Dienstag, 31. Mai 2016

Buxtehude: Sonatas with Cornett (Accent)

In der sogenannten „Alten“ Musik waren Besetzungen nicht wirklich festgelegt; die Noten sind zudem eher eine Skizze als verbindlich. Noch im Barock hing es von den vorhandenen Musikern sowie von ihren Fertigkei- ten ab, wie ein Stück letztendlich aufgeführt wurde. William Dongois und Le Concert Brisé haben sich daher die Freiheit genommen, einige von Dieterich Buxtehudes Sonaten für Violine, Gambe und Continuo für Zink und Posaune einzurichten. Was soll man sagen – das Ergebnis überzeugt; man wundert sich vielmehr, dass diese Musik, die in ihren Figurationen derart nach Bläsern klingt, tatsäch- lich für die Violine geschrieben worden sein soll. Und William Dongois spielt Zink, dass man nur staunen kann. Stefan Legée, Barockposaune, ist ihm ein würdiger Dialogpartner. Pierre-Alain Clerc, Organist in Lausanne, übernimmt nicht nur den Basso continuo. Mit einigen zusätzlichen Orgel- werken von Buxtehude sorgt er in diesem Programm für Abwechslung. Die Orgel in St. Paul zu Lausanne, erbaut 1986 von der Firma Orgelbau Fels- berg im Stil von Arp Schnitger, passt dafür klanglich bestens. 

Montag, 30. Mai 2016

Of Witches and Devils - Tartini, Paganini, Locatelli (Dynamic)

Engelsreine Gesänge und teuflische Klänge – Musik ist oftmals auch mit einer Inszenierung verbunden; und schon in den vergangenen Jahr- hunderten nutzten Virtuosen gern alle Möglichkeiten, sich multimedial in Szene zu setzen. Mit dieser CD erinnern Luca Fanfoni und Luca Ballerini an drei exzellente Geiger, die nicht nur ihr Instrument, sondern auch diese Kunst offenbar ziemlich gut beherrschten. 
Allerdings hat die Legende um die berühmte Teufelstriller-Sonate von Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) der Franzose Jérôme de Lalande ins Leben gesetzt. Er erzählte in seinem Buch Voyage en Italie 1769 erstmals von dem Traum des Musikers, in dem der Teufel wundervolle Musik gespielt haben soll – und Tartini sei nach dem Erwachen leider nicht in der Lage gewesen, mehr als Fragmente davon zu notieren. 
Pietro Antonio Locatelli (1695 bis 1764) schrieb ein Capriccio namens Labirinto Armonico, mit dem Hinweis: „Facilis aditus, difficilis exitus.“ Dieses Werk für Solo-Violine ist nicht unbedingt dämonisch, aber anspruchsvoll ist es allemal. 
Nicolò Paganini (1782 bis 1840) stand in dem Ruf, der Teufelsgeiger zu sein. Legenden gibt es über ihn ohne Ende; vermutlich wird er jedoch schlicht über einen langen Zeitraum besonders eifrig und besonders kreativ geübt haben, so dass er schließlich das Publikum mit Effekten und Techni- ken verblüffen konnte, die außer ihm damals keiner beherrschte – „Zauber- geigenkünste“, mit denen er die Leute „verhext“ haben soll. Die Musik dieses Virtuosen hat den größten Anteil auf dieser CD. Luca Fanfoni spielt, begleitet von Luca Ballerini, die „Nel cor più non sento“-Variationen, dazu das Adagio aus dem Violinkonzert Nr. 3 sowie natürlich die Variationen über ein Thema von Franz Süssmayr, die unter dem Titel Le Streghe bekannt wurden. Die Sonata a preghiera erklingt sogar in zwei Versionen. Die Originalversion, hier in Weltersteinspielung, interpretiert Fanfoni auf „Paganinis Violine“; nähere Angaben Fehlanzeige, was ich schade finde – da das Instrument von der Stadt Genua für die Aufnahme zur Verfügung gestellt wurde, darf man annehmen, dass es sich um die Cannone handeln könnte. 
Luca Fanfoni erweist sich als ein hervorragender Geiger mit einer sehr guten Technik und ausgeprägtem Sinn für musikalische Strukturen. Ihm zuzuhören, das macht wirklich Freude, zumal er mit seiner Geige von Goffredo Cappa aus dem Jahre 1690 auch ein phantastisches Instrument spielt. Zurücklehnen und genießen! 

Sonntag, 29. Mai 2016

Zelenka: Psalmi Vespertini I (Nibiru)

Einmal mehr wendet sich das Ensemble Inégal mit den Prager Barocksolisten dem Werk von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) zu. Die Sänger und Musiker um Adam Viktora haben bereits mehrfach Kompositionen des Dresdner Hof- musikers aus dem Archivschlaf erweckt und sich damit große Verdienste um die Wiederentdeckung seiner Musik erworben. Zelenka, so stellt sich zunehmend heraus, beein- druckt nicht nur durch handwerkliche Perfektion. Seine Werke sind in jeder Hinsicht bemerkenswert – und je mehr davon wieder aufgeführt werden, desto interessanter erscheint das Schaffen dieses Musikers, der in Dresden zunächst Violone bzw. Kontra- bass spielte, und dann 1735 zum Kirchencompositeur ernannt wurde. 
In den Jahren zwischen 1725 und 1728 komponierte Zelenka unter ande- rem sechs Vesperpsalmen und ein Magnificat. Die Auswahl der Psalmtexte machte es möglich, diese prächtigen Musikstücke für nahezu jede Vesper- feier des Kirchenjahres zu nutzen. Dieses umfangreiche Projekt hatte ganz sicher noch einen anderen Hintergrund: Johann David Heinichen, der Dresdner Hofkapellmeister, litt an Tuberkulose und war in seinen letzten Lebensjahren oftmals so krank, dass ihn Zelenka und Ristori vertreten mussten. Zelenka nutzte die Chance, sich mit seinen originellen Kirchen- kompositionen insbesondere der Kurfürstin zu empfehlen. Als Heinichen 1729 starb, bewarb er sich schließlich um die Nachfolge – die Stelle erhielt jedoch Johann Adolf Hasse. Auf dieser CD sind nun Zelenkas Psalmi Vespertini I erstmals vollständig zu hören. 

Wesley: Organ Music (Somm)

Samuel Wesley (1766 bis 1836) war ein überaus geschätzter Organist. Er war der Sohn des anglikanischen Priesters Charles Wesley, bekannt als Hymnendichter, und der Neffe von John Wesley, beide gehören zu den Begründern der methodistischen Bewegung. Für die Familie dürfte es daher ein ziemlicher Schock gewesen sein, dass sich Samuel Wesley schon im Alter von 18 Jahren zur römisch-katholischen Kirche bekannte. Auch sein Lebenswandel dürfte nicht für Begeisterung gesorgt haben; so kreativ, wie er als Musiker war, so unkonventionell waren wohl seine persönlichen Verhältnisse. Seiner Beliebtheit aber scheint all dies keinen Abbruch getan zu haben. 
Wesley hat ein ebenso umfangreiches wie umfassendes Werk hinterlassen. Eine Auswahl aus seinem Orgelwerk, das als absoluter Höhepunkt in der neueren englischen Orgelliteratur gilt, hat Jennifer Bate bei Somm einge- spielt. Die Organistin musiziert an der historischen Orgel der St. James‘s Church, Bermondsey, 1829 von James Bishop erbaut und 2002 von Goetze and Gwynn soweit wie möglich in den Originalzustand zurückversetzt. Die Aufnahme öffnet zugleich ein Fenster in eine Orgeltradition, die sich von der kontinentalen krass unterscheidet. Sehr spannend! 

Serenade for Dieter Klöcker Vol. 2 (MDG)

Dieter Klöcker (1936 bis 2011) hätte in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag gefeiert. Dabringhaus und Grimm erinnert mit einer ganz besonderen Edition an den Jubilar: Auf vier CD präsentiert das Label Kostbarkeiten aus dem Schallarchiv des Westdeutschen Rundfunks. Die Aufnahmen, entstanden zwischen 1969 und 1993, zeigen Klöcker als überaus versierten und engagierten Kammermusiker – und stets auf der Suche nach Raritäten. Mit Leiden- schaft hat der Klarinettist zeitlebens in Archiven und Musikbibliotheken nach Kompositionen gesucht, deren Wiederentdeckung lohnt. Es verwun- dert daher nicht, dass auch in dieser Box wieder etliche Ersteinspielungen zu finden sind. Und grandios gut musiziert wird natürlich auch – eine würdige Jubiläumsgabe, mit Aufnahmen, die rundum begeistern. 

Freitag, 27. Mai 2016

Kreisler - Zimbalist; String Quartets; Ysaye: Harmonies du soir (Naxos)

Da wir gerade bei den Altmeistern des Geigenspiels waren – bei Naxos ist vor einiger Zeit eine CD erschienen, die nachdrücklich darauf aufmerksam macht, dass vor noch gar nicht übermäßig langer Zeit viele Musiker auch komponierten. Von Fritz Kreisler (1875 bis 1962) ist bekannt, dass er für seine Konzertprogramme zahlreiche Charakterstücke geschrieben hat. Weniger bekannt ist, dass er auch gewichtige Werke, wie Violinkonzerte, geschaffen hat. Auf dieser CD erklingt sein Streichquartett in a-Moll, gespielt vom Fine Arts Quartet, das sich dabei stark an dem unverkennbaren Kreisler-Sound orientierte. 
Zu den von Kreisler sehr geschätzten Kollegen gehörte Efrem Zimbalist (1890 bis 1985). Er studierte in St. Petersburg bei Leopold Auer, und gab 1907 sein erstes Konzert in Berlin. Nach diversen Konzertreisen durch Europa ging er 1911 in die USA, wo er ebenfalls sehr erfolgreich konzer- tierte. 1940 übernahm er die Leitung des Curtis Institute of Music in Philadelphia, wo er bis 1968 Direktor war und mehr als 70 Geiger unter- richtete, darunter Jascha Brodsky, Daniel Heifetz und Shmuel Ashkena- si. Zimbalist hat ebenfalls etliche Werke geschaffen; sein farbenreiches Streichquartett in e-Moll schrieb er im Jahre 1931. Hier ist es in der überarbeiteten Fassung aus dem Jahre 1959 zu hören. 
Eugène Ysaÿe (1858 bis 1931) wurde sowohl von Fritz Kreisler als auch von Efrem Zimbalist verehrt. Er war, wie Efrem Zimbalist, der Sohn eines Dirigenten, und musizierte ebenfalls schon in jungen Jahren im Orchester seines Vaters. Seine Ausbildung erhielt er zuächst am Königlichen Konser- vatorium in Lüttich, und später dann als Student bei Henryk Wieniawski in Brüssel und bei Henry Vieuxtemps in Paris. Er war Virtuose und Kompo- nist; außerdem Geigenlehrer und Ratgeber der belgischen Königin. 1937 rief sie einen internationalen Musikwettbewerb aus; er trägt heute den Namen Concours Musical Reine Elisabeth und genießt weltweit ein hohes Renommée. 
Für Königin Elisabeth komponierte Ysaÿe Harmonies du soir op. 31, ursprünglich ebenfalls ein Streichquartett. Es ist kaum zu glauben, aber dieses atmosphärisch dichte Stück erklingt auf dieser CD, ebenso wie jenes von Zimbalist, in Weltersteinspielung. Das Fine Arts Quartet musiziert dabei gemeinsam mit dem Philharmonic Orchestra of Europe unter Otis Klöber; es fügt sich dezent in den Orchesterklang ein. 

Mittwoch, 25. Mai 2016

Childhood Impressions (Ars Produktion)

Childhood Impressions, Erinne- rungen an die Kindheit, lautet das Motto einer neuen CD mit Werken von George Enescu (1881 bis 1955), die jüngst bei dem Label Ars Produktion erschienen ist. Enescu gehört zu den vielseitigsten Musi- kerpersönlichkeiten des 20. Jahr- hunderts – er war nicht nur der bedeutendste Komponist Rumäniens, er war auch ein Geigen-Wunderkind, ein geschätzter Pianist, ein gefragter Dirigent, sowie Lehrer unter anderem von Ivris Gitlis, Arthur Grumiaux und Yehudi Menuhin. 
Bereits als Vierjähriger spielte Enescu Geige. Von 1888 bis 1894 studierte er Violine am Wiener Konservatorium, anschließend bis 1899 Komposition in Paris bei André Gedalge, Jules Massenet und Gabriel Fauré. Er legte schon in jungen Jahren die ersten eigenen Stücke vor; dazu gehören die Violinsonaten Nr. 1 in D-Dur op. 2 und Nr. 2 in f-Moll op. 6, die auf dieser CD zu hören sind. Komplettiert wird das Programm durch ein Alterswerk: Mit der Suite in D-Dur op. 28 Impressions d’enfance komponierte Enescu ein Echo der Atmosphäre seiner Kindertage. 
Eingespielt wurden diese drei bedeutenden Werke von den Gewinnern des renommierten George Enescu International Competition 2014, Stefan Tarara und Lora-Evelin Vakova-Tarara. Der junge Geiger, Schüler und Assistent von Zakhar Bron, war von 2010 bis 2015 erster Konzertmeister bei den Mannheimer Philharmonikern; seit 2012 ist er erster Konzert- meister und Solist des Hulencourt Soloists Chamber Orchestra. Er hat bereits zahlreiche bedeutende Wettbewerbe gewonnen, und ist sowohl ein gefragter Solist wie auch ein gern gesehener Kammermusikpartner. 
Ähnliches wäre auch über Lora-Evelin Vakova-Tarara zu sagen. Die Pianistin, die aus Bulgarien stammt, hat erst 2013 ihr Studium bei Eckart Heiligers an der Zürcher Hochschule der Künste abgeschlossen. Auf der 2015 veröffentlichten Debüt-CD The Sound of the 20s hatte das Duo bereits Enescus dritte Sonate op. 25 interpretiert. Damit haben die beiden jungen Musiker nunmehr die kammermusikalischen Werke Enescus für Violine und Klavier komplett vorgestellt. 

Toyohiko Satoh - De Visée (Carpe Diem)

In Robert de Visée hat Toyohiko Satoh einen Seelenverwandten erkannt. Der Portugiese stammte aus einer Kleinstadt in der Nähe von Coimbra, und er ging nach Paris, um als Musiker am französischen Hof Karriere zu machen. Schon bald sang und musizierte de Visée in Versailles; er veröffentlichte Gitarrenmusik, die er dem König widmete, und er spielte Gitarre, Laute und Theorbe.
1719 wurde er schließlich Gitarren- lehrer des Sonnenkönigs. Doch schon 1721, nach dem Tode seiner Frau, gab er dieses Amt auf. Satoh vermutet, er könnte sich in seine Heimatstadt Viseu zurückgezogen und dort, ähnlich einem Zen-Meister, das Spiel auf der französischen Laute gepflegt haben. 

Mit dieser Aufnahme stellt Satoh erst kürzlich entdeckte Werke des letzten renommierten französischen Lautenisten vor. Er spielt sie als Meditatio- nen; jeder Ton ist hier bewusst gesetzt. So erhält die Musik eine innere Ruhe, die sehr beeindruckt. Toyohiko Satoh musiziert auf einer originalen Laute von Laurentius Greiff, gebaut in Nürnberg im Jahre 1610 – was ebenfalls zur besonderen Atmosphäre dieser Einspielung beiträgt. 

Dienstag, 24. Mai 2016

Buxtehude and his Circle (Dacapo)

Paul Hillier hat sich mit dem Theatre of Voices auf die Suche nach den Spuren von Dieterich Buxtehude be- geben. Der nordddeutsche Orgelvir- tuose war offenbar auch ein außer- ordentlich engagierter Netzwerker. Bedeutende Musikerkollegen, wie Bach und Händel, besuchten ihn in Lübeck und lernten von ihm. Diese CD nun zeigt uns den engeren Kreis um Buxtehude: Der Organist selbst war ein Schüler von Kaspar Förster (1617 bis 1673), auf der CD ebenso vertreten wie Franz Tunder (1614 bis 1667), dessen Tochter Buxtehude heiratete. Auch Vokalwerke von Christian Geist (um 1650 bis 1711), Organist in Kopenhagen, und Buxtehudes Schüler Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), Organist in Husum, erklingen – und natürlich zwei Kantaten von Buxtehude selbst. Die meisten der Kompositionen, die diese CD vorstellt, sind ausgesprochene Raritäten, was den Hörer freut. Allerdings legt Hillier mit seinen Sängern und Instrumentalisten ein erstaunlich flottes Tempo vor; Bruhns' De profundis beispielsweise in knapp zwölf Minuten ist für meinen persönlichen Geschmack etwas zu sportlich. 

Montag, 23. Mai 2016

Sarasate: Opera Phantasies (MDG)

„Seit 37 Jahren übe ich 14 Stunden am Tag und nun nennt man mich ein Genie“, kommentierte Pablo de Sarasate, der Wundergeiger aus dem spanischen Pamplona, einst seinen Erfolg. Der Violinvirtuose wurde in den Pariser Salons gefeiert. Ein Zufall war auch dies allerdings nicht, wie die vorliegende CD beweist: Um das Publikum zu entzücken, spielte der Musiker gern Melodien aus bekann- ten Opern jener Zeit, die er zu diesem Zweck gekonnt bearbeitete. Nicht immer rücken diese Arrangements die Geige übermäßig in den Vordergrund – Volker Reinhold, Konzertmeister der Mecklenburgischen Staatskapelle Schwerin, und sein langjähriger Klavierpartner Ralph Zedler präsentieren Opernphantasien, bei denen Melodieinstrument und Klavier erstaunlich gleichberechtigt musizieren. 

Dienstag, 17. Mai 2016

French Harpsichord Music (Brilliant Classics)

Eine umfangreiche CD-Box mit französischer Cembalomusik des
17. und 18. Jahrhunderts hat jüngst Brilliant Classics vorgelegt. 29 CD laden dazu ein, die Entstehung eines eigenständigen französischen Stils nachzuvollziehen. Diese Entwicklung ist untrennbar verbunden mit dem französischen Hof und seiner höfischen Ästhetik. 

Musikunterricht gehörte damals unbedingt zur Ausbildung junger Aristokraten: Der Adel ließ nicht nur musizieren; er tanzte und musizierte auch selbst. Die Musik wurde wie kaum eine andere Kunst zum Medium der französischen Herrscher, denn sie bot ideale Möglichkeiten zur Selbstinszenierung. Begonnen hat damit wohl Ludwig XIII.; Jacques Champion de Chambonnières (um 1600 bis 1672), der als Vater der französischen Cembalomusik gilt, gehörte als Cembalist der Chambre du roi und als Tänzer dem innersten Zirkel des Regenten an. Seine Kompositionen gehören zu den frühesten Werken in der Kollektion French Harpsichord Music
Vollendet wurde diese Entwicklung durch Ludwig IV., den Sonnenkönig. Künste und Wissenschaften betrachtete er als wesentliche Instrumente seiner Herrschaft. Deshalb förderte er sie mit Nachdruck. Und er festigte seine Macht nicht zuletzt durch grandiose höfische Feste, die ihn zum Vorbild für den gesamten europäischen Adel werden ließen. Die Musik jener Zeit vereint Pracht und Anmut, verspielte Eleganz und tänzerische Leichtigkeit. 
Die Box enthält das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Henri d’Anglebert (1629 bis 1691), dazu Kompositionen von Gaspard Le Roux (um 1660 bis 1707), Louis-Nicolas Clérambault (1676 bis 1749) und Louis Marchand (1669 bis 1732), die kompletten Pièces de clavecin von François Couperin (1668 bis 1733), einen Querschnitt aus den Werken von Antoine Forqueray (1672 bis 1745) und Jean-Baptiste Forqueray (1699 bis 1782), Vater und Sohn, das Gesamtwerk für Cembalo von Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) und Joseph-Nicolas-Pancrace Royer (um 1705 bis 1755) sowie die Livres de pièces de clavecin von Jacques Duphly (1715 bis 1789). 
Damit umspannt die Box gut 120 Jahre französische Cembalomusik. Sie erscheint wie das Echo des Absolutismus in Frankreich; ihre Blütezeit endet mit dem Sturm auf die Bastille und der Revolution. An der Schwelle dieses Zeitalters wäre noch Claude Balbastre (1724 bis 1799) zu verorten; er wirkte zunächst als Organist und Cembalist bei Hofe, musste dann aber sehen, wie er weiterhin sein Brot verdiente. Und so wirkte er als Organist an Notre-Dame, von den Revolutionären zum Tempel der Wahrheit erklärt, und komponierte Fantasien über die neuen Hymnen und Variationen über die Marseillaise. Von ihm sind meines Wissens ebenfalls zwei Bände mit Cembalomusik überliefert; sie sind in dieser Box allerdings nicht enthalten. Vermissen könnte man eventuell noch die Werke von Louis Couperin (um 1621 bis 1661), dem Onkel von François Couperin. 
Ansonsten erscheint die Sammlung ziemlich vollständig. Das ist kein Zufall; Brilliant Classics hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe bedeutender Neuaufnahmen französischer Cembalomusik vorgelegt. Die Einzelveröffentlichungen, darunter zahlreiche Weltersteinspielungen, wurden nun noch einmal in dieser Kollektion zusammengefasst. Das lohnt sich. Denn die zwischen 2005 und 2015 entstandenen Aufnahmen wurden von einigen der derzeit besten Cembalisten wie Pieter-Jan Belder, Fran- cesco Cera und Michael Borgstede eingespielt. Zu hören sind außerdem exzellente Nachwuchsmusiker wie Yago Mahúgo und Franz Silvestri – und natürlich auch die derzeit klangschönsten Nachbauten historischer Instru- mente.

Montag, 16. Mai 2016

Bach: Kantaten (J .S. Bach-Stiftung St. Gallen)

Das Vokalwerk Bachs, abgesehen von den Passionen, habe heutzutage weder im Gottesdienst noch im Konzert seinen Platz; es dennoch dem Publikum nahezubringen, ist das Ziel einer Schweizer Initiative. Sie wurde von dem Musiker Rudolf Lutz und dem Unternehmer Konrad Hummler ins Leben gerufen, und hat das Ziel, Bachs gesamtes Vokalwerk in einer Konzertreihe vorzustellen. 
Dazu wurde die J. S. Bach-Stiftung gegründet, die aus privaten Mitteln die Finanzierung des Projektes sicherstellt – über einen Zeitraum
von etwa 25 Jahren. 
Seit Oktober 2006 erklingt allmonatlich eine Kantate in der Barockkirche von Trogen, einem Appenzeller Dorf in der Nähe von St. Gallen. Zuvor gibt es eine Werkeinführung sowohl zu theologischen Fragen als auch zu musikalischen Details. Das Publikum ist eingeladen, die Choräle mitzusingen. Im Anschluss daran erklingt die Kantate – zweimal, mit einer Reflexion zwischen den beiden Aufführungen, bei der eine namhafte Persönlichkeit Bezug auf den Inhalt der Kantate nimmt. Das komplette Programm erscheint anschließend auf DVD; zusätzlich werden regelmäßig Kantaten auf CD veröffentlicht. 
Ich habe CD 13 und CD 15 angehört. Letztere enthält beispielsweise die Kantate zum ersten Sonntag im Advent BWV 36 Schwingt freudig euch empor; die Kantate zum Sonntag Cantate BWV 166 Wo gehest du hin und die Kantate BWV 168 Tue Rechnung! Donnerwort. Rudolf Lutz, Improvi- sationslehrer an der Schola Cantorum Basiliensis, erarbeitet die jeweilige Kantate mit dem Ensemble jeweils an zwei Probentagen. Er konnte für das Projekt einige renommierte Gesangssolisten gewinnen; außerdem musi- zieren unter seiner Leitung in wechselnden Besetzungen der Chor und das Orchester der J. S. Bach-Stiftung. 
Die Aufnahmen sind solide; sie erreichen aber nicht Referenzqualität wie beispielsweise die Einspielungen mit dem Bach Collegium Japan unter Masaaki Suzuki, mit La Petite Bande unter Sigiswald Kuijken oder aber die der American Bach Soloists. Von ausgezeichneter Qualität und sehr inspirierend ist allerdings das Beiheft, das mit großer Sorgfalt und einigem Aufwand zusammengestellt worden ist. Und wenn das Publikum zu den Kantatenaufführungen aus einem weiten Umfeld anreist, dann ist die Initiative doch sehr erfolgreich. 

Samstag, 14. Mai 2016

Der einzige Krebs im Bache (Genuin)

Johann Ludwig Krebs (1713 bis 1780) war einer der fähigsten Schüler von Johann Sebastian Bach. Über den Lebensweg des Organisten wurde in diesem Blog bereits an anderer Stelle berichtet. Er wirkte zunächst in Zwickau und dann in Zeitz; aller- dings war er dort mit den Instrumen- ten nicht zufrieden, die ihm zur Ver- fügung standen. In der Schlosskirche Altenburg, wo Krebs 1756 Hoforga- nist wurde, konnte er auf einer Orgel von Tobias Heinrich Gottfried Trost musizieren, die dieser 1739 fertig- gestellt hatte. Sie gilt noch heute als ein vorzügliches Konzertinstrument. 
Annette Unternährer-Gfeller präsentiert auf ihrer CD bei Genuin eine Werkauswahl von der Choral-Miniatur bis zur Sonate, die Lust darauf macht, Krebs' Schaffen zu erkunden. Die international preisgekrönte Organistin spielt hinreißend; man höre nur Toccata und Fuge a-Moll gleich zu Beginn. Besonders die kurzen Werke des Orgelvirtuosen, seine Präludien und Choräle, erweisen sich als Perlen des Repertoires. Ergänzt wird das Programm durch zwei Choralbearbeitungen und eine Fantasie für obligate Orgel und Oboe; die Bläserstimme ist dabei der Part von Thomas Unternährer. 
Als Instrument für diese Einspielung hat Annette Unternährer-Gfeller die Trost-Orgel der Kirche St. Walpurgis im thüringischen Großengottern ausgewählt. Mit 22 Registern auf zwei Manualen und Pedal ist diese 1717 vollendete Orgel eine kleinere und ältere Schwester des Instrumentes in Altenburg. Sie wurde zwar mehrfach umgebaut, doch dabei blieb das originale Pfeifenwerk weitgehend erhalten, so dass bei einer umfang- reichen Restaurierung in den Jahren 1995 bis 1997 durch die Orgelbau- firma Eule der ursprüngliche Zustand annähernd wieder hergestellt werden konnte. Und der Klang dieser Orgel ist wirklich reizvoll, insofern lohnt sich das Anhören dieser Einspielung gleich doppelt. 

Freitag, 13. Mai 2016

Mozart, Haydn: Duo Sonatas (Channel Classics)

„The Duos for Violin and Viola by Mozart have long been favourite pieces of ours – pieces we'd take out and play when there wasn't a keyboard player or cellist to hand, or busk as teenagers to carn extra pocket money“, schreiben Rachel Podger und Jane Rogers im Beiheft zu dieser CD. „Back then, the audience's response clearly indicated how appealing these pieces were as our takings always doubled when we played them!“ 
Diese Duette seien so gelungen, dass niemals die Frage aufkomme, wo denn der Rest des Streichquartettes geblieben sei, scherzen die Musikerinnen. Rachel Podger und Jane Rogers haben die Lieblingsstücke nun auf CD veröffentlicht – ergänzt durch zwei Werke in der gleichen Besetzung von Michael Haydn. Kurioserweise kannten Podger und Rogers diese Duette bislang nicht, wie sie berichten. Dabei gehören die Werke eigentlich zusammen: 1783 sollte Michael Haydn sechs Duos für seinen Dienstherrn, den Erzbischof von Salzburg, schreiben. Vier hatte er fertig; dann kam sein Freund Mozart zu Besuch, und half ihm bei den fehlenden Musikstücken aus. 

Mittwoch, 11. Mai 2016

Die Singphoniker: Georg Kreisler (Oehms Classics)

Die Lieder von Georg Kreisler kommen eigentlich ganz harmlos daher, hört man nur auf die Melodie. Doch der Text ist hier entscheidend – und der trieft geradezu von raben- schwarzem Humor. Die Singphoniker haben bekannte Werke des Wiener Originals für ihr Ensemble arran- giert; das Programm ist jüngst bei Oehms Classics auf CD erschienen. 
Ein bisschen enttäuscht wird man feststellen: Das klingt alles sehr zahm, sehr brav und sehr glatt, gerade weil es brillant gesungen wird. Wer Georg Kreisler schätzt, der sollte sich diese Aufnahme nicht unbedingt antun – wer aber die Sing- phoniker hören möchte, der wird sicherlich begeistert sein. 

Meister: Il giardino del piacere (Audax)

„Johann Friedrich Meister ist ein Original-Genie“, stellt Reinhard Goebel fest. Dass der Musiker, der sich im Repertoire und in der europäischen Musikgeschichte auskennt wie kaum jemand, den Komponisten und sein Werk im Beiheft zu dieser CD wohlwollend würdigt, wird nicht verblüffen: Goebels letztes Projekt mit seinem legendären Ensemble Musica Antiqua Köln galt der Musik Meisters. 
Nun vervollständigt das Ensemble Diderot diese Einspielung, die seiner- zeit nur sechs der zwölf 1695 in Hamburg unter dem Titel Il giardino del piacere publizierten Triosonaten umfasste, und stellt bei dem Label Audax die fehlenden sechs Stücke vor. Das lohnt sich, denn dieser Lustgarten bietet durchaus spektakuläre Musik. Meisters Sonaten in Suitenform verknüpfen auf höchst originelle Art norddeutsche und französische Traditionen. Und Johannes Pramsohler musiziert gemeinsam mit Roldán Bernabé, ebenfalls Violine, Gulrim Choi, Violoncello und Philippe Grisvard am Cembalo phänomenal – diese Weltersteinspielung ist ein Ereignis! 

Dienstag, 10. Mai 2016

Schumann, Hiller: Piano Quintets (Cavi-Music)

„Seit jeher fesselt und reizt mich die besondere Konstellation, wenn sich im kammermusikalischen Universum die Umlaufbahnen von Streich- quartett und Klavier kreuzen“, meint Tobias Koch. „Um das vielfach strapazierte Goethe-Wort ein weiteres Mal zu bemühen, sollten sich dann fünf ,vernünftige Leute miteinander unterhalten' – ohne dabei allerdings allzu vernünftig sein zu wollen: Das Klavierquintett, die Königsdisziplin der Klavierkammermusik.“ Zwei Gipfelwerke wiederum hat der Pianist auf dieser CD gemeinsam mit dem Pleyel  Quartett Köln eingespielt – auf historischen Instrumenten; die Streicher musizieren auf Darmsaiten, und Koch spielt einen Flügel aus der Dresdner Manufaktur von Clara Schumanns Cousin Wilhelm Wieck, gebaut um 1860. Entstanden ist die Aufnahme im Robert-Schumann-Haus Zwickau. 
Das Klavierquintett Es-Dur op. 44 von Robert Schumann, komponiert 1842, zählt Tobias Koch zu den „Kronjuwelen“ dieser Gattung. Clara Schumann, der das Werk gewidmet ist, lobte einst dessen „Kraft und Frische“. Es erklingt hier neben dem Klavierquintett G-Dur op. 156 von Ferdinand Hiller aus dem Jahre 1873 – einem Werk, das Tobias Koch „eher an einem sicheren Platz im Tresor der Schatzkammer“ sieht. 
Über den Lebensweg von Ferdinand Hiller (1811 bis 1885) wurde in diesem Blog bereits berichtet; seine Ausbildung erhielt er zu einem großen Teil in Weimar bei Johann Nepomuk Hummel. Hiller schuf mehr als 200 Kompositionen, darunter Bühnenwerke, Liederalben, etliche Konzerte und vier Sinfonien. Als Komponist und Pianist war Hiller berühmt, doch als Kapellmeister und Organisator der großen Niederrheinischen Musikfeste in Düsseldorf und Köln wurde er geliebt und gefeiert. Nach seinem Tode war er allerdings dann auch schnell vergessen, zumal seine Musik, in eher klassischer Tradition, schon vor der Jahrhundertwende antiquiert gewirkt haben muss. 
Hört man allerdings sein Klavierquintett, so wird man sich darüber wun- dern, dass Hillers Werke so gänzlich aus dem Konzertleben verschwunden bleiben. Denn der Klavierpart ist brillant, und das Quintett erscheint trotz seines enormen Umfanges kurzweilig und elegant. Insofern möchte man von einer wirklichen Entdeckung reden, die Tobias Koch und dem Pleyel Quartett Köln gelungen ist. Neben Hillers effektvollem Werk wirkt Schumanns Klavierquintett, das als Perle der Gattung gilt, erstaunlich blass und vom Klavier dominiert.

Samstag, 7. Mai 2016

Northern Baroque - Sweelinck, Buxtehude & Co. (Coviello Classics)

Auf den Spuren der Norddeutschen Orgelschule unterwegs ist auf dieser CD Fabien Moulaert. Der junge belgische Organist hat dafür Werke von Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), Heinrich Scheidemann (um 1595 bis 1663) und Dieterich Buxte- hude (1637 bis 1707) herausgesucht. Sie zeigen exemplarisch die Entwicklung der Orgelmusik in den reichen Hansestädten über einen Zeitraum von einem knappen Jahr- hundert. 
Sweelinck gehört zu den „Gründervätern“ der norddeutschen Orgeltradi- tion. Er war nicht nur Organist, sondern vor allem auch ein führender Musikpädagoge, der eine ganze Organistengeneration prägte. Zu seinen Schülern gehörte unter anderem Heinrich Scheidemann, in späteren Jahren Organist an der Hauptkirche St. Katharinen zu Hamburg. Er gilt als Schöpfer der Choralfantasie
Buxtehude wirkte als Organist der Marienkirche zu Lübeck. Seine Musik führt Traditionen kreativ weiter; man höre nur seine Choralfantasien sowie die Toccata, die ein schönes Beispiel gibt für den Stylus Phantasticus
Moulaert hat die Orgelwerke an der Arp Schnitger-Orgel der Hauptkirche St. Jacobi zu Hamburg eingespielt. Er musiziert brillant; es ist wirklich eine Freude, zuzuhören. Zwischen den Werken der drei Altmeister hat Moulaert zwei der Kleinen Geistlichen Konzerte von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) platziert. Sie werden von der ungarischen Sopranistin Zsuzsi Tóth ausdrucksstark gesungen, ebenso wie das Klag-Lied, das Buxtehude zum Abschied von seinem verstorbenen Vater komponiert hat. Als Continuo-Orgel fungiert dabei die Thomas-Orgel der St. Katharinenkirche Hoogstraten in Belgien. 

Freitag, 6. Mai 2016

Bach on Brass (Berlin Classics)

Musik von Johann Sebastian Bach, gespielt von German Brass – von
der berühmten Toccata und Fuge in d-Moll über das Cembalokonzert BWV 972, Ausschnitte aus dem Osteroratorium, Präludium und Fuge BWV 849 aus dem Wohltemperierten Klavier, das dritte Brandenburgische Konzert BWV 1048 bis zum Choral Jesus bleibet meine Freude aus der Kantate Herz und Mund und Tat und Leben BWV 147 reicht das Pro- gramm, das vor einigen Jahren in etwas anderer Form bereits bei Herder erschienen war. 

Dass es sich nicht um aktuelle Aufnahmen handelt, wird auch beim Blick auf die Besetzungsliste schnell deutlich. An dem legendären Sound des Ensembles und an den überragenden Qualitäten der beteiligten Musiker hat sich aber seitdem nichts geändert. Was den typischen Klang von German Brass ausmacht, und wie Arrangements für das Ensemble funktionieren, das zeigt vielleicht am besten jene Blechbläsersuite, die Enrique Crespo seinerzeit anhand von Ausschnitten aus Bachs Orchestersuiten gestaltet hat. Wenn so respektvoll bearbeitet wird, und derart virtuos musiziert, dann ist Barockmusik auch im Crossover-Sound ein Hörgenuss. 

Donnerstag, 5. Mai 2016

Simone Kermes - Love (Sony)

Simone Kermes besingt die Liebe.
Ihr neues Album, das sie gemeinsam mit dem italienischen Ensemble La Magnifica Comunità unter Enrico Casazza eingespielt hat, heißt schlicht Love – und es ist umwerfend. Die Sängerin präsentiert 17 Stücke aus drei Jahrhunderten und vier verschiedenen Ländern, italienische, spanische, französische und englische Arien und Lieder. Es sind bekannte Melodien dabei, wie Monteverdis Lamento della ninfa oder Dido's Lament von Henry Purcell, und weniger bekannte, beispielsweise von Barbara Strozzi oder Tarquinio Merula. 

Ob Liebesgeflüster, Liebesklage oder Liebeswahn – Kermes findet zu jeder Melodie einen ganz eigenen Zugang. Die Sopranistin gestaltet jedes Stück höchst individuell, und verleiht jedem Lied, jeder Arie unverwechselbare Klangfarben. Dabei zeigt sie sich stimmlich sehr flexibel – Kermes kann große Oper, sie kann Koloraturen, aber sie kann auch vermeintlich „einfache“ Melodien und schlichte Songs, ganz ohne Brimborium und nahezu ohne Vibrato. 
La Magnifica Comunità gibt den Liedern und Arien aus der Renaissance und der Barockzeit jeweils einen musikalisch enorm gut passenden Rahmen. Die Arrangements sind eher sparsam, aber nicht kärglich; die einzigartige Stimme der Sängerin steht klar im Mittelpunkt. Bravi! 

Mozart: Violin Concertos Nos: 2 & 5, Sinfonia Concertante (Hänssler Classic)

Die zweite Folge seiner Neueinspie- lungen der Mozart-Violinkonzerte bei dem Label Hänssler Classic hat Frank Peter Zimmermann nunmehr veröffentlicht. Dabei ergänzt er die Konzerte Nr. 2 in D-Dur KV 211 und Nr. 5 in A-Dur KV 219 durch die Sinfonia Concertante Es-Dur KV 364. Zum Zeitpunkt der Aufnahme spielte Zimmermann noch „seine“ Stradivari, die „Lady Inchiquin“. Mittlerweile musste der Musiker dieses Instrument zurückgeben; es gehörte der WestLB, und Abwickler Portigon war mit den fünf Millionen Euro, die der Geiger als Kaufpreis angeboten hatte, wohl nicht zufrieden. 
Der Klang dieser Geige ist in der Tat einzigartig – Zimmermanns Mozart wirkt wie vom Sonnenlicht umglänzt. Das gibt der Musik eine ganz eigene Aura; diese Aufnahme ist wirklich phänomenal. Bei der Sinfonia Concer- tante musiziert Antoine Tamestit als Partner gemeinsam mit Zimmermann – auf einer Viola von Antonio Stradivari, der ältesten noch existierenden, aus dem Jahre 1672. Radoslaw Szulc, Konzertmeister des Kammer- orchesters des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks, spielt zudem die Wilhelmj-Stradivari aus dem Jahr 1725. Dieses Zusammen- treffen ist ganz gewiss nicht alltäglich, doch die Einspielung ist in erster Linie deshalb großartig, weil alle Beteiligten grandios musizieren – und das gilt nicht nur für die Solisten. Hinreißend! 

Dienstag, 3. Mai 2016

Bach: Kantaten für Sopran-Solo (Carus)

Mit dem L’Orfeo Barockorchester unter Michi Gaigg hat Dorothee Mields Bachs Kantaten für Solo-Sopran eingespielt. Etwas erstaunt wird man feststellen, dass der Komponist für diese Besetzung offenbar gar nicht viel geschrieben hat: Die Kantate Mein Herze schwimmt im Blut BWV 199 entstand 1714 für den Hofgottesdienst in Weimar. Sie nimmt Bezug auf das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner – insbesondere auf dessen Reue und Demut. 
Ich bin in mir vergnügt BWV 204, 1725 oder 1726 in Leipzig komponiert, singt nach einem Libretto von Christian Friedrich Hunold alias Menander das Lob der Zufriedenheit, die ein genügsamer Mensch gerade dann erlangen kann, wenn er „nicht reich und groß“ ist, und „nichts nach eitlen Dingen“ fragt. Wer der Auftraggeber dieser Gelegenheitskomposition war, ist nicht bekannt. Sie ist allerdings von üppigem Umfang – was angesichts des Themas dann doch schmun- zeln lässt. 
Das dritte Werk dieser Aufnahme ist die Huldigungsarie Alles mit Gott und nichts ohn’ ihn BWV 1127, adressiert an Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Gotha zu dessen 51. Geburtstag im Jahre 1713 – und durch den Bach Experten Michael Maul zufällig 2005 in Weimar entdeckt. Es ist ein hübsches Stück mit Ohrwurm-Potential; vier der zwölf Strophen sind hier zu hören. 
Dorothee Mields singt souverän, begleitet vom L'Orfeo Barockorchester mit einer Gelassenheit, die man sich von so manchem Alte-Musik-Ensemble wünschen würde. Alle Mitwirkenden haben sehr genau in ihre Noten geschaut; es wird mit Sorgfalt ausgeziert und zwar mit Präzision, aber generell in eher großen Bögen gestaltet. Den Musikern geht es bei dieser Aufnahme nicht um Geschwindigkeitsrekorde und um Originalität, und das ist auch sehr gut so.