Mittwoch, 31. Juli 2013

Die Donati-Orgel in der Schlosskapelle Lichtenwalde (Auris subtilis)

Dass Orgeln umziehen, geschieht gar nicht so selten. Die Donati-Orgel allerdings, die sich nun in der Schlosskapelle im sächsischen Lichtenwalde befindet, hat eine bewegte Geschichte. Sie beginnt 1741, als eine Gräfin für die Stiftskirche Ebersdorf von dem Orgelbauer Johann Christoph Gottlob Donati ein solches Instrument anfertigen ließ. Und weil ihr der Klang der fertig- gestellten Orgel so gut gefiel, bestellte sie gleich noch eine weitere für ihre Schlosskapelle. 
Die Ebersdorfer Orgel wurde Ende des 19. Jahrhunderts ausgetauscht; die in Lichtenwalde blieb erhalten, wurde aber im Krieg beschädigt. Die verbleibenden Orgelreste wurden schließlich in den 60er Jahren nach Ebersdorf umgesetzt und durch die Firma Eule, dem Zeitge- schmack folgend, wieder spielbar gemacht. Dabei wurde das Instru- ment sehr stark verändert. 
In jüngster Vergangenheit wurde die Schlosskapelle sorgsam restau- riert. Dabei entstand die Idee, auch die Donati-Orgel wieder an ihren ursprünglichen Platz zurückzuholen. Das war ein Problem, berichtet Orgelbauer Thomas Wolf, der den Auftrag dazu erhielt: „Die Orgel mit der tiefen Stimmung und somit zu großen bzw. zu langen Pfeifen passte nicht mehr in die kleine Kapelle.“ 
Die Unterstützung durch den Freistaat Sachsen sowie das Engagement einer Vielzahl von Sponsoren hat letztendlich die Rückkehr der Orgel und ihre Wiederherstellung ermöglicht. Auf dieser CD stellt Matthias Grünert, Kantor an der Dresdner Frauenkirche, nun das restaurierte Instrument und seine klanglichen Möglichkeiten vor. Dabei streicht er insbesondere die Stärken der Orgel geschickt heraus. Einige der Aufnahmen sind zudem bereits 2009, vor dem Umzug der Orgel, in Ebersdorf entstanden. So wird auch der Vergleich möglich. 
Bei einigen Stücken musiziert Grünert zusammen mit der Sopranistin Jana Reiner. Ihre Stärke ist das nahezu vibratofreie Singen in langen, lyrischen Bögen. So gehört ihre Interpretation einiger Lieder aus Schemellis Gesangbuch zum Besten, was ich je dazu gehört habe. Auch Ich will den Herrn loben allezeit, ein Geistliches Konzert von Heinrich Schütz, gestaltet sie klug und singt sie exzellent. Die beiden italienischen Kirchenkantaten hingegen fallen dagegen deutlich ab; Dramatik liegt Reiner offenbar gar nicht. Humor aber haben die Beteiligten ganz sicher – der Marsch am Ende der CD ist ein 1A Schlusspunkt. 

Mendelssohn Bartholdy: Piano Trios op. 49, op. 66 (MDG)

Kammermusik war, wie schon der Name verrät, zunächst zur Unter- haltung im häuslichen Bereich bestimmt. Dabei wetteiferten zunächst Profis und Dilettanten. Erst an der Wende vom 18. zum
19. Jahrhundert wurde aus dem geselligen Vergnügen eine ernste Angelegenheit: Die Kammermusik fand den Weg ins öffentliche Kon- zert; den Anfang nahm diese Entwicklung wohl zur Zeit der Wiener Klassik. 

Neben dem Streichquartett er- freute sich dabei insbesondere das Klaviertrio bald großer Beliebt- heit. Auf dieser CD stellt das Trio Alba zwei der drei Klaviertrios von Felix Men- delssohn Bartholdy (1809 bis 1847) vor: Das Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 49 aus dem Jahre 1839 und die Nummer zwei c-Moll op. 66 von 1845. Das dritte Trio – hier nicht mit eingespielt – ist ein Jugendwerk aus dem Jahre 1820. 
Livia Sellin, Violine, Philipp Comploi, Violoncello, und Chengcheng Zhao, Klavier, haben sich beim Musikstudium in Graz kennengelernt. Sie musizieren seit 2008 gemeinsam im Trio Alba. „Klassische Kammermusik hat leider bei vielen ein verstaubtes Image“, erklären die Musiker. „Dabei bietet sie so ein intensives und aufregendes Erleben. Das ist unser Ziel, einfach zu zeigen, wie wahnsinnig toll, schön, aufregend und berührend diese Musik ist. Bei Konzerten haben wir oft erlebt, wie der Funke überspringt.“ Ihre Debüt-CD mit den beiden Klaviertrios von Felix Mendelssohn Bartholdy haben sie teilweise über Crowdfunding finanziert. Das hat sich gelohnt: Die drei jungen Musiker überzeugen mit jugendlichem Elan, Virtuosität und Sinn für Strukturen. Eine Prise mehr Eleganz hätte man sich vielleicht noch gewünscht. 

Montag, 29. Juli 2013

Musica Imperiale - "Des Kaisers Ohrenschmaus" (Ambitus)

Hofkapellen, zumal an den bedeu- tenden europäischen Höfen, hatten in der Frühen Neuzeit enorme Be- deutung für die Pflege des Reper- toires – und für die Verbreitung musikalischer Innovationen. 
So holte Kaiser Ferdinand II. Musiker aus Italien nach Wien. Seine Hofkapellmeister Giovanni Priuli und Giovanni Valentini, bestens ausgebildet in Venedig, brachten nicht nur handwerkliche Bravour, sondern auch die damals moderne Musizierweise von dort mit.
Das 2002 gegründete Ensemble Capella Caesarea, das sich kühn mit diesem Namen in die Nachfolge der Wiener Hofkapelle stellt, präsen- tiert auf der vorliegenden CD Musik aus jener Zeit. Die ausgewählten Werke machen die allmähliche Emanzipation der Instrumente hörbar. In den Noten steht nicht länger per canto oder Cornetto ò Violino; die Stimmen berücksichtigen zunehmend die technischen Möglichkeiten und den Klangcharakter des verfügbaren Instrumen- tariums. 
Allerdings schöpfen die Musiker der Capella Caesarea die ganze bunte Palette an Klangfarben nur selten aus. So wirken die Werke von Marco Antonio Ferro, Antonio Bertali, Giovanni Battista Buonamente und Giovanni Valentini oft eher wie mit dem breiten Pinsel gestrichen. Weniger ist, was die Besetzung bei derart alter Musik angeht, offenbar oftmals mehr – und man wünscht sich zudem nicht nur mehr klang- liche, sondern auch mehr dynamische Differenzierung. Schade.  

Mozart - Brahms - Sulzer: Clarinet Quintets (Cavi-Music)

Großartige Musiker haben oftmals Komponisten dazu veranlasst, großartige Musik zu schaffen. So schrieb Wolfgang Amadeus Mozart, inspiriert durch seinen Freund Anton Stadler, einige der schönsten Werke für Instrumente der Klarinettenfamilie. Und Johannes Brahms zeigte sich geradezu überwältigt von den Fertigkeiten Richard Mühlfelds, der in Meiningen wirkte. 
Matthias Schorn, Soloklarinettist der Wiener Philharmoniker, hat gemeinsam mit dem Minetti Quartett Mozarts A-Dur-Quintett KV 581 und Brahms' h-Moll-Quintett op. 115 eingespielt. Die jungen Musiker erfreuen durch ihr harmonisches Ensemblespiel – obwohl sie hier erstmals miteinander auf CD zu hören sind, klingt diese Aufnahme, als würden sie schon Dekaden zusammen musizieren. Und weil's so schön ist, komplettiert ein soeben erst entstandenes Klarinettenquintett von Balduin Sulzer diese CD. Der österreichische Komponist hat seine Invention den fünf Musikern gewidmet. Das ebenso anspruchsvolle wie ansprechende Werk erklingt hier in Weltersteinspielung.

Hasse: Harpsichord Sonatas (Accent)

Als Johann Adolf Hasse (1699 bis 1783) im Jahre 1750 gemeinsam mit seiner Frau, der berühmten Sängerin Faustina Bordoni, nach Paris reiste, war das Paar bei Hofe offensichtlich weniger als Stars der italienischen Oper willkommen. Denn dafür interessierte sich der französische Adel seinerzeit wenig. Man ehrte den Komponisten in erster Linie als „un maitre de clavecin fort habile“
An diesem Instrument dürfte ein Musiker in der damaligen Zeit große Teile seines Berufslebens verbracht haben – beim Komponieren und beim Einstudieren von Musik, aber auch bei der öffentlichen Aufführung, die der Kapellmeister damals üblicherweise vom Cembalo aus leitete. Wie wichtig dies war, das zeigt sich in einem Brief Hasses, der im August 1768 in einem Brief an seinen Freund Gian Maria Ortes über einen Gichtanfall berichtete und beklagte, „quel che più mi dispiace si è, che m’ha stroppiato due dita della mano sinistra de tal maniera, che difficilmente potrò più servirmene sul cembalo“
Hasse beherrschte das Instrument exzellent; das zeigen auch die vier Cembalosonaten, die er auf seiner Reise 1750 für Maria Josepha von Sachsen geschrieben hat – „fatta per la Real Delfina di Francia“. Es ist die einzige Sammlung von Cembalo-Musik, die Hasse eigenhändig zusammengestellt hat. Und auch wenn er diese Werke nie veröffentlicht hat, so wurde sie doch über Abschriften in ganz Europa verbreitet. Das gilt auch für andere Cembalo-Werke Hasses; sie finden sich daher heute in Archiven weit verstreut. Dort hat auch die vorliegende CD ihre Ursprünge. 
Luca Guglielmi stellt auf dieser CD die vier „königlichen“ Sonaten Hasses in Weltersteinspielung vor. Ergänzt hat der Musiker diese Musikstücke um einige ebenfalls wenig bekannte Cembalo-Werke Hasses sowie um eine Toccata in G-Dur, die von der Forschung heute Händel zugeschrieben wird. 
Die CD startet furios, mit Toccata und Fuga in g-Moll – einem virtuosen Werk, das höchste Anforderungen an den Interpreten stellt. Hasse brennt zunächst ein Feuerwerk an Fingerakrobatik ab, um dann aus den Arpeggien urplötzlich eine Fuge herauswachsen zu lassen, die zeigt, dass er auch den Kontrapunkt grandios beherrschte. Dieses Werk ist atemberaubend. 
Die Sonaten für die Dauphine hingegen erscheinen weniger gelehrt als vielmehr melodiös und elegant; kein Wunder, dass sie einst so beliebt waren. Guglielmi spielt brillant. Er überzeugt durch perfekte Phrasierung ebenso wie durch seine mitunter geradezu übermütige Virtuosität – und durch die geschickte Auswahl der Instrumente für die hier präsentierte Musik. Bravo!

Venezia - Opera Arias of the Serenissima (Virgin)

Als Antonio Vivaldi 1678 geboren wurde, war der Glanz von Venedig bereits am Verblassen. Die Sere- nissima hatte ihre Position als europäische Großmacht verloren. Doch gefeiert wurde in der Stadt des Dogen noch immer prachtvoll. Besucher aus ganz Europa schwärmten von der Musik, die in den Kirchen erklang – und von den Vorstellungen in den sechs Opernhäusern Venedigs. Sie befanden sich durchweg im Besitz der Patrizier, und wetteiferten miteinander um die spektakulärsten Aufführungen, die besten Komponisten und Musiker und die Stars unter den Sängern jener Zeit. 
In diese Zeit entführt uns eine CD, die Countertenor Max Emanuel Cencic gemeinsam mit dem Ensemble Il Pomo d'oro unter Riccardo Minasi für Virgin Classics eingespielt hat.„Mein Wunsch ist es, die Musik dieses alten Venedig neu zu erobern und die Emotionen und Farben einer Stadt heraufzubeschwören, die einst eine Weltmetro- pole war“, erklärt der Sänger. 
Das ist ihm bestens gelungen. Mit den ausgewählten Opernarien erinnert Cencic vor allem an die legendären Auftritte der Kastraten. Seine Stimme klingt betörend, und seine Technik ist makellos. Der Countertenor verbindet Virtuosität und Ausdrucksstärke; schier endlose, schwerelose Linien, grandiose Koloraturen und seine Stilsicherheit werden auch Kenner entzücken. Die Musiker um Riccardo Minasi sind ihm dabei versierte Begleiter. Bravi! 

Samstag, 27. Juli 2013

Mozart: Piano Concertos KV 466 & KV 467 / KV 456 & KV 459 (Accent)

Wenn der Hammerklavierspezialist Arthur Schoonderwoerd sich an eine Gesamteinspielung der Klavierkonzerte Mozarts macht, dann darf sich der Hörer auf mehr als nur eine Überraschung gefasst machen. 
Denn Schoonderwoerd ist mit seinem Ensemble Cristofori unermüdlich auf der Suche nach dem wahren Klang: Die Musiker wollen die Werke dem Publikum möglichst so vorstellen, wie sie einst zur Zeit ihrer Entstehung gespielt worden sind. 
Das ist ein anspruchsvolles Projekt, wie Schoonderwoerd im Beiheft ausführlich erläutert. Denn selbst zeitgenössische „Klaviere“ – wahrscheinlich sollte man an dieser Stelle besser Fortepiano oder Pianoforte schreiben – sind üblicherweise den Bedürfnissen von späteren Besitzern angepasst worden. Das gilt auch, so Schoonder- woerd, für Mozarts eigenes Instrument aus der Werkstatt von Anton Walter. Verwendet hat der Pianist schließlich den Nachbau eines solchen Fortepianos, ausgestattet mit einer Wiener Mechanik und unbelederten Hämmerchen aus Holz – was dem Original Mozarts wohl so nahe wie möglich kommt.
Auch sonst räumen die Aufnahmen, die bei Accent erscheinen, mit so mancher eingefahrenen Hörgewohnheit auf. So sind die Streicher durchweg solistisch besetzt, was wiederum die Bläserstimmen deutlich in den Vordergrund treten lässt. Mitunter verbessert dies die Durchhörbarkeit des Stimmengeflechts; es kommt aber auch vor, dass die Bläser nun ihrerseits die Streicher übertönen. Auch der vergleichsweise ätherische Klang des Soloinstrumentes hat es nicht immer leicht, sich zu behaupten. 
Für seine Einspielung des Konzerts KV 459 ist Schoonderwoerd geradezu detektivisch auf die Spurensuche gegangen. Denn Mozart notierte in seinem eigenhändigen Werkverzeichnis für dieses Werk als Teil der Besetzung Trompeten und Pauken. Lange hielt man diesen Eintrag des Komponisten für einen Flüchtigkeitsfehler. Wenn man diese Einspielung gehört hat, wird man daran aber nicht mehr glauben. 
Denn Schoonderwoerd hat die offenbar verlorengegangenen Trompeten- und Paukenstimmen rekonstruieren lassen. Gemeinsam mit den Musikern des Ensembles Cristofori lässt er das Werk hier wieder in dem Glanz erstrahlen, den es 1790 zusammen mit dem Klavierkonzert KV 537 anlässlich der Krönung des Kaisers Leopold II. in Frankfurt/Main verbreitete. Das Klangbild, das die beiden bisher erschienenen CD vorstellen, unterscheidet sich generell krass von allem, was man bisher gehört hat. Wer aber Mozart ernst nimmt, der kommt an diesem Experiment nicht vorbei. Auf die Fortsetzung dieser Gesamtaufnahme darf man daher gespannt sein. 

Stimmen. Saiten. Klarinetten. (Preiser)

Mit ihrer CD „stimmen. saiten. klarinetten“ begeben sich die
St. Florianer Sängerknaben in die Welt der Volksmusik. „Echte“ Volksmusik, mit „echtem“ Instrumentarium und richtigen Musikanten wollte Franz Farnberger ohnehin mit seinen Chorknaben einmal machen, berichtet er im Beiheft zu dieser CD. „Hilfreich für die Erfüllung dieses Wunsches war meine Bekanntschaft mit Michael Killinger, Vater eines (mittlerweile ehemaligen) Sängerknaben, hauptberuflich Busunternehmer und legendärer, zahlreicher Instrumente beherrschender Volksmusiker“, schreibt Farnberger. „Ihn konnte ich nicht nur als Fachberater für die Repertoireauswahl gewinnen, sondern auch – zusammen mit seinen Ensembles ,Genießermusi’ und ,Dürnberg Klarinettenmusi’ – als Mitwirkenden für ein großes Konzert im Marmorsaal des Stiftes und die anschließende, jetzt vorliegende CD-Aufnahme.“ 

Und so versuchten sich also die jungen Sänger, normalerweise eher mit den großen Werken der sogenannten „ernsten“ Musik befasst, an Jodlern, Polka und Schuhplattler. „Es war für mich bei der Proben- arbeit sehr bereichernd und erstaunlich zu beobachten, wie schnell sich die Buben für diese Musik begeistern ließen“, schreibt Killinger im Beiheft. Tradition trifft hier auf Tradition, und für das Projekt konnten sich, wie man feststellen wird, auch zahlreiche ehemalige St. Florianer erwärmen. So ist neben Markus Stumpner, als Jodler-An- sänger, auch Alois Mühlbacher zu hören, immer noch Mezzosopran, aber mittlerweile offenbar nicht mehr bei den St. Florianern. 
Musiziert wird mit Hingabe – und blitzsauber, auch wenn Farnberger anmerkt: „Wie so oft in der Musik ist die scheinbar ,einfachste’ Variante nicht immer die leichteste, denn gerade der dreistimmige unbegleitete Satz stellt höchste Anforderungen an die Intonations- sicherheit.“ Wer schwungvolle Klänge aus Oberösterreich mag, lebendiges Brauchtum statt Musikantenstadl – hier kann der Zuhörer erleben, wie die nächste Generation antritt, dieses Erbe weiterzu- führen. 

Italienisches um Bach (Christophorus)

Concerti für drei Trompeten, Pauken und Orgel? Joachim Schäfer stellt auf dieser CD mit seinem Trompetenensemble gleich drei Arrangements für eine solche Besetzung vor. Und man muss sagen – so, wie sie hier vorgetragen werden, klingen diese Bearbeitungen absolut schlüssig. Auch dort, wo Schäfer allein die Solotrompete bläst, begleitet von Judit Izsák und Matthias Eisenberg an Orgel und Cembalo, darf sich der Zuhörer über eine gelungene CD freuen. Die Musiker – zu hören sind zudem Arne Lagemann und Kiichi Yotsumoto, Trompete, Frank Hiesler an den Pauken, und bei einem Concerto nach BWV 249 auch Wolfdietrich Wagner und Yuka Inoue an Violoncello und Kontrabass – überzeugen durch Virtuosität und Musizierlust. „Italienisches um Bach“, das ist eine stimmungsvolle CD, die perfekt zu einem lauen Sommerabend passt. 

Vitali Ciaconna (Ricercar)

Zu den Lieblingsstücken der Geiger gehört die Chaconne von Tomaso Antonio Vitali (1663 bis 1745).  Das Werk freilich, an das die mei- sten dabei denken, ist in Wahrheit eine 1860 entstandene Fassung von Ferdinand David. Der Geiger, seinerzeit ein berühmter Virtuose, hatte eine Abschrift im Archiv der Dresdner Hofkapelle aufgespürt, und das Werk in sein Repertoire aufgenommen. Dabei hat er es durchaus auch bearbeitet, so dass es zu dem romantischen Bravourstück wurde, das bis heute nichts von seiner Popularität eingebüßt hat. 
Stéphanie de Failly hat sich nun gemeinsam mit dem Ensemble Clematis des Originals angenommen. Und man muss sagen: Die Rückkehr zu den Quellen hat sich sehr gelohnt. Die Parte del Tomaso Vitalino ist ein wundervolles Stück, das Davids Version, bei allem Respekt, auf die Plätze verweist. Dankbar nimmt der Hörer zudem zur Kenntnis, dass auch der Vater des Komponisten, Giovanni Battista Vitali (1632 bis 1692), ein exzellenter  Musiker war, der höchst ansprechende Stücke geschrieben hat. Die Auswahl aus dem Schaffen der beiden, die auf dieser CD mit Schwung und Musizierlust präsen- tiert wird, macht Lust auf mehr. Bravi! 

Mittwoch, 24. Juli 2013

Bach: Die Israeliten in der Wüste (cpo)

Ein „Geistliches Singgedicht“ nannte Carl Philipp Emanuel Bach (1714 bis 1788) sein Oratorium Die Israeliten in der Wüste. Der Komponist, der nach langen Jahren im Dienste Friedrichs des Großen 1768/69 seinem Paten Georg Philipp Tele- mann im Amt des Musikdirektors der Stadt Hamburg nachfolgte, schrieb dieses Werk nach seiner Ankunft in der neuen Heimat.
Das Thema war unverfänglich, da konfessionell neutral. Und es bot Bach zudem hervorragende Möglichkeiten, sich zu präsentieren. Denn das Werk besteht aus zwei Teilen, mit dramatischen Szenen im ersten Teil, und Momenten der Reflexion im zweiten.
Es beginnt mit einem Blick auf das durstige Volk Israel, das durch die Wüste zieht, aber kein Wasser mehr hat. Dann schlägt Moses das Wasser aus dem Felsen – man hört es förmlich plätschern, und dieses Wunder treibt die Menschen, die eben noch am Verzweifeln waren, zu höchst frommem Lobpreis; all das hat Bach gekonnt in Musik gesetzt.
Seine Zeitgenossen waren hingerissen. So notierte kein geringerer als Johann Friedrich Reichardt: „Und wie passend, wie ganz erschöpft jeder Ausdruck war, wie stark, wie gewaltig das Geschrey des verzweifelnden Volkes, wie originell der Ausdruck seines Spottes und Hohnes gegen Gott und ihren Führer, wie majestätisch die Sprache Mosis gegen das Volk, und wie flehentlich, wie tief in den Staub gebeugt demüthig, sein Gebet zu Gott, wie hinreißend fröhlich die Freude des geretteten Volkes, wie lieblich und angenehm überhaupt die ganze letzte Scene gegen die erstern grauenvollen erbärmlichen Scenen absticht, das kann ich Dir gar nicht ausdrücken, dazu giebt es gar keine andere Zeichen, als Bachs eigene Thöne.“

Wolfgang Brunner hat das Werk mit seinem Ensemble Salzburger Hofmusik bei cpo eingespielt. Er stellt insbesondere die „empfindsamen“ Aspekte des Oratoriums in den Vordergrund, die musikalischen Mittel, mit denen Bach seinerzeit wahrscheinlich die Emotionen seiner Zuhörer wecken wollte. Musiziert wird solide; die Aufnahme ist wirklich hörens- wert.

Sonntag, 21. Juli 2013

Mozart: Oboe Concerto / Quartet / Sonata (BIS)

Wolfgang Amadeus Mozart schuf sein Oboenkonzert KV 314 vermutlich für einen Musiker der Salzburger Hofkapelle. Berühmt geworden ist damit aber ein anderer Solist: Friedrich Ramm (1744 bis 1811) war Solo-Oboist in dem berühmten Orchester des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz. Mit ihm freundete sich Mozart während seines Mannheimer Aufenthaltes 1777 an, und das Konzert wurde sehr schnell, berichtete Mozart, „des Hrn. Ramm sein Cheval de bataille“.
Das Oboenquartett KV 370 schrieb der Komponist dann gezielt für diesen Musiker; es bietet dem Oboisten einerseits schöne Melodien, andererseits aber auch jede Menge virtuose Passagen, die seinerzeit nur von einem ausgesprochenen Könner vorgetragen werden konnten. Denn die Oboe, die damals gespielt wurde, unterscheidet sich von den heute gebräuchlichen Instrument ähnlich stark wie die Traversflöte der Bach-Zeit von der heute üblichen Böhm-Flöte.
Alexej Ogrintchouk, Solo-Oboist des Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam, hat für BIS obendrein noch eine Oboentranskription von Mozarts Violinsonate KV 378 eingespielt. Bei diesem letzten Stück auf der CD musiziert er gemeinsam mit dem Pianisten Leonid Ogrintchouk; das Quartett spielt er zusammen mit Boris Brovtsyn, Maxim Rysanov und Kristina Blaumane, und das Oboenkonzert mit dem Litauischen Kammerorchester. Er spielt allerdings eine moderne Oboe; die CD ist gelungen, sie wird aber, anders als Ogrintchouks Bach-Einspielung, vermutlich keinen Referenzstatus erlangen.

Buxtehude - Bach: De divina inventione (Dynamic)

Ivana Valotti, seit 1990 Professorin für Orgelspiel und Orgel-Komposition am Mailänder Konservatorium, hat für diese CD ein interessantes Konzept entwickelt: Sie kombiniert Orgelwerke von Dieterich Buxtehude mit ihren Entsprechungen aus der Feder Johann Sebastian Bachs.
Wie sein Biograph Nikolaus Forkel berichtet, ist Bach im Oktober 1705 von Arnstadt nach Lübeck zu Fuß marschiert, um den verehrten Meister zu besuchen und von ihm zu lernen. Die Spuren, die diese Reise in Bachs Werk hinterlassen hat, macht Valotti auf ihrer CD hörbar. Ihr Orgelspiel ist kraftvoll, energisch, mitunter vielleicht fast schon ein bisschen herb. Doch der direkte Vergleich erweist sich als ein fruchtbringender Ansatz – und die Aufnahme ist zudem ein ausgesprochenes Hörvergnügen. Es erklingt eine Orgel von Francesco Zanin, die der Orgelbauer 2006 nach norddeutschen Vorbildern angefertigt hat. 

Hochreither: Requiem / Missa Jubilus sacer (Pan Classics)

Anders als die evangelische Kir- chenmusik, die zumindest in ihrem Ursprung stark am Wort und seiner Auslegung mit den Mitteln der Musik orientiert war, scheint die katholische Kirchenmusik eher auf den Klang zu setzen, um Gefühle und Assoziatio- nen zu wecken. Welche Ideen die Komponisten dazu entwickelten, das zeigt exemplarisch eine CD, die kürzlich bei Pan Classics erschienen ist.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria unter Gunar Letzbor stellt darauf gemeinsam mit St. Florianer Sänger- knaben ein Requiem sowie die Missa Jubilus sacer von Joseph Balthasar Hochreither (1669 bis 1731) vor. Dieser Komponist entstammte einer Salzburger Musikerdynastie. Seine Lehrjahre absolvierte er ab 1681 am Salzburger Kapellhaus, einer Ausbildungsstätte für talentierte Knaben, die ab 1684 durch Heinrich Ignaz Franz Biber geleitet wurde. 1688 verließ Hochreither als Magister die Salzburger Universität. Nach einer Zwischenstation als Organist in einem Benediktinerinnenkloster wechselte er 1694 an das Stift Lambach. 1721 schließlich ging er als Domstiftsorganist nach Salzburg, wo er dann bis an sein Lebensende wirkte.
Lediglich 21 Werke des Komponisten sind überliefert. Ein neuer Musikarchivar hat etliche Kompositionen in den Beständen des Stiftes Lambach aufgespürt. Letzbor hat mit Ars Antiqua Austria bereits die Missa Ad multos annos eingespielt. Erfreut von der Klangpracht dieser Neuentdeckung, stellt das Ensemble nun zwei weitere Werke vor.
Das Requiem ist nicht nur aufgrund seiner Überlieferung in drei Mappen ein Kuriosum. Jede von ihnen enthält Teile des Werkes; sie unterscheiden sich in Datierung, Handschrift und Besetzung. Zu welchem Anlass das Werk geschrieben wurde, das ließ sich nicht herausfinden.
Hochreither schreckte auch vor außergewöhnlichen Methoden nicht zurück, um die gewünschten Effekte zu erzielen. So gibt er vor, der Bassist möge „das Tuba mirum, item das Lacrymosa (…) aus einem Rödtrohr“ singen. „Diese Anweisung bereitete mir schlaflose Nächte“, gesteht Gunar Letzbor. „Bis kurz vor der CD-Aufnahme hatte ich keine Idee, was das bedeuten sollte. (...) In der vorletzten Nacht vor dem ersten Aufnahmetag kam dann die rettende Idee. Ich erinnerte mich an einen Bericht, wonach in der Barockzeit manchmal akustische Spielereien versucht wurden, wo man beispielsweise ein Rohr über lange Strecken durch dicke Mauern legte und damit Überraschungseffekte erzielte, wenn aus dem Nichts plötzlich eine bedrohliche Stimme erklang. (...) Am nächsten Morgen montierte ich die Plastikregenwasserrohre von unserer Gartenhütte ab.“ Man kann sich vorstellen, welche Wirkung eine solche Konstruktion im Konzert auf das Publikum hat – der Klangeffekt aber, der dadurch erzielt wurde, ist beeindruckend.
Die Missa Jubilus sacer, entstanden 1731, ist Abt Gotthart Haslinger von Lambach gewidmet. Es ist ein prächtiges Werk, eine Festmesse, die für alle Solisten virtuose Passagen bereithält. Die St. Florianer Sängerknaben, in Mini-Besetzung, singen wunderbar; insbesondere Alois Mühlbacher hat einen großartigen Auftritt. Von allen CD mit dem herausragenden Knabensopran ist dies ohne Zweifel eine der besten.
Ob es allerdings wirklich zweckmäßig ist, mit einer CD den Klangeindruck vermitteln zu wollen, den der Dirigent am Pult hat, sollte kritisch überprüft werden. „Natürlich sind hier Ansatzgeräusche bei den Bläsern und Streichern auch abgebildet“, schreibt Letzbor. „Man hört manches Klopfen der Bögen, das man in drei Metern Entfernung nicht mehr bemerken kann.“ Genau dort sitzen aber üblicherweise die Zuhörer; dort erreichen sie die „Arbeitsgeräusche“ der Musizierenden nur noch gedämpft – und das ist gut so.

Samstag, 20. Juli 2013

Portraits - The Clarinet Album; Ottensamer (Deutsche Grammophon)

Kann es sein, dass viele Menschen heutzutage besser sehen als hören können? Im Februar 2013 nahm die Deutsche Grammophon Andreas Ottensamer exklusiv unter Vertrag – als ersten Solo-Klarinettisten überhaupt. Natürlich beherrscht der Österreicher sein Instrument exzellent, er ist schließlich Solo-Klarinettist bei den Berliner Phil- harmonikern.
Doch um zu einem Debütalbum bei einem Major zu kommen, sollte man offenbar zusätzlich jung und attraktiv sein – und nichts dagegen haben, auch so beworben zu werden. Hervorragende Klarinettisten gibt es etliche. Was also zeichnet den Musiker Ottensamer aus?
Da wäre ganz sicher seine Experimentierlust zu nennen. Ottensamer spielt nicht nur Klarinettenkonzerte – neben Klassikern von Spohr und Cimarosa ist hier auch ein interessantes Stück von Aaron Copland zu hören –, er präsentiert auch Musikstücke, die ursprünglich für ganz andere Instrumente entstanden sind. Drei Arrangements dafür hat ihm sein Jugendfreund Stephan Koncz geschrieben, der als Cellist bei den Berliner Philharmonikern musiziert.
Das hat Konsequenzen: „Dieses Album stellt den Interpreten vor die Herausforderung, zwischen verschiedenen Stilen und Spieltechniken zu wechseln“, erläutert Ottensamer; „gleichzeitig habe ich aber großen Wert darauf gelegt, immer meine persönliche Interpretation und meinen Klang zu bewahren.“ Der ist in der Tat ziemlich eigen, denn Ottensamer spielt eine Wiener Klarinette, die eine weitere Bohrung hat als deutsche Instru- mente – und das macht ihren Klang wärmer, dunkler und voluminöser. The Rotterdam Philharmonic Orchestra begleitet ihn unter der Leitung von Yannik Nézet-Séguin.

Quantz: Flute Concertos (Naxos)

Nahezu 300 Flötenkonzerte hat Johann Joachim Quantz (1697 bis 1773) komponiert. Dem berühmten Flötisten, der mehr als dreißig Jahre lang bei Friedrich dem Großen als Kammervirtuose, Flötenlehrer, Komponist und Instrumentenbauer beschäftigt war, wird mitunter nach- gesagt, seine Musik sei schon zu seinen Lebzeiten überholt gewesen.
Auf dieser CD stellt die Flötistin Mary Oleskiewicz gemeinsam mit dem Ensemble Concerto Armonico unter der Leitung von Miklós Spányi vier seiner Flötenkonzerte in Welterst- einspielung vor. Sie sind über einen Zeitraum von fünf Jahrzehnten entstanden, und präsentieren sich sowohl musikalisch als auch technisch enorm anspruchsvoll und abwechslungsreich. 
Immer wieder verblüfft Quantz mit neuen Ideen; seine Musik ist wunder- schön, und man freut sich über jedes neue Konzert, das aus dem Archiv- schlaf erweckt wird und wieder im Konzertsaal erklingt. Die vorliegenden Aufnahmen sind nach eingehender Recherche der Aufführungspraxis in Sanssouci entstanden. So erklingen im Continuo obligatorisch sowohl ein Tasteninstrument als auch das Fagott – auch wenn es auf dem bekannten Gemälde nicht zu sehen ist. Oleskiewics spielt Instrumente, die dem Vorbild jener folgen, die Quantz seinerzeit für König Friedrich gebaut hat. Jean-Francois Beaudin hat sie nach einem Exemplar, das sich heute in der Library of Congress in Washington D.C. befindet, angefertigt. Man lauscht ihr gern, denn sie spielt mit einem phantastischen Ton, der wärmer und runder erscheint als der moderner Querflöten. 
Zwei dieser Konzerte sind ganz besondere Raritäten: Das dritte Konzert auf dieser CD fand sich im Archiv der Berliner Sing-Akademie in einer Ab- schrift, die zusätzlich ausgeschriebene Kadenzen enthielt. Zwei davon, eine für den ersten und eine für den zweiten Satz, stellt Oleskiewicz vor. Das vierte Konzert hat Quantz nicht selbst vollendet. „Indeed, it is not only Quantz’s but King Frederick’s last composition, for Quantz left it unfini- shed at his death in 1773“, schreibt die Flötistin, die es sich nicht nehmen ließ, den Text für das Beiblatt selbst zu verfassen. „The king had long since abandoned composition, but he took up the pen again to compose the last movement of the work.“

Wagner again? Die ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen (Hänssler Profil)

Vier Jahre lang mussten Dresdner Opernliebhaber nach 1945 warten, bis sie erstmals wieder eine Oper Richard Wagners anhören konnten. Immer wieder versuchten Dresdner Kapellmeister, die Musik des Kom- ponisten zumindest im Konzert zu spielen. So gelang es Generalmusik- direktor Joseph Keilberth, im Novem- ber 1946 das Vorspiel zu Parsifal aufzuführen. 
Danach aber verschwanden Wagners Werke wieder für zwei Jahre aus allen Programmen. 1948 erklang dann in einem Festkonzert zum 400jährigen Bestehen der Staatskapelle Dresden das Vorspiel zu den Meistersingern. Die Oper komplett zur Eröffnung des Großen Hauses aufzuführen, das wiederum wurde Keilberth nicht gestattet. 
Wagners Musik war in der DDR, zumal in den Besatzungsjahren, ein Politikum. Denn seine Werke waren durch die Wagner-Verehrung im Dritten Reich sozusagen kontaminiert; wurden die Aufführungen zunächst von der sowjetischen Militäradministration verboten, so waren es später die SED und ihre Handlanger, die Wagner aufgrund politischer Vorbehalte von der Bühne verbannten.
Erst 1949 durfte wieder eine Oper Wagners in Dresden aufgeführt werden – Tannhäuser; zu hören waren unter anderem Christel Goltz und Bernd Aldenhoff. In den nächsten Jahren folgten Die Meistersinger von Nürn- berg, Der fliegende Holländer, Lohengrin, Die Walküre, Tristan und Isolde und Rheingold.
Einige dieser Aufführungen wurden durch den Rundfunk mitgeschnitten; auch gab es aus den frühen Jahren einige Rundfunkproduktionen von Wagner-Opern. Hänssler Profil hat auf drei CD für die Semperoper Edition eine Auswahl dieser ersten Dresdner Nachkriegsaufnahmen zusammen- gestellt. Hier sind in akzeptabler Qualität viele namhafte Dresdner Sänger jener Zeit zu hören, und Dirigenten wie Keilberth, Rudolf Kempe oder Kurt Striegler.


Freitag, 19. Juli 2013

Froberger: Clavichord Fantasias (Arta)

Diese CD zeigt eindrucksvoll, welche enorme Palette an Ausdrucksmög- lichkeiten das Clavichord bietet. Wie kein anderes Tasteninstrument ge- stattet es dank seiner raffiniert ein- fachen Konstruktion die unmittelbare Beeinflussung des Tons durch den Musiker. 
Noch zu Lebzeiten Bachs und seiner Söhne war das Clavichord die erste Wahl für das häusliche Musizieren. Geschätzt wurde es seinerzeit auch von Organisten als Übungsinstru- ment. Denn Kirchen wurden damals nicht beheizt, was außerhalb der Sommermonate den längeren Aufenthalt dort sehr ungemütlich machte. Und außerdem war zum Orgelspielen vor der Erfindung des elektrischen Gebläses immer noch mindestens eine Hilfskraft erforderlich, der sogenannte Kalkant, der die Bälge betätigte und damit den Orgelwind lieferte.
Es verwundert daher nicht, dass Johann Jacob Froberger (1616 bis 1667) sehr viele Werke geschrieben hat, die man nicht nur auf Orgel und Cemba- lo, sondern auch auf einem Clavichord spielen kann. Froberger war einer der besten Organisten seiner Generation. Er stammte aus einer Hallenser Musikerdynastie. Sein Vater Basilius war Hofkapellmeister in Stuttgart, und vier seiner Geschwister musizierten in der Stuttgarter Hofkapelle. Mit 21 Jahren erhielt Froberger eine Anstellung als Organist am Wiener Hof. Dort wirkte er, bis Leopold I. Kaiser wurde – und die Hofkapelle drastisch verkleinerte. So wurde 1657 auch Frobergers Stelle eingespart.
Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Froberger bei der Herzogin von Württemberg-Mömpelgard. Er erlag schließlich auf Schloss Héricourt, dem Witwensitz der musikbegeisterten Dame, einem Schlaganfall.
Froberger ist enorm viel gereist. So weilte er mehrfach in Italien, wo er bei Frescobaldi lernte und zahlreiche Musikerkollegen kennenlernte. In Dres- den wagte Froberger einen musikalischen Wettstreit mit dem Hoforgani- sten Matthias Weckmann, in dem er eine goldene Kette gewann – und einen Freund fürs Leben. Auch in den Niederlanden, Frankreich und England konzertierte der Organist, der überall Leute kannte und sicherlich nicht nur Noten, sondern vor allem auch sehr viele Briefe geschrieben haben wird.
Auf der vorliegenden CD stellt Jaroslav Tuma einige Werke Frobergers vor. Der Prager Musiker hat sich den historischen Tasteninstrumenten ver- schrieben. Die Clavichorde, die er für diese Einspielung ausgewählt hat, spielt er nicht nur brillant – er zeigt auch auf, welche verblüffenden Klang- effekte sich durch kleine Veränderungen im Aufbau solcher Instrumente erzielen lassen. Das macht die CD, die ohnehin sehr gelungen ist, doppelt interessant.

Mittwoch, 17. Juli 2013

Wiener Schmäh auf Polnisch (Gramola)

Wiener Schmäh auf Polnisch? Was uns heute erstaunt, das war offenbar im 19. Jahrhundert ganz normal. Denn ein Teil Polens gehörte damals zu Österreich; viele Polen gingen nach Wien, wo sie 
studierten, arbei- teten, und oftmals auch blieben. Diese CD, von Gramola produziert in Kooperation mit dem Polnischen Kulturinstitut Wien, zeigt auf, wie eng die Verbindungen waren. 
So schuf Rudolf Siezcynski (1879 bis 1952), der einer nach Wien übersie- delten polnischen Familie entstammte, einige der bekanntesten Wiener- lieder. Er war im Hauptberuf Jurist, und als Hofrat quasi vom Scheitel bis zur Sohle Österreicher. Leopold Godowsky (1870 bis 1938) schrieb eine umfangreiche Paraphrase zu Strauss’ Fledermaus, Ignaz Friedman (1882 bis 1942), ein Schüler von Leschetitzky, sechs Danses Viennoises, die an ähnliche Stücke von Fritz Kreisler erinnern.
Ausschnitte aus Operetten von Karol Szymanowski (1882 bis 1937), Jo- seph Beer (1908 bis 1987) und Theodor Leschetizky (1830 bis 1915) sind dann aber schon eine ziemliche Überraschung. Dass der Tango Oh, Donna Clara von dem Polen Jerzy Petersburski (1895 bis 1979) komponiert wurde, das berichtet das Beiheft zu dieser CD ebenso wie die Tatsache, dass Ob blond, ob braun von Robert Stolz erst durch den polnischen Tenor Jan Kiepura zu einem Hit wurde. Die CD bringt eine Aufnahme in polnischer Sprache mit dem Sänger aus dem Jahre 1935 als Bonus.
An der Einspielung mitgewirkt haben die Sänger Jolanta Kowalska, To- masz Piętak, Alexander Pinderak und Peter Edelmann sowie Cezary Kwapisz und Niels Muus am Klavier. Ihnen zuzuhören, macht Freude. Insbesondere Kowalska beeindruckt mit einem glockenreinen, feder- leichten, intelligent geführten Sopran. Dank solchen Stimmen bereitet auch Operette Vergnügen.


Dienstag, 16. Juli 2013

Voyages - Reisen (Tyxart)

Auf virtuelle Reisen geht mit dieser CD der Gambenvirtuose Jakob David Rattinger. „Deutschland und Frank- reich, die zwei großen Protagonisten dieser Aufnahme, sind im Barock zwei Staaten, zwei Systeme, wie sie unterschiedlicher nicht sein könn- ten“, stellt der Musiker im Beiheft fest. „Das offenbart sich vordergrün- dig im politischen System, das sich, durch die Geschichte Ludwigs XIV. begründet, in Frankreich in einer starken Zentralisierung ausprägte. In Deutschland hingegen fand man, mehr einem griechischen System entsprechend, eine Welt von Stadtstaaten vor. Die Gambe als Instru- ment, genauer ihre Musik, zeigt diese zwei polaren Welten auf besondere Art.“
Diese These vermag die Einspielung allerdings nicht zu belegen; mit scheinen die Gemeinsamkeiten deutlich zu überwiegen, wozu seinerzeit auch der Austausch zwischen den Musikern beigetragen haben dürfte. So reiste Carl Friedrich Abel, der als der letzte der großen Gambisten gilt, von Dresden über Frankreich nach England, wo er ein dankbares Publikum und einen neuen Wirkungskreis fand.
Rattinger präsentiert zudem Musik für Gambe solo von Marin Marais, Louis de Caix d’Hervelois, Jean-Baptiste Forqueray, Demachy, Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach. So nimmt er uns mit auf eine Reise in die virtuose, nicht selten auch kontemplative Welt der ba- rocken Gambenmusik. Leider vermisst der Hörer bei Rattingers Gamben- spiel ein wenig den großen musikalischen Bogen. Auch anspruchsvolle Werke mit rasanten Läufen können mit schönem Ton und intelligenter Phrasierung gespielt werden; mir persönlich klingt diese Aufnahme zu rebellisch, zu ruppig.

Heinichen: La Gara degli Dei (Berlin Classics)

Ein ganz besonderes Präsent hat das Label Berlin Classics kürzlich dem Dirigenten Hartmut Haenchen zum 70. Geburtstag auf den Gabentisch gelegt. Es handelt sich dabei um die Ersteinspielung der Serenata La Gara degli Dei, eines bedeutenden Werkes von Johann Jakob Heinichen (1683 bis 1729). Der Kapellmeister am Hofe Augusts des Starken hat es für die Feierlichkeiten zur Hochzeit des Kronprinzen Friedrich August II. mit Maria Josepha, Tochter Josephs I. von Österreich, komponiert.
Der Wettstreit der Götter stand einst im September 1719 am Beginn des prächtigen Festes. Merkur, Diana, Mars, Venus, Jupiter, Saturn und auch die Sonne selbst wurden aufgeboten, um in einer Freiluft-Aufführung das Festprogramm zu eröffnen und die einzel- nen Höhepunkte anzukündigen. Das Werk erweist sich aber auch als Wett- streit der sieben Sänger sowie der Orchestersolisten, die ihre Virtuosität mit anspruchsvollen Partien unter Beweis stellen konnten.
Nach der Hochzeit verschwand das Werk im Archiv; diese CD enthält nun die Ersteinspielung nach dem Manuskript, das sich in der Sächsischen Landesbibliothek SLUB befindet. Es handelt sich um den Live-Mitschnitt eines Konzertes am 23. November 2003 im Berliner Konzerthaus durch Deutschlandradio Kultur. Haenchen, der mit dem Kammerorchester Carl Philipp Emanuel Bach schon so manches Werk vom Archivstaub befreit hat, folgte in der Orchesterbesetzung mit 27 Musikern der historischen Überlieferung. Die Rollen der Götter haben Alexandra Coku, Carola Höhn, Simone Nold, Katharina Kammerloher, Annette Markert, Ralph Eschrig und Olaf Bär gesungen. Leider erweist sich das Sänger-Ensemble längst nicht als so ausgewogen und brillant wie das Orchester.
Dennoch wirkt die Musik beeindruckend; Heinichens Werk ist originell, und die Musiker wetteifern darin, es lebendig und mit Esprit vorzustellen. Jubilar Hartmut Haenchen war die CD wichtig genug, die Werkeinführung sowie einen kurzen Text über die langjährige Zusammenarbeit mit seinem Kammerorchester für das Beiheft eigenhändig beizusteuern. Zusätzlich enthält das Beiheft die Gesangstexte mit Erläuterungen. Soviel Sorgfalt erfreut; Dank und Glückwunsch an den Jubilar – und noch viele erfolg- reiche Jahre mit seinem hervorragenden Ensemble!

Montag, 15. Juli 2013

Alte Meister - In Bearbeitung durch Karl Straube (MDG)

„Jetzt spielen wir richtiger, aber früher war es schöner!“ - das sollen Studenten gesagt haben, die Karl Straube in Leipzig unterrichtete. Ein Lebensweg wie der von Montgomery Rufus Karl Siegfried Straube (1873 bis 1950) ist heute nicht mehr denkbar. Denn er erhielt seine Ausbildung zunächst von seinem Vater Johannes Straube, einem Berliner Organisten und Harmoniumbauer. Im Alter von 15 Jahren wurde Straube dann Schüler von Heinrich Reimann, dem Organisten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche.
Auch ohne Musikstudium ist Straube dann eine atemberaubende Karriere gelungen. 1897 wurde er Organist am Willibaldi-Dom in Wesel. 1903 übernahm er das Amt des Organisten an der Thomaskirche zu Leipzig, und er wurde zudem Dirigent des Chores des Leipziger Bachvereins, den er später in den Gewandhauschor integrierte. Seit 1907 lehrte er zudem Orgelspiel am Leipziger Konservatorium; Straube war auf Jahrzehnte der bedeutendste Orgellehrer Deutschlands, und prägte so die musikalische Landschaft bis in die 70er Jahre ganz entscheidend.
1918 wurde Karl Straube als Nachfolger von Gustav Schreck Thomas- kantor. 1919 gründete er das Kirchenmusikalische Institut Leipzig, das er nach dem Zweiten Weltkrieg entschlossen wieder etablierte und bis 1948 leitete. Sein Wirken ist geprägt durch die Suche nach dem perfekten Klang. Einerseits förderte er moderne Musik, wie die von Max Reger. Andererseits beschäftigte sich Straube intensiv mit den Werken der sogenannten Alten Meister – wie Buxtehude, Pachelbel, Muffat, aber auch Bach. Das führte ihn in der Konsequenz zur Abkehr von einer allzu romantischen Musik- auffassung.
Dabei nutzte Straube allerdings die klanglichen und spieltechnischen Möglichkeiten der spätromantischen Instrumente weidlich aus, die typischerweise über eine pneumatische Traktur und eine Crescendowalze verfügten. „Wie ich auf der Orgel artikulierte, habe ich in meiner Ausgabe ,Alte Meister des Orgelspiels’ vom Jahre 1904 und in der 1907 veröffent- lichten Sammlung ,Choralvorspiele alter Meister’ niederzulegen ver- sucht“, schrieb Straube schließlich in seinen Erinnerungen. „Ich gab damit Aufführungsvorschriften, die nicht einer nüchternen Überlegung am Schreibtisch entsprangen, sondern Ausdruck eines von dem nachprüfen- den Verstande kontrollierten, ursprünglich spontanen Empfindens waren.“
Domorganist Andreas Sieling hat einige der Werke aus Straubes Samm- lung „Alte Meister“ an der Großen Sauer-Orgel im Berliner Dom eingespielt – einem Instrument, das der Sauer-Orgel der Leipziger Thomaskirche so ähnlich ist, dass Sieling detailgetreu den Vorgaben Straubes folgen konnte. Der hatte seinen Notenband seinerzeit akribisch mit Angaben zu Register- wahl, Artikulation sowie zahlreichen dynamischen und agogischen Hin- weisen versehen. 

Sieling zeigt, wie sein berühmter Kollege vor hundert Jahren Alte Musik auf die deutschen sinfonischen Großinstrumente „übersetzt“ hat. Diese brillante Interpretation der Interpretation erweist sich als ein spannendes musikhistorisches Experiment. Denn unsere Hörgewohnheiten lassen uns bei „Alter“ Orgelmusik, etwa von Georg Muffat, Johann Gottfried Walther, Johann Pachelbel oder Dieterich Buxtehude, andere Klänge erwarten. Lässt man sich auf die Version ein, die Sieling auf dieser CD präsentiert, dann wird man feststellen, dass die romantischen Klangfarben durchaus ihren Reiz haben.


Freitag, 12. Juli 2013

Hammerschmidt: Also hat Gott die Welt geliebt (Carus)

Einmal mehr hat das Ensemble Gli Scarlattisti sich Werken von Andreas Hammerschmidt (1611/12 bis 1675) und Johann Rosenmüller (1619 bis 1684) zugewandt. Erschienen ist bei Carus bereits eine ähnliche CD mit Vokalmusik für die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Die vorliegende Aufnahme enthält nun vor allem Psalmvertonungen in Form von groß besetzten Motetten sowie anspruchs- voll vertonten geistlichen Konzerten. Es wird erneut deutlich, dass sowohl Hammerschmidt als auch Rosen- müller in die Gruppe der großen lutherischen Kirchenkomponisten vor Bach gehören. Das Ensemble Gli Scarlattisti überzeugt durch makellose Intonation und Professionalität. Auch bei der Arbeit an dieser zweiten Einspielung konnten die Sänger und Musiker um Jochen Arnold eine Hammerschmidt-Edition nutzen, die im Carus-Verlag erschienen ist.

Mittwoch, 10. Juli 2013

Wagner: Parsifal (Pentatone Classics)

Die letzte Oper von Richard Wagner hat es in sich: Eigentlich geschieht fast nichts, und das vier Stunden lang. Dabei treten Figuren auf, die alle einen Knacks weg ha- ben – mindestens. Da ist der Grals- könig Amfortas, in dessen Monolo- ge aus gutem Grund mehrfach die Musik Klingsors einbricht. Da ist der Ritter Gurnemanz, zuständig eher für die praktischen Dinge, eine Mutter der Kompanie ohne Sinn für Transzendentes – und trotzdem hat ausgerechnet er die umfangreichste Partie in dieser Oper. 
Da ist Klingsor, der eigentlich auch gern einer der Gralsritter wäre, aber es nicht werden darf, denn er hat sich entmannt, um nicht in Versuchung zu geraten. Er wird abgewiesen, weil die Ritter darin nicht Konsequenz, sondern einen Mangel an Charakterstärke sehen. 
Daraufhin wendet er sich der Magie zu, und in seinem Zauberreich sündigt prompt Amfortas – was ihm die Wunde einbringt, um die sich in dieser Oper alles dreht. 
Zu Klingsors Personal gehört auch Kundry, eine der peinlichsten Frauengestalten der Musikgeschichte überhaupt, und – abgesehen von den Zaubermädchen Klingsors sowie der Mutter des Titelhelden, die aber nur in Erzählungen präsent ist – die einzige weibliche Gestalt in dieser Oper. Parsifal selbst mordet sich fröhlich durch seine Tage. Das beginnt mit dem Schwan, den er im heiligen Tempelbezirk abschießt, und endet ganz sicher nicht damit, dass er Klingsor samt seiner Zauberwelt in Schutt und Asche legt. Das eigentliche Wunder an dieser Oper ist Wagners Musik, die es fertigbringt, dass wir all diesen seltsamen Mumpitz ertragen – und berührt sind, anstatt laut loszulachen. 
Wagners Parsifal ist ohne Zweifel eine Herausforderung für ein En- semble. Marek Janowski hatte das „Bühnenweihfestspiel“ – so nannte Wagner sein Werk – in seinem Wagner-Zyklus mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin gleich an zweite Stelle gesetzt. Und der Live-Mitschnitt der konzertanten Aufführung vom 8. April 2011 ist wirk- lich ein Erlebnis. 
Es ist erklärtermaßen die Absicht Janowskis, Wagners Werke dem Publikum ohne Kompromisse, allein auf die Musik konzentriert, zu vermitteln. Beim Berliner Parsifal ist ihm das gelungen. Die Inter- pretation, die ziemlich nüchtern beginnt, entwickelt zunehmend Sog und Magie. Die Besetzung passt. Zu hören sind Jewgeni Nikitin als Amfortas, Dimitri Iwaschenko als Titurel, Franz-Josef Selig als Gurnemanz, Christian Elsner als – ganz hervorragender – Parsifal, Eike Wilm-Schulte als Klingsor und Michelle DeYoung als Kundry. Doch auch die Gralsritter, Knappen und Blumenmädchen sind ausgezeichnet gesungen. Der eigentliche Star des Abends aber war einmal mehr der Rundfunkchor Berlin. So kraftvoll und präzise dürften die Chöre der Gralsritter selten erklungen sein. All das macht diese vier CD unbedingt hörenswert – meine Empfehlung! 

Dienstag, 9. Juli 2013

Handel: Jephtha (Brilliant Classics)

Im Juni 1992 wurde in der Kirche „Zur frohen Botschaft“ in Berlin-Karlshorst eine Aufnahme des Oratoriums Jephtha von Georg Friedrich Händel aufgezeichnet. Es erzählt die Geschichte des Feld- herrn, der geschworen hat, für seinen Sieg  das erste zu opfern, worauf nach seiner Rückkehr in die Heimat sein Blick fällt. Doch es ist seine Tochter, die ihm entgegen eilt. Ein Engel schließlich erlöst alle Beteiligten aus diesen Nöten. 
Die Liste der Beteiligten ist sehr illuster: Marcus Creed dirigierte das renommierte, auf historische Aufführungspraxis spezialisierte Ensemble Akademie für Alte Musik Berlin. Zu hören sind zudem der (exzellente!) Rias-Kammerchor sowie etliche erstklassige Solisten wie Christiane Oelze, Catherine Denley, John Mark Ainsley und Michael George. Bis zum heutigen Tag hat diese Einspielung, die seinerzeit bei Berlin Classics erschienen ist, zu Recht Referenzstatus. Nun ist diese legendäre Produktion bei Brilliant Classics wieder veröffentlicht worden. 

Sonntag, 7. Juli 2013

Mambos y Fanfarria! (Genuin)

Die Banda Sinfónica Juvenil Simón Bolívar, 2005 von Jesús Ignacio Pérez Perazzo und Valdemar Rodríguez gegründet, gehört zu einem einzigartigen Projekt, das soziales Engagement und eine exzellente musikalische Ausbil- dung miteinander verbindet: El Sistema ist ein Netzwerk aus Orchestern und Chören in Venezu- ela, in dem Kinder und Jugendliche miteinander musizieren. Ihre Ausbildung erhalten sie vor allem im Gruppenunterricht; die „Gros- sen“ unterweisen dabei die Jüngeren. Sie vermitteln ihnen neben den richtigen Tönen auch Ehrgeiz – und jene Spielfreude, für die die Ensembles des Sistema mittlerweile auch im Ausland bekannt sind. 
Thomas Clamor, der Chefdirigent der Sächsischen Bläserphilharmo- nie und künstlerischer Leiter der Deutschen Bläserakademie, ist mit El Sistema bestens vertraut. Er engagiert sich beim Aufbau der ersten lateinamerikanischen Bläserakademie. Mit der Banda Sinfónica, in der junge Musiker im Alter zwischen zwölf und 30 Jahren gemeinsam musizieren, hat er im vergangenen Jahr ein Album eingespielt, das nun bei Genuin erschienen ist. 
Das Programm startet in Lateinamerika. Die Grand Fanfare am Beginn hat Giancarlo Castro D'Addona komponiert, ein weniger repräsenta- tives als vielmehr enorm anspruchsvolles Startsignal. Ein Zufall ist das nicht – der Trompeter verdankt seine Ausbildung ebenfalls El Sistema. Es folgt Musik des „Mambo-Vaters“ Pérez Prado sowie von Alberto Ginastera. Dann baut Ravels berühmter Bolero eine musika- lische Brücke nach Europa. 
Dieses Werk ist berüchigt. Auch wenn das gar nicht so offensichtlich ist – aber der Bolero stellt extrem hohe Anforderungen an ein Orchester. Die Banda Sinfónica bewältigt diese Herausforderungen locker, und die Soli sind geradezu ein Gedicht. Das gilt auch für das nachfolgende Konzertstück für Klarinette, Bassethorn und Klavier von Felix Mendelssohn Bartholdy, das hier wundervoll vorgetragen wird. Und der Zyklus Bilder einer Ausstellung von Modest Mus- sorgski, zu hören in einer Version für sinfonisches Blasorchester von Mark Hindsley, gibt dem Ensemble noch einmal Gelegenheit, eine ganze Palette an Klangfarben zu präsentieren. Das ist Bläsermusik auf allerhöchstem Niveau. Bravi! 

The Pupils of Tartini (Dynamic)

Giuseppe Tartini (1692 bis 1770) war nicht nur ein berühmter Geiger, er unterrichtete auch selbst Musiker aus ganz Europa. Die Violinschule, die um Tartini und seine Schüler entstand, genoss im Europa des 18. Jahrhunderts weithin einen ausgezeichneten Ruf, und der Violinvirtuose wurde bald gerühmt als Maestro delle Nazio- ni
Das lag auch mit daran, dass sich um ihn nicht nur die Musiker scharten. Auch viele andere Gäste besuchten Tartini – der Adel, Kaufleute, Wissenschaftler, Diplomaten, Schriftsteller, bildende Künstler. So verbreitete sich sein Ruf von Spanien bis Schweden und von Böhmen bis England. 
Crtomir Siskovic, Violine, und Luca Ferrini am Cembalo stellen auf dieser CD Violinsonaten vor, die Schüler Tartinis komponiert haben. Die Werke von Michele Stratico, Domenico Dall'Oglio, Antonio Nazari, Ignazio Gobbi und Pietro Nardini brennen  sämtlich ein Feuerwerk an musikalischen Ideen ab. Schöne Melodien, sangliche Linien, und eine ansprechende harmonische Gestaltung machen diese Sonaten zu einem Hörvergnügen – und die beiden Solisten präsentieren fünf Werke in Weltersteinspielung gekonnt und sehr ansprechend. Bravi! 

Samstag, 6. Juli 2013

Wagenseil: Quartets for low strings (Accent)

Einmal mehr wendet sich das Piccolo Concerto Wien unter Leitung von Roberto Sensi dem Werk von Georg Christoph Wagenseil (1715 bis 1777) zu. Über den Lebensweg des Kom- ponisten, der der Lieblingsschüler von Johann Joseph Fux war, wurde in diesem Blog bereits berichtet. Wagenseil, der ein berühmter Cembalovirtuose war, fand seinen Wirkungskreis am Kaiserhof. Und natürlich schrieb er sehr viele Werke für das Cembalo. 
Diese beiden CD aber stellen seine Quartette für tiefe Streicher vor – ein Kuriosum, aber ein ausgesprochen klangvolles. Sie sind in einer Abschrift im Salzburger Domarchiv überliefert, und weil es sechs Quartette sind, vermuten Musikwissenschaftler, dass Wagenseil diese Werke in Druck geben wollte. 
Auch wenn die Quartette gelegentlich noch an den sogenannten „vermischten Stil“ des 18. Jahrhunderts erinnern, ist man doch in Versuchung, sie der Frühklassik zuzuorden. Sie wirken, als hätte Wagenseil in einem Experiment erproben wollen, wie das „moderne“ viersätzige Streichquartett wirkt, wenn man die Violinen weglässt und ganz auf den sonoren, warmen Klang der tiefen Streicher setzt. Das Ensemble Piccolo Concerto Wien präsentiert diese zauberhafte Kammermusik zudem sehr hörenswert – eine Entdeckung! 

Hammerschmidt: Dialoge, Concerti & Madrigale (Christophorus)

„Wes ist der Toon / der Klang / und die so schönen Weysen? / Hör' ich Herrn Hammerschmied? Er leyhet ja die Hand / Vnd spielt was alle Welt / was alle Zeit wird preisen / So lange man noch spielt / und singen bleibt bekandt: / Der heilgen Wörter Krafft von oben rab Jhn rüret / Durchflammet Hertz und Geist / so / daß er hier stimmt an / Was mehr als Menschlich ist / und solche Lust gebieret / Die uns bald ausser uns in Himmel reissen kann. / Leb / O leb edles Werck / und theil uns deine Gaben / Wie du thust / reichlich aus: Du / du verschaffsts allein / Daß wier noch uff der Erd in dier den Himmel haben / Vnd können Menschen und zugleich auch Engel seyn.“ Mit solchen Versen priesen seine Zeitgenossen einst Andreas Hammerschmidt (1611/12 bis 1675). 
Er stammte aus dem böhmischen Brüx, doch schon in jungen Jahren kam er nach Sachsen, weil seine (protestantische) Familie aus ihrer – nun wieder katholischen – Heimat vertrieben wurde. In Freiberg absolvierte Hammerschmidt eine musikalische Ausbildung, die ihn in die Lage versetzte, 1633 Organist am Hofe der Grafen von Bünau im Schloss Weesenstein zu werden. Ein Jahr später erhielt er die Orga- nistenstelle an der Petrikirche in Freiberg, und 1639 ging er nach Zittau, wo er den Rest seines Lebens als Organist an der Johannis- kirche wirkte. 
Hammerschmidt hat ein umfangreiches Werk hinterlassen, veröffent- licht in einer Vielzahl von Sammeldrucken. Das Ensemble Movimento hat für diese CD daraus ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt. Es ist zu wünschen, dass diese CD dazu beiträgt, diesen Schütz-Zeitgenossen und seine beeindruckende Musik wieder bekannt zu machen. Hammerschmidt hat viel zu bieten, und diese schöne Einspielung wird hoffentlich zur seiner Wiederentdeckung beitragen. 

Zarlino: Modulationes sex vocum - Singer Pur (Oehms Classics)

Eintauchen in puren Wohlklang – dazu verführt die jüngste Ver- öffentlichung des Ensembles Singer Pur. Das Vokalsextett, das 1991 von ehemaligen Regensburger Domspatzen gegründet wurde, hat bereits Madrigale und Motetten von Adrian Willaert (um 1490 bis 1562) eingesungen. Mit dieser CD wenden sich Claudia Reinhard, Klaus Wenk, Markus Zapp, Manuel Warwitz, Reiner Schneider-Water- berg und Marcus Schmidt dem Werk eines Willaert-Schülers zu: Gioseffo Zarlino (1517 bis 1590) studierte in Venedig bei dem flämi- schen Meister. 1565 wurde er der Nachfolger von Cipriano de Rore als Kapellmeister am Markusdom. 
Zarlino gilt als als der führende Musiktheoretiker des 16. Jahrhun- derts, ja, als Vater der modernen Musiktheorie. Die Techniken, die er beispielsweise in seinem Hauptwerk Le istitutioni harmoniche be- schrieben hat, setzte Zarlino aber auch selbst ein. So demonstriert er beispielsweise im zweiten Motettenbuch Modulationes sex vocum seinen enorm vituosen Umgang mit dem Kontrapunkt – und insze- niert sich als Nachfolger Willaerts. Die Singer Pur, unterstützt durch die Gastsänger Monika Mauch und Gerhard Hölzle, bezaubern mit schier unendlichen Linien und einem wundervollen Chorklang. Bravi!