Dienstag, 19. September 2017

Nucius: Sacred Motets, Missa "Vestiva i colli" (MDG)

Mit dieser CD erinnert das Alsfelder Vokalensemble an einen bedeutenden Musiker aus der Zeit der Gegen- reformation: Johann Nucius („Nüßler“ – 1556 bis 1620), geboren in Görlitz, ging im Jahre 1586 als Mönch in das Zisterzienserkloster Rauden in Oberschlesien. 1591 wurde er zum Abt des Tochterklosters Himmelwitz gewählt. Auch als Komponist und Musiktheoretiker war er sehr angesehen; drei Kollektionen seiner Werke mit insgesamt mehr als 170 Motetten sowie seine theoretische Schrift Musices poeticae, sive de Compositione Cantu erschienen im Druck. 
Leider brannten 1617 die Kirche, das Kloster und alle Wirtschaftsgebäude in Himmelwitz ab. Dabei wurden auch Nucius' Manuskripte vernichtet, vermutlich auch ein zweiter Teil seiner Musices poeticae. In Bibliotheken sind einige wenige Exemplare seiner gedruckten Werke erhalten geblieben. Weitere kursierten in Abschriften; so hatte sich der Breslauer Kantor Simon Lyra zwei Messen Nucius' kopiert. Sie gelangten in die Bestände der Stadtbibliothek – und sind seit dem Kriegsende verschollen. 
Eine Abschrift dieser Abschrift der Missa Vestiva i colli hatte sich allerdings seinerzeit Domkapellmeister Paul Blaschke angefertigt. Sie wurde 1985 ediert, und so konnte diese offenbar einzige noch auffindbare Messe Nucius' ein gewichtiger Part dieses Albums werden. 
Seine Motetten, die das Programm ergänzen, ähneln stilistisch denen von Orlando di Lasso, einige auch denen von Giovanni Gabrieli. Und um auch das weniger gebildete Kirchenvolk zu erreichen, hat Nucius einige seiner Werke auch mit deutschen Texten versehen. 
Das Alsfelder Vokalensemble singt bei dieser Aufnahme aus dem Jahre 1993 noch unter Leitung von Professor Wolfgang Helbich, der leider 2013 verstorben ist. Die schöne Einspielung, die sich durch Stilsicherheit und einen wunderbar homogenen Chorklang auszeichnet, ist nun bei MDG wieder verfügbar. 

Montag, 18. September 2017

In the moment (Naxos)

Das Streichquartett, heutzutage eine der bedeutendsten Gattungen der Kammermusik, gilt gemeinhin als ein Genre großer Meisterwerke. Das Arabella Quartett beweist mit dieser Aufnahme, dass diese nicht unbe- dingt besonders umfangreich sein müssen. Denn es gibt durchaus auch kleine Werke für diese Besetzung, die sich als Pretiosen erweisen. 
So bietet diese CD unter anderem zwei wenig bekannte, aber dennoch starke Stücke von Dmitri Schostako- witsch. Dazu gesellen sich sorgsam ausgewählte Werke von Joaquin Turina, Anton Webern, Felix Mendels- sohn Bartholdy, Carl Nielsen, Hugo Wolff, Antonin Dvořák, Franz Schubert und auch die elegischen Crisan- temi von Giacomo Puccini. Und die Aufnahmen sind sowohl musikalisch als auch akustisch von exzellenter Qualität – meine Empfehlung! 

Johann Christian Bach: Six Quartettos Opus 8 for Carl Friedrich Abel (Coviello)

Mit Carl Friedrich Abel (1723 bis 1787), dem bedeutendesten Gambisten seiner Zeit, war Johann Christian Bach (1735 bis 1782) eng befreundet. Beide waren Kammer- musiker der Königin Charlotte, und sie riefen 1764 gemeinsam die „Bach-Abel-Concerts“ ins Leben, die ersten Abonnementskonzerte in England, die sich großer Beliebtheit erfreuten. Außerdem lebten sie gut zehn Jahre in einem Haushalt zusammen. 
Warum also sollte der „Londoner“ Bach für den Gambenvirtuosen Abel nicht auch komponiert haben? Dennoch war das Erstaunen groß, als 1992 bei einer Auktion das teil- autographe Manuskript einer Sonate für Viola da gamba und Clavier angeboten wurde. Die Sammlung enthielt auch noch weitere Gamben- sonaten, die auf Bachs op. 10 basieren. Sie befindet sich heute als Leihgabe im Bach-Archiv Leipzig. 
Der Leihgeber besitzt zudem ein Ensemble von Stimmbüchern für fünf der sechs Quartette op. 8; auf der Titelseite dieses Manuskriptes ist bei der Besetzung statt der Viola die Viola da gamba benannt. Leider ist die Kollektion unvollständig: Es fehlt das Es-Dur-Quartett – und die Gamben- stimme. 
Thomas Fritzsch ließ sich davon nicht entmutigen. Auf Grundlage der vorhandenen Quellen konnte er in mühsamer Kleinarbeit gemeinsam mit Günter von Zadow sowohl den fehlenden Gambenpart als auch die entsprechende Fassung des Es-Dur-Quartettes erstellen. Der Aufwand hat sich gelohnt, wie die Weltersteinspielung beweist. 
Go Arai, Oboe, Daniel Deuter, Violine, Thomas Fritzsch, Gambe und Inka Döring, Violoncello, präsentieren den kompletten Quartettzyklus op. 8 von Johann Christian Bach – klanglich reizvoll, dazu musikalisch einfalls- und abwechslungsreich, und in dieser Aufnahme auch ausgesprochen inspiriert vorgetragen. Sehr hörenswert!

Freitag, 15. September 2017

Aris Quartett - Beethoven (Genuin)

Als Anna Katharina Wildermuth, Noémi Zipperling (beide Violine), Caspar Vinzens (Viola) und Lukas Sieber (Violoncello) sich im Jahre 2009 auf Initiative von Kammer- musikprofesssor Hubert Buchberger zum Quartett zusammenfanden, waren die vier Musiker noch Schüler. Dennoch studierten sie bereits als Jungstudenten an der Frankfurter Musikhochschule. 
Das Experiment gelang; heute ist das Aris Quartett ein überaus erfolg- reiches Ensemble, weltweit gefragt und mit vielerlei Musikpreisen ausgezeichnet. So gelang es den jungen Musikern, beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2016 in München gleich fünf (!) Preise zu gewinnen. 
Wie ausdrucksstark das Aris Quartett musiziert, das belegt auch diese CD mit den Beethoven-Streichquartetten Nr. 9 und Nr. 14. es sind zwei höchst unterschiedliche Werke, die hier ziemlich stürmisch interpretiert werden. Überwältigend! 

Mozart: Peasant Wedding and Toy Symphony; Koopman (Challenge)

„Dies ist eine besondere CD. Noch nie zuvor spielte das Amsterdam Baroque Orchestra Musik, in der Drehleier, Psalterium, Dudelsack und Kinderpfeifen erklangen. Diese Aufnahme hat uns sehr viel Spaß bereitet“, berichtet Ton Koopman im Beiheft. 
Diese Freude überträgt sich beim Anhören – soviel Musizierlust macht einfach gute Laune. Und so kann man hier fröhlich der Bauernhochzeit lauschen sowie der Cassatio ex G mit der berühmten Kindersinfonie, allesamt von Leopold Mozart. Ergänzt haben die Musiker dieses unterhaltsame Programm noch durch die Sinfonie in Es-Dur KV 16 – die erste Sinfonie von Wolfgang Amadeus Mozart, komponiert 1764 in London -, die Fuge aus dem Gallimathias musicum KV 32, und die bekannten Variationen über das französische Lied Ah, vous dirai-je maman K 265. Letzteres wird vorgetragen von Tini Mathot auf einem Hammerklavier von Andreas Stein aus dem Jahre 1803. Großartig, bravi! 

Donnerstag, 14. September 2017

John Potter: Secret History - Sacred Music by Josquin and Victoria (ECM)

Josquin Desprez (um 1450 bis 1521) wird jeder Musikwissenschaftler in der Renaissance verorten, Tomas Luis de Victoria (um 1548 bis 1611) wohl eher im Frühbarock. Der eine wirkte in Frankreich, der andere in Spanien; beide waren zeitweise auch in Rom tätig. 
Ob der Spanier die Werke seines berühmten französischen Kollegen kannte – viele davon waren im Druck erschienen, und sie waren in ganz Europa verbreitet –, lässt sich heute nicht mehr feststellen. John Potter aber meint, dass man Musikgeschich- te nicht als nur Abfolge von Kompositionen und unter dem Aspekt der Suche nach der originalen Gestalt eines Werkes schreiben sollte. 
Mindestens ebenso interessant findet der Sänger den Blick auf die Rezeptionsgeschichte von Musikstücken – und mit dieser CD bietet er dafür gleich ein Beispiel. Es ist eine spannende Erkenntnis, dass Kompositionen, die man heutzutage als reine Vokalmusik anzusehen geneigt ist, seinerzeit durchaus auch auf Instrumenten gespielt wurden. In diesem Zusammenhang hat sich John Potter den sogenannten „Sekundär- quellen“ zugewandt – „which actually represent the music as it was known and loved by musicians who felt the composers to be kindred spirits long after their deaths“, schreibt der Sänger im Beiheft. 
So finden sich Kompositionen von Desprez und de Victoria erstaunlicher- weise in den Tabulaturen vieler europäischer Lautenisten, und auch Musiker, die Vihuela spielten – eine Art Gitarre, die aber wie eine Laute gestimmt war –, besaßen Abschriften dieser Messen und Motetten. 
Die Klänge jener Zeit rekonstruiert Potter auf dieser CD gemeinsam mit Trio Mediaeval-Sängerin Anna Maria Friman und den exzellenten Vihuela-Virtuosen Ariel Abramovich, Jacob Heringman und Lee Santana. In einigen Stücken ist zudem Hille Perl mit ihrer Viola da gamba zu hören. 
Das klangschöne Album, produziert von Manfred Eicher, wurde im Kloster St. Gerold in den österreichischen Bergen aufgezeichnet, wo Potter bereits zuvor Stücke für Officium und andere Alben mit dem Hilliard Ensemble und mit dem Dowland Project eingespielt hat. 

Dienstag, 12. September 2017

Pandolfi Mealli: Sonate, Roma 1669 (Tactus)

Es gibt kaum jemanden, der über das Leben von Giovanni Antonio Pandolfi Mealli ähnlich viel weiß wie Fabrizio Longo. Als Andrew Manze in den 90er Jahren die Violinsonaten des Komponisten erstmals einspielte, meinte er, es gebe Gründe für den Argwohn, „ein gewitzter Musikwissenschaftler habe Pandolfi an einem regnerischen Mittwoch erfunden“ – denn außer den alten Drucken hat Pandolfi Mealli kaum eine Spur hinterlassen, so schien es. 
Mittlerweile hat Fabrizio Longo aber etliche Quellen aufgespürt, und den Lebensweg des Musikers nachvollzogen. Er soll 1624 in Montepulciano in der Toskana als Domenico Pandolfi zur Welt gekommen sein. Seine Ausbildung erhielt er wohl bei seinem Stiefbruder aus der ersten Ehe seiner Mutter, dem Kastraten Giovan Battista Mealli, in Venedig. Dann finden wir den Musiker 1660 in Diensten des Habsburger Hofes in Innsbruck. 1675 war er auf Sizilien tätig, wo er in der Kirche einen Kapellkollegen, den Kastraten Giovannino Marquett, ermordete und dann über Frankreich nach Spanien entfloh. In Madrid wirkte er ab April 1678, wobei er zwischenzeitlich mehrfach auch nach Rom gereist sein soll. Seine Spur verliert sich 1687; es wird daher vermutet, dass er in diesem Jahr verstorben sein könnte. 
Nur wenige seiner Werke sind überliefert und wurden mittlerweile eingespielt. Es sind kühne Kompositionen, technisch wie musikalische aberwitzig anspruchsvoll. Die Noten von op. 3 und 4 sind bei Walhall inzwischen verfügbar. Fabrizio Longo hat nun ein weiteres Opus des Komponisten ediert, die Sonate cioé Balletti, Sarabande, Correnti, Passacagli, Capriccetti, & vna Trombetta, a vno, e dui Violini, im Druck erstmals erschienen 1669 in Rom. Dabei handelt es sich in erster Linie um Tanzsätze, und sie sind eher schlicht gestaltet, verglichen mit den kapriziösen Werken Pandolfi Meallis aus früheren Jahren. 
Leider ist Longo der Versuchung erlegen, diese Musik auch gleich selbst einzuspielen. Das hätte er besser sein lassen sollen. Die CD, die bei Tactus erschienen ist, lässt staunen: Eine so miese Qualität habe ich wirklich lange nicht mehr gehört. Das hätte wohl jedes Laienensemble besser hinbekommen. Die Aufnahme ist sowohl musikalisch als auch akustisch unterirdisch. Zum Gruseln. Schade! 

En El Amor (Carpe Diem)

Eine Frauenstimme, ein Serpent, und dazu Becken- und Trommelklänge – „En El Amor“ ist eine ganz und gar ungewöhnliche CD. Nataša Mirković hat sie gemeinsam mit den bekannten Jazz-Musikern Michel Godard und Jarrod Cagwin eingespielt. 
Die Sängerin, die aus Bosnien stammt, beschäftigt sich auf diesem Album mit sephardischen Volksliedern. Dieses musikalische Erbe, das sie in ihrer Kindheit auf dem Balkan kennengelernt hat, hat seine Wurzeln eigentlich auf der iberischen Halbinsel. Die Juden dort, die diese Lieder gesungen haben, haben sich nach ihrer Vertreibung im 15. Jahrhundert in Nordafrika sowie im Orient und auf dem Balkan niedergelassen. Wer sich also wundert und glaubt, spanische Texte zu hören, der irrt keineswegs. 
Diese alten Melodien haben die Musiker in einen experimentellen Kontext gestellt. Zum neuen Klanggewand gehört neben den urtümlichen Tönen des Serpents und des Schlagwerkes auch der Raum, der hier tatsächlich wahrnehmbar ist: Entstanden ist diese Aufnahme in drei stillen, kalten Februarnächten in der alten Synagoge zu St. Pölten. 

Montag, 11. September 2017

Edelweiss? (Preiser Records)

Im harmonischen Einklang mit Vergangenheit und Moderne befinden sich die St. Florianer Sängerknaben – und sie befinden sich dabei ausgesprochen wohl, wie dieses Doppelalbum zeigt. „Die Tatsache, dass der Chor der St. Florianer Sängerknaben seit fast 1000 Jahren besteht, gibt uns die Möglichkeit, ihn zu Recht als einen der ältesten und traditionsreichsten Knabenchöre der Welt anpreisen zu dürfen“, schreibt Chorleiter Franz Farnberger im Beiheft. „Bei der täglichen Probenarbeit hilft diese Tatsache wenig: zu Beginn jedes Schuljahres kommen neue Buben und die Arbeit beginnt von vorne. Das ist natürlich auch das Schöne daran – es kommt weder Langeweile noch Routine auf.“ 
Und auch wenn der Chor seit Jahrhunderten seine Heimat im Stift St. Florian hat, so ist diese Tradition eher eine Stärke als ein Umstand, der behindert. Zwar ist Anton Bruckner, der wohl berühmteste ehemalige Sängerknabe, immer präsent; in der Stiftsbasilika, unter der Orgel befindet sich Bruckners Grab. Doch ansonsten bieten die prächtigen Barock- gemäuer in erster Linie Lebensqualität – wozu auch ein modernes Internat für die Sängerknaben gehört. 
Franz Farnberger, eigenen Angaben zufolge „aus der Rolle des großen Bruders (während meiner Tätigkeit als Kapellmeister der Wiener Sängerknaben 1976 – 1983) unmerklich in die des Großvaters der Buben geschlittert“, hat mit den Jungs ein umfangreiches Repertoire erarbeitet. Es reicht von Mozarts Ave verum über Felix Mendelssohn Bartholdys Vertonung des Hundertsten Psalms bis hin zum Comedian-Harmonists-Klassiker Mein kleiner grüner Kaktus und zu Johann Strauss' Geschichten aus dem Wienerwald
Die Knabenstimmen werden dabei ergänzt durch den Männerchor, den Farnberger im Jahre 1990 gegründet hat, und in dem ehemalige Sängerknaben mitwirken. Das bringt kräftig Farbe: „Das Repertoire für Gemischten Chor ist einfach bunter und größer“, meint auch der Chorleiter. Und die Burschen singen allesamt hinreißend. Natürlich darf Alois Mühlbacher nicht fehlen, der mittlerweile den Kinderschuhen entwachsen und eigentlich zum Bass gereift ist. Aber seine Fähigkeit, die hohe Stimmlage zu nutzen, hat er dabei bewahrt. 
Doch die eigentliche Überraschung ist die Tatsache, dass Farnberger ringsum exzellente Stimmen und selbstbewusste junge Sänger ausgebildet hat. Auf der Doppel-CD lassen sich eine Menge jugendlicher Solisten hören – ob Lukas Zobl und Fabian Winkelmaier in Rossinis Katzenduett, Felix Lumesberger im Do-Re-Mi, Peter Leitenbauer, Simon Bernhard oder aber die vielen jungen Männer. Bravo!

Vivaldi: Fagottkonzerte / Oboenkonzerte (Ars Produktion)

Simon Fuchs, Solo-Oboist des Tonhalle-Orchesters Zürich, und Matthias Rácz, Solofagottist dieses Ensembles sowie des Lucerne Festival Orchestra, präsentieren Konzerte von Antonio Vivaldi. Entstanden sind sie einst für das Mädchenorchester des Ospedale della Pietà in Venedig. Nicht umsonst wird dieses Ensemble in zeitgenössi- schen Reiseberichten immer wieder sehr gelobt. Die jungen Musikerinnen müssen enorm gut ausgebildet und überragend in ihrem jeweiligen Fach gewesen sein; diese Kompositionen jedenfalls sind durchaus anspruchsvoll und bieten selbst heutigen Solisten, auf modernen Instrumenten, so manche Herausforderung. 
Sowohl die Oboe als auch das Fagott waren zu Vivaldis Lebzeiten Innova- tionen. Entsprechend experimentierfreudig werden sie eingesetzt. Bei den Oboenkonzerten beispielsweise orientierte sich der Komponist am Vorbild der Violine, und auch dem Fagott verlangt er, unter anderem mit weiten Intervallsprüngen zwischen Tenor- und Basslage, so einiges ab. 
Eine Auswahl aus dem umfangreichen Repertoire, das Vivaldi für die Oboe und das Fagott geschaffen hat, ist auf dieser CD zu hören. Simon Fuchs und Matthias Rácz spielen virtuos, gekonnt gestalten sie ein abwechs- lungsreiches Programm. Die Solisten musizieren gemeinsam mit dem Kurpfälzischen Kammerorchester unter Johannes Schlaefli. 

Dienstag, 5. September 2017

Eduard Strauss I - A Centenary Celebration (Marco Polo)

Eduard Strauß (1835 bis 1916) war der jüngste Sohn von Johann Strauss (Vater), und ein Bruder des „Walzer- königs“ Johann Strauss (Sohn). Eigentlich wäre er gern Diplomat geworden, doch dann schlug er doch die Musikerlaufbahn ein. Das war nicht ganz einfach, da er von der Wiener Presse stets an seinen erfolg- reichen Brüdern Johann und Josef gemessen wurde – ein Vergleich, bei dem Eduard nicht wirklich eine Chance hatte.
Dennoch ging der junge Musiker unbeirrt seinen Weg; nach dem Tod seines Bruders Josef 1870 übernahm er die Strauss-Kapelle, während Johann sich ganz darauf konzentrieren konnte, Operetten zu komponie- ren. Eduard Strauß leitete das Ensemble mehr als 30 Jahre lang, und während dieser Zeit erwarb sich die Kapelle sowohl in Wien als auch auf ausgedehnten Konzertreisen einen ausgezeichneten Ruf. 1901 löste er schließlich das Orchester auf, und zog sich ins Privatleben zurück.
Diese CD präsentiert zum ersten Male auf CD eine Auswahl aus dem umfangreichen Werk von Eduard Strauß; er hat mehr als 300 Tänze und Märsche komponiert, von denen heute nur noch sehr wenige gespielt werden. Diese Aufnahme beweist, dass sie den Kreationen seiner Brüder in jeder Hinsicht ebenbürtig sind. Insofern darf man sich freuen, weil diese CD offenbar der Anfang einer Serie ist. Und das Czech Chamber Philharmonic Orchestra Pardubice musiziert unter Leitung von John Georgiadis mit Witz und Schwung. 

Henryk Szeryng plays Vivaldi & Mozart (SWR Music)

Wer diese Aufnahmen angehört hat, der fragt sich, warum Henryk Szeryng (1918 bis 1988) – zu Lebzeiten ebenso berühmt wie etwa Jascha Heifetz, David Oistrach oder Yehudi Menuhin – heute nur noch Experten bekannt ist. Dass der Nachruhm dieses exzellenten Geigers lang nicht an den seiner Kollegen heranreicht, ist mit der Qualität seines Spiels jedenfalls nicht zu erklären.
Szeryng kam in Zelazowa Wola, in der Nähe von Warschau, zur Welt, und erhielt ersten Musikunterricht von seiner Mutter. Das Geigenspiel erlernte er bei dem Auer-Schüler Moritz Frenkel. Als er acht Jahre alt war, hörte Bronislaw Huberman den Knaben und schickte ihn zur weiteren Ausbildung nach Berlin zu Carl Flesch, dem renommiertesten Violinpädagogen jener Zeit. 
1933 übersiedelte die Familie nach Paris, wo Szeryng zunächst an der Sorbonne studierte, und dann ab 1936 am Conservatoire. Dann kam der Krieg – und Szeryng, der etliche Sprachen beherrschte, trat als Dolmetscher und Verbindungsoffizier von General Sikorski in den Dienst der polnischen Exilregierung. Er spielte für die alliierten Truppen – unter anderem auch in Mexiko. Dieses Land faszinierte den Musiker, und so nahm Szeryng nach Kriegsende eine Professur an der Universität von Mexico City an. 1946 wurde er mexikanischer Staatsbürger. 
Und er hätte wohl dort bis ans Ende seiner Tage Studierende unterrichtet. Doch dann hörte er 1954 ein Konzert von Artur Rubinstein, und bedankte sich bei dem Pianisten für dieses Erlebnis. Dieser wiederum fragte, als höflicher Mensch, ob er denn auch ein Instrument spiele. Was Szeryng gleich am nächsten Tag unter Beweis stellte – er kam ins Hotel, und spielte Rubinstein vor. 
Diese Begegnung wurde zum Beginn einer großen Musikerfreundschaft, und zum Ausgangspunkt von Szeryngs internationaler Karriere, die ihn sehr bald weltweit in die bedeutenden Konzertsäle führte. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Südwestdeutschen Kammerorchester aus Pforzheim zu hören, das er in diesem Konzertmitschnitt vom 07. Dezem- ber 1969 als Solist zugleich geleitet hat. 
Die Eleganz seines Vortrages und sein strahlender, nobler Ton sind einzigartig. Vivaldis Vier Jahreszeiten gestaltet Szeryng überraschend modern; er setzt auf klare Strukturen und oftmals schroffe Gegensätze. Das Ensemble unterstützt den Solisten dabei auf das Beste; es folgt auch seinen eigenwilligen, aber in ihrer Wirkung beeindruckenden Temponuancierungen. Für mich ist diese Aufnahme der Vier Jahreszeiten mit Szeryngs herrlichem Geigenton eine der schönsten überhaupt – und das will bei diesem extrem häufig eingespielten Werk schon etwas besagen. 
Bei Mozarts Violinkonzert Nr. 5 A-Dur KV 219 kommt Szeryngs brillante Technik ebenfalls bestens zur Geltung. Dennoch wählte er auch grundsätzlich Tempi, die nicht die flinken Finger des Solisten in den Vordergrund stellen, sondern die innere Logik des jeweiligen Stückes. Unbedingt anhören, das lohnt sich! 

Sonntag, 3. September 2017

Mozart - Beethoven - Brahms: Violinsonaten (Eloquence)

Diese frühe Aufnahme mit Sir Georg Solti präsentiert ihn nicht als Dirigenten, sondern als Pianisten – gemeinsam mit dem Geiger Georg Kulenkampff. 
Im Februar 1947 spielten die beiden Musiker die G-Dur-Sonate op. 78 von Johannes Brahms ein, im Juni 1947 folgte Ludwig van Beethovens Kreutzer-Sonate. Im Juli 1948 folgten dann die Sonate für Klavier und Violine KV 454 von Wolfgang Amadeus Mozart, und die beiden Brahms-Violinsonaten op. 100 und 108. 
Leider endete die Zusammenarbeit damit, denn Kulenkampff starb noch im selben Jahr, mit gerade einmal 50 Jahren. Die alten Aufnahmen, sorgfältig remastert, sind nun bei Eloquence auf einer Doppel-CD wieder erschienen. Sie anzuhören, das lohnt sich durchaus. Denn zum einen kann man dabei einen hervorragenden Geiger erleben. 
Zum anderen begeistert Solti als ausgesprochen versierter Klavierpartner. Er begleitet diskret, aber nie defensiv. Der Pianist ist stets präsent, doch er musiziert auch in solistischen Passagen oder bei quasi orchestralem Klaviersatz elegant, in nobler Zurückhaltung. Sehr beeindruckend! 

Montag, 28. August 2017

Bach: Six suites for unaccompanied cello (FCI)

Der Cellist Niklas Schmidt, Professor für Kammermusik und Violoncello an der Hochschule für Musik in Hamburg sowie künstlerischer Leiter des International Mendelssohn Festivals, hat bei seinem eigenen Label eine Aufnahme der sechs Suiten für Violoncello solo BWV 1007 – 1012 veröffentlicht. Dabei entschied er sich für die Teilung; zunächst erschienen die Suiten I, III und VI, und kürzlich komplettierte der Musiker den Zyklus durch die Suiten II, IV und V. 
„Ich begann im Jahr 2014 mit den Aufnahmen, angestachelt von der Idee meinem Freund und Bach-Kenner Jörn Braun zu seinem 80. Geburtstag eine Freude zu bereiten“, schreibt der Cellist im Beiheft zu dieser Edition. Er berichtet, dass er dieses Projekt zunächst mit der dritten Suite begonnen hat, und danach zum einen den Entschluss gefasst hat, sich Zeit zu nehmen, „intensiv vorzubereiten, um dem Geist dieser Musik auch wirklich gerecht zu werden“. 
Zum anderen wechselte er auf Empfehlung seines Tonmeisters Philipp Schulz den Raum. So sind fünf der Suiten in der Andreas-Kirche in Berlin-Wannsee eingespielt worden, einem „besonders schönen Raum“, so Schmidt, mit einer wunderbaren Akustik. Dort hat er auf seinem klangschönen italienischen Violoncello, gebaut um das Jahr 1700 von Giovanni Battista Rogeri in Brescia, Bachs Meisterwerke erkundet. 
Schmidt spielt die Suiten als Folge stilisierter Tänze; sie wirken bei ihm nicht grüblerisch-versunken, wie bei so manchem anderen Solisten, sondern schwungvoll und flüssig. Gerade weil der Cellist die musikalischen Strukturen klar herausarbeitet, und Bachs Stücke nuancenreich und mit tief empfundener Agogik vorträgt, erscheint diese Aufnahme frisch und lebendig. 

Mittwoch, 16. August 2017

Telemann: 12 Fantasien für Querflöte ohne Bass; Fedotova (Gramola)

„Alte Formen erscheinen mir (..) wie klassische Schönheitsideale, nicht mehr erreichbar, aber doch in großer Ferne sichtbar, Erinnerung belebend wie Träume, aber der Weg zu ihnen ist von größtem Dunkel des Zeitalters erfüllt, der Weg zu ihnen ist das schwerste und das unmöglichste. Mir erscheint es als die einzige Narretei, für die es sich lohnt zu leben“, zitiert das Beiheft zu dieser CD den Komponisten Hans Werner Henze (1926 bis 2012). 
Maria Fedotova, Solo-Flötistin des Orchesters am renommierten St. Petersburger Mariinskij-Theater , hat sich auf diesen Weg begeben – und die Zwölf Fantasien für Querflöte ohne Bass von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) eingespielt. Sie musiziert auf einer modernen Böhmflöte, mit dem entsprechenden Klang. Ihre Interpretation ist zudem relativ modern; auf die üppige Auszierung von Wiederholungen verzichtet die Solistin. Fedotova legt statt dessen besonderen Wert darauf, Melodien zu gestalten sowie latente Polyphonie sauber herauszuarbeiten und hörbar zu machen.  
Das Ergebnis erinnert ein wenig an eine Marmorstatue - schön, aber auch glatt und kalt. Dem galanten Telemann wird dies nicht völlig gerecht. Freunde barocker Musik wird diese so perfekt wirkende Aufnahme daher leider nicht rundum glücklich machen. 

Donnerstag, 10. August 2017

Late Piano Works by Franz Schubert (Genuin)

„Im Vergleich zu Beethoven, dem Architekten“, so zitiert das Beiheft zu dieser CD Alfred Brendel, „komponierte Schubert wie ein Schlafwandler. In Beethovens Sonaten verlieren wir nie die Orientierung; sie rechtfertigen sich selbst in jedem Augenblick. Schuberts Sonaten ereignen sich auf rätselhaftere Weise; um es österreichischer zu sagen: sie passieren.“ 
Nami Ejiri nähert sich auf ihrer Genuin-CD diesem Phänomen. Sie hat dafür drei späte Werke von Franz Schubert (1797 bis 1828) ausgewählt. Das Allegretto c-Moll (D 915) ist ein Albumblatt, welches der Komponist im Mai 1827 seinem Freunde Ferdinand Walcher mit auf eine Reise nach Venedig gab. Es ist erfüllt vom Abschiedsschmerz. Die vier Impromptus op. 90 (D 899) erscheinen ebenfalls wie musikalische Stimmungsbilder. 
Die Klaviersonate in B-Dur (D 960) ist Schuberts letzte, entstanden im September 1828, und so vielschichtig wie das Leben selbst. Aufbegehren steht hier neben Resignation, Ironie neben Melancholie, Schönheit neben Düsternis. Nami Ejiri fasziniert mit ihrem sensiblen Klavierspiel. Die junge Musikerin gehört nicht zu den Tastendonnerern; sie erkundet Stücke eher zurückhaltend, spielt sehr präzise und durchdacht. Folgt man ihrer Interpretation, kann man selbst die bekannten Impromptus neu entdecken. Ihr Schubert ist von überraschender Klarheit und auch Leuchtkraft – und wo es erforderlich ist, fehlt auch die Dramatik nicht. Sehr gelungen!

Scarlatti: Sonatas (MDG)

Domenico Scarlatti (1685 bis 1757) wirkte viele Jahre seines Lebens als persönlicher Musicus der María Bárbara von Portugal. Die Prinzessin, die von klein auf eine exzellente Erziehung erhielt, war sehr musikalisch. 1729 heiratete sie den spanischen Thronfolger, und wurde an der Seite Ferdinands IV. zur Regentin. 
Scarlatti folgte seiner Schülerin nach Spanien. Für seine Dienstherrin komponierte er 555 (!) Cembalo-Sonaten – abwechslungsreiches Repertoire für eine ausgesprochen talentierte Musikerin mit Sinn für Kapriolen. Denn eines sind diese Werke mit Sicherheit nicht: langweilig. In seinen Sonaten scherte sich Scarlatti keinen Deut um Konventionen. So finden sich kühne Modulationen und ungewöhnliche Akkordbrechungen neben weiten Sprüngen, schnellen Repetitionen, Handüberkreuzungen und anderen technischen Herausforderungen, die Virtuosen offenbar auch heute noch Vergnügen bereiten. 
Eri Mantani jedenfalls hat für ihr erstes Album bei dem audiophilen Label Dabringhaus und Grimm eine reizvolle persönliche Auswahl aus dem umfangreichen Gesamtwerk Scarlattis zusammengestellt. Die japanische Pianistin musiziert auf dem hauseigenen Steinway-Konzertflügel „Manfred Bürki“ aus dem Jahr 1901. Sie zelebriert Scarlattis folkloristische Zitate und bringt mit ihrem virtuosen Klavierspiel südländisches Flair auch in einen verregneten Sommer. Wie beispielsweise imitiert man auf dem Piano eine Gitarre? Die Antwort ist hier zu hören. Und auch das Klangbild dieser Aufnahme ist, wie stets bei MDG, atemberaubend. 

Mittwoch, 9. August 2017

Bach: Die Kunst der Fuge (Oehms)

Kaum eine andere Komposition hat Musiker und Musikwissenschaft derart fasziniert wie Die Kunst der Fuge, das letzte Werk von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750). Schon die Überlieferungssituation war Anlass für zahlreiche Debatten. Denn eine endgültige Reinschrift fehlt; die Autographen, die sich in der Staatsbibliothek Berlin befinden, geben nach Ansicht von Experten zumeist nicht den finalen Stand der Komposition wieder. Es wird aber vermutet, dass ein Manuskript existierte, das zumindest die (vollständige) Schlussfuge enthalten haben soll. 
Dagegen spricht freilich jene Bemerkung, die Carl Philipp Emanuel Bach dort notierte, wo im Manuskript die Notenschrift abbricht: „NB: Ueber dieser Fuge, wo der Nahme B A C H im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfaßer gestorben.“ Doch warum sind sämtliche Stücke zuvor sorgsam in Partiturform niedergeschrieben worden – und dieses in einem System, für ein Tasteninstrument? 
Derartige Rätsel gibt es viele. So ist die Abfolge der einzelnen Teile umstritten. Auch wird von Anbeginn darüber diskutiert, für welche Instrumente dieser Zyklus eigentlich geschrieben worden ist. Bachs Sohn jedenfalls schrieb 1751, bei der Werbung um Subskribenten für den Erstdruck: „Es ist aber dennoch alles zu gleicher Zeit zum Gebrauch des Claviers und der Orgel ausdrücklich eingerichtet.“ 
Wie also umgehen mit diesem Rätselwerk der Musikgeschichte? Hans-Eberhard Dentler, studierter Dr. med., aber auch renommierter Cellist, Schüler von Pierre Fournier und Gründer einer Bach-Gesellschaft in Italien, hat sich viele Jahre mit dem Opus beschäftigt. Er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man „Bachs Wunderwerk“ – so einst Karl Straube – „als Teil einer groß und komplex angelegten pythagoreischen Rätselfrage zu verstehen“ hat. 
Dentler nimmt die vorhandenen Quellen als die gegebenen hin – und er hat anhand der Handschriften seine eigene Edition herausgegeben. Bachs mathematisch-philosophischem Rätsel hat er zudem ein umfangreiches Buch gewidmet, in dem er seine Theorie ausführlich begründet. Im Beiheft zu dieser Einspielung findet sich nun ein Aufsatz, in dem er auf wichtige Argumente hinweist. 
Darin begründet er auch seine Entscheidung für eine Besetzung für Violine, Viola, Violoncello, Fagott und Kontrabass. Mit seinem Ensemble L'Arte della Fuga – der Cellist musiziert gemeinsam mit Carlo Parazzoli, Raffaele Mallozzi, Francesco Bossone und Antonio Sciancalepore – hat Dentler diese Vision schließlich zum Klingen gebracht; dokumentiert ist dies auf zwei CD, die bei Oehms Classics erschienen sind. 
Um es klar zu sagen: Die gewählte Besetzung überzeugt mich nicht; das Fagott wirkt auf mich inmitten der Streicher mitunter wie ein Irrläufer. Mich fasziniert aber die Leidenschaft, mit der hier musiziert wird, die Intensität dieser Aufnahme. Hier erklingt kein Choral zum Schluss. Die berühmte Fuge beginnt, nimmt ihren Lauf, und bricht dann einfach ab. Der Rest ist Schweigen.

Dienstag, 8. August 2017

Jutta Hipp: Lost Tapes - The German Recordings (SWR Jazzhaus)

Jutta Hipp (1925 bis 2003) war ein Jazz-Phänomen. Schon als Teenager in Leipzig spielte sie Jazz, im Krieg, verbotenerweise. Drei Jahre lang studierte sie an der Kunsthochschule. 1946 ging sie dann in den Westen, wo sie in diversen Jazzbands musizierte. So spielte sie in der Combo von Hans Koller, die auch Dizzy Gillespie begleitete. Mit Emil Mangelsdorff, Joki Freund, Hans Kresse und Karl Scanner bildete sie das Jutta Hipp Quintett. Sie spielte auf Festivals, spielte Platten ein und ging auf Tourneen. Wo immer sie auftrat, wurde die Musikerin gefeiert. 
Als ihr Leonard Feather eine Karriere in den USA versprach, brach sie 1955 auf nach New York. Dort wurde sie von dem berühmten Label Blue Note Records unter Vertrag genommen, und war zunächst sehr erfolgreich – doch schon 1956 endete diese Glückssträhne. Hipp überwarf sich mit Feather, und zog sich in die kleinen Klubs zurück. Geld war so nicht zu verdienen; 1958 nahm sie daher einen Job als Näherin an. 
In ihrer Freizeit malte Jutta Hipp, sie fotografierte auch, schrieb Gedichte und zeichnete Karikaturen. Klavier hat sie nie wieder gespielt, und auch nach Deutschland kehrte sie nie zurück. Die vorliegende CD enthält Aufnahmen, die noch in Deutschland entstanden sind – 1952 in Koblenz, 1953 in Baden-Baden, und 1955 in Stuttgart. Jutta Hipp ist hier zu erleben als eine sensible, versierte und auch sehr eigenwillige Jazz-Pianistin – welch ein Verlust! 

Montag, 7. August 2017

Variations over Variations (Aurora)

Neue Musik von norwegischen Komponisten ist auf dieser CD zu hören: Alfred Janson, Knut Vaage, Maja Ratkje und Jan Erik Mikalsen unterscheiden sich nicht nur durch Alter, Ausbildung und Wohnort. Jeder von ihnen hat auch seine ganz individuelle musikalische Handschrift. Aber jeder nimmt in seinem Werk auf einzigartige Weise Bezug auf norwegische Traditionen. 
So bezieht sich beispielsweise Variations Over Variations von Alfred Janson auf die g-Moll-Ballade von Edvard Grieg, die wiederum eigentlich aus Variationen über ein norwegisches Volkslied besteht. Mit seinen Variationen über Griegs Variationen schuf er ein originelles Trompetenkonzert für Tine Thing Helseth – das auf dieser CD in Erstaufnahme erklingt. Die Trompeterin musiziert gemeinsam mit dem Kringkastingsorkestret, dem Norwegischen Rundfunkorchester, das unter Leitung von Miguel Harth-Bedoya auch die anderen zeitgenössischen Kompositionen aufmerksam erkundet. 

Ristori: Cantatas for Soprano, Oboe Concerto (Audax)

Compositeur de la musique italienne, Kammerorganist, Opernlieferant und geheimer Korrespondent, Kirchen- komponist und schließlich Vize- kapellmeister – Giovanni Alberto Ristori (1692/93 bis 1753) fand am Dresdner Hof seine Lebensstellung. Der Musiker war in Venedig bereits für seine Oper Orlando gefeiert worden, als er 1715 mit der italieni- schen Schauspieltruppe seines Vaters nach Sachsen ging. 
Auch in Dresden war er als Komponist mit seinen Opern hochwillkommen. Besonders wichtig aber wurde er für den Hof als Musiklehrer der sächsischen Prinzessinnen. Nachdem Maria Amalia 1738, gerade einmal 13 Jahre alt, mit Karl, dem König von Neapel und beider Sizilien, verheiratet wurde, wurde auch Ristori nach Italien gesandt. Er glänzte dort mit seinen Opern, erteilte gelegentlich Unterricht – und berichtete dem Dresdner Hof, wie seine Schülerin ihre neue Rolle als Königin und Ehefrau bewältigte. 
Als Ristori 1740 nach Dresden zurückgerufen wurde, brachte er aus Neapel auch die neueste Musik mit. Sie erklang nun im Gottesdienst an der katholischen Hofkirche. Sein üppiges Gehalt und die Ernennung zum Vizekapellmeister unter Johann Adolf Hasse im Jahre 1750 konnte Ristori aber nicht mehr lange genießen. 
Nach dem Tode des Musikers erwarb der Hof seine Notenmanuskripte. Im Druck erschienen ist kein einziges seiner Stücke; neue Komponisten schrieben für den Hof neue Werke, und bald war Ristori vergessen. Um die Jahrhundertwende würdigten einige Musikhistoriker sein Wirken, doch viele der Archivalien, die ihnen noch zur Verfügung standen, gingen im Zweiten Weltkrieg verloren. 
Das Ensemble Diderot hat sich dennoch auf die Spurensuche eingelassen – und aus den verbliebenen Dresdner Notenbeständen drei Solo-Kantaten und ein brillantes Oboenkonzert herausgesucht. Die Libretti der Kantaten schrieb Maria Antonia, eine Tochter Kaiser Karls VII., die 1747 den sächsischen Kurprinzen Friedrich Christian geheiratet hatte. Diese junge Dame aber war nicht nur in der Dichtkunst höchst versiert; sie scheint auch eine exzellente Sängerin, Lautenistin und Cembalistin gewesen zu sein. 
Ihre Kantaten sind Monologe berühmter Heldinnen: Lavinia muss ihrem Geliebten erklären, warum sie gleich einen anderen heiraten wird. Dido, von Aeneas verlassen, geht in den Tod. Und Nice beklagt sich bitter den wankelmütigen Amor – und über die Trennung von ihrem Tirsis. Ristori hat die Leidenschaft dieser Frauen in entsprechend dramatische Musik umgesetzt. Es ist belegt, dass die Kurprinzessin selbst diese Kantaten gesungen hat – in dieser Aufnahme übernimmt die argentinische Sopranistin María Savastano den durchaus anspruchsvollen Part. Die mehrfach preisgekrönte Sängerin wird begleitet vom Ensemble Diderot unter Leitung seines Konzertmeisters Johannes Pramsohler. 
Komplettiert wird diese CD durch die Weltersteinspielung eines Oboenkonzertes, das Ristori für den Oboenvirtuosen Antonio Besozzi geschrieben hat. Dieses grazile Solo, voll Anmut und Charme, spielt Jon Olaberria; und sobald eine Notenedition verfügbar ist, werden dieses hinreißende Konzert wohl auch andere Ensembles nachspielen. 

Sonntag, 6. August 2017

Clementi: Monferrinas (Naxos)

Muzio Clementi (1752 bis 1832) gehörte zu den berühmtesten Klaviervirtuosen seiner Zeit. Dennoch sind die meisten seiner Werke, mit Ausnahme vielleicht des legendären Gradus ad Parnassum, heute in Vergessenheit geraten. 
Naxos engagiert sich seit vielen Jahren, um an diesem unbefriedigenden Zustand etwas zu ändern. Mittlerweile gibt es bei keinem anderen Label mehr Clementi-Einspielungen. 
Und nun hat Naxos dieser langen Liste eine weitere Aufnahme hinzugefügt: Dominic Cheli präsentiert seine höchstpersönliche Clementi-Auswahl. Der junge Pianist hat sich dabei überwiegend auf Werke ohne Opus-Nummer konzentriert. Nicht alles davon ist von gleichem Niveau; es ist beeindruckende Musik darunter, aber es gibt auch Stücke, die vergleichsweise uninspiriert und ungeschickt wirken. 
Ganz besonders in der Behandlung der linken Hand sind zwischen den frühen Werken und jenen der späten Jahre erhebliche Entwicklungen wahrzunehmen. Insofern sind manche Fragmente oder frühe Werke wohl eher von musikhistorischem Interesse. Ausgesprochen originell aber sind die Monferrinas – ursprünglich ein italienischer Volkstanz aus dem Piemont; im 18. Jahrhundert war dieser Tanz aber auch in England aus- gesprochen populär, unter dem Namen Monfreda oder gar Manfredina. Cheli spielt neben den Zwölf Monferrinas op. 49, im Druck erschienen 1821, auch noch sechs weitere dieser Tänze, die zu Clementis Lebzeiten unveröffentlicht geblieben sind. 

Telemann: Ein feste Burg ist unser Gott (Deutsche Harmonia Mundi)

Die Confessio Augustana ist wohl das wichtigste Dokument, das auf dem Reichstag in Augsburg 1530 unter- zeichnet wurde. Darin beschrieben die lutherischen Reichsstände die Grundsätze ihres Glaubens. Diese Schrift, die weitgehend aus der Feder von Philipp Melanchthon stammt und vor allem auch die Gemeinsam- keiten mit der katholischen Kirche betont, gehört noch heute zum Inventar der lutherischen Kirchen. 
Der 200. Jahrestag der Augsburger Konfession, jenes „unerschrockenen Bekenntnisses der lautern Evangelischen Lehre“, so Georg Philipp Telemann, wurde auch in Hamburg aufwendig gefeiert. Im Festgottesdienst erklangen gleich zwei Kantaten, die Telemann als Musikdirektor der Hansestadt eigens für diesen Anlass komponiert hatte. 
Die pragmatischen Hamburger feierten lediglich einen Tag, nämlich am 25. Juni, praktischerweise ohnehin ein Sonntag. Infolgedessen wurde in allen Kirchen gleichzeitig musiziert – was bedeutete, dass Telemann natürlich zuvor auch die Proben für die Festgottesdienste in allen fünf Hauptkirchen zu leiten hatte, und dann gar nicht allen Aufführungen selbst beiwohnen konnte. 
Er selbst schreibt von mehr als hundert Personen in den Proben – was uns heute einen interessanten Einblick in das Musikleben jener Zeit gibt; denn die Kantaten gelten als „groß besetzt“. Und man muss bedenken, dass sich die hundert Mitwirkenden ja noch auf fünf Kirchen verteilten. Überliefert sind leider nur die „Poesien zur Music, welche daselbst am Großen Jubel-Feste (..) musicalisch aufgeführet“, denn Telemann ließ sie drucken. Die Festkantaten selbst gelten als verschollen. 
Zwei kleinere Werke, die in St. Katharinen erklungen sind, veröffentlichte der Musiker: Die Solokantaten  Sey tausendmahl willkommen ( TVWV 13: 9a) und Du bleibest dennoch unser Gott (TVWV 13: 9b) hat das Ensemble Concerto Melante, geleitet von Konzertmeister Raimar Orlovsky, nun bei dem Label Deutsche Harmonia Mundi in Weltersteinspielung vorgestellt. Dass es bei Telemann noch viel zu entdecken gibt, beweisen die Musiker auch mit drei hinreißenden Instrumentalstücken in ihrem Programm: Zu hören sind, ebenfalls in Weltersteinspielungen, die zwei Triosonaten TWV 42:e7 und 42:e8, beide zu finden in den Notenbeständen des Darmstädter Hofkapellmeisters Christoph Graupner, und das Quartett TWV 43:G13. 
Gleich fünfmal zu hören ist auf der CD Luthers Choral Ein feste Burg ist unser Gott – vierfach in musikalischen Bearbeitungen von Johann Walther, sowie in Form einer vierstimmigen Motette, die Telemann für die akademische Feier des Hamburger Johanneums zum „Jubel-Fest“ 1730 geschrieben hat. Es singen Robin Johannsen, Sopran, Alexander Seidel, Altus, Holger Marks, Tenor, und Wolf Matthias Friedrich, Bass. 
Concerto Melante – wer gern mit Buchstaben spielt, der sieht auf den ersten Blick, dass der Name des Ensembles aus dem des Komponisten hervorgegangen ist (wobei aber leider ein „n“ verloren ging) – leistet mit diesem Album einen Beitrag sowohl zum Telemann-Jubiläum als auch zum Reformationsjahr. Telemann, der nicht nur ein exzellenter Musiker und Komponist, sondern auch ein cleverer Geschäftsmann war, hätte das mit Sicherheit gefallen.

Donnerstag, 3. August 2017

Zelenka: Sonatas ZWV 181 (Accent)

Noch eine weitere Gesamteinspielung der Triosonaten ZWV 181 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) ist zu vermelden. Václav Luks hat in Prag diese Gipfelwerke der barocken Oboenliteratur mit seinem Collegium 1704 eingespielt. Und das will in diesem Falle heißen, dass er mit Xenia Löffler und Michael Bosch vor allem auch zwei exzellente Oboisten für dieses Projekt gewinnen konnte. Es musizieren zudem Jane Gower, Fagott, Helena Zemanová, Violine, Luděk Braný, Kontrabass, Shizuko Noiri, Laute, und, wie gesagt, Václav Luks am Cembalo. 
Musikalisch ist diese Aufnahme gut, wenn auch zwangsläufig klanglich wenig abwechslungsreich und dynamisch wenig differenziert. Insgesamt finde ich sie nicht gänzlich befriedigend, weil die beiden Oboen, bei aller virtuosen Brillanz, doch sehr dominieren. Dagegen wirken die Bassinstru- mente erstaunlich leise; insbesondere das Fagott ist akustisch oft wenig präsent. Ich vermisse daher eine gewisse Ausgewogenheit, mir fehlt hier Fundament. Wer einmal so richtig in wundervollen Oboengesängen schwelgen möchte, der wird aber hingerissen sein. 

Telemann: 12 Fantasien für Violine solo (Es-Dur)

Die 12 Fantasien für Violine solo von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) interpretiert Thomas Pietsch auf der Barockvioline. Die Einspie- lung ist jüngst bei dem Hamburger Label Es-Dur erschienen. Alltägliches Repertoire ist das nicht. 
Telemann hat Fantasien für einige Instrumente veröffentlicht: für Cembalo, Traversflöte, Viola da gamba und Violine. Typisch für diese Werke ist ihre scheinbare Freiheit von formalen Beschränkungen. Wer sie aber spielen will, der darf sie keineswegs unterschätzen. So werden die 12 Fantasien für Violine solo noch heute gerne als „Vorstufen“ zu den Solowerken Bachs betrachtet, die man quasi als Vorübung durcharbeiten solle – ein kurioser Irrtum, gleichsam als Echo der jahrzehntelangen Geringschätzung des Komponisten Telemann. Das ist, als käme jemand auf die Idee, etwa Beethovens Violinsonaten als Wegweiser zu Mozarts Werken zu betrachten. 
Thomas Pietsch, dem barocken Repertoire seit vielen Jahren zugewandt, sieht den Schlüssel zu Telemanns Fantasien in der barocken Rhetorik und Poetik: „Nur in Kenntnis dieser Umstände werden die Fantasien lesbar und letztlich auch spielbar“, mahnt der Geiger. „Diese Musik ist aus der Geste, aus der Figur, aus der Andeutung geboren und entzieht sich dadurch einer aus Etüden erlernten Handhabung von Bogen und Geige.“ 
Mit antrainierter Virtuosität allein sind diese charmanten, aber dennoch anspruchsvollen Werke nicht zu bewältigen. Pietsch hat offenbar viel Arbeit investiert, um „seinem“ Telemann gerecht zu werden: „Seine galante Schreibweise leuchtet in die Fantasien durch ihre leichte, schmeichelnde, pointenreiche und witzige Art hinein“, resümiert der Musiker. Eleganz, Leichtigkeit und Esprit prägen daher auch das Spiel von Thomas Pietsch. Ein würdiges Gedenken zum Jubiläumsjahr. 

Mittwoch, 2. August 2017

Mariani Klavierquartett - "Idee fixe" Vol. 1 (GWK Records)

Mit Klavierquartetten von Gabriel Fauré (1845 bis 1924) und seinem Schüler George Enescu (1881 bis 1955) startet das Mariani Klavier- quartett eine Folge von Aufnahmen, die sich offenbar damit auseinander- setzen soll, wie Komponisten ihr musikalisches Material organisieren. 
Den Begriff der Idée fixe – nicht ganz frei von Zweideutigkeit, denn er wird auch von der Psychiatrie verwendet – könnte man im Bereich der Musik vielleicht am ehesten auf das Leit- motiv, musikalischer Grundgedanke einer Komposition, beziehen. Der Einsatz von Leitmotiven ist eine Erfindung der Romantik; Louis Spohr beispielsweise hat sie genutzt, Carl Maria von Weber, Hector Berlioz, in seiner Symphonie fantastique, und César Franck, der wiederum ein Vorbild war für Gabriel Fauré. 
Damit sind wir bei dieser Einspielung angekommen. Sie beginnt mit Faurés Klavierquartett Nr. 2 g-Moll op. 45 aus dem Jahre 1886. Dieses Stück startet gewaltig, kraftvoll, sehr energisch. Und wenn Faurés Musik gelegentlich auch elegante, lyrische Passagen aufweist, so beeindruckt sie doch vor allem durch ihre orchestrale Wucht. Pianist Gerhard Vielhaber schafft dafür die klangliche Basis, doch im Klavierquartett ist sein Part letztendlich nicht der einer Begleitung, sondern vielmehr einer musika- lischen Partnerschaft mit den Streichern. Auch Philipp Bohnen, Violine, Barbara Buntrock, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren großartig, mit beeindruckender Sensibilität und Intensität. 
Wie bewundernswert das Zusammenspiel der vier Quartettpartner funktioniert, das wird beim zweiten Werk auf der CD besonders deutlich. Das Klavierquartett Nr. 1 D-Dur op. 16 von George Enescu, Erstling des Komponisten in dieser Gattung aus dem Jahre 1909, ist nicht nur dem Umfang nach ein Solitär. Enescu hat seine Ideen recht penibel notiert – was von den Musikern große Aufmerksamkeit und enorme Präzision fordert. „Das Ergebnis ist ein Meisterwerk der Polyphonie“, so beschreibt es Pianist Vielhaber in seinem Begleittext: „Der rote Faden wird von Instrument zu Instrument gereicht, so dass eine pulsierende räumliche Klangwelt entsteht, die einen vom ersten bis zum letzten Ton umgibt.“ Faszinierend. 

Montag, 31. Juli 2017

Fuga Magna - Armida Quartett (Cavi Music)

Eine Reise durch die Geschichte der Fuge tritt das Armida Quartett auf dieser CD an. „Fugales, kontrapunk- tisches Denken und Komponieren ist die Königsdisziplin der europäischen Musik, seit diese um 1200 aus dem Schatten der nur mündlichen Überlieferung in die Schriftlichkeit der Mensural-Notation heraustrat“, erklärt Reinhard Goebel in seinem Begleittext zu dieser Einspielung, der beinahe so faszinierend ist wie die Aufnahme selbst. „Die Technik besteht im Wesentlichen darin, durch Imitation der Intervalle und Rhythmen einer zuerst eintretenden Stimme – Dux genannt – seitens des ihm nachfolgenden Comes eine sinnfällige Verknüpfung herzustellen.“ 
Das Armida Quartett startet diese Einspielung mit den beiden frühesten gedruckten deutschen Werken für Instrumental-Ensemble aus dem Jahr 1602 – zwei Fugen von Valentin Haussmann (um 1560 bis 1614). Nächste Station ist eine Sonate a quattro aus der Feder von Alessandro Scarlatti (1660 bis 1725) – die der Komponist ausdrücklich senza Cembalo auf- geführt wissen wollte, weshalb sie mitunter als eines der ersten Streich- quartette angesehen wird. 
Natürlich ist auch der letzte, unvollendet gebliebene Zyklus von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) vertreten – Die Kunst der Fuge, „das Summum Opus einer 500-jährigen Tradition, wie auch seiner eigenen Lebensleistung“, so Goebel. Noch die Generation nach Bach schätzte Fugen; zu hören ist dies am Beispiel einer Quartett-Sonate des Bach-Schülers Johann Gottlieb Goldberg (1727 bis 1756) – hier komplettiert Cembalist Raphael Alpermann die Besetzung. Goebel nennt dieses Werk „ein Musterbeispiel der ungebrochenen Lebenskraft der spätbarocken Fugen-Kunst kurz vor ihrer Entzauberung: ein Feuerwerk des Geistes und der Finger, ein Akademie-Stück, das Kenner nach dem Hören analytisch sezierten und diskutierten, um den sinnlichen Genuß durch geistige Erkenntnis zu überhöhen.“ 
Mit Adagio und Fuge c-Moll KV 546 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 bis 1791) naht auch schon das Finale. Denn schon wenige Jahre später hat die Fuge ihre Magie eingebüßt: „Aber den Sinn des fugirten Finale wagt Ref. nicht zu deuten: für ihn war es unverständlich, wie Chinesisch“, das schreibt der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung im Jahre 1826 über die Große Fuge op. 133, ursprünglich das Finale des Streich- quartettes B-Dur op. 130 von Ludwig van Beethoven (1770 bis 1827). Wie der Autor sie in Grund und Boden verreißt, das ist durchaus unterhaltsam zu lesen – doch uns beweist es, dass er mit dem wuchtigem Opus so gar nichts mehr anzufangen wusste. Selbst Musikkritiker Eduard Hanslick sah in der Großen Fuge Beethovens „ein merkwürdiges Document seiner gewaltigen, aber bereits seltsam kranken Phantasie“
Der Rezensent der Allgemeinen musikalischen Zeitung vermutet: „Vielleicht wäre so manches nicht hingeschrieben worden, könnte der Meister seine eigenen Schöpfungen auch hören. Doch wollen wir damit nicht voreilig absprechen: vielleicht kommt noch die Zeit, wo das, was uns beym ersten Blicke trüb und verworren erschien, klar und in wohlgefälligen Formen erkannt wird.“ Das Armida Quartett jedenfalls, gegründet 2006 in Berlin, mittlerweile mit diversen hochkarätigen Musikpreisen ausgezeichnet, weiß mit den „ungeheuren Schwierigkeiten“ bestens umzugehen, und die „babylonische Verwirrung“ in eine Ordnung zu bringen. 
Dieses Album überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton sowohl durch das erlesene Konzept als auch durch das phantastische Zusammenspiel der beteiligten Musiker. Martin Funda und Johanna Staemmler, Violine, Teresa Schwamm, Viola, und Peter-Philipp Staemmler, Violoncello, musizieren wirklich hinreißend. Diese CD ist ein ganz großer Wurf, ohne Zweifel, und hat jede Aufmerksamkeit verdient. Unbedingt anhören! 

Zelenka (Herisson)

Schon einmal hat das Ensemble Pasticcio Barocco Triosonaten von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) veröffentlicht – die Sonaten ZWV 181, Nummer 4, 5 und 6 sind bei Hérisson bereits erschienen. Nun lieferten die Musiker den Rest nach – und ein bisschen mehr: Auf dieser CD erklingen die Triosonaten Nummer 1 und 2, sowie die Simphonie à 8 con(certanti) ZWV 189 und die Hipocondrie à 7 con(certanti) ZWV 187. 
„La troisième sonate a été laisée de côté car elle est la seule pour violon, hautbois, basson et basse continue, et pose de complexes problèmes de texte, la partie de basse continue n'ayant pas été indiquée par Zelenka“, berichtet Cembalist Mathieu Dupoy im Beiheft. Und so sind hier also nur die Sonaten für zwei Oboen, Fagott und Basso continuo zu hören. 
Musiziert wird hinreißend; David Walter und Hélèle Gueret teilen sich paritätisch in die Oboenpartien, Fany Maselli spielt das Fagott, und das Continuo ist mit Esther Brayer, Kontrabass, Rémi Cassaigne, Theorbe und Mathieu Dupoy am Cembalo ebenso üppig wie farbenreich besetzt. Diese umfangreiche Besetzung passt allerdings gut, denn Oboen sind nicht gerade leise Instrumente. Will man das klanglich ausbalancieren, muss man schon ein wenig Volumen aufbieten – der Kontrabass passt da perfekt. 
Die Simphonie und die Hipocondrie erweisen sich als zauberhafte Musik- stücke voll überraschender Einfälle. Hier komplettiert das Orchestre de Chambre d'Auvergne mit seinen exzellenten Streichern das Ensemble. Dass der Geiger Pisendel, Konzertmeister der Dresdner Hofkapelle, seinem Freund Telemann einstmals im Begleitbrief zu einer Zelenka-Partitur schrieb, „de cet amandier, savourer beaucoup, beaucoup de doux fruits“ ist in diesem Zusammenhang ein charmantes Bild. Denn die Werke des Dresdner Kirchen-Compositeurs Zelenka haben, wie die Mandel, eine harte Schale und einen verlockenden Kern. Es verblüfft immer wieder aufs Neue, wie unkonventionell er mit dem doch als so antiquiert geltenden Kontrapunkt Musik setzt. Und in diesem Falle wird diese Musik auch noch sehr gelungen vorgetragen – bravi!  

Legnani: Rossini Variations (Naxos)

Luigi Rinaldo Legnani (1790 bis 1877) war Sänger und Gitarren- virtuose, Komponist und Instrumentenbauer. Seine musikalische Laufbahn führte ihn quer durch Europa; er wirkte beispielsweise einige Jahre in Wien, wo er das Publikum durch seine virtuose Spieltechnik beeindruckte – und die Gitarrenbauer mit seinem Instrument. 1850 kehrte Legnani allerdings nach Ravenna zurück, wo er dann als Instrumentenbauer arbeitete. 
Als Gitarrenvirtuose konzertierte er 1835 gemeinsam mit Paganini in Turin; der  Geiger, der selbst recht gut Gitarre spielte, meinte, sein Freund Legnani sei der beste Gitarrist. Und in der Tat gelten die 36 Gitarren-Capricen, die Legnani nach dem Vorbild der Violincapricen Paganinis komponierte, noch heute als eines der schwierig- sten Werke für Gitarre überhaupt. 
Die Musik von Gioachino Rossini muss Legnani ebenfalls sehr geschätzt haben – auf dieser CD präsentiert Marcello Fantoni die Rossini-Para- phrasen des Gitarristen, überwiegend in Weltersteinspielungen. Zu hören sind Auszüge aus den Opern L'Italiana in Algeri, Guillaume Tell, La donna del lago, Zelmira, La Cenerentola und Armida, oftmals in Form von Introduzione e Variazioni
Es erscheint verblüffend, dass diese Bearbeitungen, die einige von Rossinis bekanntesten Arien der Konzertgitarre zugänglich machen, bislang so wenig Beachtung gefunden haben. Allerdings verlangen die Rossini Variations vom Gitarristen enorme technische Brillanz. Fantoni spielt diese kapriziöse Musik großartig, und dieses Repertoire ist wirklich eine Entdeckung. Unbedingt anhören, es lohnt sich! 

Sonntag, 30. Juli 2017

Haydn 2031 - No. 4 - Il distratto (Alpha)

Mit Blick auf das bevorstehende Haydn-Jubiläum – im Jahre 2032 jährt sich der Geburtstag des Komponisten zum 300. Male – hat Giovanni Antonini mit seinem Ensemble Il Giardino Armonico sowie dem Kammerorchester Basel eine Gesamteinspielung sämtlicher Sinfonien gestartet. Die Joseph Haydn Stiftung Basel, unter deren Dach das Projekt organisiert wird, konnte als Partner dafür das renommierte Label Alpha gewinnen. Gestaltet werden die Publikationen zudem unter Mitwirkung von Foto- grafen der Agentur Magnum. 
Mittlerweile sind, jeweils auf CD und auf Vinyl, die ersten Folgen dieser Edition erschienen. Antonini ordnet die Sinfonien dabei nicht chrono- logisch, sondern inhaltlich – und ergänzt Haydns Werke stets auch um Musik seiner Zeitgenossen.  Im Mittelpunkt von CD Nummer vier, beispielsweise, steht die Sinfonie Nr. 60 in C-Dur mit dem vielsagenden Titel „Per la Commedia intitolata Il Distratto“
„Der theatralische Charakter der Sinfonien Haydns voller Überraschun- gen und plötzlicher Stimmungswechsel ist wohlbekannt“, merkt Antonini an. „Doch die Sinfonie Nr. 60 ,Il distratto' (zu Deutsch: ,Der Zerstreute') porträtiert nicht nur einige Situationen und Figuren aus der gleich- namigen Komödie Jean-François Regnards (..), sie präsentiert das Orchester selbst als den Schauspieler.“ 
Der Komponist hat Vergnügen am geistreichen Scherzen: „Schon im eröffnenden Presto beginnen die Musiker plötzlich eine ganze Passage der Sinfonie Nr. 45 (der ,Abschiedssinfonie') zu spielen: Sie sind ,zerstreut' und spielen das falsche Stück“, erläutert der Dirigent im Beiheft. „Oder wenige Takte nach dem Beginn des letzten Satzes (der vielleicht bekanntesten Stelle der Sinfonie): Die Violinen setzen aus, stimmen die vierte Saite, was sie zuvor vergessen hatten, um den von vorne zu beginnen.“ 
Dazu passt ganz vorzüglich Il Maestro di cappella von Domenico Cimarosa (1749 bis 1801), das musikalische Bild einer Orchesterprobe, in welcher der Kapellmeister – gesungen wird diese Partie hier vom Bariton Riccardo Novaro – einige Mühe damit hat, seine undisziplinierten Truppen zu bändigen. Und dann muss er plötzlich allein weitersingen; wahrscheinlich ist die Probenzeit abgelaufen. Eine ebenso kuriose wie realistische Situation, das gibt es noch heute, wirklich. 
Komplettiert wird die CD durch Haydns Sinfonie Nr. 12, inklusive Zitat aus Pergolesis Oper La serva padrona, sowie die Sinfonie Nr. 70, die zur Grundsteinlegung des neuen Opernhauses im Schloss Eszterháza erstmals erklungen ist – und das Öffnen der Vorhänge musikalisch schon einmal vorwegnimmt. 
Musiziert wird sehr präzise, aber immer mit Esprit, klangvoll, schwung- voll. Eine gelungene Aufnahme, die Lust macht auf die Fortsetzungen. Davon wird es wohl noch etliche geben; Haydn hat 107 Sinfonien kompo- niert. 

Thoughts observed (Naxos)

Lieder aus Frankreich und Deutsch- land interpretiert der britische Countertenor Yaniv d'Or auf dieser CD gemeinsam mit dem israelischen Pianisten Dan Deutsch. 
Zu hören sind im Einzelnen L'Invitation au voyage von Henri Duparc (1848 bis 1933), Beau soir, Romance, Nuit d'étoiles und Mandoline, frühe Lieder von Claude Debussy (1862 bis 1918), À Chloris von Reynaldo Hahn und der Zyklus Le bestiaire sowie Vous n'écrivez plus? und Priez pour paix von Francis Poulenc, sowie die 16 Lieder umfassende Dichterliebe von Robert Schumann (1810 bis 1856). 
Diese berühmte Liederfolge ist gut eine Generation vor den Werken der französischen Komponisten auf dieser CD entstanden; für die Interpretation erweist sich dies als ein großer Unterschied. Yaniv d'Or singt sie aber allesamt ziemlich einheitlich, mit schönem Ton und großen Spannungsbögen. Bei den Franzosen passt das gut, bei Schumann weniger. 
Die Dichterliebe fordert mehr als schön gestaltete Linien; und die hohe Stimme an sich wirkt zunächst ungewohnt. Normalerweise ist der Zyklus eine Tenor-Domäne. Yaniv d'Or nutzt als Basis für seine Interpretation allerdings die tiefe Ausgabe – ich denke, es wird wohl sogar die Edition für Bass sein und nicht die für Bariton – und singt dann einfach eine Oktave höher. 
Das ist nicht ganz unproblematisch; unschön wird es, wenn der Sänger dann bei Ich grolle nicht auch noch kneift und die hohe Passage meidet. Da zuckt der Zuhörer schon zusammen. Im Konzert – geschenkt! nicht jeder hat jeden Tag einen guten Tag. Aber ob man einen derart häufig gesungenen Liederzyklus wirklich auf CD veröffentlichen muss, wenn absehbar ist, dass der eigene Stimmumfang dafür eigentlich nicht ausreicht... Tut mir leid, aber ich finde diesen Teil der CD nicht gelungen. 
Dan Deutsch erweist sich als ein versierter Liedbegleiter, der dem Sänger aufmerksam zur Seite steht und an passender Stelle auch selbst Akzente setzt. 

Pericoli: Cello Sonatas (Brilliant Classics)

Über den Lebensweg von Pasquale Pericoli ist so gut wie nichts bekannt. Sechs Cellosonaten, gedruckt 1769 in Bologna, sind alles, was von ihm überliefert ist. Daraus ist zu erfahren, dass der Komponist ein „Neapolita- ner aus Lecce“ ist. Vermutet wird zudem, dass er einige Jahre in Stockholm gelebt hat, in den 1750er Jahren, als Mitglied eines italieni- schen Opernensembles. 
Federico Bracalente hat nun gemein- sam mit dem Cembalisten Nicola Procaccini die Sonate sei a violoncello e basso o sia cembalo bei Brilliant Classics veröffentlicht. Auch wenn diese Musikstücke nicht zu den Schlüsselwerken der Musikgeschichte gehören, so schließt diese Welt- ersteinspielung doch eine Lücke im Repertoire. Und dem eleganten, sanglichen Cellospiel von Federico Bracalente lauscht man auch gern. 

Samstag, 29. Juli 2017

Insane Harmony (MDG)

Die Briten sind schon ein seltsames Völkchen. Mit der Insellage Groß- britanniens jedenfalls ist es wohl nicht zu erklären, dass sie einst die Kunst der Divisions on a Ground auch weiterhin schätzten und pflegten, während Variationen über einem ostinaten Bass auf dem Kontinent längst aus der Mode gekommen waren. Das Ensemble Musica Alta Ripa spürt auf dieser CD den Eigenheiten englischer Musik in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhun- derts nach – und hat dabei ein bezauberndes Programm zusammen- gestellt, das so manche Entdeckung zu bieten hat. 
Man höre nur die faszinierende Fantazia on a ground in D von Henry Purcell (1659 bis 1696), der auf dieser CD auch noch mit anderen Werken vertreten ist. Es erklingt außerdem Musik von William Lawes (1602 bis 1645), Thomas Tomkins (1572 bis 1656), Matthew Locke (?1621 bis 1677) und William Williams (1675 bis 1701). Manches klingt noch nach der elisabethanischen Ära; bei anderen Stücken ist, bei aller konservativen Neigung zum typisch Britischen, die Auseinandersetzung mit der kontinentalen Musik dann doch wahrzunehmen. Musica Alta Ripa lässt sich gekonnt hören, mit Sinn für bizarre Einfälle und ungewöhnliche Wendungen. Und auch die tiefe Melancholie, die der englischen Musik jener Zeit oftmals zu eigen ist, zelebrieren die Musiker hingebungsvoll. Diese CD ist wirklich sehr hörenswert, rundum gelungen. 

Scarlatti: 16 Sonatas; Koopman (Capriccio)

Dass der Klang eines Cembalos mitnichten monoton und reizlos ist, beweist diese Aufnahme. Ton Koopman hat im Jahre 1986 etliche Sonaten von Domenico Scarlatti derart aufregend interpretiert, dass garantiert keine Langeweile aufkommt. Den Vergleich mit den meisten jüngeren Aufnahmen, bei denen üblicherweise das Klavier verwendet wurde, muss diese CD ebenfalls nicht scheuen. 
Kein Wunder also, dass dieses Album bei diesem Repertoire noch immer eine Referenzposition hält. Koop- mans Einspielung hat seinerzeit zur Wiederentdeckung des Komponisten wesentlich mit angeregt. Domenico Scarlatti (1685 bis 1757), ein Sohn von Alessandro Scarlatti, wurde 1719 Kapellmeister und Musiklehrer am Hofe des portugiesischen Königs. Als Prinzessin Maria Bárbara, eine ausgesprochen versierte Cembalistin, zehn Jahre später den spanischen Thronfolger heiratete, folgte er ihr und verblieb den Rest seiner Jahre in ihren privaten Diensten. 
So komponierte er weit über 500 zumeist virtuose Cembalo-Sonaten, die sich um Konventionen herzlich wenig scherten. Im Gegenteil, Scarlatti hat sehr viel ausprobiert und experimentiert – wobei Koopman die verwegensten Stücke des Komponisten gar nicht berücksichtigt hat. Doch auch nach so vielen Jahren hört man die alte Aufnahme, die nunmehr bei Capriccio in der Reihe Encore wieder zugänglich ist, noch mit Genuss und Gewinn. 

Haydn: Die Schöpfung (Phi)

„Niemand, auch nicht Baron von Swieten, hatte die Seite der Partitur, wo die Geburt des Lichtes geschildert war,  gesehen. Das war die einzige Stelle der Arbeit, die Haydn verborgen gehalten hatte“, berichtet Frederik Samuel Silverstolpe, ein Freund Joseph Haydns, von der ersten Probe der Schöpfung. Und dann nahte diese Stelle: „Haydn hatte dabei eine Miene wie jemand, der sich auf die Lippen zu beißen denkt, entweder um seine Verlegenheit zu hemmen oder auch um ein Geheimnis zu verbergen. Und in demselben Augenblick, als zum ersten Mal dieses Licht hervorbrach, würde man gesagt haben, daß Strahlen geschleudert wurden aus des Künstlers brennenden Augen. Die Entzückung der elektrisierten Wiener war so allgemein, daß das Orchester einige Minuten lang nicht fortsetzen konnte.“ 
Ähnlich intensiv kann der Hörer dieser Aufnahme jenen legendären Moment erleben, in dem auf den musikalischen Ausdruck des Chaos in machtvollem C-Dur zum ersten Male das Licht erscheint. Philippe Herreweghe hat Haydns Oratorium Die Schöpfung mit dem Collegium Vocale Gent und dem Orchestre des Champs-Élysées mit großer Sorgfalt erarbeitet. Das Ergebnis ist ein Erlebnis, zumal auch die Solistenpartien mit Christina Landshamer, Sopran, Maximilian Schmitt, Tenor, und Rudolf Rosen, Bass, exzellent besetzt sind. So differenziert, so farbenreich und so ausdrucksstark habe ich Haydns Schöpfung noch nicht gehört – dies ist ohne Zweifel eine Referenzaufnahme. Grandios! 

Freitag, 28. Juli 2017

Telemann. Reformations-Oratorium 1755 (Sony)

Abseits vom musikalischen Main- stream immer wieder vergessene Schätze zu heben, dafür ist Reinhard Goebel inzwischen bekannt. Im Laufe seines anspruchsvollen Musiker- lebens ist dem früheren Geiger, der mittlerweile ebenso verdienstvoll als Dirigent tätig ist, so manche Ent- deckung gelungen. 
Um es gleich zu sagen: Diese Welt- ersteinspielung gehört dazu, und sie gehört sowohl unter den Aufnahmen zum diesjährigen Reformations-Jubiläum als auch zum Telemann-Jubiläum zum Besten, was zu finden ist. Das Oratorium Holder Friede, heil'ger Glaube schrieb Georg Philipp Telemann im Jahre 1755 für die Feierlichkeiten zum Gedenken an den 200. Jahrestag der Unterzeichnung des Augsburger Religionsfriedens. 
Anders als Telemann seinerzeit in Hamburg, standen Goebel bei dieser Co-Produktion von Sony mit dem Bayerischen Rundfunk herausragende Kräfte zur Verfügung. Die vier allegorischen Figuren Der Friede, Die Andacht, Die Religion und Die Geschichte sind mit der jungen Sopranistin Regula Mühlemann, Tenor Daniel Johannsen, Bariton Benjamin Appl und Bass Stephan MacLeod erstklassig besetzt. Dazu gesellen sich der exzellen- te Chor des Bayerischen Rundfunk sowie die Bayerische Kammerphilhar- monie. 
Mit diesem überragenden Ensemble gelingt es Goebel ohne Schwierig- keiten, die Qualitäten des wiederentdeckten Oratoriums herauszuarbeiten. Telemann ist doch immer wieder für eine Überraschung gut – und diese hier ist ganz besonders gelungen. Unbedingt anhören! 

Duo Praxedis (Ars Produktion)

Harfe und Klavier? Diese Kombina- tion, die uns heutzutage eher exotisch erscheint, gehörte in den musikali- schen Salons des frühen 19. Jahrhun- derts offenbar zu den Standards. Sowohl die Harfe als auch das Klavier erfreuten sich seinerzeit beim Adel und beim vermögenden Bürgertum großer Beliebtheit. Das Duo Praxedis erweckt diese Praxis zu neuem Leben. 
Praxedis Hug-Rütti, Harfe, und Praxedis Geneviève Hug am Klavier präsentieren auf gleich zwei CD Originalkompositionen aus jener Zeit für die beiden Instrumente. Und man reibt sich erstaunt die Augen, welches spieltechnische Können diese Werke voraussetzen. Die meisten der ausgewählten Stücke sind keineswegs Musik für Dilettanten. Das Mutter-Tochter-Duo überzeugt mit einem abwechslungsreichen Programm und brillantem Spiel. Auch klanglich ist diese Duoformation durchaus attraktiv.

Donnerstag, 27. Juli 2017

Sokolov - Mozart Rachmaninov Concertos (Deutsche Grammophon)

Klavierkonzerte mit Grigory Sokolov? Das kann keine aktuelle Aufnahme sein. Denn der Pianist verzichtet seit Jahren darauf, gemeinsam mit einem Orchester zu musizieren. Um so neu- gieriger macht es, wenn der Musiker Konzertmitschnitte zur Veröffent- lichung freigibt. 
Für diese CD hat Grigory Sokolov zwei Aufnahmen aus den Jahren 2005 und 1995 ausgewählt: Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 in A-Dur KV 488 mit dem Mahler Chamber Orchester unter der Leitung von Trevor Pinnock und Rachmaninoffs Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll op. 30 mit dem BBC Philharmonic Orchestra unter Yan Pascal Tortelier. 
Der Hörer erlebt fasziniert das enorme Gestaltungsvermögen dieses Pianisten. Denn die beiden Konzerte sind im Charakter wie auch in ihrer musikalischen Gestaltung so unterschiedlich und so weit voneinander entfernt wie Nord- und Südpol. 
Mozarts populäres Klavierkonzert erklingt in seinen Ecksätzen flott und heiter – und im fis-Moll-Adagio dann irritierend: Sokolov wählt für sein einleitendes Solo ein beunruhigend langsames Tempo. Das wirkt beinahe schon nicht mehr wie von dieser Welt, beängstigend, diesseits. Und zugleich gestaltet der Pianist diesen Satz mit hinreißender Innigkeit und Leuchtkraft – man möchte jedem Ton nachsinnen. 
„Rach 3“ hingegen gilt als „K2 der Klavierliteratur“, als eine Herausforde- rung, an der schon so mancher Pianist gescheitert ist. Sokolov hat dieses Konzert oft gespielt. Bei diesem Werk nimmt er sich zurück, und macht deutlich, dass hinter der virtuosen Fassade noch viel mehr musikalische Substanz aufzufinden ist – wenn man sich nicht vom Zirzensischen blenden lässt. Flinke Finger hat so mancher, aber das Ausdrucksvermögen von Grigory Sokolov ist wirklich phänomenal. 
Die Deutsche Grammophon hat der CD eine Dokumentation der russi- schen Filmemacherin Nadya Zhdanova beigefügt: „Ein Gespräch, das nie stattgefunden hat“ versucht, Sokolovs künstlerisches und privates Leben zu beleuchten. Dazu sammelte sie Zeugnisse aus dem Umfeld des Künstlers. Der Pianist selbst gibt seit Jahren keine Interviews mehr.