Oper Die Perlenfischer, vorgetragen von Michael Spyres und Edwin Crossley-Mercer. Zu hören sind zudem Lise Davidson, Maria Kataeva, Teresa Iervolino und Patrizia Ciofi, Levy Sekgapane, Gezim Myshketa und Stefano La Colla. Generell dominieren die Männerstimmen diesmal in dem sorgfältig zusammengestellten Programm. 
Das Orchester der Deutschen Oper unter Leitung von Ivan Repušić eröffnet die Gala mit einer Ouvertüre von Ferdinand Hérold – eine Entdeckung; zwar ist die Ballettmusik des elsässischen Komponisten zu La Fille mal gardée heute noch sehr präsent, aber seine einst sehr erfolgreiche Oper Zampa gehört mittlerweile zumindest auf deutschen Bühnen zu den Rari- täten. Das Finale gestaltet traditionell der Chor der Deutschen Oper – mit Carl Orffs Carmina Burana endet die Operngala einmal mehr mitreißend. Das Programm insgesamt ist so umfangreich, dass es nicht auf eine CD passte. Und wer die Doppel-CD erwirbt, der erhöht damit zugleich die Spendensumme, die auf der Veranstaltung eingeworben wurde. Eine gute Gelegenheit also, gute Musik zu hören, und damit zugleich Gutes zu tun. 

Montag, 20. Februar 2017

Sølvguttenes favoritter (Lawo)

Der Sølvguttene Knabenchor aus Oslo wurde 1940 durch Torstein Grythe gegründet und von ihm auch viele Jahre erfolgreich musikalisch vorangebracht. Seit 2004 ist Fredrik Otterstad der Leiter des renommierten Ensembles, das zum norwegischen Medienhaus NRK gehört. Derzeit gehören etwa 130 Jungs und junge Männer dem Knabenchor an; etwa
90 von ihnen singen im Konzertchor. Sagenhafte 150 Auftritte bestreiten die Burschen alljährlich.

Sølvguttene geht regelmäßig auf Konzertreisen im In- und Ausland, und hat zahlreiche CD eingespielt. „Vi har ofte fått spørsmål fra publikum etter konserter om hvorvidt vi har kveldens repertoar på CD, og alt for ofte har svaret vært nei. Men nå er den her: Sølvguttenes egne favoritter. God fornøyelse!“, schreibt der Chor im Geleitwort zu seinem jüngsten Album.
Zu diesen Favoriten, die der Chor gern in seinen Programmen singt, gehö- ren neben Werken norwegischer Komponisten geistliche und weltliche Chorsätze aus aller Welt, beispielsweise das berühmte Ave verum corpus von Wolfgang Amadeus Mozart, Jesus bleibet meine Freude von Johann Sebastian Bach, das Cantique de Jean Racine von Gabriel Fauré oder der grandiose Hallelujah-Chor aus dem Messias von Georg Friedrich Händel.
Die jungen Choristen singen mit Elan. Allerdings erscheint die Chorleistung derzeit, nun ja, ausbaufähig. Lautstärke ist halt nicht alles. Dynamik bedarf auch einer gewissen Flexibilität, einer schnellen Reaktion auf die Vorgaben des Dirigenten; in diesem Falle vermisst man nicht zuletzt ein gepflegtes Piano. Und bei schnellen Passagen leidet die Homo- genität. Außerdem fällt neben den schönen Stimmen leider auf, dass die Intonation zum Ende so mancher Phrase hin abrutscht. Ein Genuss ist das nicht, schade! 

Sonntag, 19. Februar 2017

Nigel Kennedy - My World (Neue Meister)

Im Dezember 2016 wurde Nigel Kennedy 60 Jahre alt – und als ganz besonderes Geburtstagsgeschenk veröffentlichte der Geiger wenig später ein neues Album. Er spielt eigene Kompositionen, und nimmt das Publikum mit in seine ganz eigene musikalische Welt. Dort hat Klassik ebenso ihren Platz wie Jazz; und die Freunde vom Oxford Philharmonic Orchestra unter Leitung von Yuri Zhislin musizieren gemeinsam mit einer Band. Zu hören sind rings um Geiger Nigel Kennedy also auch Joseph Sanders, Oboe, Bartek Glowacki, Akkordeon, Doug „Allergic“ Boyle, Julian „Das Kid“ Buschberger und Rolf „Die Kobra“ Bussalb, Gitarre, Tomasz „Insomnia“ Kupiec, Bass, Adam „Golonka“ Czerwinski, Drums und Orphy Robinson, Vibraphon und Percussion. 
Stilistisch sind alle Beteiligten erstaunlich flexibel. Das ist gut so, denn Nigel Kennedy interessiert sich nicht für Genre-Grenzen. Vielleicht spielt er gerade deshalb seit Jahren vor ausverkauften Häusern; seine Musik begeistert Jugendliche ebenso wie das „klassische“ Klassikpublikum. Seine Einspielung von Vivaldis Vier Jahreszeiten aus dem Jahre 1989 war das meistverkaufte Klassikalbum aller Zeiten, und auch Kennedy plays Bach, erschienen im Jahre 2000, hat dazu beigetragen, Hörgewohnheiten zu hinterfragen und zu verändern. 
„My world“ kann man als eine erste Bilanz seiner künstlerischen Lauf- bahn lesen: Mit seinen Werken berichtet der Geiger über Begegnungen, die ihn als Musiker geprägt, und Vorbilder, die ihn beeinflusst haben. Tief verneigt er sich beispielsweise vor Yehudi Menuhin, der ihm nicht nur den Weg zur Musik von Johann Sebastian Bach gewiesen habe: „He also paid for my education at his school so without hin I would probably not be playing classical music at all. One should add that his idealism and believe, that all people were equal, set him apart from many of his contemporaries.“ Weitere Stücke widmet Kennedy Isaac Stern, Stéphane Grapelli, dem mittlerweile verstorbenen Jazzgitarristen Jarek Śmietana und Mark O'Connor, „one of the most important violinists alive“. Wie sie ihn jeweils inspiriert haben, das zeigt auf unverwechselbare Art und Weise Kennedys Musik. Komplettiert wird das Album durch eine Suite zum Bühnenstück Die Drei Schwestern von Anton Tschechow, die Kennedy für eine Inszenierung seiner Frau Agnieszka geschrieben hat. 

Haydn: Piano Sonatas; Becker (Cavi-Music)

„Seit meiner Kindheit begeistern mich Haydns Klaviersonaten“, schreibt Markus Becker. Der Pianist, der als Professor an der Hochschule für Mu- sik, Theater und Medien Hannover lehrt, kommt aus dem Schwärmen nicht heraus, wenn er über diese scheinbar doch so unkomplizierten Werke von Joseph Haydn nachdenkt. „Es ist nicht Beethovens Kraft und Dramatik, auch nicht Mozarts traumwandlerische Schönheit. Haydn schreibt zutiefst menschliche Musik mit einer Grundhaltung, die dem romantischen Humorbegriff sehr nahekommt: ein Abbild unseres Lebens mit allen Schönheiten, Abgründen, Hoffnungen, Verlusten, Dramen, Freuden – getragen von Leidenschaft und Ironie.“ 
Und auch wenn das Notenbild auf den ersten Blick wenig geheimnisvoll ausschaut, mahnt Markus Becker, seien diese Sonaten doch keineswegs einfach zu spielen. Haydns Sonaten, bedauert der Professor, „wurden reduziert auf die Funktion als geistreicher Unterrichtsstoff. Dabei wurde völlig überhört, wie differenziert und nuancenreich Haydn zu Werke geht.“ 
Becker hat die Sonaten deshalb mit großer Sorgfalt gearbeitet. Das lohnt sich: Wenn man diese CD anhört, wird man Haydn neu entdecken – humorvoll, ideenreich, einen Komponisten, der ebenso durch exquisite Melodien begeistert wie durch unerwartete Wendungen und musikalische Überraschungen. „Vielleicht ist Haydn mehr noch als die großen Kollegen auf gute Interpreten angewiesen: ohne Klangfantasie, Gespür für musika- lische Rhetorik und Phrasenbildung ist diese Musik nicht zu gestalten“, meint der Pianist. „Vor allem die Fähigkeit, das Klangbild von einem Mo- ment auf den anderen zu verändern, das Stimmverhältnis neu zu balancie- ren, wird vom Haydn-Spieler verlangt.“ Markus Becker demonstriert am klingenden Beispiel, wie er sich das vorstellt, und man möchte diesen frischen, so gar nicht musealen Haydn immer wieder hören - und, bitte, bald mehr davon! 

Dienstag, 14. Februar 2017

Da Pacem - Echo der Reformation (Deutsche Harmonia Mundi)

Zum 500. Jubiläum der Reformation ist nun eine ganz besondere CD erschienen. Der Rias Kammerchor hat sich dazu mit der Capelle de la Torre zusammengetan; es dirigiert Florian Helgath, ein erfahrener und etablierter Chorleiter. Er hat auch mit dem Rias Kammerchor bereits mehrfach zusammengearbeitet, und ist daher mit dem leistungsstarken Ensemble bestens vertraut – was nicht schaden kann, wenn man sich einem Repertoire zuwendet, das zwar prächtig klingt, aber seine Tücken hat. Denn zum einen liegt Musik aus dem 16. Jahrhundert üblicherweise nicht besonders häufig auf dem Pult eines Profi-Chorsängers. Zum anderen lebt das mehrchörige Musizieren nicht zuletzt von der Präzision, mit der alle Beteiligten zusammenwirken. Helgath freilich navigiert mit sicherer Hand durch die Klangfluten beispielsweise der Magnificat-Kompositionen von Giovanni Gabrieli und Michael Preatorius. 
Der Rias Kammerchor singt hinreißend, so als wäre er auf „Alte“ Musik spezialisiert. Und die Sängerinnen und Sänger gestalten auch die Soli bestens – man höre nur das Kleine geistliche Konzert SWV 285 von Heinrich Schütz, das von der Sopranistin Anja Petersen wunderbar vor- gestellt wird. Die Musiker der Capelle de la Torre um Katharina Bäuml leisten ebenfalls einen beeindruckenden Beitrag zur Klangpracht. 
Die ausgewählten Werke bedeutender Komponisten, wie Orlando di Lasso, Heinrich Schütz, Claudio Monteverdi oder Luca Marenzio verdeutlichen, dass auch nach der Reformation eigentlich die Gemeinsamkeiten deutlich stärker waren als das Trennende. Ob italienische oder deutsche Musiker, ob katholisch oder evangelisch – auf die Noten wirken sich diese Unter- schiede kaum aus. Wie prophetisch und dringlich die Bitte der Sänger um Frieden an der Schwelle zum 17. Jahrhundert war, das zeigte sich leider sehr bald. Denn mit dem Prager Fenstersturz im Jahre 1618 begann ein verheerender Krieg, der 30 Jahre dauerte, und ganz Mitteleuropa ver- wüstete.

Sonntag, 12. Februar 2017

Anna Netrebko - Verismo (Deutsche Grammophon)

Mit ihrem neuen Album „Verismo“ geht Anna Netrebko ihren Weg hin zum dramatischen Sopran ein Stück weiter. Musikalische Unterstützung erhält die Sängerin dabei von Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia unter Leitung von Antonio Pappano sowie von ihrem Ehemann, dem Tenor Yusif Eyvazov. Letzterer ist insbesondere im vierten Akt von Puccinis Oper Manon Lescaut in aller Breite zu hören – was nicht entzückt, ganz ehrlich; als Sänger ist er jedenfalls nicht Oberliga. 
Opern von Giacomo Puccini (1858 bis 1924) stehen im Zentrum dieses Albums. Anna Netrebko singt Un bel di vedremo aus Madame Butterfly, Vissi d'arte, vissi d'amore aus Tosca, In quelle trine morbide sowie den kompletten vierten Akt aus Manon Lescaut, und zwei Arien aus Puccinis letzter Oper Turandot. Damit gibt die Sängerin zwei unterschiedlichen Figuren Gestalt: Liù, eine Sklavin, die den Tatarenherrscher Timur auf der Flucht begleitet – und seinen Sohn Kalaf liebt. Und Turandot, eine chinesische Prinzessin, die sich ganz dem Andenken an ihre Ahnfrau verschrieben hat, die vor Jahrhunderten von den Tataren verschleppt und getötet worden ist. Um sie zu rächen, will die junge Dame jeden Mann hinrichten lassen, der es wagt, um ihre Hand zu werben. 
Liù, erfüllt von Demut und Liebe, und Turandot, voll Hass und Hochmut – gegensätzlicher können Opernheldinnen kaum sein. Das würde man gern hören, doch in diesem Punkt wird man enttäuscht. Ausdruck ist nicht die Stärke von Anna Netrebko. Ihre Stimme hat sich entwickelt; sie ist dunkler und schwerer geworden. Aber das Titelbild, das die Sopranistin mit einer unglaublich kitschigen Talmi-Krone und mit verlaufenen Konturen porträtiert, erweist sich in diesem Falle leider als prophetisch. Die einzige Partie aus dieser Auswahl, die die Sängerin auf der Bühne bereits gesungen hat, ist die der Manon. Ob man sich wirklich darauf freuen kann, sie eines Tages als Tosca oder als Nedda zu hören, das wird die Zukunft zeigen. 
Wer es hören mag – ergänzt wird diese CD durch Arien aus Adriana Lecouvreur von Francesco Cilea, Andrea Chénier von Umberto Giordano, Pagliacci von Ruggero Leoncavallo, La Wally von Alfredo Catalani. Mefistofele von Arrigo Boito und La Gioconda von Amilcare Ponchielli. Verkaufen wird sich das Album ohnehin, denn Anna Netrebko hat enorm viele Fans. Und wer sich Karten in Salzburg leisten kann, der kauft viel- leicht auch die Luxus-Edition, mit Seidentüchlein von Chopard.