Donnerstag, 31. Dezember 2015

Merulo: Toccate d'intavolatura d'organo (Tactus)

Claudio Merulo (1533 bis 1604) war ein bedeutender Organist der Spätrenaissance. Er wirkte zunächst 1556 am Dom von Brescia, doch nicht einmal ein Jahr später bewarb er sich erfolgreich um die Anstellung als zweiter Organist am Markusdom in Venedig. Als der erste Organist, Annibale Padovano, 1565 an den Hof des Erzherzogs nach Graz ging, wurde er sein Amtsnachfolger. 
Im Jahre 1584 trat Merulo in die Dienste des Herzogs von Parma. Er wurde Hoforganist, dazu Organist im Dom zu Parma, und 1591 erhielt er zusätzlich noch die Stelle des Organisten an der Basilika Santa Maria della Steccata in Parma. Der Musiker starb im Jahre 1604 und wurde mit einem Staatsbegräbnis feierlich im Dom neben Cipriano de Rore beigesetzt. 
Die Werke von Claudio Merulo zeigen deutlich, wie stark sich seine Orgelmusik bereits von der Vokalmusik seiner Zeit unterscheidet. Seine Toccaten gelten als früheste Beispiele für den Stylus phantasticus, der nicht zuletzt die Orgelmusik Norddeutschlands beeinflusst und beflügelt hat. Wer Merulos Orgelwerke kennenlernen möchte, der kann sie bequem zu Hause in einer exzellenten Aufnahme anhören: Bei Tactus hat Francesco Tasini, Professor für Orgelspiel und Orgelkomposition am Konservatorium Ferrara, auf drei CD Merulos Toccate d'intavolatvra d'organo vollständig eingespielt. 
Er hat dafür zwei bedeutende Orgeln aus jener Zeit ausgewählt – ein Instrument, das Baldassare Malamini (um 1540 bis 1614) 1596 auf der Evangelienseite der Basilika San Petronio in Bologna errichtet hat, und eine Orgel von Graziadio Antegnati (1525 bis nach 1590), die dieser 1565 für die Epistelseite der Basilika Santa Barbara in Mantua gebaut hat, die Hofkirche der Familie Gonzaga. Diese Instrumente sind beide nach umfangreicher Restauration in einem hörbar exzellenten Zustand. Und im Beiheft listet Tasini sorgsam auf, welche Register er für welches Orgelstück ausgewählt hat. So kann man beides genießen – den schönen Klang der historischen Instrumente, und die Orgeltoccaten von Claudio Merulo, die Tasini sorgsam nach zeitgenössischen Anweisungen interpretiert hat. So demonstriert er insbesondere die hohe Kunst der Verzierung, die Merulo meisterhaft beherrschte, und den Farbenreichtum dieser zauberhaften Musik. 

Mr. Handel's Trumpeters (Raumklang)

Den Spuren berühmter Kollegen folgt Johann Plietzsch mit seinem Barocktrompeten Ensemble Berlin: Die dritte CD des Ensembles bei dem Label Raumklang ist den Trompetern gewidmet, die im 17. und 18. Jahr- hundert am englischen Hof musi- zierten. Das Instrument hatte stets eine wesentliche Rolle in der höfischen Repräsentation: „Als Attribut der Macht verkörperte sie all das, was die Regenten waren oder sein wollten: Kraftvoll, mächtig und unermesslich reich!“, schreibt Plietzsch in einer umfangreichen Einführung im Beiheft. 
In England allerdings erlangte die Trompete erst zum Ende des 17. Jahr- hunderts tatsächlich Bedeutung. Und so beginnt diese CD mit Henry Purcell (1659 bis 1695), der Trompetenmusik nach italienischem Vorbild für Oberhoftrompeter Mathias Shore und sein 16köpfiges Ensemble schrieb. Natürlich dürfen auch die Werke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) nicht fehlen – die er für Musiker wie William Bull, Mathias, William und John Shore, vor allem aber für Valentine Snow (um 1700 bis 1770) komponierte. Dieser Musiker war „Mr. Handel's Trumpe- ter“, und er war seinerzeit offenbar ausgesprochen populär. 
Das Barocktrompeten Ensemble Berlin präsentiert zudem Musik wenig bekannter Komponisten, wie eine Royal Trumpet Suite des Londoner Klavierlehrers Gottfried Keller, und Bühnenmusiken von John Shore, Nicola Mattheis und Jeremiah Clarke. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, in dem die Klänge der acht virtuos geblasenen Barocktrompe- ten nebst Pauken und Basso continuo immer wieder durch „leise“ Musik- stücke ergänzt werden, in denen Orgel oder auch Laute Akzente setzen. Gratulation, diese CD ist wirklich sehr gelungen!

Masaaki Suzuki plays Bach Organ Works (BIS)

Seine musikalische Karriere begann Masaaki Suzuki im Alter von zwölf Jahren als Organist im Gottesdienst in seiner Heimatstadt Kobe. Später studierte er Orgel in Tokio sowie Cembalo und Orgel an der Sweelinck Akademie in Amsterdam. 1990 gründete Suzuki das Bach Collegium Japan, mit dem er eine beeindrucken- de Gesamtaufnahme der Kantaten von Johann Sebastian Bach einge- spielt hat. Er musiziert mit renom- mierten Ensembles aus dem Bereich der historischen Aufführungspraxis; mittlerweile dirigiert er aber auch moderne Orchester, und sein Repertoire reicht von Sweelinck bis hin zu Mahler und Britten. 
Die Tasteninstrumente aber scheinen Masaaki Suzuki noch immer wichtig zu sein. So hat er im vergangenen Jahr gemeinsam mit seinem Sohn Masato Suzuki und mit Musikern des Bach Collegium Japan eine CD mit Cembalo-Doppelkonzerten veröffentlicht, die Johann Sebastian Bach wahrscheinlich für Aufführungen mit dem Collegium Musicum im Zimmermannischen Kaffeehaus geschrieben hat. Die Quellen, in denen diese Werke überliefert sind, haben höchst unterschiedliche Qualität; einige davon geben aber interesssante Einblicke in die Arbeitsweise des Thomaskantors. Davon fühlte sich Masato Suzuki ermuntert, die Konzerte BWV 1060, 1061 und 1062 seinerseits noch durch eine eigene Bearbeitung der Orchestersuite BWV 1066 zu ergänzen. 
In diesem Jahr ist eine weitere CD erschienen, auf der Masaaki Suzuki bekannte Orgelwerke von Johann Sebastian Bach eingespielt hat. Dafür hat der japanische Musiker die Orgel der Martinikerk im niederländischen Groningen ausgewählt. Sie stammt in ihrer Ursubstanz aus dem 15. Jahr- hundert; berühmt wurde sie aber durch die Erweiterungen durch Arp Schnitger (1648 bis 1719), der das Instrument 1692 um zwei mächtige Pedaltürme ergänzte, sowie durch seinen Sohn Franz Caspar Schnitger (1693 bis 1729) und, nach seinem Tod, durch desse Werkmeister Albertus Antonius Hinsz (1704 bis 1785). Franz Caspar Schnitger baute ein neues Rückpositiv und eine neue Spielanlage; Hinsz vollendete Schnitgers Arbeit und wechselte später noch einige Register aus. 
Später wurde das Instrument mehrfach verändert und dabei teilweise kräftig dem Zeitgeschmack angepasst. Im Zuge einer Kirchensanierung wurde die Orgel dann in den 70er Jahren ausgebaut und 1976/77 sowie 1983/84 durch den Orgelbauer Jürgen Ahrend ebenso respektvoll wie umfassend restauriert. Dabei wurde der Zustand im Jahre 1740 weitgehend wieder hergestellt. 
Es ist ein Instrument, das heute ohne Zweifel wieder zu den weltweit klangschönsten Orgeln gehört. Aus unerfindlichen Gründen nutzt Suzuki die Möglichkeiten zu einer klanglichen Differenzierung, die die Schnitger-Hinsz-Orgel mit ihren 52 Registern bietet, aber eher wenig. Er setzt eher auf Tempo als auf klare Strukturen, was mir persönlich das Vergnügen an dieser Aufnahme verleidet. Flinke Finger allein machen Bachs Fugen nicht zum Erlebnis. Schade! 

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Die Orgeln der Marienkirche zu Lübeck (Querstand)

Die drei Orgeln der Marienkirche in Lübeck präsentiert Marienorganist Johannes Unger auf einer CD, die im Hause Querstand erschienen ist. Die Lübecker Marienkirche hat nicht nur das mit mehr als 38 Metern höchste Backsteingewölbe der Welt. Die Haupt-Pfarr- kirche der Hansestadt gilt als „Mutterkirche“ der Backsteingotik, und sie beherbergte bereits im 14. Jahrhundert bedeutende Orgeln. Neben der Hauptorgel war besonders die Chororgel, die sogenannte Totentanzorgel, von Bedeu- tung; sie wurde 1477 in der Totentanzkapelle errichtet, anschließend noch mehrfach erwei- tert und im 17. Jahrhundert durch Friedrich Stellwagen repariert. Danach fanden keine großen Umbauten mehr statt – ein Umstand, der die Orgel für die Orgelbewegung sehr interessant machte. So wurde sie 1937 restauriert. Doch das Instrument verbrannte 1942 bei einem Bombenangriff, ebenso wie die Große Orgel und eine weitere, kleinere Orgel auf dem Lettner. 
1948 wurde in der sogenannten Briefkapelle, die der Gemeinde als Winterkirche dient und die nach dem Krieg als erster Raum wieder für Gottesdienste nutzbar gemacht wurde, eine kleine Orgel aufgestellt, die aus Ostpreußen stammt. Sie wurde 1723 von Johannes Schwarz erbaut. 1933 erwarb sie der Lübecker Orgelbauer Karl Kemper. Sie stand zunächst in der Katharinenkirche, von wo sie Organist Walter Kraft dann als Übergangs- instrument in die Marienkirche holte. Die kleine einmanualige Barockorgel mit geteilter Lade verfügt über neun Register, wovon aber derzeit nur acht spielbar sind, und einen Cymbelstern. Sie ist hier zum ersten Mal auf CD zu hören. 
Die neue Totentanzorgel wurde von der Wilhelmshavener Orgelbaufirma Alfred Führer 1986 erbaut. Das Instrument sollte bewusst kein historisches Vorbild kopieren. Es verfügt bei vier Manualen und Pedal über 56 Register. Unger demonstriert mit dieser Aufnahme, dass an der neuen Totentanz- orgel aufgrund ihrer interessanten Disposition sowohl die Orgelwerke der alten Meister, wie der berühmten Marienorganisten Franz Tunder (1614 bis 1667) und Dieterich Buxtehude (um 1637 bis 1707), als auch Musik der Romantik und Moderne, insbesondere auch aus der französischen Orgel- tradition, bestens gespielt werden können. 
Die Große Orgel der Marienkirche wurde durch die Lübecker Orgelbaufirma Kernper & Sohn errichtet und 1968 nach sechsjähriger Bauzeit fertigge- stellt. Zum damaligen Zeitpunkt war sie die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur, und auch heute noch erscheint dieses Instrument gewaltig. Hundert Register auf fünf Manualen sowie einem Pedal, dass sich in Groß- und Kleinpedal teilt, 8.512 Orgelpfeifen – die größte davon ist über elf Meter lang – sowie diverse Schweller und weitere Spielhilfen eröffnen dem Organisten grandiose klangliche Gestaltungsmöglichkeiten. Unger spielt an der Großen Orgel Präludium und Fuge über BACH von Franz Liszt (1811 bis 1886), die Choralimprovisationen über Nearer, my God, to Thee! von Sigfrid Karg-Elert (1877 bis 1933) und Venus aus der Suite The Planets von Gustav Holst (1874 bis 1934), wobei Unger Orgel- transkriptionen von Arthur Wills und Peter Sykes kombiniert. 

Montag, 28. Dezember 2015

Star Wars: The Force Awakens (Walt Disney Records)

Pünktlich zur Premiere des siebten Teils der Star-Wars-Saga ist auch der Soundtrack zum Film erhältlich. Die Filmmusik stammt erneut von John Williams – und sie setzt mit Routine fort, was das Publikum schon von den vorigen Teilen kennt. Sie ist pathe- tisch, wo Pathos gefragt ist, sie klingt bedrohlich, wo die Andere Seite der Macht ins Spiel kommt – und sie ist dramatisch, sie ist witzig, sie ist emotional, mitunter sogar fast romantisch. Aber die Musik von John Williams war bisher stets wesentlich mehr als „nur“ ein Sound zum Film. Es gehört wenig Phantasie dazu, vorherzusagen, dass auch Melodien aus Das Erwachen der Macht den Weg in den Konzertsaal finden werden – wenn auch wahrscheinlich weniger als bei den Vorgänger-Filmen, denn einen richtig großen „Hit“ habe ich diesmal vermisst. 
Dafür gab's aber schon Wochen vor der Filmpremiere eine Welle an Star-Wars-Merchandising, so breit wie die Galaxien, die Williams in seiner Musik durcheilt. Da merkt man schon vorher, dass Disney nun bei Lucas- film das Sagen hat – und ganz sicher werden auch die nachfolgenden Filme der Trilogie so gestylt sein, dass die Kasse klingelt. 
Ein Stardirigent war, neben dem Komponisten selbst sowie William Ross, bereits an den Aufnahmen beteiligt: „Als John mich anrief und fragte, ob ich Beginn- und Schlussmusik dirigieren wolle, glaubte ich, er würde Witze machen“, berichtet Gustavo Dudamel, Künstlerischer Leiter des Los Angeles Philharmonic Orchestra: „John hat einen so großartigen Sinn für Humor, dass ich dachte, da muss doch irgendwo ein Haken sein. Und siehe da, es gab einen: Ich durfte es niemandem erzählen, und auch John hat totales Stillschweigen bewahrt!“ 
Als Dudamel dann im Studio erschien, um seinen Part zu dirigieren, war dies sicherlich eine ziemliche Überraschung. Zum ersten Mal musizierte dabei übrigens nicht das London Symphony Orchestra in den traditions- reichen Abbey Road Studios, sondern ein „freelance orchestra“ in Los Angeles, das seit Jahren mit John Williams Filmmusiken produziert. 

Sonntag, 27. Dezember 2015

Händel: Der Messias (BR Klassik)

Schon eine öffentliche Probe bewog seinerzeit die Kritiker zu Lobes- hymnen – und zur Uraufführung am 13. April 1742 in Dublin wurde darum gebeten, dass die Damen doch auf das Tragen von Reifröcken verzichten mögen, damit ausreichend Platz im Saal ist für die herbeiströmenden Zu- hörer. Bis heute gehört Der Messias zu den Publikumsfavoriten. Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) hat für dieses Oratorium ein Libretto von Charles Jennens (1700 bis 1773) vertont, das ausschließlich Texte aus der Bibel und dem Book of Common Prayer verwendet – eine weise Strategie, um Auseinandersetzungen mit der ziemlich konservativen Geistlichkeit aus dem Wege zu gehen; auch aus der Marketingperspektive war das clever, schließlich kannte diese Verse seinerzeit jedermann. Dank der Textpassagen, die überwiegend aus dem Alten Testament stammen, erlebt das Publikum das Leben Jesu als erfüllte Vorhersagen der Propheten. 
Wie das Publikum, so lieben auch Musiker dieses Oratorium. Peter Dijkstra hat Händels Werk nun mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem B'Rock Belgischen Kammerorchester Gent eingespielt. Er verabschiedet sich möglicherweise bereits mit dieser Aufnahme von dem Ensemble, das er seit 2005 geleitet hat, denn Dijkstra wechselt zum Nederlands Kamer- koor. Ab der Saison 2016/17 wird daher Howard Arman Künstlerischer Leiter des erfolgreichen Münchner Profi-Chores. 
Für jeden Chor ist Händels Messias eine dankbare Aufgabe. Denn das Oratorium enthält eine Vielzahl großartiger Chöre. Sie haben große Bedeutung für die Struktur des Werkes, und sind auch sehr populär – von And he shall purify the sons of Levi über For unto us a child is born über das berühmte Hallelujah! bis hin zum abschließenden Amen, einer gran- diosen Fuge. Natürlich sind auch unter den Arien etliche barocke „Super- hits“. Die Soli werden gesungen von Julia Doyle, Sopran, Lawrence Zazzo, Countertenor, Steve Davislim, Tenor, und Neal Davies, Bassbariton. 
Um es kurz zu machen: Der Chor des Bayerischen Rundfunks singt wirk- lich gut. Aber von den Solisten wird leider keiner ein Star werden, und auch das Orchester spielt nicht in der Champions League. Wer damit leben kann, der findet hier eine solide Aufnahme. Neben den beiden Musik-CD enthält die Box eine dritte Silberscheibe mit einer sehr gelungenen Werk- einführung von Markus Vanhoefer. Dieser umfassende Hör-Essay mit vielen Musikbeispielen macht diese Edition wertvoll, und empfehlenswert. Wer sich für Händels Arbeitsweise und für die Entstehung seiner Oratorien interessiert, der kann hier sehr viel lernen. 

Samstag, 26. Dezember 2015

500 Years of Organ Music (Brilliant Classic)

Zu einer Reise durch 500 Jahre Orgel-Geschichte lädt Brilliant Classics ein. Das Label kann dabei auf eine große Anzahl hauseigener Orgelmusik-Veröffentlichungen zurückgreifen. Die Auswahl beginnt mit Werken von Meistern aus der Zeit der Renaissance. So enthält das nach Auffassung der Beiheft-Autoren älteste Manuskript mit Noten für ein Tasteninstrument, aus dem Bestand der Biblioteca Comunale Manfrediana di Faenza, Werke von Marco Antonio Cavazzoni (um 1490 bis um 1560). Auch beispielsweise Werke von Gregorio Strozzi (um 1615 bis nach 1687), Luzzasco Luzzaschi (1545 bis 1607), Schüler von Cipriano de Rore und Lehrer von Giovanni Frescobaldi, Michelangelo Rossi (1601/02 bis 1656), Tarquinio Merula (1595 bis 1665), Antonio de Cabezón (1510 bis 1566), Giromalo Frescobaldi (1583 bis 1643), Giovanni Maria Trabaci (um 1575 bis 1647), Andrea und Giovanni Gabrieli, Bernardo Pasquini (1634 bis 1710), Jan Pieterszoon Sweelinck (1562 bis 1621), Johann Jacob Froberger (1616 bis 1667), Georg Muffat (1653 bis 1704), Dieterich Buxtehude, sowie eine CD mit Werken von Nicolaus Bruhns, Heinrich Scheidemann, Samuel Scheidt und Johann Adam Reincken finden sich im ersten Abschnitt, der bis zum Frühbarock reicht. Enthalten ist auch eine CD mit Musik aus den John Reading Manuscripts of Dulwich College, eingespielt von Riccardo Bonci an der George England Orgel aus dem Jahre 1760 in der Christ's Capel of God's Gift, Dulwich, London. 
Sehr umfangreich ist der zweite Teil, der Musik vom Barock bis zur Wiener Klassik umfasst. Hier erklingen unter anderem Werke von Johann Kuhnau, Johann Gottfried Walther, Georg Böhm, Johann Sebastian Bach, Daniel Magnus Gronau (1700 bis 1747), Johann Gottfried Müthel (1728 bis 1788), Georg Friedrich Händel, Georg Philipp Telemann, Gottfried August Homilius, Carl Philipp Emanuel Bach, Ignazio Cirri (1711 bis 1787), František Xaver Brixi (1732 bis 1771), Padre Antonio Soler, Joseph de Torres (1670 bis 1738), Antonio Vivaldi, Domenico Alberti (1710 bis 1746), Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, und Padre Davide da Bergamo (1791 bis 1863). 
Der folgende Teil mit Musik der Romantik bringt Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, August Gottfried Ritter (1811 bis 1885), Robert Schumann, Franz Liszt, Vincenzo Antonio Petrali (1830 bis 1889), Johannes Brahms, César Franck, Charles-Marie Widor, Félix Alexandre Guilmant, Max Reger, Edward Elgar und Georgi Alexandrowitsch Muschel (1857 bis 1934), einem russischen Komponisten, der auch sieben Werke für Orgel geschrieben hat. Die letzte Abteilung ist dem 20. Jahrhundert gewidmet und enthält Musik von Maurice Duruflé, Jehan Alain (1911 bis 1940), Hendrik Andriessen (1892 bis 1981), Olivier Messiaen und Arvo Pärt. 
Die Auswahl erscheint insgesamt sehr subjektiv; sowohl bei den Komponi- sten als auch bei den Interpreten und den Orgeln, die auf den 50 CD zu hören sind, überwiegt Italien. Wobei es seltsam erscheint, dass die lange Reihe der italienischen Komponisten mit Petrali endet – wie wäre es denn, beispielsweise, mit Marco Enrico Bossi? Und sollte es danach tatsächlich keinen einzigen bedeutenden Orgelkomponisten mehr in diesem Land gegeben haben? 
Auch sonst scheint die Auswahl mehr den Katalogen des Labels als der Musikgeschichte zu folgen. So sind Spanien, die Niederlande und England für mein Empfinden nicht angemessen vertreten, sowohl was die Orgel- werke als auch die Instrumente angeht. In Frankreich gab es auch schon sehr lange vor César Franck bedeutende Komponisten von Orgelmusik – und es gibt sie bis heute. Österreich ist ebenfalls ausgesprochen schmal berücksichtigt; Paul Hofhaimer (1459 bis 1537) beispielsweise fehlt, ebenso wie Anton Bruckner. 
In Deutschland gab es ein Buxheimer Orgelbuch, geschrieben um 1460/70, sowie den blinden Organisten Conrad Paumann (um 1410 bis 1473), der zunächst in Nürnberg tätig war und später im Dienst der Herzöge von Oberbayern in München wirkte. Er reiste bis nach Italien, wo er mit seinem Spiel großes Aufsehen erregte, und er hat zahlreiche Schüler ausgebildet. Mindestens ebenso lang wie die Liste der deutschen Organisten, die in dieser Edition vertreten sind, wäre eine Liste jener bedeutenden Musiker, die ich vermisse. 
Auch Osteuropa bleibt weitgehend ausgespart. Polen beispielsweise war aber stets gut katholisch. Da sollte sich nicht ein einziger Komponist von Rang und Namen finden lassen? Wie wäre es beispielsweise mit Feliks Nowowiejski (1877 bis 1946)? Und Nordeuropa ist in dieser Edition gar nicht vertreten. 
Insofern fasst die Kollektion auf insgesamt 50 CD Höhepunkte der Orgel-Editionen bei Brilliant Classics zusammen. Den Anspruch, 500 Jahre Orgelgeschichte repräsentativ abzubilden, kann sie nicht erfüllen – dazu fehlen schlicht zu viele wichtige Protagonisten, und auch enorm viele bedeutende Instrumente. Dennoch bietet diese Box Einspielungen von vielen guten, teils exzellenten Organisten und echte Entdeckungen. 

Freitag, 25. Dezember 2015

Weihnacht in Maulbronn (Ars Produktion)

Das Kloster Maulbronn ist als die am vollständigsten erhaltene mittelalterliche Zisterzienser-Abtei jenseits der Alpen nicht nur ein einzigartiges Baudenkmal und UNESCO-Weltkulturerbe. Seit 1556 besteht in diesen Gebäuden zudem eine evangelische Schule, heute ein Gymnasium, das Evangelische Seminar, mit Schwerpunkt auf den Alten Sprachen, Musik und Religion. Der Musiklehrer dieser  Schule, Jürgen Budday, hat in der einzig- artigen Atmosphäre der Abtei eine ebenfalls einzigartige Konzertreihe, die Klosterkonzerte, etabliert. Mittlerweile befindet er sich im Ruhestand, und sein Nachfolger Sebastian Eberhardt führt die Konzertreihe weiter. Die Leitung des renommierten Maulbronner Kammerchores, gegründet eben- falls von Budday, wird im kommenden Sommer Benjamin Hartmann, ein früherer Seminarist und Schüler Buddays, übernehmen. 
Dieses Umfeld inspirierte ein kleines Ensemble dazu, weihnachtliche Musik einzuspielen. Erika Budday, die Organistin und Kirchenmusikdirek- torin am Kloster Maulbronn, hat gemeinsam mit der Oboistin Julia Strö- bel-Bänsch und dem Hornisten Joachim Bänsch sowie der Sopranistin Sibylla Rubens ein Programm zusammengestellt, das viele bekannte Werke in teilweise sehr interessanten Arrangements enthält, dazu einige weniger bekannte, wie Ausschnitte aus dem Oratorienfragment Christus op. 97 von Felix Mendelssohn Bartholdy oder eine Paraphrase über Händels Tochter Zion, freue dich! aus den 18 Pièces nouvelles von Alexandre Guilmant. Es ist kein Live-Mitschnitt; so erklingen in manchen Stücken drei Hörner – Studiotechnik machts möglich. Wer Lust hat auf ein Wunschkonzert-Programm mit Händels Lascia ch'io pianga oder dem Largo aus Vivaldis Vier Jahrsezeiten, hier für Oboe, Horn und Orgel, der wird an dieser CD sein Vergnügen haben. 

Mendelssohn: Motetten zur Weihnacht / Deutsche Messe op. 89 (Hänssler Classic)

Arnold Ludwig Mendelssohn (1855 bis 1933) ist heute, obwohl er Lehrer von Paul Hindemith und Günter Raphael war, weitgehend vergessen. Er war ein Neffe zweiten Grades von Felix Mendelssohn Bartholdy und wuchs behütet und allseits gefördert auf. So erhielt er Klavierunterricht bei Carl August Haupt, dem späteren Direktor des Königlichen Institutes für Kirchenmusik in Berlin. Dennoch begann der Abiturient 1876 zunächst ein Jura-Studium in Tübingen, da seine Mutter Musik eher als eine brotlose Kunst ansah. Mendelssohn wiederum wollte sich ein Leben als Arzt, Richter, Lehrer oder Offizier nicht vorstellen – und kehrte er noch im selben Jahr nach Berlin zurück, um weiter bei Haupt sowie an der Akade- mischen Hochschule für Musik zu studieren. 
1880 erhielt der junge Musiker eine erste Anstellung in Bonn. Er wirkte dort an der Neuen Evangelischen Kirche als Organist und Chordirigent, und unterrichtete zudem an der Universität Orgelspiel und Musiktheorie. Aus der Bekanntschaft mit Friedrich Spitta ergab sich die Auseinander- setzung mit Werken von Heinrich Schütz und dessen Lehrer Giovanni Gabrieli. Mendelssohn hat während seiner Bonner Jahre etliche Werke Schütz' erstmals wieder aufgeführt. 
Von 1883 bis 1886 wirkte Mendelssohn in Bielefeld, dann als Lehrer für Orgel und Theorie am Konservatorium in Köln. 1891 wurde er zum Kirchenmusikmeister der Evangelischen Landeskirche in Hessen berufen. Er lebte in Darmstadt, kümmerte sich um die Orgeln im Lande, komponier- te viel, und engagierte sich zudem für Bach und Schütz, deren Werke er immer wieder dirigierte. Außerdem lehrte er seit 1912 am Hoch'schen Konservatorium in Frankfurt/Main. 
Mendelssohn war unter anderem mit Engelbert Humperdinck und dem Thomaskantor Karl Straube befreundet. So schrieb er viele seiner Werke für den Thomanerchor. Der Kirchenmusiker wurde von seinen Zeitgenossen hochgeehrt und vielfach ausgezeichnet. Im Februar 1933 erlag er einem Herzinfarkt; so musste er nicht mehr erleben, was damals Familien geschah, die jüdische Wurzeln hatten. Seine Musik geriet rasch in Ver- gessenheit. Daran hat sich leider bis heute wenig geändert. 
Das SWR Vokalensemble Stuttgart unter Leitung von Frieder Bernius hat bei Hänssler Classic eine Auswahl wichtiger Chorwerke veröffentlicht. Die CD enthält die Deutsche Messe op. 89, sowie drei Motetten aus der Geistlichen Chormusik op. 90: Die Advents-Motette Träufelt ihr Himmel von oben, die Motette Lobt Gott, ihr Christen zum Weihnachtsfest und Siehe! Finsternis decket das Erdreich zum Epiphaniasfest. Es handelt sich durchweg um Kompositionen für achtstimmigen Chor und Soli – und sie sind keine leichte Kost, weder für die Sänger noch für das Publikum. Dabei hat sich der Komponist an den Arbeiten der alten Meister orientiert: Die Werke von Bach, vor allem aber auch Schütz, Monteverdi oder Hassler boten ihm Inspiration, doch in seiner Musik interpretierte er diese Anre- gungen mit den Mitteln der Spätromantik. 
Es könnte auch sein, dass Mendelssohns Musik so selten zu hören ist, weil sie sehr anspruchsvoll ist, und weil in Deutschland Chöre, die leistungs- stark genug sind, sich daran zu wagen, mittlerweile selten geworden sind. Das SWR Vokalensemble Stuttgart engagiert sich besonders im Bereich der zeitgenössischen Musik. Der professionelle Chor ist aber ebenso erfahren im stilsicheren Umgang mit Werken aus der Musikgeschichte. Bei Men- delssohns Motetten können die Sänger beides einsetzen und beeindrucken so mit Aufnahmen von hoher Sensibilität und höchster Qualität. Bravi! 

Donnerstag, 24. Dezember 2015

Distler: Die Weihnachtsgeschichte (Carus)

Hugo Distler (1908 bis 1942) musste sein Leben lang um künstlerischen Freiraum ringen. Der Junge, von seiner Mutter im Alter von vier Jahren verlassen, wuchs bei seinen Groß- eltern auf. Sie kauften ihm ein Klavier und finanzierten ihm den Musik- unterricht sowie eine gute schulische Ausbildung. Durch die Inflation verarmten sie aber, so dass Distler 1925 nicht nur den Tod seiner Großmutter betrauern musste, sondern sich obendrein die private Musikschule nicht länger leisten konnte. Schließlich unterrichtete ihn sein Lehrer unentgeltlich. Nach dem Abitur studierte Distler am Leipziger Konservatorium. Als 1930 auch sein Großvater starb, der ihn trotz großer Armut finanziell unterstützt hatte, musste der junge Musiker aber seine Ausbildung abbrechen und sich eine Arbeit suchen – was zur Zeit der Weltwirtschaftkrise kein leichtes Unterfangen war. 
In dieser Situation half Distler sein Orgellehrer Günther Ramin; auf seine Vermittlung hin wurde Distler Organist derJakobikirche in Lübeck. Dort wirkte er gemeinsam mit Pastor Axel Werner Kühl, einem der führenden Köpfe der Bekennenden Kirche, und Kantor Bruno Grusnick, der mit seinem Lübecker Sing- und Spielkreis etliche Werke Distlers uraufführte. 1937 flüchtete der Musiker, nachdem es Ärger mit der Gestapo gegeben hatte, nach Stuttgart, wo er an der Musikhochschule unterrichtete und zudem Chor und Hochschulkantorei leitete. 1940 wurde er Professor an der Berliner Musikhochschule; im April 1942 übernahm er die Leitung des Berliner Staats- und Domchores. 
In seiner Arbeit erlebte er beständige Behinderungen und Zumutungen durch die Machthaber – vom HJ-Führer, der die Chorbuben zum Dienst befahl, sobald Chorproben angesetzt waren, bis hin zur vaterländischen „Thingspiel-Kantate“, die er in kürzester Frist mit Musik versehen sollte; ein Ansinnen, das Distler nicht abzuweisen wagte. Als er jedoch im Oktober 1942 zum sechsten Male einen Gestellungsbefehl erhielt, der sich diesmal auch nicht abwenden ließ, war es genug: Am 1. November 1942 nahm sich Hugo Distler das Leben. 
Seine Werke geben Zeugnis von Distlers tiefem Glauben. Eine Auswahl seiner Motetten sowie Die Weihnachtsgeschichte op. 10 aus dem Jahre 1933 hat das Athesinus Consort Berlin jetzt bei Carus veröffentlicht. Dort ist übrigens auch die Notenedition dazu verfügbar. 
Das Athesinus Consort Berlin, 1992 von Klaus-Martin Bresgott gegründet, besteht aus professionellen Sängern. Das Ensemble widmet sich mit großer Hingabe anspruchsvollen Projekten, von Musik der Spätrenaissance bis hin zur Uraufführung von Werken zeitgenössischer Komponisten. 
Aus dieser Erfahrung heraus hat sich das Athesinus Consort nun Distlers Werk zugewandt. Diese Musik klingt vertraut, aber die Stimmen sind nur scheinbar simpel geschichtet. Schon bald bemerkt man Bezüge zu großen Vorbildern – beispielsweise in der Motette Also hat Gott die Welt geliebet, die an eine Vertonung des gleichen Textes durch Heinrich Schütz (SWV 380) denken lässt, oder in ganz erstaunlichen Bicinien und Fugen, die alte Formen mit neuem musikalischem Inhalt präsentieren. 
Nicht ohne Grund gehörte Die Weihnachtsgeschichte schon zu Lebzeiten von Hugo Distler zu seinen beliebtesten Kompositionen. Sie ist eines der schönsten A-cappella-Werke des 20. Jahrhunderts für die Advents- und Weihnachtszeit und wird vom Athesinus Consort Berlin ausdrucksstark und engagiert vorgetragen. Und vielleicht trägt diese CD ja dazu bei, dass sich Chöre wieder öfter an Distlers Werke wagen – es lohnt, ganz ohne Zweifel.

Dienstag, 22. Dezember 2015

Holy Night - Heilige Nacht (Coviello Classics)

Deutsche, englische und ameri- kanische Weihnachtslieder präsentiert das Ensemble Vokalzeit auf seiner neuen CD. Dabei setzt das Herrenquartett auf Lieder, die auch literarischen Ansprüchen genügen können – und hat ihnen zudem moderne Arrangements maßge- schneidert. Da erklingt das populäre O Holy Night, komponiert von Adolphe Adam als Cantique de Noël, neben Weihnachtsliedern von Peter Cornelius, und das bekannte Have yourself a merry little Christmas, in der Sinatra-Textversion, neben Es ist ein Ros' entsprungen, in einem Vokalzeit-eigenen Satz, und Egbert Hum- perdincks Weihnachtslieder neben Markt und Straßen steh'n verlassen von Arnold Mendelssohn. Bei einigen wenigen Liedern, so auch bei diesem, haben Holger Marks und Markus Schuck, Tenor, Michael Timm und Oliver Gawlik, Bass, und Philip Mayers, Klavier, die Besetzung um die Altistin Judith Simonis erweitert. Gesungen wird gekonnt – was nicht überrascht, schließlich wurde das Ensemble durch Mitglieder des Rund- funkchors Berlin gegründet. Und auch wenn die Herren musikalischen Späßen offenbar sehr zugeneigt sind, ist dieses Album insgesamt eher ruhig und besinnlich. 

Montag, 21. Dezember 2015

Cornelius: Complete Lieder 4 (Naxos)

Peter Cornelius (1824 bis 1874) entstammte einer Künstlerfamilie. Seine Eltern waren Schauspieler, und zunächst sah es auch ganz danach aus, als wollte der Sohn ihrem Vorbild folgen: Schon mit 19 Jahren wurde er in Mainz zum Hofschau- spieler ernannt. Doch nach dem Tode seines Vaters studierte Cornelius, unterstützt von seinem Onkel, einem berühmten Maler, in Berlin Musik. Er stand Liszt nahe, und verbrachte etliche Jahre in Weimar, wo Corne- lius unter anderem (katholische) Kirchenmusik und als Kritiker für diverse Musikzeitschriften schrieb. 1858 gab es allerdings einen Eklat bei der Premiere seiner Oper Der Barbier von Bagdad: Liszt dirigierte – und Liszts Gegner störten die Aufführung. 
Cornelius ging daraufhin nach Wien. Dort setzte er sich für die Musik Wagners ein, der ihn schließlich 1864 nach München rief, wo König Ludwig II. dem Musiker einen Ehrensold zukommen ließ. 1867 wurde Cornelius Dozent an der neugegründeten Musikhochschule, und zudem ein glücklicher Familienvater. Bei einem Besuch in Mainz 1874 starb der Komponist an Diabetes; sein Grab befindet sich auf dem Mainzer Haupt- friedhof. In Mainz, im Peter-Cornelius-Archiv der Stadtbibliothek, befindet sich auch die größte Sammlung von Werken des Künstlers. 
Cornelius sah sich selbst als „Dichterkomponist“. Er schuf mehr als 700 Gedichte, er übersetzte, schrieb Libretti und publizierte in Zeitschriften. In seinem musikalischen Werk dominierte die Vokalmusik; neben Kirchen- musik schrieb er vor allem Lieder, wobei er viele seiner eigenen Texte vertonte. Und auch wenn er Liszt und Wagner persönlich nahestand, so ist sein künstlerisches Schaffen doch von einer ganz erstaunlichen Unab- hängigkeit und Originalität geprägt. 
Dass Peter Cornelius, zumal als Liedkomponist, mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, zeigt nun das Label Naxos mit einer Gesamteinspielung der Lieder des Komponisten durch erstklassige Interpreten. Empfohlen sei hier, passend zur Jahreszeit, die Folge vier, unter anderem mit den Neun Geistlichen Liedern op. 2 „Vater unser“ sowie den Weihnachtsliedern op. 8. Tenor Markus Schäfer zeigt sich als ein exzellenter Liedersänger; auch Christina Landshamer begeistert mit ihrem schönen Sopran, aber man wünscht sich von der Sängerin eine bessere Textverständlichkeit. Matthias Veit beeindruckt als ausgezeichneter Klavierbegleiter; er hat allerdings bei Cornelius' Liedern auch einen dankbaren Part. Unbedingt anhören! 

Vom Himmel hoch... (Audite)

Vor der Bescherung Hausmusik – und zum Auspacken der Geschenke UKW: Das Radio lieferte in den 50er Jahren festliche Klänge zum Weihnachtsfest. Und weil diese Sendungen wirklich jeder hörte, waren sich auch große Stars nicht zu schade, in die Rund- funkstudios zu gehen und dort ganz schlicht Weihnachtslieder zu singen. In den Archiven des RIAS spürte das Label Audite Aufnahmen aus jener Zeit mit bedeutenden Sängern auf. Zu hören sind unter anderem Erna Berger, Elisabeth Grümmer, Walther Ludwig, der junge Dietrich Fischer-Dieskau, Josephine Varga oder Annelies Westen. Die Arrangements stammen von ebenso namhaften Komponisten, wie Gotthold Frotscher, Hans Chemin-Petit oder Rudolf Kühn. Vom Hendel-Quartett über das Lautenspiel von Gerhard Tucholski sowie die Orgel bis hin zum kompletten Studioorchester wurde auch bei der Begleitung eine breite Palette an Klang- farben aufgeboten. 

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Respighi: Lauda per la Natività del Signore (Carus)

Weihnachtliche Musik aus dem
20. Jahrhundert erklingt auf dieser CD mit dem Rundfunkchor Berlin. Hauptwerk dieser Einspielung ist der Lobgesang Lauda per la Natività del Signore von Ottorino Respighi. Klangprächtige Chorpassagen und Soli wechseln; zu hören sind neben den Chorsängern die koreanische Sopranistin Yeree Suh, Kristine Larissa Funkhauser, Mezzosopran, und der Tenor Krystian Adam, sowie das Polyphonia Ensemble Berlin und zwei Pianisten, deren Namen aller- dings nicht zu erfahren sind. Dieses fromme Werk aus den 20er Jahren, inspiriert von „Alter“ Musik, das Anklänge an gregorianische Gesänge mit impressionistischen Klängen kombiniert, dann wieder Formen aus Renaissance und Barock aufgreift, um sie aus dem Geist der Moderne zu spiegeln, wird dirigiert von Maris Sirmais. 

Begleitet wird Respighis Werk durch einige Kompositionen, die man mittlerweile fast als Klassiker der Moderne bezeichnen könnte: Die CD beginnt mit Es ist ein Ros entsprungen in der Version von Sven-David Sandström (*1942), die den berühmten Chorsatz von Michael Praetorius in einen Strom von Tönen und Akkorden einbettet – ein Effekt, als würde man ein vertrautes Bild durch eine Milchglasscheibe betrachten. Auch Maria durch ein Dornwald ging in einer Komposition von Heinrich Kaminski (11886 bis 1946) und Nun komm, der Heiden Heiland in der spannungs- vollen Fassung von Günter Raphael (1903 bis 1960) singt der Rundfunk- chor Berlin, dirigiert von Nicolas Fink. Zu hören sind zudem O magnum mysterium, das Erfolgswerk von Morten Lauridsen (*1943), und die wundervollen Quatre motets pour le temps de Noël von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 

Weihnachtliche Chormusik aus aller Welt im Dom zu Lübeck (AGK)

Schon ein paar Jahre im Handel ist eine Aufnahme mit weihnachtlicher Chormusik aus aller Welt, wobei die Welt in diesem Falle aus Westeuropa, Russland und Nordamerika besteht. Zu hören ist der Kammerchor der Musikhochschule Lübeck unter der Leitung von Günther Pods und Uwe Röhl; letzterer spielt auch die Orgel. Aufgezeichnet wurden die Advents- und Weihnachtslieder offenbar 1991 im Dom zu Lübeck. Die Studierenden haben seinerzeit ebenso engagiert wie klangschön gesungen; diese CD mit ihrer jugendlichen Frische und ihrem Schwung gefällt mir daher besser als so manche Aufnahme, die Profi-Chöre veröffentlicht haben.

Himlische Weyhnacht (Berlin Classics)

Weihnachtliche Musik aus der Zeit nach der Reformation hat das Ensemble Bell'Arte Salzburg unter der Leitung von Annegret Siedel für seine neues Album „Himlische Weynacht“ herausgesucht. Die Musiker haben den wohl bekanntesten Choral Martin Luthers, Vom Himmel hoch, da komm ich her, in den Mittelpunkt ihres Programmes gestellt. Er erklingt in sieben verschiedenen Bearbei- tungen, und gibt den ausgewählten Werken aus dem 17. und 18. Jahr- hundert den festlichen Rahmen. 
Die traditionellen Weihnachtslieder spielen ansonsten auf dieser CD nur am Rande eine Rolle: Ich steh an deiner Krippen hier erklingt in seiner ursprünglichen Fassung, und Wie schön leuchtet der Morgenstern in drei ganz unterschiedlichen Sätzen, eingebettet in eine Violinsonate eines unbekannnten Komponisten. 
Ansonsten enthält diese CD sorgsam ausgesuchte geistliche Konzerte aus der Barockzeit. Diese vom Umfang her meist kleinen, aber ausgesprochen virtuosen Werke bieten sowohl Sängern als auch Instrumentalisten Gelegenheit, ihr Können zu beweisen. 
Besonders gefreut habe ich mich über Mein Herz ist bereit von Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697), eines meiner Lieblingskonzerte, das nun damit endlich auch auf CD verfügbar ist. Bruhns war ein Schüler von Dieterich Buxtehude. Er spielte die Geige ebenso gut wie die Orgel – was diesem Werk eine ausgedehnte, konzertante Einleitung beschert hat, in der die Geige brillieren kann. Anschließend konzertieren Sänger und Geiger gemeinsam, wobei jede Menge Tempo- und auch Taktwechsel hohe Anforderungen an Aufmerksamkeit und Präzision stellen. 
Auch Hans Leo Hassler (1564 bis 1612), Heinrich Schütz (1585 bis 1672), sein Schüler Christoph Bernhard (1628 bis 1692), Heinrich Franz Ignaz Biber (1644 bis 1704), Johann Valentin Meder (1649 bis 1719), der aus Wasungen an der Werra stammte und selbst im Baltikum gefragt war, und der Dresdner Hofkomponist Jas Dismas Zelenka (1670 bis 1745) sind auf dieser CD mit Konzerten vertreten. Mit Ausnahme des Magnificat SWV 344 von Heinrich Schütz, das vielleicht am ehesten bekannt ist, handelt es sich dabei durchweg um Raritäten. 
Das Ensemble Bell'Arte Salzburg musiziert ausdrucksstark und gestaltet zusammen mit Marie Luise Werneburg, Sopran, und dem renommierten Bassbariton Klaus Mertens ein ebenso besinnliches wie feierliches, ab- wechslungsreiches Programm. Meine Empfehlung! 

To Rudy - Lumberjack Big Band (Chaos)

Wer zum Weihnachtsfest eher neuzeitliche Musik bevorzugt, der sollte vielleicht einmal in die CD der Lumberjack Big-Band hineinhören. Das Ensemble, das überwiegend aus Laien besteht, die zumeist aus dem Kreis Göppingen kommen, musziert flott und gekonnt; und wer die CD gehört hat, der wird auch nie wieder behaupten, dass Schwaben keinen Humor haben. Selbst wenn das Programm keinen Bogen um die „klassischen“ Weihnachtshits macht, so vermeiden die „Holzfäller“ aber souverän Kitsch und Gefühlsduselei, mit Hilfe von hinreißend witzigen Arrangements. 
Und als kleines Extra bietet die Silberscheibe einen CD-ROM-Teil für PC- und Mac-User mit Bonusmaterial (Short-Clips, Pictures etc.) von einem Probentag und den Aufnahmen im Studio. Enthalten sind zudem alle Texte, Screenshots, die Karaoke-Version eines Stückes und ein paar „Outtakes“ zum Schmunzeln. 

Dienstag, 15. Dezember 2015

Wunderlich - Das Weihnachts-Album (Deutsche Grammophon)

An einen großartigen Sänger, der leider viel zu früh von der Bühne abtreten musste, erinnert die Deutsche Grammophon mit einem Weihnachtsalbum. Dazu hat das Label gleich zwei bedeutende Weihnachtsmusik-Einspielungen der 60er Jahre miteinander verbunden: Die Weihnachtslieder hat Fritz Wunderlich im Sommer 1966, kurz vor seinem überraschenden Tod, gemeinsam mit dem Bariton Hermann Prey für das Label Polydor eingesungen. Dabei begleitete ihn sein Lehrer Fritz Neumeyer mit einem kleinen Ensemble. Und das Weihnachtsoratorium mit Karl Richter, dem Münchner Bach-Chor und dem Münchner Bach-Orchester gehört zu jenen raren Einspielungen, die durch ihre unglaubliche Vitalität und musika- lische Brillanz für alle Zeit unter meinen ganz persönlichen Referenz- aufnahmen sein werden. 
Die Deutsche Grammophon hat nun die weihnachtlichen Melodien der Neumeyer-Produktion sowie Arien und Rezitative Wunderlichs aus dem Weihnachtsoratorium auf einem Album zusammengefasst. Und Barbara Wunderlich, die jüngste Tochter des Sängers, berichtet im Beiheft über die Bedeutung, die die weihnachtlichen Klänge einst im Hause Wunderlich hatten, und über ihre Entstehung. Im Grunde ist das auch das einzige Neue. Aber Wunderlichs herrlichen Tenor hört man doch immer wieder gern. 

Montag, 14. Dezember 2015

Bach: Magnificat (Linn)

An eine Rekonstruktion der ersten Vesper, die in der Verantwortung des neuen Thomaskantors Johann Sebastian Bach am 25. Dezember 1723 in der Leipziger Nikolaikirche gefeiert wurde, hat sich das Dunedin Consort unter John Butt gewagt. Die meisten Stücke, die nach Ansicht von Musikwissenschaftlern zu diesem Anlass erklungen sind, lässt das En- semble nun auf dieser CD erklingen. Das Orgelvorspiel Vom Himmel kam BWV 607 und die liturgischen Gesänge um Kollekte und Segen kann sich, wer das möchte, ergänzend von der Webseite des Labels herunterladen. 
Im Zentrum der Vesper steht das Magnificat BWV 243a, mit allen vier weihnachtlichen Einlagesätzen und der Fuga sopra il Magnificat BWV 733 als Orgelvorspiel. Und da es sich um einen gut lutheranischen Gottesdienst handelt, erklingt auch vor der Predigt ein umfangreiches Musikstück – in diesem Falle die Weihnachtskantate Christen, ätzet diesen Tag BWV 63. Auch der Gemeindegesang nebst dem jeweiligen Orgelvorspiel wurde in die Aufnahme mit eingebunden. Das Dundedin Consort lässt gänzlich die Musik sprechen; eine Predigt beispielsweise gibt es nicht. Und schon der Beginn ist mit dem achtstimmigen Hodie Christus natus est von Giovanni Gabrieli ebenso feierlich wie prachtvoll. 
Einen festlichen Gottesdienst derart mit Musik zu gestalten, das würde heutzutage wohl selbst große Gemeinden vor Probleme stellen. Diese CD ermöglicht es nun jedermann, die fromme Andacht und den musikalischen Glanz aus Bachs Tagen ins eigene Wohnzimmer zu holen. Man muss die zupackende Art, in der John Butt mit seinem Dunedin Consort die alten Werke angeht, nicht unbedingt für der Weisheit letzten Schluss halten. Aber das Magnificat habe ich, trotz der Mini-Besetzung mit fünf Solisten und fünf Ripienisten, selten so hinreißend gehört. 

Homilius: Sacred Motets (MDG)

Diese Aufnahme einiger Motetten von Gottfried August Homilius hat Hermann Max mit der Rheinischen Kantorei vor mehr als 30 Jahren bei MDG vorgelegt. Damit begann die Wiederentdeckung des damals nahezu vergessenen Komponisten. 
Die Rheinische Kantorei beeindruckt mit einer Interpretation, die die Einzigartigkeit dieser Werke zwischen barocker Rhetorik und frühklassischer Individualität herausstellt. Die verdienstvolle Einspielung aus dem Jahre 1983, seinerzeit nur auf Vinyl erschienen und lang vergriffen, ist nun dank einer sorgfältig aufbereiteten CD-Neu- ausgabe wieder zugänglich. 

Sonntag, 13. Dezember 2015

Homilius: Complete Organ Chorales (Brilliant Classics)

Warum das Werk von Gottfried August Homilius (1714 bis 1785) derart in Vergessenheit geraten konnte, das gehört zu den Rätseln der Musikgeschichte. Der Musiker, möglicherweise ein Schüler Bachs, war zunächst Organist an der Dresdner Frauenkirche und in späteren Jahren dann Kreuzkantor in Dresden. Seit einiger Zeit bemühen sich Ensembles insbesondere aus dem Umfeld und mit Unterstützung des Carus-Verlages, seine Passionen, Kantaten und Motetten wieder dem Publikum zugänglich zu machen. 
Felix Marangoni hat sich jetzt Homilius’ Orgelwerk zugewandt. Der junge venezianische Organist, ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen bei internationalen Wettbewerben, hat bei Brilliant Classics eine Doppel-CD mit Orgelchorälen veröffentlicht. Für die Aufnahmen hat er die Orgel der Chiesa di Sant’Antonio di Vienna in Padua ausgewählt, erbaut 2007 von Francesco Zanin nach norddeutschen Vorbildern. Sie verfügt bei zwei Manualen und Pedal über 25 Register, und steht in Werckmeister-Stimmung. 
Die Einspielung umfasst die 32 Praeludia zu geistlichen Liedern vor zwey Claviere und Pedal HoWV VIII. 2-33 sowie zehn Choräle HoWV1 und 34-42. Sie enthält zahlreiche Weltersteinspielungen. Es ist die erste Produk- tion seit über 30 Jahren, die sich ausschließlich mit Homilius’ Orgelwerk befasst. Das aber erweist sich durchaus als ein lohnendes Unterfangen, denn Homilius muss ein ebenso brillanter wie geistreicher Organist gewesen sein. Aus diesem Grunde sollten dieser Doppel-CD bald weitere Aufnahmen und vor allem auch Noteneditionen folgen; man würde sich wünschen, diese Musik zukünftig auch in Konzerten öfter hören zu können. Nicht ohne Grund schrieb Johann Friedrich Reichardt 1776 über seinen Lehrer, Homilius sei „jetzt wohl ausgemacht der beste Kirchen- komponist (..) und zugleich der größte Organist, den ich jemals gehört und vielleicht in meinem Leben hören werde.“ 

de Morales: O Magnum Mysterium (cpo)

Geht es um die Feier der Geburt Christi, sind sich die verschiedenen christlichen Konfessionen in etlichen Details überraschend einig. So wurden Werke des katholischen Komponisten Cristóbal de Morales (um 1500 bis möglicherweise 1553) auch in protestantischen Drucken verbreitet. Das gilt insbesondere für jene Motetten, in denen er die Geburt Christi und die Anrufung Mariens nach biblischem Vorbild gestaltete. Wer aber war der Musiker, dessen Werke auch in Wittenberg oder in Nürnberg erschienen? 
Der spanische Komponist, über dessen Herkunft, Kindheit und Jugend man offenbar nichts weiß, tritt im Jahre 1526 aus dem Dunkel der Geschichte – als Kapellmeister in Ávila, später dann in Plascencia. 1535 wurde er Sänger im Päpstlichen Chor der Kapella Sixtina. Fast zehn Jahre wirkte er in Rom; von Papst Paul III. wurde der Musiker sogar geadelt. 1545 kehrte de Morales nach Spanien zurück, wo er wieder als Kapell- meister tätig wurde – zunächst an der Kathedrale von Toledo, dann in Málaga. Dort verliert sich 1553 seine Spur; es wird vermutet, dass Cristóbal de Morales im September gestorben ist. 
In seinen Werken kombiniert er die musikalischen Traditionen seiner Heimat mit der Musik, die er in Rom kennengelernt hat. Das Ergebnis überrascht, denn die Kompositionen wirken erstaunlich zeitlos; wer es nicht weiß, der wird nicht vermuten, dass diese ausdrucksstarken Werke tatsächlich so alt sind. 
Manfred Cordes hat mit seinem Ensemble Weser-Renaissance eine CD mit Weihnachtsmotetten von Cristóbal de Morales bei cpo veröffentlicht. Dabei hatte er eine Besetzung zur Verfügung, die ebenso ungewöhnlich ist wie die Musik, die er gemeinsam mit diesen Sängern erkundet hat: Franz Vitzthum und Alex Potter, Diskant, Achim Schulz und Bernd O. Fröhlich, Tenor altus, Maciej Gocman und Jan van Elsacker, Tenor sowie Ulfried Staber und Kees Jan de Koning, Bass. Es ist eine faszinierende Musik zum Weihnachtsfest, feierlich und seltsam innig zugleich. Sie wird hier mit Noblesse und Transparenz vorgetragen – eine Aufnahme von großer Intensität und Strahlkraft. 

Freitag, 11. Dezember 2015

Natale in Italia (Ars Produktion)

Musik zur Weihnacht aus dem barocken Repertoire hat Jean Tubéry mit seinem Ensemble La Fenice zusammengetragen. Dabei stehen Instrumental- neben Vokalstücken, und bekannte Namen, wie Girolamo Frescobaldi, Johann Schmelzer oder Jan-Jacob van Eyck neben weniger präsenten, wie Giovanni Battista Bovicelli (um 1550 bis 1594??), Urba- ni Loth oder Biagio Marini (1594 bis 1663). Es singen und spielen Dagmar Saskova, Sopran, Jan van Elsacker, Tenor, Jean Tubéry, Blockflöte und Zink, Stéphanie Pfister, Violine, Lucas Peres, Bassgambe, Philippe Grisvard, Orgelpositiv, Cembalo und Bass, sowie Nicolas Achten, Theorbe, Tripelharfe, Barockgitarre und Baryton. Das Programm ist abwechslungsreich und gut durchdacht. Und die Klangmöglichkeiten dieses Ensembles sind ebenso vielfältig wie seine Besetzung; allerdings reicht die Qualität der Sänger nicht ganz an die der Musiker heran. 

Still, o Himmel (Tyxart)

Eine Weihnachts-CD, die sich erfreu- lich von der üblichen Handelsware abhebt, legen uns der Münchner Frauenchor und der Münchner Mädchenchor unter der Leitung von Katrin Wende-Ehmer auf den Gabentisch. Im Mittelpunkt stehen Werke von Joseph Haas (1879 bis 1960). Der Komponist, Sohn eines Lehrers und selbst zunächst auch Lehrer, war ein Schüler von Max Reger. Er unterrichtete erst am Konservatorium Stuttgart und später dann an der Akademie der Tonkunst in München Komposition. Haas gründete 1920 gemeinsam mit Paul Hindemith und Heinrich Burkard die Donaueschinger Musiktage. Doch obwohl er sich für die „Neue“ Musik engagierte, blieb Haas in seinen eigenen Werken stets tonal und traditionsbezogen: „Die Musik soll erfreuen, nicht beleidigen; sie soll erschüttern, nicht zerschmettern; sie soll veredeln, nicht banalisieren“, so formulierte der Komponist seine Auffassung. Davon zeugen auch die beiden Liederzyklen, aus denen Werke auf dieser CD erklingen.
Haas sah einen Mangel an „abendfüllender Weihnachtsmusik, die den ,hohen Stil' meidet und doch künstlerische Haltung hat“; und er beschloss, aus Volksweisen ein solches Werk zu schaffen – Christnacht op. 85. „Als ich den Plan durchdachte, wurde mir klar, dass sich nur solche Melodien, die der gleichen Landschaft angehören, zu einem stilistisch einwandfreien Organismus verbinden können“, so Haas. Er entschied sich für Krippen- lieder aus Oberbayern und dem Tirol: „Die unerhörte Ausdruckskraft der zwar holprigen und unbeholfenen Textworte, ihr einzigartiger Bilder- reichtum, die äußerliche Härte und Derbheit und die innerliche Zartheit und Beschwingtheit der Sprache haben es mir ebenso angetan, wie die unbeschreibliche melodische Schönheit der Tonweisen und die Vielfältig- keit ihrer Formgebung. Hier haben wir stilechte Kunst süddeutschen Bauernbarocks!“, schrieb der Komponist. „Das süddeutsche Krippenspiel sollte in meinem Werke triumphieren, nicht mein Kunstverstand.“ 
Entsprechend beschwingt klingt Christnacht, allerdings singt der Münchner Frauenchor auf dieser CD nur eine Auswahl der Lieder. Sie wurden von Norbert Düchtel für Frauenchor und Orgel arrangiert. Der Organist begleitet das gesamte Programm; er hat eigens dafür Orgel- bearbeitungen geschaffen, die ganz auf Understatement setzen – Düchtel unterstützt dezent die Chorsängerinnen, und er setzt durchaus auch eigene Akzente, aber er spielt sich nie in den Vordergrund. Es ist eine Freude, die Orgelpartie zu verfolgen, weil Düchtel auch sehr abwechslungsreich registriert. 
Auf dem Programm stehen ergänzend zu den Gesängen aus Christnacht auch sieben der Zehn Marienlieder op. 57 von Joseph Haas. Sie basieren auf alten Melodien, und sind als unkomplizierte Gebrauchsmusik für Frauenchor geschrieben. Der Orgelpart gibt diesen eher schlichten Liedern die Würze; somit können auch weniger versierte Chöre diese Werke singen. In diesem Falle aber ist Rücksicht nicht vonnöten – die beiden Münchner Chöre sind durchaus solide aufgestellt und werden durch Katrin Wende-Ehmer mit sicherer Hand geführt. Und so wird das Programm dieser CD dann noch ergänzt durch Werke aus Haas' Umfeld. Vertreten sind unter anderem sein Lehrer Max Reger, sowie Haas' Freunde und Schüler. Sehr gelungen – und wunderbar fröhlich! 

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Bach Without Words (Genuin)

Franz Liszt widmete sich ihnen ebenso wie Robert Franz, Ralph Vaughan Williams ebenso wie György Kurtág, Wilhelm Kempff ebenso wie Charles Francois Gounod und Sergej Rachmaninoff wie Ferruccio Busoni: Die Choralvor- spiele von Johann Sebastian Bach haben Generationen von Pianisten fasziniert und beschäftigt. Die Liste ließe sich noch lang fortsetzen – so hat beispielsweise auch Max Reger Klaviertranskriptionen ausgewählter Bach-Choralvorspiele geschrieben und veröffentlicht. 
Seltsamerweise ist diese althergebrachte Form der Auseinandersetzung mit musikalischem Material großer Komponisten zwischenzeitlich in Verruf geraten: Die Transkription, ein ebenso legitimes wir lehrreiches Verfahren, Werke zu erkunden und sie an veränderte Aufführungsbedingungen anzupassen, gilt seit der Romantik als minderwertig, als des Genies nicht würdig. 
Dabei zeigt diese CD, dass das Ergebnis dieses schöpferischen Prozesses durchaus originell und in gewisser Weise auch original sein kann: Für ihr Genuin-Debüt hat Christine Neumann ein Programm mit Klavier- transkriptionen Bach’scher Choräle, Chöre und Arien zusammengestellt; bei einigen Werken für Klavier zu vier Händen musiziert sie gemeinsam mit Anja Kleinmichel. Und natürlich hat sie selbst auch einige dieser Bearbei- tungen erstellt. 
Mit ihrem Spiel macht Neumann deutlich, dass diese Werke durchaus auch ohne Text sehr beredt sein können – Bach ohne Worte; das funktioniert selbst für Hörer, die von Chorälen gar keine Ahnung haben. „Bey einer andächtigen Musique ist allezeit Gott mit seiner Gnadengegenwart“, notierte der Thomaskantor einst als Randnotiz in seiner Handbibel. Da darf es gern auch spätromantisch tönen, denn der moderne Konzertflügel bietet gänzlich andere Gestaltungsmöglichkeiten als die Orgel oder das Cembalo. Neumann zeigt mit ihrer CD, dass viele Wege zum Wort führen. 

Mittwoch, 9. Dezember 2015

A Very English Christmas (Tenebrae)

Der Titel dieser CD ist durchaus wörtlich zu nehmen. Zum einen deshalb, weil Nigel Short und das von ihm geleitete Ensemble Tenebrae tief in der englischen Chortradition verwurzelt sind. Als Chorister im Gottesdienst zu singen, das heißt, ein höchst lebendiges Repertoire gründlich und über Jahre kennen- zulernen. 
Zum anderen aber ist es erstaunlich, wie wenige der englischen Carols auf dem Kontinent bekannt sind – und mit welcher Leidenschaft sie in Großbritannien gepflegt werden: „Eventually we decided there was more than enough wonderful repertoire that would provide a musical breath of fresh air come Christmas time“, so berichtet Short im Beiheft zu dieser CD, „and also gives us a chance to herald the extraordinary talents of some of the most dedicated and less well-known individuals from the world of English choral music in the 20th century, thus 'A Very English Christmas' came to be.“ 
Und so finden sich denn auf dieser CD Kompositionen von Simon Preston, John Gardner, Richard Lloyd, Richard Hickox, Peter Warlock, Christopher Robinson, Philip Ledger, Arnold Bax, Paul Edwards, Jonathan Lane, Alec Redshaw und Philip Radcliffe. Gesungen werden die alten Melodien im modernen Gewand von Tenebrae exzellent. Aber für kontinentale Ohren klingt das möglicherweise, Warnung!, alles ziemlich fremd. 

Plácido Domingo - My Christmas (Sony)

Plácido Domingo, Jahrgang 1941, macht noch immer mit Leidenschaft Musik. Der spanische Sänger ist nicht nur auf der Opernbühne überaus erfolgreich: Als einer der Drei Tenöre hat er gemeinsam mit Luciano Pavarotti und José Carreras ganze Stadien gefüllt und Millionen begeistert. Domingo ist an allen bedeutenden Opernhäusern dieser Welt zu Hause, mittlerweile auch als Dirigent. Er ist Operndirektor in Los Angeles, und er fördert mit großem Engagement junge Sänger und Pianisten. 
Jetzt hat Domingo bei Sony eine CD mit seinen Lieblings-Weihnachts- liedern veröffentlicht. Es ist eine Auswahl, die einige bekannte Melodien enthält, aber auch eine Menge Überraschungen – und das gilt ebenso für seine Musizierpartner. So singt Plácido Domingo Guardian Angels von Harpo Marx gemeinsam mit Idina Menzel, Silent Night mit den Piano Guys, God Rest Ye Merry, Gentlemen mit den Voices of Los Angeles Opera's Domingo-Colburn-Stein Young Artist Program. Bei Feliz Navidad lässt er sich gemeinsam mit der Banda El Recodo hören, das Pie Jesu aus Andrew Lloyd Webbers Requiem singt er zusammen mit Jackie Evancho, White Christmas mit Plácido Domingo Jr. – der auch einen Song auf dieser CD komponiert hat – und What Child Is This mit Helene Fischer. Das sind längst noch nicht alle Mitwirkenden; die Liste ist lang und illuster. Und selbst wenn man Crossover-Projekte üblicherweise nicht so schätzt, kann der stimmungsvollen Einspielung den Respekt nicht versagen. Denn Plácido Domingo singt mit hinreißender Freude und mit überwältigender Musizierlust – und bringt das Kunststück fertig, den Zuhörer damit regelrecht anzustecken. Für Weihnachten ist das absolut perfekt. 

Samstag, 5. Dezember 2015

Es naht ein Licht - Octavians (Rondeau)

Weihnachtslieder singen die Octavians auf ihrer dritten CD. Das Männer-Doppelquartett, das aus dem Knabenchor der Jenaer Philharmonie hervorgegangen ist, hat für diese Auf- nahme ein ebenso anspruchsvolles wie abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Es reicht von Tu solus qui facis mirabilia von Jsoquim des Préz (um 1452 bis 1521) bis hin zu Maria durch ein Dornwald ging, arrangiert von Günther Raphael (1903 bis 19960) und von Veni, veni Emmanuel, einer französischen Weise aus dem 15. Jahrhundert, über Jingle Bells von James Lord Pierpont (1797 bis 1893) bis hin zu Es naht ein Licht von Lorenz Maierhofer (*1956); dieses Lied gab der CD auch den Namen. 
Jeder der acht Sänger hat dazu seine persönlichen Lieblingsstücke beige- tragen, berichtet das Beiheft. Zu jedem der ausgewählten Lieder finden sich dort ein paar Anmerkungen. Wenn man dort allerdings über den Choral Wie soll ich dich empfangen aus Bachs Weihnachtsoratorium liest: „,Ein echtes kirchliches Weihnachtslied, das nicht allein durch die Verbunden- heit zu Bachs Werk ein warmes und freudiges Gefühl erzeugt', sagt Bariton Christian Gaida.“ – dann wundert man sich doch schon sehr, und fragt sich, ob es nicht im Hause Rondeau jemanden gibt, der dem jungen Sänger erklären kann, dass Bach zwar den Text des Weihnachtsliedes genutzt, ihm aber die Melodie des berühmten Passionsliedes O Haupt voll Blut und Wunden unterlegt hat. 
Was den Gesang betrifft, so haben die jungen Männer an Sicherheit und damit an Strahlkraft erheblich gewonnen. Durch die beiden Countertenöre können sie auch Arrangements singen, an die sich Männerchöre normalerweise nicht wagen würden. Die Octavians beeindrucken mit ihrem homogenen Ensembleklang, und mit ihrem blitzsauberen Gesang. Das Doppelquartett hat immens an Qualität gewonnen, und kann mittlerweile so manchem Profi-Ensemble durchaus das Wasser reichen. Gratulation! Auf die nächsten musikalischen Projekte der Octavians jedenfalls darf man gespannt bleiben. 

Let the Angels sing

Europäische Weihnachtslieder in neuen Arrangements für Blockflöten und Chor erklingen auf dieser CD. Das Danish National Vocal Ensem- ble – DR VokalEnsemblet –, ein exzellenter Kammerchor, musiziert erneut gemeinsam mit Michala Petri, ohne Zweifel eine der besten Block- flötenvirtuosen der Welt. Es dirigiert Michael Bojesen; er hat auch die Liedsätze für diese CD geschrieben. Dabei hat er die alten Weisen so geschickt verwandelt, dass man beim Anhören der Aufnahme das Gefühl hat, sie alle irgendwie schon einmal gehört zu haben. Der Chor singt sehr engagiert. Der Blockflötenklang umspielt den A-cappella-Gesang und setzt Glanzlichter. 

Freitag, 4. Dezember 2015

Winterträume (B-Ton)

Die Adventszeit sei nicht nur für viele Zuhörer die schönste Zeit des Jahres, meint Christian Köhler, der Leiter des Landespolizeiorchesters Branden- burg, im Beiheft zu dieser CD. Auch die Musiker freuten sich „in jedem Jahr auf den Winter, denn dann konzertieren wir mehr als in allen anderen Monaten in ganz Branden- burg und dürfen Sie mit adventlicher Musik auf das schönste Fest des Jahres einstimmen.“ Nun präsentiert das Potsdamer Berufsblasorchester, dessen 45 Musiker alljährlich mehr als 200 Auftritte landesweit absol- vieren, sein Weihnachtsprogramm auch auf CD. Zu hören sind Arrange- ments von traditionellen Weihnachtsliedern wie Ich steh an deiner Krippen hier oder Süßer die Glocken nie klingen neben fröhlich-ausge- lassenen Medleys wie Rudolph around the World oder Swingin' Christ- mas. Wenn Sängerin Kati Karney sich allerdings durchs Ave Maria stemmt, vergeht mir das Weihnachtsvergnügen. Ohne die Mitwirkung dieses Stimmwunders wäre die CD gelungen – und besonders inspiriert spielen die Musiker ohnehin offenbar die ganz klassische Musik. Man höre Abendsegen und Pantomime aus Humperdincks Märchenoper Hänsel und Gretel – wunderbar! 

Es ist ein Ros entsprungen (Es-Dur)

Es ist ein Ros entsprungen – dieses Lied begegnet uns auf der Weih- nachtslieder-CD, die der NDR Chor unter Leitung von Philipp Ahmann aufgenommen hat, gleich mehrfach. Es erklingt in Chorsätzen von Michael Praetorius (1571 bis 11621), Hugo Distler (1908 bis 1942) und Alban Berg (1885 bis 1935). Damit ist auch gleich das Programm umrissen: Die CD enthält Liedsätze und Kompo- sitionen von der Reformationszeit bis ins 20. Jahrhundert. Ein Gutteil da- von stammt von Michael Praetorius; vertreten sind zudem neben Distler und Berg noch Heinrich Kaminski (1886 bis 1946), Johannes Brahms (1833 bis 1897) und Peter Cornelius (1824 bis 1874), wobei dessen Weihnachtslieder in spannungsvollen Chor-Bearbeitungen von Clytus Gottwald erklingen. Der NDR Chor singt brillant und mit erfreulicher Textverständlichkeit, seine Mitglieder sind jeder Herausforderung gewachsen. Wer eine eher besinnliche, vorsichtig moderne CD sucht, der sollte sich diese einmal anhören – es lohnt sich!

Donnerstag, 3. Dezember 2015

Julia Lezhneva - Händel (Decca)

Barocke Kirchenmusik hatte Julia Lezhneva 2012 für ihr Debüt bei Decca ausgewählt. Nun veröffentlicht russische Koloratursopranistin ihr zweites Soloalbum mit Musik, die Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) während seines Aufenthaltes in Italien komponiert hat. Es wird vermutet, dass Händel 1706 in den Süden reiste; er blieb vier Jahre dort, und lernte insbesondere in Florenz, Rom, Venedig und Neapel zahlreiche Musikerkollegen kennen. Er kompo- nierte in Italien unter anderem zwei Opern, Rodrigo (1707) und Agrip- pina (1709), zwei Oratorien, Il Trionfo del Tempo e del Disinganno (1707) und La Resurrezione (1708), dazu das berühmte Dixit Dominus (1707), die Serenata Aci, Galatea e Polifemo (1708), ein Salve Regina (1707) sowie eine Menge Kantaten. 
Arien aus den beiden Opern, den Oratorien sowie Ausschnitte aus den geistlichen Werken präsentiert Julia Lezhneva auf dieser CD. Auch eine Arie aus der Kantate Apollo e Dafne, die Händel in Italien zwar begonnen, aber dann erst in Hannover vollendet hat, singt die Sopranistin. Begleitet wird sie dabei von dem Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini – das sich auch in der legendären Sinfonia aus Agrippina als ein Orchester mit Charakter erweist. Die Musiker und die Sängerin harmonie- ren bestens; diese CD beeindruckt mit Präzision und gestalterischer Finesse, mit großen Bögen und mit rasanten Läufen, mit Emotion und mit Überlegung. Und eine Koloratursopranistin mit einer derart dunkel timbrierten Stimme ist ohnehin eine Rarität. Insofern darf man sich schon gespannt fragen, womit Julia Lezhneva als nächstes überrascht. 

Dienstag, 1. Dezember 2015

Bach: The Organ Toccatas (MDG)

Fünf Orgeln besitzt die Hamburger Hauptkirche St. Michaelis: Die Marcussen-Orgel auf der Konzert- empore im Norden, die Steinmeyer-Orgel auf der Westempore, unmittelbar darüber im Dachboden ein neues Fernwerk, seit 2010 die Carl-Philipp-Emanuel-Bach-Orgel auf der Südempore sowie die Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Orgel in der Krypta, 1917 errichtet von Johannes Strebel. 
Die Kirche, liebevoll „Michel“ genannt, beherbergte auch in früheren Jahrhunderten bedeutende Orgeln. Dort befanden sich Instrumente von Arp Schnitger (bis 1750), Zacharias Hildebrandt (bis 1906) und schließlich bis 1945 eine Walcker-Orgel, die bei ihrer Einweihung 1912 die größte Kirchenorgel der Welt war. Sie wurden jeweils bei Bränden bzw. durch Bomben zerstört. Als die Gemeinde nach der Jahrtausendwende das Kirchengebäude restaurieren ließ, wurden auch die Orgeln mit einbezogen. Beauftragt wurden die beiden Orgelbauwerkstätten Freiburger Orgelbau Hartwig und Tilmann Späth sowie Orgelbau Klais Bonn, die dieses große Projekt gemeinsam über- nahmen. 
Die neobarocke Große Orgel von Steinmeyer aus dem Jahre 1962 mit ihren 86 Registern, verteilt auf fünf Manuale und Pedal, wurde als Klangdenkmal in ihrer Disposition erhalten. Allerdings gab es Veränderungen im techni- schen Bereich. So wurde das mechanische System, das die Verbindung von der Tastatur zu den Ventilen darstellt, die sogenannte Traktur, erneuert. Dabei wurden desolate „moderne“ Bauteile durch die jahrhundertelang bewährte, solide mechanische Traktur ersetzt. 
Die sogenannte Konzertorgel ist ein Instrument der dänischen Orgelbau- firma Marcussen & Son aus dem Jahre 1914. Es verfügte seinerzeit über
42 Register, verteilt auf zwei Manuale und Pedal. In den 50er Jahren wurde es durch die Firma Walcker stark verändert. Da noch genug Original- substanz vorhanden war, wurde diese Orgel bei der Restaurierung auf den Anfangszustand zurückgeführt. Dabei wurde auch der ursprüngliche pneumatische Spieltisch rekonstruiert, ebenso wie einige fehlende Register der Originaldisposition. Die Orgel erhielt zudem ihren hochromantischen, orchestralen Klang zurück. 

Die Walcker-Orgel besaß einst ein Fernwerk. Es befand sich auf dem Dachboden und schickte über einen Schallkanal und ein Schallgitter in der Kuppel Klänge im Pianissimo in den Kirchenraum. Orgelbau Klais hat 2009 ein neues Fernwerk errichtet, das an das Original erinnert, es aber nicht kopiert. Und weil eine Anbindung dieses Fernwerkes an die Instrumente im Kirchenraum nicht erfolgen sollte, wurde zusätzlich ein fünfmanualiger Zentralspieltisch auf der Konzertempore geschaffen, von dem aus alle drei Orgeln gespielt werden können. Er funktioniert elektro- nisch, was dem Organisten enorme Möglichkeiten eröffnet. 
Auf der oberen Galerie der Südempore hat Orgelbau Freiburg 2010 ein gänzlich neues Instrument eingebaut. Diese eher kleine Orgel, gewidmet Carl Philipp Emanuel Bach, ersetzt eine Chororgel aus den 60er Jahren. Sie wurde geschaffen, um kammermusikalische Werke insbesondere auch aus Renaissance und Barock aufführen zu können. Sie ist nicht vom Zentralspieltisch aus spielbar. 
Diese vier Orgeln im Hamburger Michel erklingen auf einer CD, die Kirchenmusikdirektor Christoph Schoener bei Dabringhaus und Grimm eingespielt hat. Er musiziert die Orgeltoccaten von Johann Sebastian Bach und vermittelt damit, nicht zuletzt dank der raffinierten 2222+-Aufnahme von Tonmeister Werner Dabringhaus, einen lebendigen 3D-Klangeindruck der restaurierten und der neuen Instrumente. Hier ist klar im Vorteil, wer Musik in 222-Wiedergabe hören kann. Bei der berühmten d-Moll-Toccata – Spötter nennen sie „die Epidemische“ – erklingen sogar alle drei vom Zentralspieltisch aus spielbaren Instrumente. Zwar wird man zunächst stutzen, wenn man Bach-Aufnahmen aus historisch informierter Auffüh- rungspraxis im Ohr hat. Doch allerspätestens Schoeners Interpretation der „Dorischen“ versöhnt mit diesem außergewöhnlichen Orgelporträt. Dieses Werk erinnert mich, so wie Schoener es spielt, an etlichen Stellen ungemein an Mendelssohns zweite Orgelsonate. Kuriosität am Rande: Die Mendelssohn-Orgel, eine kleine romantische Orgel mit sieben Registern, zwei Manualen und Pedal befindet sich in der Krypta, unter dem Kirchen- fußboden. Sie ist auf dieser CD nicht zu hören. 

Montag, 30. November 2015

Style fantastique (Carpe diem)

Giovanni Antonio Pandolfi Mealli (1624 bis um 1687) wuchs in Venedig auf. Nach dem Tode seines Vaters war seine Mutter dorthin gezogen, weil einer ihrer Söhne aus erster Ehe als Kastrat am Markusdom sang. Über seine Jugend und seine Ausbil- dung kann man nur Vermutungen anstellen; gesichert ist aber, dass Pandolfi Mealli 1660 in Innsbruck als Mitglied der Hofkapelle benannt wird. Sein Dienstherr, Erzherzog Ferdinand Karl, begeisterte sich vor allem für das Musiktheater. Er ließ 1654 das erste freistehende Opernhaus im deutschsprachigen Raum errichten und unterhielt ein weithin angesehenes Ensemble. 
Nach dem Tode des Herzogs 1662 endete diese Blütezeit. Auch Pandolfi verließ Innsbruck; 1669 war er erster Violinist an der Kathedrale von Messina. 1675 erstach der Musiker dort bei einem Streit einen Sänger mit dessen eigenem Schwert und musste fliehen. Über Frankreich reiste er nach Spanien. 1678 wurde er in Madrid als Geiger in der Cappella Reale della Corte angestellt. Mindestens fünf seiner Werke sind im Druck erschienen; allerdings sind nur drei davon erhalten – die Sonaten op. 3 und op. 4 von 1660 sowie die Sonate messinesi, veröffentlicht 1669 in Rom. 
Daraus erfahren wir, dass Pandolfi Mealli ein exzellenter Geiger gewesen sein muss. Denn die Sonaten aus seinen Innsbrucker Jahren sind irrwitzig schwierig, und dazu ausgesprochen kapriziös; ein Musikwissenschaftler sah darin sogar das „Zeugnis einer Zeit der Entartung“. Wenn man aber mehr über den stylus phantasticus weiß, wird man diese Musik eher als eine Ergebnis eines Experimentes betrachten, das Kreativität und Virtuo- sität Freiraum gibt; gleich neben der Improvisation, aber noch weniger durch Regeln gebunden. Mittlerweile kann man sich auch über die ersten Einspielungen der Sonaten Pandolfi Meallis freuen – und diese hier ist ein ganz besonderes Juwel, denn William Dongois spielt die Sonate a violino solo per chiesa e camera, opera III, auf dem Zink. Dieses Blasinstrument war noch zur Zeit Heinrich Schütz' in Europa weit verbreitet. Die Griff- lochtrompete, zumeist aus Holz gefertigt, stand in dem Ruf, die mensch- liche Stimme besonders gut imitieren zu können. Sie war allerdings schwierig zu erlernen, und kam aus der Mode, nachdem an den Höfen längst ein anderes Instrument Einzug gehalten hatte: Um 1650 wurde der Zink durch die Violine abgelöst. 
Dongois hat den Sonaten noch drei Werke Johann Jacob Frobergers (1616 bis 1667) zur Seite gestellt. Sie ergänzen das Programm vortrefflich. Über das Spiel des Franzosen kann man nur staunen. Denn er lässt diese höchst anspruchsvolle Musik so klingen, als wäre sie für den Zink geschrieben worden. Im Ensemble Le Concert Brisé musiziert Dongois zusammen mit Carsten Lohff, Cembalo und Orgel, und Éric Bellocq, Laute und Theorbe. Zu hören ist übrigens das originale Rückers-Cembalo des Musée d'art et d'histoire de Neuchâtel von 1632; es wurde 1745, wahrscheinlich durch den Pariser Instrumentenbauer Blanchet, erweitert. 
Le Concert Brisé hat sich zudem für eine Live-Aufnahme entschieden, und für die Produktion dieser CD drei Konzerte mitgeschnitten. Liest man die Begründung, die die Musiker im Beiheft formuliert haben, dann ist diese Entscheidung absolut nachvollziehbar – zumal sie in diesem Falle der Qualität der Aufnahme eher zugute kommt. Denn diese Musik lebt auch vom Augenblick, von der Inspiration, und vom Dialog mit dem Publikum. 
Dongois erweist sich als ein herausragender Zink-Virtuose; nirgends gibt es einen Wackler oder gar einen unsauberen Ton. Er spielt weich und sanglich, elegant und mit enormen Spannungsbögen, immer dezent und subtil. Le Concert Brisé musiziert mit faszinierender Leichtigkeit, und auch die „leisen“ Instrumente Cembalo und Laute sind im Zusammenspiel stets gut zu hören. Das ist ohne Zweifel eine der besten Aufnahmen des Jahres aus dem Bereich der „Alten“ Musik. Bravi! und: Unbedingt anhören!! 

Sonntag, 29. November 2015

Grand musical entertainment - Händel for Organ & Orchestra (Oehms Classics)

Die berühmten Orgelwerke von Georg Friedrich Händel (1685 bis 1759) sind eigentlich eine Notlösung: Viele Jahre lang war der Komponist in London mit seinen Opern sehr erfolgreich – doch um 1730 strömte das Publikum nicht mehr herbei, wie gewohnt. Zum einen hatte 1734 ein Konkurrent Händel beinahe alle italienischen Sänger abgeworben. Zum anderen fanden die Leute die neuartigen englischen Singspiele interessanter als die italienische Oper. Händel reagierte darauf, indem er groß besetzte Oratorien auf die Bühne brachte – in englischer Sprache. Und weil er für sein Orgelspiel gefeiert wurde, setzte sich der Komponist an das Instrument und improvisierte, oder aber er integrierte Orgelklänge ins Vorspiel oder in die Zwischenaktmusik. 
Und tatsächlich: Diese Idee brachte Händel die erhoffte Resonanz. „Beim Lesen der damaligen Aufführungsberichte könnte man meinen, das Publikum sei vor allem wegen Händels grandioser Orgelkünste in die Vorstellungen gekommen“, schreibt Hansjörg Albrecht im Beiheft zu dieser CD. Der Organist ließ sich von Händels Orgel-Spektakeln inspi- rieren, weitere Werke des Komponisten nach dem Vorbild des Meisters zu bearbeiten. So gesellt er zum Concerto in C-Dur aus Saul noch drei üppige Suiten mit Musik aus dem Oratorium. Das Ensemble muss Händel von der Orgel aus geleitet haben. Das macht Albrecht nicht; er lässt Martin Schmeding spielen. Der frühere Dresdner Kreuzorganist wirkt seit 2004 als Professor für Orgel an der Hochschule für Kirchenmusik Freiburg. Für diese Aufnahme musiziert er an der Eule-Orgel der Himmelfahrtskirche München-Sendling. Schmeding dirigiert „sein“ Münchner Bach-Orchester. 
Er lässt es sich allerdings nicht nehmen, zwei Arrangements von Orchesterwerken Händels selbst zu spielen – die Ankunft der Königin von Saba, ein „Hit“ aus dem Oratorium Solomon, sowie das Konzert in D-Dur aus der Feuerwerksmusik. Dafür wählte er die Schuke-Sauer-Orgel der Marktkirche Halle/Saale. Dort steht auch noch die kleine Orgel, erbaut 1663/64 von Georg Reichel, auf der Händel selbst einst bei Friedrich Wilhelm Zachow seine ersten Orgelstunden absolviert haben soll. 
„Mögen diese klangprächtigen Solowerke sowie die neu arrangierten Konzerte für Orgel und Orchester etwas von der unbändigen Spielfreude Händels vermitteln“, so Albrecht im Beiheft: „als Pendant zu Farinellis göttlicher Stimme und den Zuhörern als Grand Musical Entertainment.“ Eines jedenfalls sei hier verraten: Langweilig ist diese CD nicht. 

Samstag, 28. November 2015

Wiener Sängerknaben - Frohe Weihnachten (Deutsche Grammophon)

„Frohe Weihnachten“ heißt das neue Weihnachtsalbum der Wiener Sängerknaben – ganz schlicht und einfach. Die Jungs – aus dem tradi- tionsreichen Knabenchor heißt es ausscheiden, sobald der Stimmbruch kommt – singen mit gut geschulten, hellen, fokussierten Stimmen. Sie können sich solistisch ebenso hören lassen wie in der Gruppe, und sie begleiten die beiden Stargäste dieser Aufnahme, die russischen Sopra- nistin Aida Garifullina sowie Tenor Rolando Villazón, ebenso routiniert, wie sie Joy to the world anstimmen. 
Die Wiener Sängerknaben präsentieren gemeinsam mit dem Ensemble phil Blech Wien und der Band Wiener Wunder Allerlei amerikanische Weih- nachtsklassiker wie Rudolph the Red-Nosed Reindeer, Let it snow oder Jingle Bells. Mit der Schubert-Akademie oder aber gleich gänzlich a cappella singen sie europäische Klassiker, von The first Nowell bis Es ist ein Ros' entsprungen. Am schönsten aber klingen sie, wenn sie Weih- nachtslieder aus ihrer Heimat Österreich singen. Es wird scho glei dumpa ist der heimliche Hit dieser CD – zum Niederknien, ehrlich. Ziemlich grauslig finde ich hingegen die Version von Happy Christmas (War Is Over), dieser Song von John Lennon und Yoko Ono passt weder inhaltlich noch musikalisch auf dieses Album, das ansonsten recht gelungen ist.