Donnerstag, 23. November 2017

Paganini rediscovered (Dynamic)

Neuigkeiten von Niccolò Paganini? Luca Fanfoni hat in Archivbeständen danach gesucht, und was er dort gefunden hat, das ist nicht weniger als eine Sensation. Auf dieser CD präsentiert der Geiger nun seine Entdeckungen. 
So waren die Variations de bravoure sur des Thèmes de Moϊse, de Rossini, sur la 4me Corde, nach dem wichtigsten Thema auch Sonata a Preghiera M.S. 23 benannt, bislang nur in Form von Orchesterstimmen als Autograph überliefert, aber es fehlten sowohl eine Partitur als auch der Solopart. Die einzige Quelle für den Geigen-Solopart war eine Bearbeitung für Violine und Klavier, veröffentlicht 1855 in Hamburg. 
Bei einem Vergleich beider Notenmaterialien wurde festgestellt, dass in dieser Edition drei Abschnitte fehlen, gleich zu Beginn – und sie konnten nicht rekonstruiert werden, weil dafür keine Violinstimme vorlag. Luca Fanfoni hat gemeinsam mit seinem Sohn Daniele – ebenfalls ein exzellenter Geiger – bei Recherchen in der Biblioteca Palatina di Parma ein Manuskript mit dem Titel Preghiera del Mosè / di / Pagagini / Parte del Pianoforte entdeckt. Es enthielt eine vollständige Version, die sich zudem erfreulich nahe am Ochester-Original bewegte – und die solang vermisste Solostimme. 
Fanfoni vermutet, dass diese Noten aus dem Bestand von Romeo Franzoni stammen, Geigenlehrer am Konservatorium zu Parma. Er war mit den Erben Paganinis eng befreundet. Von ihnen erhielt er auch verschiedene Manuskripte geschenkt, wie man in dem sehr informativen Beiheft nachlesen kann. 
Auf dieser CD ist nun also Paganinis berühmtes Werk, das allein auf der vierten Saite der Geige zu spielen ist, erstmals wieder in seiner originalen Gestalt zu hören. Für die Aufnahmen durfte Luca Fanfoni zudem Paganinis Lieblingsgeige, die legendäre Cannone, spielen. Sie wurde 1742 oder 1743 in Cremona von Giuseppe Guarneri gebaut. Heute wird die Cannone im Palazzo Doria Tursi aufbewahrt, dem Sitz der Stadtverwaltung von Genua, und von einer Expertengruppe sorgsam betreut. 
Nach einer Beschädigung im Jahre 1833 reparierte der Geigenbauer Jean-Baptiste Vuillaume das Instrument; er fertigte außerdem eine Kopie an, die Paganinis Schüler Camillo Sivori in späteren Jahren erwarb. Auch dieses Instrument ist auf dieser CD zu hören – gespielt wird es von Daniele Fanfoni bei den Drei Ritornellen für zwei Violinen und Violoncello M.S. 1. Dabei handelt es sich wohl um frühe Werke, die sich im Manuskript in der Biblioteca Casanatense in Rom befinden. 
Die CD enthält dazu noch weitere Raritäten, wie die Sechs Präludien für Violine solo, das Capriccio (Andante) für Solovioline M.S. 54, das Rondo für Violine und Violoncello M.S. 63 und das Grande Concerto in e-Moll M.S. 75 in seiner ursprünglichen Gestalt, für Violine und Gitarre, und mit den Kadenzen von Franco Gulli. Musizierpartner sind hier Luca Simoncini, Violoncello, und Fabrizio Giudice, Gitarre. 

Mittwoch, 22. November 2017

Céline Moinet - Schumann Romances (Berlin Classics)

Es ist wohl kein Wunder, dass Robert Schumann die Oboe schätzte. Dieses Blasinstrument mit seinem ebenso elegischen wie eleganten Klang wirkt in der Tat wie die Stimme der Romantik – jedenfalls dann, wenn Céline Moinet es spielt, die Solo-Oboistin der Dresdner Staatskapelle. 
Auf diesem Album stellt sie Musik vor, die Schumann in seinen Dresdner Jahren geschaffen hat. Die Drei Romanzen für Oboe und Klavier op. 94 beispielsweise überreichte der Komponist seiner Frau Clara 1849 als Weihnachtsgeschenk. Wie eine Antwort darauf wirken die Drei Romanzen op. 22 von Clara Schumann, komponiert für Violine und Klavier, hier in einer Bearbeitung für Oboe. 
Zu hören sind auch drei der fünf Stücke im Volkston op. 102, ursprünglich entstanden für Violoncello und Klavier, aber bereits 1851 auch in einer Version für Violine erhältlich – und diese lässt sich natürlich auch auf der Oboe spielen. Für Klavier zu drei Händen schrieb Schumann das Abendlied aus den 12 Klavierstücken für kleine und große Kinder op. 85. Bei diesem stimmungsvollen Stück kann die Oboe sehr gut die Ober- stimme übernehmen, denn der Part für die dritte Hand ist einstimmig, und wunderbar melodiös. 
Auch die unvermeidliche Träumerei sowie Am Kamin aus den Kinder- szenen op. 15 sowie zwei Lieder Schumanns in Bearbeitungen für Oboe und Klavier sind zu hören. Am interessantesten aber sind die Studien für den Pedalflügel op. 56, arrangiert für Violine, Violoncello und Klavier von Theodor Kirchner. Diese Stücke in kanonischer Form sind im Original nur selten zu hören – wer hat schon einen Pedalflügel? Denn für die Orgel eignen sie sich eher nicht. Wenn überhaupt, dann werden diese Werke typischerweise von zwei Pianisten gespielt, und zwar auf zwei Instrumenten. Die Trio-Bearbeitung von Theodor Kirchner bietet da eine echte Alternative, denn sie macht die polyphonen Strukturen der Studien besonders gut hörbar. Soll eine Oboe den Violinpart übernehmen, müssen einige Stellen an ihren Tonumfang angepasst werden – dafür bringt Céline Moinet mit ihrem Spiel allerdings auch Klangfarben ein, die begeistern. 
Generell überwiegt in den ausgewählten Werken ausdrucksvolle Melancholie. Céline Moinet lässt die Oboe aber nicht nur edel singen; das Instrument ist auf dieser CD zudem virtuos bis kapriziös, ja, mitunter sogar keck zu erleben. Dabei hat sie mit Florian Uhlig, der gleichfalls als Professor an der Dresdner Musikhochschule lehrt, einen ausgewiesenen Schumann-Experten an ihrer Seite. Bei den Studien gesellt sich dazu obendrein Norbert Anger, der Solo-Cellist der Sächsischen Staatskapelle, der mit noblem Ton, aber sehr sensibel und eher zurückhaltend diesen Stücken Fundament gibt. 

Montag, 20. November 2017

The Violin & the Mandolin: Accomplices and Rivals (Concerto)

Das Ensemble Baschenis stellt auf dieser CD Werke von zwei Virtuosen vor, die Musik für Mandoline komponiert haben. Die Manuskripte, auf denen diese Aufnahmen beruhen, stellte die Gesellschaft der Musik- freunde in Wien zur Verfügung. 
Giovanni Hoffmann gehörte offensichtlich in Wien am Ende des 18. Jahrhunderts zu den besten Mandolinisten. Es wird vermutet, dass er eigentlich Johann Hoffmann hieß; ansonsten ist über seinen Lebensweg reinweg gar nichts bekannt. Auf dieser Doppel-CD erklingen vier Divertimenti für Mandoline, Violine und Basso continuo, die er geschaffen hat. 
Giovanni Francesco Giuliani (1760 bis 1818) war ein Schüler von Pietro Nardini. Er war Geiger, Harfenist, Cembalist und Gesangslehrer, und wirkte in Florenz. Das Ensemble Baschenis hat für dieses Musikprojekt sechs Quartette ausgewählt, die mit Mandoline, Violine, Violoncello und Theorbe besetzt sind. 
Zu hören sind dabei jeweils zwei lombardische Mandolas und zwei neapolitanische Mandolinen, virtuos gespielt von Marco Luca Capucci. In die Geigenparts teilen sich Ruggero Fededegni und Enrico Groppo. Alessandra Milesi spielt das Violoncello, Giorgio Ferraris die Theorbe. 
Und man muss sagen, Giulianis Quartette sind wirklich ausgesprochen reizvoll; in diesen Stücken sind Violine und Mandoline Komplizen – und ihr gemeinsames Anliegen, die Hörer gut zu unterhalten, verwirklichen sie bravourös. 

Molter: Concertos for Trumpets & Horns (Accent)

Von Italien ließ er sich inspirieren – doch die längste Zeit seines Lebens verbrachte Johann Melchior Molter (1696 bis 1765) in Karlsruhe: 1717 trat er als Geiger in den Dienst Karl Wilhelms von Baden-Durlach. Dieser erkannte das Potential des jungen Musikers und schickte ihn 1719 zur Weiterbildung nach Italien. Nach seiner Rückkehr ernannte ihn der Markgraf 1722 zum Hofkapell- meister. Allerdings wurde die Hofkapelle 1733 aufgelöst, so dass Molter nach Eisenach zurückkehrte, wo er einst als Knabe das Gymnasium besucht hatte, und wo er 1734 ebenfalls als Hofkapellmeister angestellt wurde. 
Nach dem Tod seiner Frau 1737 erhielt Molter erneut die Gelegenheit zu einer Reise nach Italien. Schon ein Jahr später kehrte er allerdings zurück, um nach dem Tode des Markgrafen in Karlsruhe die Trauermusik zu leiten. Danach trat er seinen Dienst in Eisenach wieder an. 
Als sein Dienstherr dort 1741 ohne Erben starb, wurden die Musiker der Hofkapelle gekündigt. Molter kehrte nach Karlsruhe zurück. Nachdem dann Markgraf Karl Friedrich, Enkel und Nachfolger Karl Wilhelms, die Volljährigkeit erlangt und die Herrschaft angetreten hatte, belebte er auch die Hofmusik wieder – und Molter leitete sie, hochgeehrt, bis an sein Lebensende. 
Aus dem umfangreichen Schaffen des Musikers – er schrieb allein etwa hundert Konzerte für die unterschiedlichsten Solo-Instrumente – präsentiert das Ensemble Musica Fiorita gemeinsam mit Jean-François Madeuf auf dieser CD eine ebenso ansprechende wie anspruchsvolle Auswahl. Zwar werden dazu lang nicht soviel Musiker aufgeboten, wie einst in der Hofkapelle des Markgrafen von Baden-Durlach wirkten. Aber dafür spielen sie ganz wunderbar Instrumente aus jener Zeit, vom Chalumeau bis zur Theorbe. 
Und obwohl einige der Konzerte Freunden der Trompetenmusik gut bekannt sind, ist dies die erste Aufnahme, wo sie tatsächlich mit Naturtrompeten gespielt werden – hier erklingen keine Piccolotrompeten, und auch keine modernisierten „Barocktrompeten“ mit Intonations- löchern, betont Madeuf: „Pour le concerto en solo et la sonata grossa, j'ai même utilisé un instrument original de Johann Wilhelm Haas (Nürnberg, XVIIIe siècle) et mes collègues, des instruments similaires copiés du même modèle et réalisés par Markus Raquet, à Bamberg (2005).“ Auch die Hörner sind Nachbauten von Barock-Originalen, so Madeuf, angefertigt und für diese Einspielung zur Verfügung gestellt durch die Firma Egger aus Basel. 
Barock sind die Klangfarben, und barock sind auch die üppigen Auszierungen, mit der die Musiker so manchen dieser Konzertsätze gestaltet haben. Es ist kaum zu glauben, wie virtuos die Blechbläser auf diesen Instrumenten musizieren; die Solo-Partien wären auch für moderne Trompeten, mit Ventilen, durchaus noch anspruchsvoll. Und die Sinfonia für zwei Jagdhörner, Streicher und Basso continuo wirkt wie ein Gruß nach Mannheim; nicht nur hier verweist Molters Musik bereits auf die Klassik. Jean-François Madeuf ist hier gemeinsam mit Musica Fiorita eine prächtige Einspielung gelungen, die Maßstäbe setzt. Großartig! 

Donnerstag, 16. November 2017

Guilmant: Complete Organ Sonatas (Brilliant Classics)

Kann man französische Orgelmusik auf einer italienischen Orgel spielen? Man kann! Adriano Falcioni hat für seine Einspielung der Orgelsonaten von Alexandre Guilmant (1837 bis 1911) ein Instrument ausgewählt, das der Orgelbauer Carlo Vegezzi-Bossi 1897 in der Kirche del Sacro Cuore di Gesù in Cuneo errichtet hat. Das Instrument besitzt 51 Register auf vier Manualen und Pedal; der Orga- nist kann zwischen einem mechani- schen und einem elektrischen Spieltisch wählen. 
Es ist eine klangschöne spätroman- tische Orgel, die durch ihren Farbenreichtum besticht, und dem Organisten außerdem mit ihrem Schwellwerk dynamische Abstufungen ermöglicht. Somit ist es möglich, diese Orgelsonaten den Vorgaben des Komponisten entsprechend zu gestalten. 
Alexandre Guilmant hat, ebenso wie Charles-Marie Widor, in Brüssel bei Jacques-Nicholas Lemmens studiert. Im Jahre 1871 wurde er zum Titularorganisten der Pariser Kirche La Trinité ernannt, damals gerade neu erbaut und mit zwei Cavaillé-Coll-Orgeln ausgestattet. Dieses Amt übte er zeitlebens aus. Guilmant war zudem ein sehr erfolgreicher Konzertorganist und unterrichtete eine Vielzahl von Schülern. Dadurch sowie mit seinem umfangreichen Orgelwerk wurde er zu einem der Begründer der französischen Orgelschule. 
Seine Orgelsonaten sind großformatige, ausladende Werke, die nicht zuletzt mit prächtigen Klangfarben und einer kühnen Harmonik beeindrucken. Falcioni spielt sie präzise und stilsicher; auf insgesamt drei CD sind die acht Werke komplett zu hören. 

Mittwoch, 15. November 2017

Bach: Keyboard Concertos BWV 1052 - 1054 (Genuin)

Auch für ihre zweite CD bei Genuin hat Schaghajegh Nosrati wieder Werke von Johann Sebastian Bach ausgewählt. Es kommt nicht oft vor, dass sich ein Pianist für sein Debüt ausgerechnet Die Kunst der Fuge aussucht, Bachs Opus ultimum. Schon diese erste Aufnahme freilich ließ aufhorchen, präsentierte sich damit doch eine Musikerin mit Sinn für die leisen Töne. Eher ruhige Tempi, enorme Klarheit und die höchst sorgsame Phrasierung ließen aufhorchen. 
Wenn Schaghajegh Nosrati nun gemeinsam mit dem Deutschen Kammerorchester Berlin die drei Klavierkonzerte BWV 1052, 1053 und 1054 des Komponisten aufführt, dann freut man sich zunächst über ihr perlendes, fein ziseliertes und nuanciertes Klavierspiel. Die Pianistin, die erneut an einem modernen Flügel musiziert, beginnt durchaus schwungvoll, aber sie bleibt immer nobel, kultiviert, hochgradig differenziert, oft nahe am Cembalo. 
Das Deutsche Kammerorchester Berlin ist ihr dabei ein ebenso souveräner wie sensibler Partner. Das gilt insbesondere auch für die Konzerte BWV 1052 und 1053, wo Nosrati eine Anregung von Robert Levin aufgegriffen und die Ecksätze um Bläserstimmen erweitert hat. Das musikalische Material dafür liefern Bachs Kantaten; der Komponist Frank Zabel hat die Pianistin dann dabei unterstützt, einen neuen Stimmensatz inklusive Oboe, Oboe d'amore und Englischhorn zu erstellen. 
Im Beiheft erläutert Schaghajegh Nosrati detailliert, welche Überlegungen sie zu dieser Erweiterung bewegt haben. Das Ergebnis jedenfalls beein- druckt durch Farbenreichtum und Gefühlstiefe. 

Dienstag, 14. November 2017

Sinfonie Concertante - Mozart, Holzbauer, Pleyel (Sony)

Die Sinfonia Concertante, entstanden aus der Verflechtung von Sinfonie, Solokonzert und Divertimento, erlebte ihre Blütezeit zwischen 1770 und 1825. Sie erfreute Musiker wie Publikum durch einen gefälligen Orchestersatz und brillante Solo-Partien. Die Konzertante, wie sie auch genannt wird, kam zunächst in Paris in Mode. Derartige Werke erklangen aber bald überall, wo exzellente Musiker verfügbar waren – so in Mannheim, in Wien oder aber in London. 
Das Kammerorchester Basel stellt auf dieser CD drei besonders schöne Exemplare vor. Zu hören ist an erster Stelle die Sinfonia Concertante in Es-Dur des Mannheimer Hofkapell- meisters und Hofkomponisten Ignaz Holzbauer (1711 bis 1783). Bei diesem  Stück konzertieren Violine, Viola und Violoncello. 
Flöte, Oboe, Fagott, gleich zwei Violinen, Viola, Violoncello und Kontrabass hat hingegen Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 1831) mit Solo-Aufgaben betraut. Die Sinfonia Concertante in F-Dur B. 113 des Haydn-Schülers und Straßburger Domkapellmeisters bietet aber nicht nur farbenreiche Soli, sondern dazu auch eine  wunderschöne dezente Orchesterbegleitung. 
Die Sinfonia Concertante in Es-Dur KV 297b, von Wolfgang Amadeus Mozart komponiert im April 1778 für Flöte, Oboe, Fagott, Horn und Orchester. Vorgesehen war sie für den Flötisten Johann Baptist Wendling, den Oboisten Friedrich Ramm, den Hornisten Johann Wenzel Stich, besser bekannt als Giovanni Punto, und den Fagottisten Georg Wenzel Ritter; erklingen sollte sie im Concert Spirituel. Die Solisten, so erfahren wir aus Mozarts Briefwechsel mit dem Vater, kennen ihre Partien bereits und „sind noch ganz darein verliebt“. Aber aber dann wird ein ganz anderes Werk aufgeführt, und Mozarts Partitur bleibt auch verschwun- den. 
Im Nachlass des Mozart-Biographen Otto Jahn findet sich dann die Abschrift eines Werkes für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Orchester. Musikwissenschaftler gehen heute davon aus, dass zwar die Solostimmen auf der ursprünglichen Fassung beruhen – aber dieser Orchesterpart nicht von Mozart stammt. Auf dieser CD erklingt nun das verschollene Werk in einer von Robert Levin rekonstruierten Fassung, dirigiert von Umberto Benedetti Michelangeli. 
Das Kammerorchester Basel musiziert auf modernen Instrumenten, es hat dabei jedoch die historische Perspektive stets im Blick. Den Musikern um Konzertmeisterin Julia Schröder ist einmal mehr eine Produktion gelungen, die rundum überzeugt – und der Hörer darf sich über wirkliche Entdeckungen freuen. 

Montag, 13. November 2017

Duruflé: Complete Organ Works; Flamme (cpo)

Maurice Duruflé (1902 bis 1986) hat nur sehr wenige Kompositionen hinterlassen. Seine Orgelmusik passt in einen Notenband; obwohl Duruflés Gesamtwerk nur 14 Opuszahlen umfasst, gilt er als einer der bedeutendsten Orgelkomponisten des 20. Jahrhunderts. 
Der Organist war ein Schüler von Charles Tournemire und Louis Vierne; außerdem studierte er am Pariser Conservatoire, wo er für seine Leistungen vielfach mit Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Lehrer schätzen den jungen Musiker sehr. Vierne, Organist an Notre Dame, wollte Duruflé sogar zu seinem Nachfolger machen. Doch dieser nahm dann die Organistenstelle an St. Étienne-du-Mont in Paris an. Dort blieb er bis zum Ruhestand. 
Duruflé war ein brillanter Konzertorganist. Gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Organistin Marie-Madeleine Chevalier, ging er in Europa und in den USA auf Konzertreisen. Er war auch Uraufführungssolist des Orgelkonzerts von Francis Poulenc. 
Die Kompositionen von Maurice Duruflé beruhen einerseits auf der Gregorianik, mit ihrer modalen Melodik und Harmonik. Andererseits führen sie Traditionen des musikalischen Impressionismus weiter, wie wir ihn von Ravel und Debussy kennen. Außerdem sind sie durch seine hohen Qualitätsansprüche geprägt, die auch vom Interpreten Präzision fordern. 
Friedhelm Flamme, Kirchenmusikdirektor in Göttingen, hat nun für cpo das gesamte Orgelwerk Duruflés an der Mühleisen-Orgel der Stiftskirche zu Bad Gandersheim eingespielt. Dieses Instrument verfügt ergänzend zu Hauptwerk und Positiv über ein expressiv-romantisches Schwellwerk. Mit insgesamt 50 Registern kann es sowohl für barocke als auch für klassische Musik genutzt werden; es ist aber auch möglich, orgelsinfonische Werke darauf zu spielen. Gebaut wurde diese Orgel von der Manufacture d'orgues Mühleisen aus Straßburg; sie wurde am Ostersonntag 2000 eingeweiht. 
Diese Aufnahme beweist, dass spätromantische Klänge ebenfalls perfekt zu diesem Instrument passen. Flamme musiziert großartig, und die Orgel ist auch zu Hause mit prächtiger Klangfülle zu erleben. Dem Aufnahme- team ist es gelungen, diesen Klangraum in einer Mehrkanal-Aufnahme so zu erfassen, dass man beim Anhören dieser Super Audio CD mitunter das Gefühl hat, in der Kirche zu sitzen. Grandios! 

Passagio - Eine barocke Alpenüberquerung (Alpha)

Der Elefant auf dem Cover täuscht – es geht nicht um die Alexanders dieser Welt, sondern um Musiker, die die Alpen überquerten; im 16. und
17. Jahrhundert war dies noch ein strapaziöses und sicherlich auch nicht ganz ungefährliches Unter- fangen. Doch Instrumentalisten und Sänger aus Italien waren an europäischen Höfen gesucht, und umgekehrt reisten ihre Kollegen in den Süden, um in Italien zu lernen und sich mit den aktuellen Trends vertraut zu machen. 

Das Duo Ombra e Luce spürt auf dieser CD den Auswirkungen nach, die dieser Austausch auf die Musik Europas hatte. Dazu haben Georg Kallweit und Björn Colell Musik für Violine und Laute eingespielt; die ausgewählten Werke zeigen, dass Komponisten seinerzeit nicht einmal selbst auf die Reise gehen mussten, um südliche Inspiration zu erfahren. Johann Heinrich Schmelzer beispielsweise, erst Geiger und später Hofkapellmeister in Wien, war nie in Italien. 
Georg Muffat hingegen hat sowohl bei Jean-Baptiste Lully als auch bei Arcangelo Corelli studiert. In seinem Schaffen integrierte er die verschiedensten stilistischen Einflüsse. Eine Lektion in Musikgeschichte freilich geben Georg Kallweit und Björn Colell eher im Hintergrund. In erster Linie präsentieren die beiden Musiker ein gut abgestimmtes Programm, in dem sie sowohl die Geige als auch Theorbe, Chitarrone und Barockgitarre mit ebenso virtuosen wie wohlklingenden Musikstücken auf das Beste ins Licht rücken. 
Und wie dieses Duo musiziert, das ist sensationell – Kallweit und Colell lassen die Klänge atmen; alles wirkt so lebendig und spontan, ganz als wäre diese Musik gerade eben entstanden. Das ist große Kunst, die den Hörer beglückt. Unbedingt anhören! 

Sonntag, 12. November 2017

Dvorák: Complete Symphonies & Concertos (Decca)

Nach seiner Rückkehr zur Tschechischen Philharmonie im Jahre 2012 hat sich Jiří Bělohlávek noch einmal dem Werk von Antonín Dvořák zugewandt. Der Dirigent hatte das Orchester bereits in den Jahren 1990 bis 1992 geleitet, als Nachfolger von Václav Neumann, und in den Jahren danach war er auch international sehr erfolgreich tätig, unter anderem als Leiter des BBC Symphony Orchestra.
Bei Decca sind nun zwei wichtige Editionen erschienen. Da wäre zum einen diese Box, die auf sechs CD alle neun Sinfonien und die Konzerte von Dvořák zusammenfasst. Die Sinfonien in dieser Ballung zu hören, das ist ein Erlebnis – zumal sich die Aufnahmen durch viele kleine Details auszeichnen, die man mit Freude wahrnimmt. Da ist alles mit Hingabe gestaltet, mit großer Klarheit strukturiert und sehr fein ausgearbeitet. Man lausche nur dem berühmten Englischhorn-Solo im Largo der Sinfonie Aus der Neuen Welt – berückend!
Beim Cellokonzert ist Alisa Weilerstein zu hören, beim Klavierkonzert spielt Garrick Ohlsson den Solopart. Die große Überraschung war für mich aber das Violinkonzert, das von Frank Peter Zimmermann mit Noblesse interpretiert wird. Diese Aufnahme ist wirklich hinreißend.
Die zweite CD mit der Tschechischen Philharmonie und Bělohlávek, die hier vorgestellt werden soll, bietet eine exzellente Einspielung von Dvořáks Slawischen Tänzen opp. 46 und 72. Auch hier wird deutlich, dass das Prager Orchester Weltklasse hat – und bei Dvořák kann diesen Musikern derzeit kaum jemand das Wasser reichen. Sie spielen schwungvoll und frisch, und zugleich derart differenziert, dass es eine Freude ist. In manchen Passagen wirkt das geradezu kammermusikalisch; man höre nur die Holzbläser... Diese Aufnahme setzt ohne Zweifel Maßstäbe, und sie wird wohl für eine lange Zeit Referenzcharakter haben. Großartig, unbedingt anhören!

Fritz Wunderlich - Operetten-Arien (SWR Music)

Fritz Wunderlich (1930 bis 1966) war nicht nur in stimmlicher Hinsicht ein Ausnahme-Sänger. Auch das Repertoire des Tenors überrascht immer wieder, denn es reichte vom Schlager bis zu Heinrich Schütz, und von den großen Opernpartien bis hin zu den beliebten Operettenhits. Egal, was Wunderlich sang – er sang immer mit Seele, und seine Musikalität machte noch aus der banalsten Melodie ein Ereignis. 
Auf dieser Doppel-CD nun hat der SWR aus seinen Archiven Aufnahmen von Operetten-Arien zusammengetragen, aus einem Zeitraum, der bis in den November 1965 reicht. Da war Wunderlich längst als Opernsänger berühmt. Doch die Sorgfalt, mit der er – zumeist mit dem Rundfunkorchester des Südwestfunks Kaisernlautern und dem genialen Emmerich Smola – die guten alten Operettenmelodien gestaltet, rührt noch heute an. 
Man kann diese alten Einspielungen wirklich genießen, zumal sie beim SWR durch die Tonmeisterin Gabriele Starke und den Ingenieur Boris Kellenbenz umsichtig aufgearbeitet und remastert wurden. Wunderbar! 

Samstag, 11. November 2017

Monteverdi: Madrigals Book 8 Madrigali guerrieri et amorosi (Naxos)

Das achte Madrigalbuch von Claudio Monteverdi (1567 bis 1643), besser bekannt unter dem Titel Madrigali guerrieri, et amorosi, erschien fünf Jahre vor dem Tode des Komponisten und enthält viele Meisterwerke, mit denen Monteverdi Musikgeschichte geschrieben hat. Zum 450. Geburtstag des Komponisten hat das Ensemble Delitiæ Musicæ unter Marco Longhini bei Naxos dieses Opus komplett in einem exklusiven 4-CD-Set präsentiert, inklusive einem sehr umfangreichen und mit Sorgfalt zusammengestellten Beiheft. 
Damit würdigt das Label den Jubilar, dem es in einzigartiger Weise gelungen ist, menschliche Emotionen in Musik hörbar werden zu lassen. Diese CD-Kollektion gruppiert die Madrigale nach Affekten, in Madrigali guerrieri, Madrigali amorosi und Madrigali rappresentativi. Zu hören ist, in Ersteinspielung, die ungekürzte Fassung, die auch die zusätzlichen Instrumentalwerke von Biagio Marini (1594 bis 1663) mit einschließt. Monteverdi hat sie eingefügt, und so erklingen die Sinfonias und die diversen Tänze, wie er das haben wollte. 
Die Instrumentierung ist üppig; so wechseln sich neun (!) Musiker im Basso continuo ab; dazu kommen ein Gambenconsort und ein barockes Streicherensemble, zu dem auch ein Paar Blockflöten sowie diverse Schlaginstrumente gehören. Die Madrigale auf diesem Album werden übrigens ausschließlich von Männern gesungen; die Partie des Cupid in Ballo delle ingrate übernimmt mit Beniamino Borciani ein Knaben-Sopran. 

Pachelbel (Klanglogo)

Orgel oder Cembalo? Wer Musik von Johann Pachelbel (1635 bis 1796) spielen will, steht immer wieder vor dieser Frage. Denn musiziert wurde in jener Zeit auf sehr verschiedenen Tasteninstrumenten – aber welches der Komponist für sein jeweiliges Werk im Sinn hatte, das ist aus den Noten nur selten eindeutig zu erkennen. 
Márton Borsányi hat für jedes Musikstück Pachelbels, das er für seine erste Solo-Veröffentlichung ausgewählt hat, nach einer klanglich passenden Lösung gesucht. Der junge Musiker hat an der Leipziger Musikhochschule sowie an der Schola Cantorum Basiliensis studiert, und er beschäftigt sich besonders intensiv mit Musik für Tasteninstrumente, die im 17. Jahrhundert im lutherischen deutschsprachigen Raum entstanden ist. 
Das Instrumentarium für dieses Aufnahmeprojekt hat Borsányi mit Sorg- falt ausgewählt. Das Cembalo entstammt der Tradition der berühmten Cembalobauer-Dynastie Ruckers-Couchet. Es besitzt zwar nur ein Manual, aber zwei 8'- und ein 4'-Register sowie einen Lautenzug. Seine klangliche Variabilität ist ganz erstaunlich. Dazu gesellt sich ein Orgelpositiv, orientiert am Schaffen des Nürnberger Orgelbaumeisters Nicolaus Manderscheidt, einem Zeitgenossen Pachelbels, und erbaut von Peter Meier Orgelbau aus Rheinfelden. Diese kleine, aber ausgesprochen klangschöne Orgel verfügt lediglich über drei Register; sie hat zudem ausschließlich Holzpfeifen. 
Mit seiner CD demonstriert Borsányi, wie farbenreich Musik des 17. Jahr- hunderts gestaltet werden kann. Pachelbels Werke, mit so viel Experimen- tierlust und Spielfreude vorgetragen, wirken frisch und brillant. Ein gelungenes Debüt, zu dem man nur gratulieren kann. Bravo! 

Freitag, 10. November 2017

Moscheles: Zehn Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von J.S. Bach (FCI)

Diese CD bietet gleich zwei Raritäten. Der Cellist Niklas Schmidt spielt gemeinsam mit Stepan Simonian, Klavier, eine Sonate für Violoncello und Klavier in D-Dur von Johann Christoph Friedrich Bach (1732 bis 1795), dem „Bückeburger Bach“. Unter den drei Bach-Söhnen, die als Musiker brillierten, gilt er als virtuos, aber unscheinbar; er wirkte fast
50 Jahre lang als Cembalist und Kapellmeister am schaumburg-lippischen Hof. 

Fast noch interessanter ist das andere Werk auf der CD, die Zehn Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier von J.S.Bach mit einer hinzukompo- nierten Violoncellostimme op.137a von Ignaz Moscheles (1794 bis 1870). Der Musiker war ein enger Freund von Felix Mendelssohn Bartholdy, und teilte dessen Bach-Begeisterung. Den Cellopart hat er eigens geschaffen, um die „herrlichen Präludien den Laien und dem grössern Publikum (wieder) zugänglich zu machen“. Dabei setzt er auf den „concertierenden Effect“ der Instrumente und „moderne“ Klangfarben, wie er schreibt. 
Mit diesem Projekt, das wir heute möglicherweise als ziemlich kühn empfinden, folgt Moscheles dem Beispiel auch anderer Romantiker, die sich Bachs Werke – die damals wiederentdeckt wurden – erschlossen, indem sie sie bearbeiteten. Das Beiheft zu dieser CD listet eine lange Reihe derartiger Arrangements auf. Sie folgen damit einer Tradition, die auch Bach selbst pflegte; so studierte er beispielsweise Vivaldis Konzerte, indem er sie auf Orgel und Cembalo übertrug. 
Bach aus der Perspektive der Romantik zu interpretieren, das ist ein Experiment, dem sich Niklas Schmidt und Stepan Simonian mit großem Können und dazu mit hörbarem Vergnügen stellen. Eine gelungene Aufnahme, die rundum erfreut. 

Schubert: Winterreise (Doron)

Für seine Lieder hatte Franz Schubert (1797 bis 1828) eigentlich eine Klavierbegleitung vorgesehen. Doch mittlerweile kann man sie gelegentlich auch mit Gitarre hören; Orchesterversionen einzelner Lieder haben zudem schon Max Reger und Anton Webern geschaffen. Komplett orchestriert hat die Winterreise Hans Zender, der seine Version für Tenor und kleines Orchester als „kompo- nierte Interpretation“ bezeichnet. 
Umso neugieriger war ich auf diese Aufnahme, wo eine Orgel zu hören ist. Die Idee zu dieser Besetzung kam dem japanischen Tenor Taro Kato, weil er den Helden der Winterreise als unreifen Charakter empfindet. Und dieser seelischen Disposition entspricht seiner Meinung nach eine Begleitung durch die Orgel besser. 
Das Schmettern des Posthorns, das Spiel des Leiermannes, das Fauchen des Windes, der gefrorene Fluss, das flackernde Irrlicht – all das lässt sich mit einer Orgel wirkungsvoll musikalisch in Szene setzen. Und bei geschickter Wahl der Register kann dieses Instrument mit seinen vielen Klangfarben eine Interpretation ganz sicher bereichern. 
Azumi Okamura hat für diese Einspielung die Orgel der Reformierten Kirche in der Gemeinde Chexbres ausgewählt, gelegen unweit von Lausanne in der Schweiz. Es handelt sich dabei um ein eher kleines Instrument französisch-romantischer Orgelbautradition mit 13 Registern auf zwei Manualen und Pedal, erbaut von Charles Mutin im Jahre 1905. Der Pariser Orgelbauer hatte um 1900 die Firma von Cavaillé-Coll übernommen; all das erfährt man aber leider nicht aus dem Beiheft. 
Dieses Instrument klingt durchaus gut, aber die Möglichkeiten zur dynamischen Abstufung und zur klanglichen Differenzierung, die es bietet, sind nicht gerade üppig. Mit den orchestralen Effekten einer großen französischen Orgel kann es nicht mithalten. Insofern kommt diese Orgelversion an Schuberts doch sehr beredten Klavierpart nicht heran, zumal Azumi Okamura auch eine eher zurückhaltende Registrierung gewählt hat. Ihre Interpretation ist vom Klavier her gedacht; sie nutzt den Orgelklang nicht wirklich, und kann letzten Endes nicht überzeugen. Schade. 

Montag, 6. November 2017

Die Orgeln der Thomaskirche zu Leipzig (Rondeau)

Die Leipziger Thomaskirche ist ein Pilgerort der Musikgeschichte; im Laufe der Jahrhunderte waren dort viele berühmte Musiker tätig. Und an der Orgel hat dort nicht nur Johann Sebastian Bach musiziert, sondern auch beispielsweise Wolfgang Amadeus Mozart und Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Orgel freilich, die sie gespielt haben, existiert heute nicht mehr. 
Auf dem westlichen Chor befindet sich heute ein Instrument von Wilhelm Sauer, errichtet in den Jahre 1885 bis 1889. Diese romantische Orgel hatte ursprünglich 63 Register, und wurde Anfang des 20. Jahrhunderts nach Vorschlägen von Karl Straube auf 88 Register erweitert. Im Jahre 2005 wurde sie durch die Orgelwerkstatt Christian Scheffler restauriert, und sie ist heute wieder auf dem Stand, den sie bei ihrem Umbau 1908 erhalten hatte. 
Im Jahre 2000 jährte sich Bachs Todestag zum zweihundertfünzigsten Male. Aus diesem Anlass wurde auf der Nordempore die Bach-Orgel installiert. Sie stammt aus der Werkstatt des Marburger Orgelbauers Gerald Woehl, hat 61 Register, verteilt auf vier Manuale und Pedal, und orientiert sich klanglich an mitteldeutschen barocken Vorbildern. Ihre Temperatur ist ungleichstufig nach Neidhardt, und der Stimmton liegt bei 465 Hz, zu Bachs Zeiten der übliche Stimmton von Leipziger Orgeln. Mit einem speziellen Hebel, der Kammerkoppel, kann die Stimmung von diesem sogenannten Chorton auf den tiefen Kammerton (415 Hz) gewechselt werden, was das Zusammenspiel mit Barockinstrumenten ermöglicht. 
Auf diesem Album stellt Ullrich Böhme, der amtierende Thomasorganist, mit speziell ausgewähltem Repertoire diese beiden Orgeln vor: Die Bach-Orgel erklingt mit Werken von Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707), Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) und dem Bach-Schüler Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780). Die Sauer-Orgel ist mit dem Fest-Hymnus C-Dur op. 20 von Carl Piutti (1846 bis 1902), Thomasorganist von 1880 bis zu seinem Tode, zu hören. An ihr spielt Böhme zudem die Sonate c-Moll op. 65.2 von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847), und die Suite Gothique op. 25 von Léon Boëllmann (1862 bis 1897). 

Benny Andersson - Piano (Deutsche Grammophon)

Benny Andersson, seinerzeit der wichtigste Songwriter des Kultquartetts Abba, kehrt auf dieser CD zu seinen Wurzeln zurück: Piano – das ist seine Musik, auf das Wesentliche reduziert. Das Klavierspielen brachte sich Andersson als Kind selbst bei. An seinem Flügel entstanden in späteren Jahren etliche Welthits. Und der Fazioli steht auch im Mittelpunkt dieser Einspielung, die den erfolgreichen schwedischen Musiker, Komponist und Produzent aus einer völlig anderen Perspektive zeigt. 
Wer eine lockere Kollektion Abba-Greatest-Hits erwartet, der wird enttäuscht werden. Auf diesem Album ist ein eher ruhiger, bisweilen auch melancholischer Benny Andersson zu erleben. Die CD enthält neben einigen vertrauten Melodien aus dem Abba-Repertoire auch zahlreiche Stücke aus seinen Musicals Chess und Kristina från Duvermåla sowie von Anderssons Solo-Alben. 
„Bei den Aufnahmen zu diesem Album, die mir einen Riesenspaß gemacht haben, wurde mir klar, dass die Stücke, die ich hierfür ausgesucht habe, ein integraler Teil meiner Person sind“, schreibt der Musiker im Geleitwort zu dieser CD. „Im Bemühen, zum innersten Kern der Musik vorzudringen, ging mir auf: Je mehr Äußeres, d.h. Bearbeitungen und Arrangements, ich von den ,Originalfassungen' abschäle, desto näher fühle ich mich dieser Musik – egal, ob sie im letzten Jahr oder vor 40 Jahren entstanden ist.  Auf seltsame Weise habe ich das Gefühl, ich würde meine Memoiren spielen.“ 
Zu hören sind herzerwärmende, kleine Piano-Balladen, melodisch eher schlicht, aber mit einer aparten Harmonik, irgendwo zwischen Bar-Jazz und Klassik; auch Einflüsse schwedischer Volksmusik sind unverkennbar. Ein sehr persönliches Album, mit viel Charme. 

Sonntag, 5. November 2017

Hommage à Fritz Kreisler (BMC)

„Only a few weeks ago you recorded your last album with Barnabás Kelemen: Fritz Kreisler's pieces for violin and piano. Even there, you are teaching. In your hands, pieces we used to pass with a shrug of the shoulders have become diamonds... (Perhaps they are?)“, sagte György Kurtág im November 2016 auf einer Veranstaltung im Gedenken an den kurz zuvor verstorbenen Zoltán Kocsis. 
Mit ihm verlor die Musikwelt einen zu Recht hoch angesehenen Pianisten. Wie groß dieser Verlust ist, davon vermittelt diese CD mit den oben genannten Werken für Violine und Klavier von Fritz Kreisler (1875 bis 1962) einen starken Eindruck. Nicht umsonst merkt Kocsis im Beiheft zu dieser CD an, dass Kreisler nicht nur der König aller Geiger, sondern obendrein auch ein exzellenter Pianist war. 
Kocsis kennt all die historischen Aufnahmen, auf denen Kreisler mit seinem charakteristischen Geigenton zu hören ist. Und er bedauert, dass der Klavierpart üblicherweise nicht angemessen interpretiert wird: „Bis auf einige wenige erfrischende Ausnahmen sind die Piano-Matadore bei seinen Aufnahmen mittelmäßig bis schlecht“, meint Kocsis in seinen Anmerkungen zu dieser neuen Einspielung. „Der Aufnahmetechnik jener Zeit kann man nicht die Schuld geben an verspäteten Einsätzen, ungeschicktem Umgang mit dem Pedal, einem Mangel an Balance im Klavierpart, oder an all den anderen Details, die dem heutigen Zuhörer das Gefühl geben, dass dieses Violinspiel weit bessere Begleitung und bessere Begleiter verdient.“ 
Zoltán Kocsis zeigt, wie Kreisler klingen kann, wenn man diese Musik tatsächlich ernst nimmt. Der Pianist hat ausgewählte Werke des Violinvirtuosen gemeinsam mit seinem regelmäßigen Kammermusik- partner, dem Geiger Barnabás Kelemen, eingespielt – und dabei die Stücke sorgfältig gearbeitet. Das Ergebnis ist phänomenal. Unbedingt anhören! 

Donnerstag, 2. November 2017

Schmelzer: Sonatas (Accent)

Auf dieser CD erkundet William Dongois mit seinem Ensemble Le Concert Brise eine ganz spezielle Facette der Musikgeschichte: Im Laufe der Jahrhunderte sind immer wieder Instrumente zeitweise besonders beliebt gewesen, und dann plötzlich aus der Mode gekommen. Mitunter sind sie dabei sogar völlig außer Gebrauch geraten, wie beispielsweise die komplette Familie der Gamben, die Blockflöten – oder der Zink, um den es auf dieser CD geht. 
Der Lebenslauf von Johann Heinrich Schmelzer (um 1623 bis 1680) spiegelt eine solche Entwicklung. Der Musiker begann seine Karriere als Cornettist – in dieser Funktion ist er 1643 am Wiener Stephansdom nachzuweisen – und wirkte später als Geiger in der Hofkapelle. Kaiser Leopold I. schätzte ihn sehr; er ernannte den Musiker 1665 zum Ballettkomponisten, 1671 zum Vizekapellmeister und 1679 schließlich als ersten Nicht-Italiener überhaupt zum Hofkapellmeister. Außerdem erhob er Schmelzer in den Adelsstand. Genießen freilich konnte der Musiker diese Ehren nicht allzu lange, denn er wurde 1680 ein Opfer der Pest. 
Der Zink war vom Spätmittelalter bis Mitte des 17. Jahrhunderts im Gebrauch. Er stand in dem Ruf, der menschlichen Stimme klanglich besonders gut zu entsprechen. Dass der Zink vom Instrument der Stadt- pfeiffer zu einem Virtuoseninstrument wurde, für das höchst anspruchs- volle Soli entstanden, dieser Trend kam zum Ende des 16. Jahrhunderts aus Italien. Aus Italien kam aber im 17. Jahrhundert auch die Violine, durch die der Zink verdrängt wurde. 
Die Ablösung des Grifflochhorns durch die neuartigen Streichinstrumente spiegelt auch das Schaffen Schmelzers. Während er zunächst Zink und Violine nebeneinander einsetzte, dominiert in seiner Kammermusik schließlich die Violine. Schmelzer selbst, so schreibt Johann Joachim Müller in seinem Reise-Diarium aus dem Jahre 1660, galt als „der berühmte und fast vornehmste Violist in ganz Europa“
Seine Werke waren beliebt und weit verbreitet; die Musiker um Dongois haben ihr Programm mit herrlichen Sonaten aus den verschiedensten Manuskripten sowie zwei Drucken zusammengestellt. Was für ein Klanggenuss! Mit dieser Aufnahme bestätigt der Musiker einmal mehr seine hohe Kunst; Dongois ist ohne Zweifel derzeit einer der besten Zinkenisten Europas. Im Ensemble Le Concert Brisé hat er brillante Partner an seiner Seite; zu hören sind Alice Julien-Laferrière, Barock- violine, Jean-François Madeuf, Naturtrompete, Stefan Legée, Posaune, Moni Fischalek, Dulcian und Hadrien Jourdan an der Orgel der Kirche von Talange, 2003 von Rudi Jacques im italienischen Stil erbaut. 

Mittwoch, 1. November 2017

In Erlkönigs Reich (Hänssler Classic)

David Jerusalem, Jahrgang 1985, hat nun bei Hänssler Classic, in Koproduktion mit Deutschlandradio, sein Debütalbum veröffentlicht. Auch wenn er mittlerweile in zahlreichen Opernpartien zu erleben war, hat der junge Sänger dafür ein Liedprogramm zusammengestellt, mit Balladen von Carl Loewe (1796 bis 1869) und Franz Schubert (1797 bis 1828). 
Neben bekannten Werken von Loewe, wie Odins Meeresritt, Archibald Douglas, Tom der Reimer oder Die Uhr, sind zahlreiche Lieder Schuberts zu hören, die zumeist eher zu den unbekannteren gehören – Der Zwerg beispielsweise, Auf der Donau, Gruppe aus dem Tartarus, Der Pilgrim oder Wie Ulfru fischt. Der Vergleich ist spannend – und das nicht nur, weil beide Komponisten Goethes Erlkönig vertont haben. 
Auch musikalisch bietet diese Kombination so manche Überraschung. Denn der Zuhörer wird bald feststellen, dass die Lieder klanglich mitunter verblüffend ähnlich sind; der Klavierpart ist bei beiden Komponisten anspruchsvoll und reicht über eine simple Begleitung weit hinaus. David Jerusalem konnte dafür den erfahrenen Pianisten Eric Schneider gewinnen, der dem Bassbariton mit seinem ausdrucksstarken Klavierspiel ein exzellenter Partner ist. Auch wenn noch nicht alles perfekt ist, in manchen Passagen ist mir beispielsweise das Klavier zu laut, beeindrucken beide Musizierpartner durch ihr enormes Gestaltungsvermögen. Loewes Ballade Die Uhr beispielsweise habe ich noch nie besser gehört. Chapeau! 

Dienstag, 31. Oktober 2017

Giovanni Gabrieli: Complete Keyboard Music (Brilliant Classics)

Giovanni Gabrieli (um 1555 bis 1612) war der Neffe von Andrea Gabrieli (1532/33 bis 1585). Er war ein Schüler seines Onkels, und setzte seine Ausbildung dann in München fort, wo er mehrere Jahre im Umfeld von Hofkapellmeister Orlando di Lasso und Hoforganist Gioseffo Guami verbracht haben soll. In den 1580er Jahren kehrte er nach Venedig zurück. 1585 wurde er zweiter Organist am Markusdom, und nach dem Tode seines Onkels wurde er dessen Nachfolger als Hauptorganist und Komponist. Er hielt das Werk seines Onkels in hohen Ehren; so ließ er dessen Kompositionen drucken, und führte die venezianische Mehrchörigkeit zu hoher Blüte. Giovanni Gabrieli war auch der Lehrer von Heinrich Schütz, der wiederum die deutsche Musik entscheidend prägte. 
Umso interessanter ist ein Projekt, das Roberto Loreggian verwirklicht hat. Der Organist und Cembalist, ein ausgewiesener Experte für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts, hat sich mit der Musik der beiden veneziani- schen Komponisten intensiv beschäftigt – und er hat dann zunächst sämtliche Werke für Tasteninstrumente von Andrea Gabrieli eingespielt, und nachfolgend auf drei CD auch die seines Neffen. Dabei ging es ihm darum, ein möglichst authentisches Klangbild zu erzielen. 
So spielt er in dieser Einspielung eine Orgel, die der Orgelbauer Vincenzo Colombi im 16. Jahrhundert im Dom von Valvasone errichtet hat. Sie wurde zwar mehrfach umgebaut, aber 1999 durch Francesco Zanin sorgsam restauriert und wieder weitgehend in den ursprünglichen Zustand gebracht. Loreggian verweist darauf, dass dieses prächtige Instrument – mit einem Stimmton von 492,5 Hz – das einzige original venezianische ist, das erhalten geblieben ist.  Neben dieser kostbaren historischen Orgel erklingt ein italienisches Cembalo aus dem 17. Jahrhundert – der Instrumentenbauer ist nicht bekannt – aus einer privaten Sammlung. 
Loreggian hat aber nicht nur Instrumente ausgewählt, mit denen sich der Klang jener Zeit an der Nahtstelle von Renaissance und Barock nachvoll- ziehen lässt. Er versucht auch, Fingersätze zu verwenden, wie sie damals üblich waren, die Register authentisch zu wählen, und zeitgemäße Verzierungen zu gestalten. Das macht diese Einspielung der Toccaten, Fugen, Intonationen, Canzoni, Ricercari und Fantasien doppelt interessant – abgesehen davon, dass diese alten Musikstücke auch atemberaubend schön sind. Sehr beeindruckend! 

Russian Classics (Genuin)

Auf die musikalische Reise nach Südamerika folgt nun eine weitere, die nach Osten führt: Russische Klassiker präsentiert die Sächsische Bläserphilharmonie unter ihrem Leiter Thomas Clamor in höchst ansprechenden Arrangements auf ihrer neuen CD, die jüngst bei dem Leipziger Label Genuin erschienen ist. 
Die Ouvertüre stammt von Michail Glinka (1804 bis 1857), der mit Ruslan und Ljudmila eine der schönsten Märchenopern überhaupt geschaffen hat. Dmitri Schostako- witsch (1906 bis 1975) hat nicht nur gewichtige Sinfonien geschrieben, sondern auch zahlreiche kleinere Musikstücke, wie Filmmusiken. Einige davon fasste er in den 50er Jahren zu Suiten zusammen. Hier sind einige dieser wunderbaren Werke zu hören, aus der Suite für Varieté-Orchester und aus der Stechfliege-Suite
Das Capriccio Italien von Peter Tschaikowski (1840 bis 1893) spiegelt Italien aus russischer Perspektive; unter heiteren Klängen lauert latent die Melancholie. Auch die Suite zu dem Ballett Romeo und Julia von Sergej Prokofjew (1891 bis 1953) verweist auf Italien; allerdings ist die Mandoline des Morgentanzes eine nahe Verwandte der Balalaika. 
Es ist sehr interessant, wie diese bekannten Melodien klingen, wenn sie nur mit Bläsern besetzt sind: Die Motive der Julia wirken eher noch fragiler, und auch die Konfrontation zwischen Montagues und Capulets erscheint in dieser Version klanglich zugespitzt. Die Sächsische Bläserphilharmonie kann durchaus in herrlichen Melodien schwelgen – aber sie verliert sich nicht darin. Musiziert wird auf den Punkt, rhythmisch prägnant, mit berückendem Piano, aber bei Bedarf auch mit kräftigen Akzenten. Und wie farbenreich die Bläser klingen können, das ist auch beim letzten Stück auf dieser CD noch einmal zu erleben: Igor Strawinskys (1882 bis 1971) Ballett Der Feuervogel liefert ein märchenhaftes Finale. Bravi! 

Sonntag, 29. Oktober 2017

Förtsch: Sacred Concertos - Cantatas (cpo)

Diese CD erinnert gleich dreifach an Gewichtiges aus der Musikgeschichte. Da wäre zum ersten die Hofkapelle der Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf. Im 17. Jahrhundert gehörte, man glaubt es kaum, Gottorf in eine Reihe mit Musikmetropolen wie Wolfenbüttel, Dresden und München. Es schließt also in jeder Hinsicht eine Lücke, wenn das Label cpo nun mit einer CD-Reihe an diese glanzvolle Musiktradition im Norden erinnert. 
Dann wäre da die Hofkapelle von Schloss Gottorf aus dem 16. Jahr- hundert mit ihrer prachtvollen Ausstattung, die glücklicherweise unverändert erhalten geblieben ist. Das gilt auch für die Orgel, die um die Jahrtausendwende aufwendig von dem dänischen Orgelbauer Mads Kjersgaard restauriert worden ist und heute wieder so klingt wie einst im Frühbarock. 
Sie ist auch auf dieser CD zu hören, die in diesem historischen Klangraum eingespielt worden ist. Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen präsentiert eine Auswahl von Kantaten von Johann Philipp Förtsch (1652 bis 1732). Er stammte aus Wertheim und studierte Medizin; in der Musik unterwies ihn unter anderem Johann Philipp Krieger. 1678 ging Förtsch nach Hamburg, wo er als Sänger in der Ratskapelle sowie in der Oper am Gänsemarkt wirkte. 1680 engagierte ihn der Herzog als Hofkapellmeister; allerdings wurde er schon bald Hofarzt. 1689 wurde Georg Österreich (1664 bis 1735) sein Nachfolger im Kapellmeisteramt. In seiner umfangreichen Musikaliensammlung sind auch Förtschs Werke überliefert. 
Förtsch selbst war in späteren Jahren wohl ausschließlich als Arzt und Diplomat für die Herzöge tätig. In seinen Werken fällt auf, dass er trotz einer eher kleinen Besetzung höfisch-repräsentative Erwartungen geschickt bediente – auf dieser CD sind gleich zwei Werke zu finden, wo neben den Sängern auch zwei Trompeten, zwei Violinen, drei Gamben und Continuo zu hören sind. 
Außerdem hat Förtsch seine Kantaten gekonnt als kleine geistliche Dramen gestaltet, so dass er seinen Dienstherren im Gottesdienst mit jenen Stilmitteln erfreute und erbaute, die dieser offenbar gut kannte und sehr schätzte; immerhin unterstützte der Herzog die Hamburger Oper finanziell. Dazu kombinierte Förtsch Bibelworte, frei gedichtete Zusätze und Choralstrophen, um eine szenische Wirkung zu erzielen. 
Die Gottorfer Schlosskapelle mit ihrer reich verzierten Holz-Inneneinrich- tung erweist sich dafür als der perfekte Aufführungsort – sie hat kaum Nachhall, was den Klang transparent macht. Und das Ensemble Weser-Renaissance überzeugt einmal mehr als Spezialist für derartiges Repertoire. Vielen Dank für diese Entdeckung! 

Sounds of Hollywood (Ars Produktion)

Dies ist bereits die dritte CD mit Filmmusik, die die Vogtland Philharmonie unter Leitung von Stefan Fraas eingespielt hat. Dieses Orchester ist einzigartig in der deutschen Musiklandschaft – und das nicht nur deshalb, weil es von zwei Bundesländern, Thüringen und Sachsen, gemeinsam getragen wird. Bekannt ist es auch für seine ungewöhnlichen Veranstaltungs- und Konzertformate. Damit wirbt es ziemlich erfolgreich um Publikum, das normalerweise nicht ins Sinfonie- konzert gehen würde. 
So lädt „Sounds of Hollywood“ ein zu einer musikalischen Reise durch die Welt der Filme. Das Konzert, mitunter sogar als Open Air, bietet sowohl Musik- als auch Kinofans ein unvergessliches Erlebnis. Dazu wird der Orchestersound ergänzt durch legendäre Filmszenen, die zusammen mit Großaufnahmen der Künstler auf eine überdimensionale Leinwand übertragen werden. 
Auf diese multimediale Dimension muss freilich verzichten, wer sich die bekannten Filmmusiken per CD ins Haus holt. Auch das ganz besondere Flair einer Großveranstaltung unter freiem Himmel überträgt sich hier nicht, da die Aufnahmen in der Stadthalle Werdau entstanden sind. Zu hören sind Hits aus Hollywood, für jeden Geschmack. Das Programm reicht von Star Wars – Das Erwachen der Macht über Bonanza bis zu Batman und vom Dschungelbuch über Games of Thrones bis hin zu Der Polarexpress. Nicht alles ist so filigran gestaltet, wie man sich das wünschen könnte. Aber generell hat das Album etliches zu bieten – man höre nur John Williams' Filmmusik zu Die Geisha, mit ausgesprochen reizvollen Solopartien von Violine und Violoncello, gespielt von Konzert- meister Sergei Synelnikov und Solo-Cellist Peter Manz. 

William Youn plays Mozart Sonatas Vol. 5 (Oehms)

Auch für seine fünfte CD mit Klaviersonaten von Wolfgang Amadeus Mozart hat William Youn wieder ein ebenso abwechslungs- reiches wie anspruchsvolles Programm zusammengestellt. Er kombiniert die virtuose Klavierso- nate D-Dur, KV 284, die charmante Klaviersonate C-Dur, KV 309, und die ausdrucksstarke c-Moll Fantasie KV 475 nebst der in der gleichen Tonart stehenden Sonate KV 457. Ob diese beiden Stücke wirklich zusammengehören, weiß man nicht. In sein Werkverzeichnis schrieb Mozart die Werke separat und mit einem guten halben Jahr Abstand ein. Erschienen aber sind sie erstmals 1785 gemeinsam bei Artaria, unter dem Titel Fantaisie et Sonate Pour le Forte-Piano composées pour Madame Therese de Trattnern par le Maître de Chapelle W. A. Mozart. Youn stellt sie nebeneinander; so kann sich jeder selbst ein Urteil bilden. 
Der Pianist, geboren in Korea, aufgewachsen in Amerika, und nach seinem Studium in Hannover nun zu Hause in München, begeistert erneut durch sein feinsinniges Werkverständnis und seine exzellente Klaviertechnik, die ihm ein überaus ausdrucksvolles Musizieren ermöglicht. So ist auch diese CD wieder rundum gelungen und faszinierend; William Youn gelingt es einmal mehr, mit seinem poetischen Spiel Maßstäbe zu setzen. Bravo! 

Freitag, 27. Oktober 2017

Henryk Szeryng plays Nardini, Vieuxtemps, Ravel, Schumann (Hänssler Classic)

Noch einmal eine CD, auf der Henryk Szeryng zu hören ist – und was für ein Programm! Der Geiger hat diese Aufnahmen in den Jahren 1955 und 1957 im Baden-Badener Musikstudio mit dem Sinfonieorchester des SWR unter seinem legendären Leiter Hans Rosbaud eingespielt. Der Hörer darf sich über das e-Moll-Konzert von Pietro Nardini (1722 bis 1793) freuen, das hier in romantischer Bearbeitung erklingt. Darauf folgen das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op. 31 von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881), und die ausgesprochen virtuose Konzert-Rhapsodie Tzigane von Maurice Ravel (1875 bis 1937). 
Abschließend ist das Violinkonzert in d-Moll von Robert Schumann (1810 bis 1856) zu hören, für das sich Szeryng sehr eingesetzt hat. „Ich kenne die Bedenken gegen dieses Stück“, meinte der Geiger einst, „aber ich billige sie nicht. Man sagt, es sei spröd und undankbar für den Solisten. Ich gebe zu, dass es nicht so geigerisch ist wie andere Konzerte, und dass auch die Instrumentierung nicht immer ganz glücklich ist. Aber es hat wunder- bare Melodien. (..) Wenn das musikalische Material gut ist, dann sollte man einem Komponisten auch einmal dadurch huldigen, dass man seine Schwächen verdeckt.“ 
Technische Schwierigkeiten scheint Szeryng so gar nicht zu kennen. Sein Spiel ist stets makellos, dabei stark im Ausdruck, und sein Geigenton ist kraftvoll, klar und strahlend. Diese alten Aufnahmen aus dem SWR-Archiv, sorgfältig digital überarbeitet, sind wirklich vom ersten bis zum letzten Takt ein Genuss. 

Montag, 16. Oktober 2017

Bériot: Violin Concertos Nos. 4, 6 and 7 (Naxos)

Charles-Auguste de Bériot (1802 bis 1870) gilt als der Begründer der modernen franko-belgischen Geigenschule. Er selbst hat in Paris bei Giovanni Battista Viotti studiert, und bei Pierre Baillot. Im Anschluss an seine Ausbildung startete er eine überaus erfolgreich Virtuosen- karriere. Ab 1843 unterrichtete Bériot dann als Professor am Brüsseler Konservatorium, bis ihn schließlich 1852 ein Augenleiden zwang, sich in den Ruhestand zurückzuziehen. Sein berühmtester Schüler war Henri Vieuxtemps. 
Wie seinerzeit üblich, hat Bériot auch komponiert, vorzugsweise natürlich Musik für sein Instrument. Naxos hat in den vergangenen Jahren begonnen, das Werk des Geigers schrittweise und mit verschiedenen Mitwirkenden auf CD vorzustellen. So erklingen hier die Violinkonzerte Nr. 4, 6 und 7 sowie die Scène de ballet op. 100, das wahrscheinlich bekannteste Stück Bériots, und das Air Varié Nr. 4 „(Montagnard“) op. 5. 
Diese Musikstücke zeichnen sich dadurch aus, dass der Komponist – auch wenn er natürlich die perfekte Beherrschung der Technik voraussetzt – nicht vordergründig die Virtuosität herausstellt; es sind Werke mit Seele, keine Zirkusnummern. Die junge japanische Geigerin Ayana Tsuji präsentiert sie sensibel, voll Eleganz und mit schönem Ton. Unterstützt wird sie dabei vom Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice unter Leitung von Michael Halász. 

Donnerstag, 12. Oktober 2017

Dvorák: Symphony No. 9, Slavonic Dances op. 46 (MDG)

Zwei außerordentlich populäre Werke von Antonín Dvořák hat das Klavierduo Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel für ihr neues Album ausgewählt, die kürzlich bei Dabringhaus und Grimm erschienen ist: Die Slawischen Tänze op. 46, entstanden einst auf Anregung des Musikverlegers Fritz Simrock, der bereits Brahms' Ungarische Tänze veröffentlicht hatte, und diesen großen Erfolg gern noch einmal wiederholen wollte. 
Die Orchesterversion machte Dvořák berühmt; die beiden Pianistinnen zeigen aber auf dieser CD, dass das Original, komponiert für Klavier zu vier Händen, ebenfalls sehr reizvoll ist. Weniger bekannt ist, dass der Komponist auf Grundlage seiner Sinfonie Nr. 9 mit dem Titel „Aus der Neuen Welt“ – bei ihrer Uraufführung 1893 in New York mit frenetischem Beifall gefeiert – ebenfalls eine Fassung für Klavier zu vier Händen angefertigt hat. 
Spannend daran ist, dass es sich dabei nicht einfach um einen Klavierauszug handelt, der Orchesterstimmen für das Tasteninstrument passend macht. Dvořák hat vielmehr diese Version aufs Wesentliche verknappt; die Bearbeitung wirkt sehr konzentriert, ja, mitunter sogar beinahe karg, und ausgesprochen klar strukturiert. Man lauscht dem Klavierspiel von Evelinde Trenkner und Sontraud Speidel, die wie aus einem Gedanken heraus fein abgestimmt miteinander musizieren, und hat dabei das Gefühl, dieses Werk völlig neu zu entdecken. Faszinierend! 

Felix Klieser - Horn Trios (Berlin Classics)

Zu einer Reise in die Geschichte des Horntrios lädt Felix Klieser ein. Auf seinem neuesten und mittlerweile dritten Album hat der junge Hornist interessante Werke versammelt, die immerhin über einen Zeitraum von gut hundert Jahren entstanden sind. 
Im Mittelpunkt steht dabei das Horntrio op. 40 von Johannes Brahms (1833 bis 1897), ein bekanntes Werk, mit dem sich Klieser schon als Jungstudent an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover beschäftigte – damals war er gerade einmal 13 Jahre alt. Und es gehört, wie der Hornist im Geleitwort zu der CD schreibt, noch immer zu seinen Lieblingsstücken. 
Eingerahmt wird Brahms' großartige Musik durch zwei Horntrios des französischen Komponisten Frédéric Nicolas Duvernoy (1765 bis 1838), der Hornist an der Pariser Oper war, sowie die Quatre petites pièces op. 32 des Fauré-Schülers Charles Koechlin (1867 bis 1950). Den Schlusspunkt setzt die Serenade op. 73 von Robert Kahn (1865 bis 1951). 
Für diese Einspielung hat sich Felix Klieser zwei erfahrene Partner gesucht: Geiger Andrej Bielow und Pianist Herbert Schuch. Die drei Musiker kennen sich schon viele Jahre, sie haben auch schon gemeinsam musiziert. Diese Vertrautheit kommt der Aufnahme zugute. Um Kammermusik angemessen zu gestalten, müssen sich alle Beteiligten einbringen, zugleich aber auch die Kollegen hervortreten und musikalisch zu Wort kommen lassen. 
Klieser und seinen Musizierpartnern gelingt dieses Wechselspiel bestens. Sein warmer, romantischer Hornton gesellt sich zum ebenfalls bemerkenswert farbenreichen Geigenspiel Bielows, und Herbert Schuch ergänzt den Klavierpart sensibel und nuancenreich. Ein faszinierendes Album voll herrlicher Klänge, und mit einem klugen Konzept. 

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Caldara: Salve Regina (Rondeau)

Noch einmal zum Thema Marien- verehrung am Wiener Hof: Auch Antonio Caldara (1670 bis 1736) schuf zahlreiche Werke zum Lobe der Gottesmutter. 
Caldara war unter Fux – über sein Schaffen wurde in diesem Blog erst kürzlich berichtet – Vizekapell- meister. Der Venezianer war in Wien hoch angesehen; einige seiner Opern hat Kaiser Karl VI. sogar selbst dirigiert. Leider sind die meisten der mehr als 3.500 Kompositionen Caldaras heute vergessen. 
Die Vokalakademie Berlin hat dieses musikalische Erbe erkundet, und sehr viel Hörenswertes vorgefunden – eine Auswahl präsentieren die jungen Sangesprofis gemeinsam mit dem Bassano Ensemble Berlin und unter Leitung von Frank Markowitsch auf dieser CD. 
Dabei folgen sie chronologisch den Abläufen, von der unbefleckten Empfängnis, reflektiert im prachtvollen doppelchörigen Magnificat, über verschiedene Vertonungen von Hymnen und Marianischen Antiphonen, bis hin zu den Gesängen der Karwoche. Hervorzuheben ist hier besonders das Crucifixus aus dem Credo, das Caldara sechzehnstimmig gestaltet hat. Dabei ordnete er die Sänger in vier Chören, die jeweils mit vier gleichen Stimmen besetzt sind. Der Effekt, den er damit erzielt hat, ist beeindruckend. 
Die Mitglieder der Vokalakademie Berlin haben bei dieser Einspielung vielfach solistische Aufgaben zu übernehmen, die sie im Wechsel mit dem chorischen Gesang teilweise sehr schön bewältigen. Die Stimmen klingen leicht und jugendlich; die Sängerinnen und Sänger können aber auch Pathos. 
Das Hauptstück dieses Albums hat Markowitsch an das Ende des Programmes gesetzt: Caldaras Stabat mater, viel zu selten aufgeführt, betont mit Hilfe von Chromatik und mit harten Dissonanzen den Schmerz der Gottesmutter. Hier werden die Affekte auch in den Mittelpunkt der Interpretation gestellt. Sehr beeindruckend. 

Samstag, 7. Oktober 2017

The Art of Heinrich Scheidemann (Accent)

Heinrich Scheidemann (1596 bis 1663) war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck. Begonnen hatte er seine musikalische Ausbildung aber bei seinem Vater David Scheidemann, der ab 1604 als Organist an St. Katharinen in Hamburg wirkte. Der junge Heinrich muss sehr begabt und auch fleißig gewesen sein; die Hamburger Stadtväter jedenfalls waren von seinen Fähigkeiten so angetan, dass sie ihm das Studium in Amsterdam bezahlten. Nach drei Jahren kehrte er in die Heimat zurück. Dort vertrat er seinen Vater, wenn es nötig war, und wurde schließlich dessen Amtsnachfolger. 
Wie alle Organisten jener Zeit, so hat auch Scheidemann den größten Teil der Musik, die er in den Gottesdiensten spielte, improvisiert. Wenn einige ihrer Werke überliefert sind, so verdanken wir das oftmals den Schülern jener Musiker, denen der Meister zu Unterrichtszwecken etwas notierte, oder die sich selbst etwas aufschrieben, um daran zu üben und zu lernen. 
So sind auch von Heinrich Scheidemann nicht sehr viele Werke erhalten geblieben; und trotz seiner großen Bedeutung für die Norddeutsche Orgelschule ist seine Musik eher selten zu hören. Mit dieser Aufnahme würdigen virtuose Zinkenist William Dongois und sein Ensemble Le Concert Brisé das Schaffen des Organisten. 
Indem die Musiker Scheidemanns Werke für Violine, Flöte, Zink und Orgel bearbeiten – wozu, wie Dongois im Beiheft erklärt, nichts oder so gut wie nichts am Original geändert werden musste – folgen sie dem Gestus der Improvisation. Damit kommen sie dem Wesen dieser Musik möglicherweise näher als so mancher Organist, der sie notengetreu wiedergibt. Le Concert Brisé zeigt uns Scheidemann als einen Meister, der nicht nur im Gottesdienst lebendig und farbenreich gespielt hat. Auch so manchen munteren Tanz gibt es zu entdecken. Sehr gelungen! 

Dienstag, 3. Oktober 2017

Fux: Ave Regina (Deutsche Harmonia Mundi)

Als kaiserlicher Hofkapellmeister hatte Johann Joseph Fux (1660 bis 1741) nicht nur seine Musiker zu leiten. Zu seinen Aufgaben gehörte es darüber hinaus, Werke für höfische Zeremonien zu komponieren. Und so finden sich in seinem Schaffen neben Opern und Festmusiken, die beispielsweise bei Hochzeiten, Krönungen oder zu Geburtstagen vor großem Publikum aufgeführt wurden, auch Kammermusik, die in den privaten Gemächern der kaiserlichen Familie erklungen ist, sowie zahlreiche geistliche Werke, wie Messen, Vespern, Psalmvertonungen, Oratorien oder Kantaten. 
Die enge Verbindung von Kirche und Staat gehörte zu den Grundfesten des Habsburgerreiches; der Kaiser selbst betrachtete Religiosität als oberste Herrschertugend und stellte seine Frömmigkeit demonstrativ zur Schau. Im Gottesdienst verschmolzen kirchliches und fürstliches Zeremoniell – und Karl VI. war ein großer Verehrer der Gottesmutter Maria, was auch im Schaffen seines Hofkapellmeisters Fux sichtbar wird. Auf dieser CD stellt das Ensemble Accentus Austria, geleitet von Thomas Wimmer, Mariengesänge und Gradualsonaten des Komponisten vor. Das Programm ist ebenso erlesen wie das Spiel der Musiker. Und auch wenn beispielsweise der Text des Ave Regina gleich vierfach erklingt – Fux' Vertonungen sind ausgesprochen unterschiedlich und facettenreich. Hana Blažíková singt zudem großartig. 

Montag, 2. Oktober 2017

Kapustin: Complete Music for Cello and Piano (Brilliant Classics)

In wenigen Wochen feiert Nikolai Girschewitsch Kapustin seinen 80. Geburtstag. Der Pianist und Komponist, der aus der Ukraine stammt und seit dem Studium in Moskau lebt, hat einen ganz eigenen musikalischen Stil: In seinen Werken, die technisch oftmals höchst anspruchsvoll sind, kombiniert er eine moderat moderne Klangsprache mit Elementen des Jazz. Das wirkt mitunter improvisiert, aber tatsäch- lich ist jeder Takt auskomponiert. 
Wie aber soll man das spielen? Das auf Sardinien beheimatete, deutsch-italienische Duo Perfetto hat sich an Kapustins Kammermusik für Klavier und Cello gewagt. Clorinda Perfetto, Klavier, und Robert Witt, Violoncello, haben die Cellosonaten Nr. 1  und 2 erkundet, sowie die drei kurzen, aber ebenfalls sehr virtuosen Stücke Elegy op. 96, Nearly Waltz op. 98 und Burlesque op. 97. 
Die beiden Musiker nähern sich Kapustins Werken sehr diszipliniert und präzise. Das ist ein wenig schade; diese Musik könnte mehr Witz und auch Temperament durchaus vertragen. Mir ist diese Einspielung zu brav. 

Bach - Krebs - Abel (Analekta)

Diese CD vereint Werke von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750), Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) und Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787). „Väter und Söhne“, so der Untertitel des Albums, betrifft das insofern, als Krebs tatsächlich ein Schüler Bachs war. Für Abel ist das nicht belegt; allerdings musizierte sein Vater, der Violinist und Gambenvirtuose Christian Ferdinand Abel, als „Premier-Musicus“ in jener Köthener Hofkapelle, der Bach als Kapellmeister vorstand. 
Es wird vermutet, dass Bach seine Gambensonaten für Christian Ferdinand Abel komponierte. Sie erklingen auf dieser CD, allerdings wird statt der Viola da gamba eine Viola gespielt: Helen Callus musiziert sehr hörenswert, gemeinsam mit Luc Beauséjour am Cembalo. 
Die Bratschistin hat auch die beiden Stücke der „Söhne-Generation“ passend arrangiert: Das Programm ergänzen ein Trio in c-Moll für zwei Claviere und Bass von Johann Ludwig Krebs, und die Gambensonate WKO 150 von Carl Friedrich Abel. Letzterer blieb der Bach-Familie verbunden; er war insbesondere mit Johann Christian Bach befreundet und veranstaltete gemeinsam mit ihm in London die Bach-Abel-Konzerte. 

Samstag, 30. September 2017

Wagner: Declarations of Love (Hänssler Classic)

Der Pianist Andrej Hoteev ist immer wieder für eine Überraschung gut. So hat er die Editionen vieler Werke Tschaikowskis anhand der Handschriften überprüft – und sie dann in Urfassungen vorgestellt. Auch die Bilder einer Ausstellung von Modest Mussorgski nebst Liedern hat Chotejew – wie man den Namen eigentlich korrekt transkribieren müssste – anhand der Manuskripte neu ediert, und mit seiner Einspielung nicht nur Kritiker beeindruckt. 
Nun hat sich der Pianist, der seit 1993 in Hamburg lebt, dem Schaffen Richard Wagners (1813 bis 1883) zugewandt. Da ist tatsächlich noch Neues zu entdecken! Hoteev präsentiert auf dieser CD die Vier weißen Lieder in Weltersteinspielung; gesungen werden sie von Maria Bulgakova. Es handelt sich dabei eigentlich um Jugendwerke, die der Komponist 1868 zum Klavierlied-Zyklus zusammenfasste, um sie der schwangeren Cosima zum Geburtstag zu überreichen (die zu diesem Zeitpunkt übrigens noch mit dem Dirigenten Hans von Bülow verheiratet war). Es ist verblüffend, dass dieser vielfach von den Originalliedern abweichende Zyklus zuvor weder jemals gedruckt noch eingespielt wurde. 
Komplettiert wird das Programm durch die Klaviersonate As-Dur, die sogenannte Wesendonck-Sonate, Schlaflos G-Dur für Klavier, die Wesendonck-Lieder und eine Elegie für Klavier in As-Dur mit der bezeichnenden Angabe „Schmachtend“. Andrej Hoteev fasst damit die musikalischen Liebeserklärungen Wagners, gerichtet an Mathilde Wesendonck sowie an seine spätere Frau Cosima, auf einer CD zusammen. Ein interessantes Konzept, und ein gefühlvolles Album. 

Davon ich singen und sagen will (cpo)

„Wer singt, betet doppelt“ – dieser Satz, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben wird, könnte gut auch von Martin Luther stammen. Der Reformator schätzte die Musik sehr, und so ist es kein Wunder, dass zum Gedenken an den Thesenanschlag, der sich am 31. Oktober 2017 zum 500. Male jährt, mittlerweile auch eine enorme Anzahl an CD erschienen sind.
Eine der schönsten hat das Osnabrücker Label cpo nun veröffentlicht. Für diese Produktion haben sich der Bach-Chor Siegen unter Leitung von Ulrich Stötzel und das auf „Alte“ Musik spezialisierte Johann Rosenmüller Ensemble, das von Arno Paduch geleitet wird, zusammengetan. Unterstützt durch renommierte Solisten – Monika Mauch und Ina Siedlaczek, Sopran, Franz Vitzthum, Countertenor, Georg Poplutz und Nils Giebelhausen, Tenor, sowie Markus Flaig und Jens Hamann, Bariton – zeigen sie auf dieser CD, wie das Lied zu einem wichtigen Medium der Reformation wurde.
Nicht nur die singende Gemeinde, auch die Figuralmusik übernahm rasch Luthers Texte und seine Melodien. So erklingen auf dieser CD überwie- gend Werke von Komponisten, die als Zeitgenossen der Reformation gewirkt haben, oder aber im nachfolgenden Jahrhundert. So gilt Johann Walther als „Urkantor“ der evangelisch-lutherischen Kirche. Zu hören ist weiter Musik von Johann Eccard, Michael Praetorius, Heinrich Schütz, Lucas Osiander, Matthäus Le Maistre, Werner Fabricius, Johann Rosenmüller und Johann Sebastian Bach.
Das abwechslungsreiche Programm wird ergänzt durch Instrumental- stücke von Hans Neusidler und Thomas Stoltzer. Und natürlich darf auch Martin Luther nicht fehlen, auch wenn er sich seinerzeit bescheiden einen „kleinen und tumpenen Tenor“ nannte. Dass er von der Musik durchaus etwas verstand, zeigt seine vierstimmige Cantus-firmus-Motette Non moriar sed vivam. Die Stücke für diese Aufnahme wurden durchweg mit Sorgfalt ausgewählt; so gelang manche Entdeckung abseits der allseits bekannten Luther-Choräle und Chorsätze.
Musiziert wird erfreulich differenziert und ausgesprochen ausdrucksstark. Walther klingt deutlich anders als Bach, am anderen Ende des Zeithori- zontes. Eine prächtige, rundum gelungene Einspielung zum Lutherjahr 2017 – unbedingt anhören! Es lohnt sich. 

Freitag, 29. September 2017

Haydn: Opera Gala (Capriccio)

Joseph Haydn (1732 bis 1809) gilt als „Vater“ des Streichquartettes, und auch seine Sinfonien sind vielen Musikfreunden bekannt. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass er als Kapellmeister des Fürsten Esterházy auch über tausend Opernvorstel- lungen leitete – und für seinen Dienstherrn etliche Opern selbst komponierte. 
Und auch wenn bei einem großen Brand, der 1779 das Opernhaus in Esterháza vernichtete, etliche seiner Werke mit verbrannt sein dürften, so könnte es durchaus sein, dass  die überlieferten Werke, aufgeführt einst auf dem Lande und in der Musikgeschichte irgendwo zwischen Gluck und Mozart, zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Vielleicht steht sogar eine Neubewertung der Opern Haydn an? Diese Frage jedenfalls stellt sich beim Anhören dieser Doppel-CD. 
Sie enthält die Highlights aus den Opern L'infedeltà delusa und La vera costanza – zwei ziemlich heiteren Werken, in denen es in erster Linie darum geht, dass sich nach einigen Irrungen und Wirrungen doch die richtigen Paare finden. Sie sind auch zwei Gründen interessant. Zum einen bieten sie ebenso liebenswerte wie lebenskluge Heldinnen, die sich Entscheidungen nicht aus der Hand nehmen lassen. So ist die Vespina aus L'infelta delusa ohne Zweifel eine nahe Verwandte der Despina aus Mozarts Cosi fan tutte – und Haydns Musik ist der seines berühmten Kollegen ebenfalls verblüffend ähnlich, was gleichfalls ein Grund sein sollte, sich die Opern einmal genauer und vor allem komplett anzuschauen. 
Die überwiegend exzellenten Sänger steigern das Vergnügen an diesem Doppelalbum weiter. Und auch das WDR Funkhausorchester Köln, das unter Markus Poschner bzw. Manuel Hernandez-Silva musiziert, meistert seinen Part stilsicher. Sehr hörenswert!