Freitag, 31. Mai 2013

Buxtehude: VII Suonate, op. 2 (Chaconne)

Wer diese Triosonaten von Diete- rich Buxtehude (um 1637 bis 1707) hört, der wird vielleicht an das berühmte Gemälde „Häusliche Musikszene“ von Johannes Voor- hout denken. Das Bild, das sich heute im Museum für Hamburgi- sche Geschichte befindet, zeigt eine Gruppe von Musizierenden, versammelt um ein Cembalo. Es ist eine Allegorie der Freundschaft, die nicht nur den Hamburger Organisten Johann Adam Reincken zeigt, sondern sehr wahrscheinlich auch das einzige überlieferte Bildnis Buxtehudes ist. Er spielt auf diesem Bild übrigens eine Gambe. 
Allerdings sollte man die Bezeichnung VII. suonate à due, violino et violadagamba con cembalo op. 2 nicht gar so eng sehen – ein Manuskript, das in Uppsala aufbewahrt wird, weist den Generalbass der Orgel zu, und in späteren Jahren hat der Komponist eine Publikation von Sonaten angekündigt, die „zur Kirchen- u. Tafel-Music bequemlich“. Das Purcell Quartet freilich hat sich für das Cembalo entschieden. Catherine Mackintosh und Catherine Weiss, Violine, Richard Boothby, Viola da gamba, und Robert Woolley am Cembalo musizieren gekonnt und mit Geschmack. Sie bringen das raffinierte Wechselspiel zwischen hohen und tiefen Stimmen, in dem Buxtehude insbesondere der Gambe eine interessante Aufgabe zuweist, bestens zur Geltung.

Donnerstag, 30. Mai 2013

George Gershwin - The Gents (Channel Classics)

Das Vokalensemble The Gents ist 1999 aus dem Roder Jongenskoor hervorgegangen, aus einem der besten Knabenchöre der Nieder- lande also quasi herausgewachsen. Der Knabenchor war einst gegründet worden, um englische Musik im originalen Klangbild aufführen zu können. The Gents starteten ebenfalls mit dem vertrauten Repertoire. Doch dann erschlossen sie sich zunehmend neues musikalisches Terrain. Nach französischer Kirchenmusik des 20. Jahrhunderts und einem Ausflug in die Zeit der deutschen Romantik haben sie sich nun auf den Broadway gewagt. Gemeinsam mit dem Haags Saxofoonkwartet stellen The Gents Musik von George Gershwin vor.
Dabei werden sie zudem noch durch die Sopranistin Johannette Zomer unterstützt. Sie ist ebenfalls eigentlich auf „Alte“ Musik spezialisiert – und zeigt sich hier stimmlich außerordentlich flexibel. Auch The Gents klingen, als wären sie in dieser Musik zu Hause. Und es ist erstaunlich, welche tollen Klänge so ein Saxophon-Ensemble produzieren kann. Die CD oszilliert zwischen Jazz, Barbershop und Klassik. Der Sound, der sich daraus ergibt, ist faszinierend. Schade nur, dass Gershwin mit 39 Jahren an einem Hirntumor gestorben ist. So endet diese musikalische Reise, die mit seiner Filmmusik zu Damsel in distress beginnt, schließlich mit Porgy and Bess – und man stellt überrascht fest, dass die CD schon vorbei ist. Grandios!

Mittwoch, 29. Mai 2013

Dulichius: Sacred Motets (cpo)

Philipp Dulichius (1562 bis 1631) war der Sohn des Tuchmachers, Ratsherren und mehrfachen Bürgermeisters Caspar Deulich aus Chemnitz. Über seine frühen Jahre und seine Ausbildung ist kaum etwas bekannt. Sein Musiklehrer in Chemnitz dürfte ein Andreas Gott- hardt aus Schweidnitz gewesen sein – er heiratete Philipps älteste Schwester Justina. Belegt ist, dass Deulich an den Universitäten in Leipzig und Wittenberg studiert hat. Seine Publikationen verraten uns, dass er ein exzellentes Latein schrieb, und viel von den großen italienischen Meistern seiner Zeit gelernt hat.
Als knapp 25jähriger wurde er 1587 durch Herzog Johann Friedrich von Pommern als Kantor an die Marienkirche und an das Fürstliche Pädagogium in Stettin berufen. Dulichius fand dort seine Lebens- stellung. Er hat mehr als 200 Motetten komponiert, die zu seinen Lebzeiten in ganz Europa bewundert und gesungen wurden. Dann aber verschwanden sie aus dem Repertoire. Und obwohl sich bereits seit 1890 Musikwissenschaftler darum bemühen, das Werk des „pommerschen Lassus“ - so nannte ihn Rudolf Schwartz, einer seiner Wiederentdecker, damals – vom Archivstaub zu befreien, hat es in der Kirchenmusik bis heute keinen Platz gefunden.
Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. So sind die Werke vergleichs- weise komplex. Die meisten Kirchenchöre hierzulande sind schon stolz, wenn es ihnen gelingt, einen mäßig schwierigen vierstimmigen Chorsatz sauber vorzutragen. Dulichius' Motetten aber sind fünf- bis achtstimmig, teilsweise doppelchörig, überwiegend in lateinischer Sprache – und sie beruhen nur in seltenen Ausnahmefällen auf einem der bekannten und beliebten evangelischen Kirchenlieder.
Für uns sehr ungewohnt ist es zudem, dass Dulichius die ganze Vielfalt des damals gebräuchlichen Tonartensystems ausschöpfte. Die vorlie- gende CD greift dies auf, und ordnet die 18 ausgewählten Werke sogar nach den Modi. Eines wird bald klar: Die Motetten von Dulichius zeichnen sich durch Kunstfertigkeit aus und durch Wohlklang. Stilistisch steht der Komponist Orlando di Lasso näher als Claudio Monteverdi.
Das Ensemble Weser-Renaissance Bremen musiziert unter seinem Leiter Manfred Cordes sehr hörenswert. Bei der Besetzung wurde mit Fingerspitzengefühl vorgegangen; die einzelnen Stimmen wurden klug auf Sänger und Instrumentalisten verteilt, so dass auch klanglich für Abwechslung gesorgt ist. Die sieben Vokalisten singen mit schlankem Ton, nahezu vibratofrei und stark am Ensembleklang orientiert. Für eine Kantorei ist das sicher nichts, aber im Konzert würde man diese Musik wirklich gern öfter hören.

Bach: Cantatas; Kuijken (Accent)

Mit diesem Bach-Kantatenzyklus will Sigiswald Kuijken die These des amerikanischen Bachforschers Joshua Rifkin bestätigen, Bach ha- be die Chorsätze seiner Kantaten mit lediglich einem Sänger pro Stimme besetzt. 
Dazu spielt Kuijken mit seinem Ensemble La Petite Bande je eine Kantate für die Sonn- und Festtage im Kirchenjahr ein. Auch das Sängerquartett wurde mit Sorgfalt ausgewählt. Die Vokalsolisten be- zaubern durch Anmut und Klarheit; die Instrumentalisten musizieren ebenso sachlich wie sensibel. Im Mittelpunkt dieser Einspielung steht der Text, der durch die Musik unterstrichen, aber nicht übertönt werden soll.
Mittlerweile sind die Folgen 15 und 16 mit Kantaten für die Zeit nach Trinitatis sowie für das Pfingstfest erschienen. Und das Experiment erweist sich durchaus als gelungen. Kuijkens bislang bedeutendstes und umfangreichstes Projekt ist mitnichten von rein akademischem Interesse. Wer Ohren hat, der muss zugeben, dass die Bach-Interpre- tation in Zukunft an den Standards, die dieses Ensemble setzt, nicht mehr vorbei kann.

Platti / Vivaldi: Six Sonatas for Violoncello and Basso continuo (Oehms Classics)

Zum 250. Todestag von Giovanni Benedetto Platti (1697 bis 1763) setzt Sebastian Hess nun seine Edition der Werke des Musikers bei Oehms Classics fort. Er kam aus Italien nach Franken, weil der Fürstbischof seiner Residenz durchaus etwas Glanz verleihen wollte. In einem Brief vom 23. Mai 1722 berichtete Johann Philipp Franz von Schönborn seinem Bruder, er habe „neue leuthe aus Italien“ für seine Hofkapelle gewonnen. Unter ihnen war auch der „Houboist“ Platti; er war der einzige dieser Musiker, der bis an sein Lebensende im Dienst der Fürstbischöfe von Würzburg bleiben sollte. 
Die Schönborn-Brüder waren fasziniert von der italienischen Musik, die sie bei Studienaufenthalten in Rom kennengelernt hatten. Und sie waren beide selbst versierte Musiker. Der Bischof spielte die Violine, Rudolf Franz Erwein von Schönborn, Herr über die nahegelegene Grafschaft Wiesentheid, musizierte auf dem Violoncello. Platti wurde offenbar bald zum musikalischen Berater und Hauskomponisten des Grafen. Mehr als 60 seiner Werke sind in der Musikaliensammlung Rudolf Franz Erweins überliefert, zumeist Stücke für Violoncello.
Für diese CD hat Hess drei Sonaten mit Basso continuo ausgewählt. Ergänzt wurde das Programm um drei Suonate per Violoncello solo von Antonio Vivaldi, die sich ebenfalls in der Notenbibliothek des Grafen fanden. Auf der dritten CD der Reihe musiziert der Cellist erneut gemeinsam mit dem Lautenisten Axel Wolff. Die Einspielung, die in Koproduktion mit BR Klassik entstanden ist, wurde im August 2012 in der St. Jacobus Kirche in Großlangheim aufgezeichnet.

Dienstag, 28. Mai 2013

Musik in alten Städten & Residenzen (EMI Classics)

Ein Pionierprojekt im Bereich der „Alten“ Musik hat EMI Classics nun wieder zugänglich gemacht. In der legendären EMI-Serie „Musik in alten Städten und Residenzen“ sind in den 60er Jahren Aufnahmen mit Werken bedeutender Komponisten vom Mittelalter bis zur Klassik erschienen. Sie werden jeweils an ihrem Ort und in ihrem Umfeld vorgestellt.
Produzent Gerd Berg lenkte damit die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf Sternstunden der Musikge- schichte – und zeigte zugleich, dass die Entwicklung der europäischen Musik keine Abfolge von Genieblitzen war. Vielmehr wurden Neue- rungen, die in einzelnen Zentren entstanden, über Netzwerke ver- breitet und den örtlichen Gepflogenheiten angepasst. Dabei wurden sie weiterentwickelt und durch neue Ideen bereichert – die wiederum ihrerseits Musiker inspirierten.
Jede Musikmetropole hatte ihre Blütezeit, und ihren individuellen Klang. Berg zeigte dies exemplarisch an Venedig, Lübeck, Wien – zu- gleich die allererste Aufnahme mit dem Concentus Musicus Wien und Nikolaus Harnoncourt -, Hannover, Leipzig, Dresden, Wien, Mann- heim, Salzburg, Eisenstadt und Potsdam. Die mit Sorgfalt zusammen- gestellte Schallplattenedition brachte zugleich eine Vielzahl von Ersteinspielungen. Sie wurde getragen von erstklassigen Solisten und Orchestern. Und man staunt, wie viele Musiker damals bereits auf Gamben, Zinken und Lauten musizierten; die sogenannte historische Aufführungspraxis dürfte durch diese EMI-Serie einen gewaltigen Schub erfahren haben.

Montag, 27. Mai 2013

Double Bass Fantasy - Ödön Rácz (Gramola)

„Ein widerspenstigeres Material für die Bravour kann es aber kaum geben, als den Contrabass, und einen vollkommeneren Bändiger desselben auch nicht, als Botte- sini“, schwärmte einst der renom- mierte Musikkritiker Eduard Hanslick. „Glaubt jemand, das Staunen über technische Virtu- osität verlernt zu haben, bei Bottesinis Production wird er es wieder lernen. Daß ein ästheti- scher Eindruck, welcher haupt- sächlich aus dem Erstaunen resultirt, kein nachhaltiger sei, bedarf freilich nicht erst eines Beweises. Hingegen verdient Bottesini das ausdrückliche Lob, daß er auch in der Bravour mit Geschmack verfährt und jene bajazzoartigen Charlatanerien verschmäht, mit denen auf derlei Ausnahmeinstrumenten so gern geflunkert wird.“ 
Die Werke des Urvaters aller Kontrabass-Virtuosen gehören bis zum heutigen Tage zu jenem Repertoire, mit dem Solisten gern ihr Publikum beeindrucken. Ödön Rácz, Solo-Kontrabassist der Wiener Philharmoniker, brilliert auf dieser CD mit den von Giovanni Bottesini arrangierten Fantasien zu den Opern Lucia di Lammermoor von Gaetano Donizetti und Beatrice di Tenda von Vincenzo Bellini.
Derartige Bearbeitungen von populären Opernmelodien waren in der Zeit vor der Erfindung des Radios sehr beliebt. Sie erklangen sowohl in den Salons als auch im Konzert, und sie wurden von der höheren Tochter ebenso gern gespielt wie von namhaften Solisten. Niccolò Paganini beispielsweise schrieb sich selbst eine Fantasie über ein Thema aus Rossinis Oper Moses – zu spielen auf einer einzigen Saite seiner Violine. Diese Herausforderung nahmen natürlich auch die Kontrabassisten gern an. Es lohnt sich, wie Rácz demonstriert.
Er spielt noch ein weiteres virtuoses Werk, das ursprünglich für Violine komponiert wurde – den Valse triste c-Moll von Ferenc Vecsey. Das Stück Bass Trip wurde für den ARD-Musikwettbewerb von Peteris Vasks geschrieben. Der Lette ist selbst Kontrabassist, er weiß also, was er von dem Interpreten fordert (der dazu schließlich auch noch fröhlich pfeifen soll).
Die Sonata enigmatica für Kontrabass solo von Gottfried von Einem entstand auf Anregung Ludwig Streichers (1920 bis 2003). Für diesen Musiker, der jahrzehntelang Mitglied der Wiener Philharmoniker war und als einer der großen Virtuosen auf dem Kontrabass gilt, entstand auch eine Version von Nikolai Rimski-Korsakows berühmtem Hum- melflug. Mit diesem Encore, das Streicher im hautengen Kostüm vorgetragen haben soll, beendet sein „Enkelschüler“ Rácz das Pro- gramm. Es wird bei einigen Stücken von dem exzellenten Pianisten János Balázs Jr. begleitet; den Hummelflug absolvieren an seiner Seite zudem The Philharmonics – Orchesterkollegen, die sich dem Cross-Over verschrieben haben.
Ödön Rácz spielt einen Kontrabass des Wiener Instrumentenbauers Michael Ignatius Stadlmann aus dem Jahre 1781. Klanglich zieht er alle Register von kernig bis lyrisch und von ätherisch bis sonor. Ob virtuose Läufe oder Doppelgriffe – keine technische Herausforderung bringt den Musiker, der aus Budapest stammt, in Verlegenheit. Seine Intonation ist stets perfekt, und seine Spielfreude macht diese CD zum Genuss. Gern mehr!

Samstag, 25. Mai 2013

Pater noster - The King's Singers (Naxos)

The King’s Singers widmen diese CD dem Vaterunser. Das Sextett hat dafür eine clevere Struktur entwickelt: Das Gebet erklingt am Anfang und zum Beschluss in la- teinischer Sprache, und im grego- rianischen Gesang – ganz so, wie es beispielsweise von den Benedikti- nern noch heute gesungen wird.
Ansonsten wurden jeweils Werke zu Gruppen zusammengefasst, die die einzelnen Verse des wohl berühmtesten aller Gebete mit den Mitteln der Musik auslegen. Dabei erklingen Vertonungen aus verschiedenen Jahrhunderten und auch aus unterschiedlichen Kirchen. Heinrich Schütz beispielsweise steht so neben Mikolaj Zielenski, Igor Strawinsky neben Francis Poulenc und Orlando di Lasso, Maurice Durufle neben Charles Wood und Giovanni Pierluigi da Palestrina, und John Taverner neben Henry Purcell und Tomás Luis de Victoria.
Musikalisch erweist sich das als außerordentlich spannend. Denn der Kontrast zwischen den einzelnen Vertonungen ist gar nicht so groß, wie man zunächst meint. Und der auch hier wieder exzellente Ensemblegesang der King's Singers führt den Zuhörer auf eine Reise durch die Jahrhunderte, die viel zu schnell endet. Grandios!

Freitag, 24. Mai 2013

Pleyel: Partitas for Winds (Accent)

Ignaz Joseph Pleyel (1757 bis 11831) war ein Schüler von Johann Baptist Vanhal. Von 1772 bis 1777 wurde er zudem durch Joseph Haydn unterrichtet; finanziert wurde diese Ausbildung von Graf Ladislaus Erdödy, in dessen Diensten Pleyel dann von 1777 bis 1783 als Kapellmeister stand. Dieser Mäzen schickte seinen Schützling obendrein zu einem Studienaufenthalt nach Italien.
Harmoniemusiken schrieb Pleyel wahrscheinlich in dieser seiner Preßburger Zeit; die Bläsermusiken auf der vorliegenden CD sind allerdings mit Sicherheit jünger. Denn es handelt sich um Bearbeitungen von Streichquartetten und einem Streichquintett, die erst in der Strassburger Zeit des Komponisten entstanden sind. Ob die Arrangements durchweg von Pleyel stammen, daran darf zudem gezweifelt werden. In jedem Falle aber lassen sie vergessen, dass diese Werke ursprünglich für Streicher komponiert worden sind – sie klingen, als wären sie für Bläser erdacht, und sie sind auch mitnichten musikalische Meterware, wie sie seinerzeit zur Unterhaltung der adligen Herrschaften von etlichen Komponisten produziert worden ist.
Das Amphion-Bläseroktett stellt eine beachtliche Auswahl davon sehr hörenswert vor. Die Musiker sind Absolventen der Schola Cantorum Basiliensis, und dass sie die Musik der Klassik aus musikhistorischer Perspektive betrachten, das macht ihre Interpretation doppelt spannend. Es ist schon ein erstaunlicher Unterschied, ob Musiker, die an Musik aus Romantik und Spätromantik geschult sind, Pleyel oder auch Beethoven spielen – oder Musiker, die normalerweise im Barockorchester wirken. Die klanglichen Auswirkungen dieses ande- ren Blickwinkels sind enorm. Absolut faszinierend!

Telemann: Gott Zebaoth in deinem Namen (cpo)

Die Rheinische Kantorei und das Barockorchester Das Kleine Kon- zert haben, geleitet von ihrem Gründer Hermann Max, schon so manche barocke Rarität wieder- entdeckt. Die Konzerte der Musiker und Sänger gehören regelmäßig zu den Höhepunkten einschlägiger Musikfestivals im In- und Ausland. 
Diese CD enthält den Mitschnitt eines Konzertes, dass sie im März 2006 zu den 18. Magdeburger Telemann-Festtagen gegeben haben. Solisten des Abends waren Veronika Winter, Jenny Haecker, Lena Susanne Norin, Jan Kobow und Ekkehard Abele.
Auf dem Programm des Abends standen drei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767). Weine nicht! Siehe, es hat über- wunden der Löwe nach einem Text von Tobias Heinrich Schubart ist für den ersten Ostertag bestimmt. Diese Kantate vereint theatralische Momente – die Tenor-Arie Zürne nur, du alte Schlange würde auch in der Oper begeistern – mit dem festlichen Klang der Pauken und Trom- peten sowie dem Choralgesang, der die Gemeinde mit einbindet. 
Sie verachten das Gesetz des Herrn Zebaoth entstammt einem Kantatenjahrgang nach Texten von Erdmann Neumeister, der unter dem Titel Musicalisches Lob Gottes in der Gemeinde des Herrn 1742 bis 1744 in Nürnberg im Partiturdruck erschienen ist. Für das Kirchenjahr 1736/37 vertonte Telemann die Poetischen Sonn- und Fest-Tages-Betrachtungen von Gottfried Behrndt. Die Kantate Gott Zebaoth in deinem Namen sinniert über das irdische und das himmlische Leben; die Texte sind durchweg Geschmackssache, aber Telemanns Musik entschädigt reich für eventuelles Leiden an der Dichtung. Und die Interpretation durch die Solisten sowie die in diesem Falle ziemlich schlank besetzten Ensembles überzeugt.

Vivaldi: per l'Orchestra di Dresda (Alpha)

„L’orchestre qui est le mieux distribué et forme l’ensemble le plus parfait, est l’Orchestre de l’Opéra du Roi de Pologne à Dresde“, urteilte Jean-Jacques Rosseau in seinem Dictionnaire de musique. August der Starke war schwer beeindruckt von den Musi- kern Ludwigs XIV., die er auf seiner Kavalierstour in Versailles gehört hatte, und formierte seine Hofkapelle nach diesem Vorbild neu. So waren bald auch in Dres- den Bogenstrich und Ensembledisziplin wie bei den Les Vingt-Quatre Violons zu erleben. 
Sein Sohn Friedrich August hingegen zeigte sich überzeugt, dass in Sachen Musik Italien das Maß aller Dinge sei. Nach dem Tode von Jean-Baptiste Volumier wurde Johann Georg Pisendel, ein Schüler Torellis, Konzertmeister. Wie das Orchester zu dieser Zeit geklungen haben könnte, das verraten Konzerte, die Antonio Vivaldi für die Hofkapelle geschrieben hat – und die von Pisendel noch ein bisschen überarbeitet wurden. Das Ensemble Les Ambassadeurs hat eine Auswahl davon in der originalen Dresdner Fassung bei Alpha veröffentlicht.
Sie zeigen uns einen herausragenden Violinsolisten – die Partie Pisendels spielt Zefira Valova – der mit einem ebenso exquisiten Solistenensemble von Oboisten, Flötisten und Fagottisten sowie Streichern konzertiert. Vivaldis besonderer Gruß an Dresden aber war offenbar, dass die Besetzung auch ein Paar Hörner enthielt – eine Anspielung auf die Jagdleidenschaft des Adels, und eine Verneigung vor den herausragenden Hornisten der Dresdner Hofkapelle. August II. hatte zwar nicht so viele dieser Musiker in seinen Diensten wie die Könige von Frankreich – aber dafür waren es Virtuosen, wie sie sonst nirgends zu finden waren.

Bach: John Passion; Dunedin Consort (Linn)

Das Dunedin Consort, geleitet von John Butt, ist doch immer wieder für eine Überraschung gut. In diesem Jahr hat das Ensemble bei Linn eine Einspielung der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach vorgelegt – so, wie sie möglicherweise 1724 am Karfreitag in Leipzig erklungen sein könnte. 
Neben Werken von Bach selbst sind auch Stücke von Dieterich Buxtehude, Johann Hermann Schein, Jacob Händl Gallus und Johann Crüger zu hören. Selbst die gesprochenen Texte sind - im Internet - zu finden, rekonstruiert wurde der Ablauf mit Hilfe einer Predigtsammlung sowie anhand eines originalen Leipziger Chorbu- ches der Bach-Zeit.
Puristen werden die Nase rümpfen. Denn Butt lässt es richtig krachen. Motette und Gemeindechoräle singt der University of Glasgow Chapel Choir unter James Grossmith. Er wurde für die Unisono-Gesänge zusätzlich noch um zahlreiche Mitsingende aufgestockt. Auch wenn das eigentliche Ensemble schlank besetzt wurde – ein Quartett an Concertisten, das gelegentlich noch durch ein weiteres Quartett an Ripienisten verstärkt wird, sowie durch zwei zusätzliche Solisten für einige der Soliloquenten – ist von dem klaren, durchhörbaren Klang, den man von Aufführungen „Alter“ Musik heutzutage erwartet, wenig zu spüren.
Karfreitag? Hier gibt es statt stiller Andacht ein üppiges Orgelvor- spiel, und statt Fürbitte – Oper. Schon der Eingangschor erschreckt mit sattem Sound statt kluger Stimmführung. Ganz ehrlich: Mein Fall ist diese Brachialversion nicht.


  

Chopin Études - Jan Lisiecki (Deutsche Grammophon)

Der kanadische Pianist Jan Lisiecki spielt Chopin schon sehr lange. Als er sechs Jahre alt war, gab ihm seine Klavierlehrerin eine erste Etüde. Mit 13 Jahren spielte er in Warschau zur Eröffnung des Festivals Chopin i Jego Europa das f-Moll-Konzert, ein Jahr später das e-Moll-Konzert. „These are works I could play in the middle of the night and feel extremly comfor- table with – every note has its place“, sagt der junge Musiker, dessen Familie ursprünglich aus Polen stammt. Nun hat er für die Deutsche Grammophon die 12 Étu- des op. 10 und die 12 Études op. 25 eingespielt. Die meisten Kritiker feiern ihn dafür; es fiel sogar das Wort „Genie“. 
Das erscheint etwas übertrieben – aber die CD ist in der Tat sehr gelungen. Hört man Lisiecki, dann fällt erst auf, wie bemüht originell und wie unmusikalisch so manche andere Aufnahme ist. Bei dem jungen Pianisten hingegen steht nicht Virtuosität, sondern die Musik an sich im Mittelpunkt. Lisiecki strebt nicht nach Geschwindigkeits- rekorden, er spielt Chopin klar strukturiert, durchhörbar und geradezu altmodisch beseelt. Gern zitiert Lisiecki den Komponisten: „Every single note had to sing; and after all the work, the goal should be simplicity – because, for Chopin, that was the crowning reward of art. Those two remarks reflect the essence of his music – pure beauty. That’s why I love Chopin’s works.“ Und das hört man auch. Unbedingte Empfehlung! 

Americana - Modern Mandolin Quartet (Sono Luminus)

„Americana“, nennt das Modern Mandolin Quartet schlicht seine neue CD. Doch wer unter dieser Überschrift Folk und Pop erwartet, der irrt. Wenn Paul Binkley, Matt Flinner, Dana Rath und Adam Roskiewicz tatsächlich einmal ein Traditional in ihr Programm ein- bauen, dann in einem Arrange- ment, das es in sich hat. So erklingt Shenandoah in einer Version des Jazzpianisten Keith Jarrett. Ein Medley bringt Melodien von Bill Monroe, dem Vater des Bluegrass. Und ein weiterer Folk Song wurde von Aaron Copland 1942 in einem Ballett verwendet.
Auch sonst zieht es das Modern Mandolin Quartet eher zur Klassik: „This music attracted us because of the wonderful way it sounds on our instruments“, erklären die Vier lässig im Beiheft zu dieser CD. „Since the musical character of the pieces is based on various forms of American music, it lends itself extremly well to the mandolin. While many selections for piano and string music rely on idioms and techniques that may not transpose well to the mandolin, the pieces included in this disc were chosen for their vitality and the way they jumped right off the page and came to life (though some took a bit of work).“ 
Und so erklingt neben einer Bearbeitung von Cool aus Leonard Bernsteins Westside Story auf dieser CD ein Streichquartett – „The American“ – von Antonin Dvorák. Der böhmische Komponist wäre fast selbst Amerikaner geworden. „He had been brought to New York to help foster a national style in American music, because of his reputation for writing in a nationalistic style in Prague“, berichtet das Beiheft. Drei Jahre lang wirkte der Komponist als Direktor des National Conservatory in New York; er kehrte nach Europa zurück, weil der Bankrott eines Mäzens es dem Konservatorium unmöglich machte, ihm das vereinbarte Gehalt zu zahlen.
Es ist faszinierend, wie gut Dvoráks Streichquartett klingt, wenn das Mondern Mandolin Quartet es auf Mandolinen und Gitarre vorträgt. Und auch die Three Piano Preludes von George Gershwin lassen sich auf diesen Instrumenten, die man gemeinhin eher in anderen musikalischen Sphären verorten würde, erstaunlich gut spielen. Das gilt sogar für ein Streichquartett, in dem Phillip Glas Musik zu dem Film Mishima zusammengestellt hat. Das CD-Paket enthält übringens eine "normale" sowie eine Blu-ray surround sound audio disc. Groß- artig!

Massimo Giordano - Amore e Tormento (Giordano)

Eigentlich studierte Massimo Gior- dano Flöte am Konservatorium von Triest. Doch dann entdeckte er sein großes Talent für den Gesang – und begann nach dem Querflöten-Examen im neuen Fach gleich noch einmal mit dem Studium. Mit Erfolg: 1997 gewann der Tenor den Bellini-Gesangswettbewerb in Spoleto, wo er er dann am Teatro Lirico in Mozarts Oper La clemen- za di Tito und am Teatro Nuovo in Verdis La Traviata sein Debüt gab. Es dauerte nicht lange, bis er auch auf den großen internationalen Bühnen gefeiert wurde – eigentlich gibt es kein bedeutendes Opernhaus, an dem er noch nicht engagiert war.
Es ist erstaunlich, dass Giordano erst jetzt seine erste Solo-CD vor- stellt. Mit diesem Album kehrt zugleich BMG auf den Klassikmarkt zurück. Der Tenor präsentiert sich, wie könnte es anders sein, mit Belcanto – er singt berühmte Arien von Puccini, Verdi, Cilea, Giordano und Ponchielli. Liest man die Kritiken, die über seine Opernpremieren berichten, so drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass dieser Sänger live auf der Bühne noch stärker überzeugt. Von seinem vielfach gepriesenen Vermögen, zu differenzieren und Figuren zu zeichnen, ist jedenfalls auf dieser CD nicht viel zu bemerken. Man lauscht ihm gern, aber an seine berühmten Kollegen reicht er (noch) nicht heran. 

Beethoven - Jonathan Biss (Onyx)

„What is it that we talk about when we talk about The Beet- hoven Sonatas? About The Sonata Form?“ Das fragt der Pianist Jonathan Biss in einem Text, der im Beiheft zu dieser CD nachzu- lesen ist. „These questions (..) often occured to me as I prepared to make this disc. Other than their determination to confound every expectation (and, of course, their greatness, and the bloody-mindedness of their author), is there any common thread running trough these works? Together they demonstrate that the form of the sonata – the idea of the sonata – is large and mutable enough to accomodate history’s most restless and relentless musical imagi- nation, over and over again, no matter his mood or his priorities of the moment.“ 
Biss und Beethoven – das ist eine spannende Kombination, zumal der Pianist auch seinen eigenen Kopf hat, man sehe nur seine Webseite. Die Aufnahmen allerdings zeigen, dass trotz aller persönlichen Originalität die konsequente Auseinandersetzung mit Musik zu einem ziemlich konventionellen Ergebnis führen kann. Überraschung! Oder, wie schreibt Biss doch selbst?: „With virtually every piece he wrote, he challenged himself, and us, to hear music anew. When we talk about The Beethoven Sonatas we talk about Everything.“  

Donnerstag, 23. Mai 2013

Bach: Partitas 2 & 4 - Wolfgang Dimetrik (Gramola)

Erneut legt der Ausnahme-Akkordeonist Wolfgang Dimetrik eine Aufnahme mit Werken von Johann Sebastian Bach vor. Nach den Englischen Suiten widmet er sich nunmehr Teil I der Clavir-Übung, speziell den Partiten Nummer 2 und 4 – und, sozusagen als Mittel- und Angelpunkt der CD, obendrein dem Choralvorspiel Wachet auf, ruft uns die Stimme BWV 140.
Zu allen Zeiten sind Werke Bachs für andere Instrumente bearbeitet worden. Bach selbst hat dafür einige Beispiele vorgelegt. Das Akkor- deon freilich existierte zu Bachs Zeiten noch nicht, seine Geschichte begann erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts, vermutlich in Wien. Es war rasch in ganz Europa verbreitet. Doch erst in jüngster Vergan- genheit erhielt das Instrument auch in der "E-Musik" seinen Platz auf dem Konzertpodium.
Wolfgang Dimetrik gehört zu den Pionieren, die den Weg dafür bereitet haben. Er spielt brillant. Und wer nach den Spuren der akkordeonspezifischen Bearbeitung sucht, der muss gut zuhören: Dimetrik spielt Bachs Musik auf „seinem“ Instrument so, dass er möglichst wenig am Original verändert. Es ist kaum zu glauben, aber dem Virtuosen gelingt das ausgezeichnet. Seine Version der Engli- schen Suiten fand ich klanglich nicht so gelungen, aber Bachs Choralvorspiel sowie die gewählten Abschnitte aus Teil I der Clavir-Übung entfalten in seiner Interpretation einen geradezu hypnoti- schen Sog. So hat noch keiner die Partiten gespielt – unbedingt an- hören, es lohnt sich!

Julia Lezhneva - Alleluia (Decca)

Dieses Debütalbum verdankt seine Entstehung einem Zufall: Ein Executive Producer des Labels Decca erlebte die russische Sopranistin Julia Lezhneva in einem Konzert, in dem sie Mozarts Exultate, jubilate gesungen hat. Er war davon sehr angetan, und er- mutigte die Sängerin, die Motette für eine CD einzuspielen.
„I liked the idea of waiting to record opera arias until I had more experience with them on stage“, zitiert das Beiheft die junge Sängerin. Das ist tief gestapelt. Denn Lezhneva hat nach ihrem Stu- dium am Moskauer Konservatorium bereits im Alter von 18 Jahren gemeinsam mit Juan Diego Flórez zur Eröffnung des Rossini-Opern- festivals in Pesaro gesungen. Für ihr Debüt in Brüssel wählte sie die Opernwelt 2011 zum Nachwuchssänger des Jahres. Lezhneva hat in Salzburg gesungen, in London, New York, Berlin, Wien und in Paris. Sie hat mit einer Vielzahl renommierter Orchester gearbeitet, und zahlreiche Preise in Wettbewerben gewonnen. Und sie hat in Meisterkursen bei etlichen berühmten Sängerkollegen gelernt.
Statt Opernarien also hat Lezhneva für ihr Debütalbum In furore iustissimae irae und Saeviat tellus inter rigores ausgewählt, in jeder Hinsicht höchst anspruchsvolle Motetten von Antonio Vivaldi und Georg Friedrich Händel. Komplettiert wird das Programm durch die Weltersteinspielung der Motette In caelo stella clare aus der Feder von Nicola Porpora. Mozarts Exultate, jubilate präsentiert sie strah- lend, taufrisch und von Freude erfüllt. Ihre Höhe ist atemberaubend; in der Tiefe klingt sie eher dunkel, aber dabei erstaunlich kraftvoll. 
Wenn sie allerdings behauptet, sie hätte den Koloraturgesang, den sie auf dieser CD zelebriert, nicht etwa geübt, sondern dieser habe sich ganz natürlich ergeben, so ist das erneut tief gestapelt – solche Triller, Skalen und Staccati singt niemand „ganz natürlich“. Und gerade die russische Gesangsschule steht eigentlich nicht in dem Ruf, reihen- weise Barock-Spezialisten hervorzubringen. Die 23jährige Sängerin aber beeindruckt durch perfekten barocken Ziergesang. Zur Seite steht ihr dabei das Ensemble Il Giardino Armonico unter Giovanni Antonini – erfahrene Spezialisten, die sich gekonnt und mit gehöri- gem Temperament einbringen. Bravi! 

Himmelsklänge (Querstand)

Eine Orgel mit einem wahrlich be- zaubernden Klang stellt Kirchen- musikdirektor Barry Jordan, Kantor und Organist am Magde- burger Dom, auf dieser CD vor. Sie befindet sich in der Pfarrkirche St. Peter und Paul zu Niederndode- leben, einem Dorf westlich von Magdeburg, und ersetzte einst ein älteres Instrument von Heinrich Compenius, das im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden war.
Erbaut wurde die Orgel in den Jahren 1724 bis 1727 - es wird vermutet durch Matthias Hartmann, einen Schüler des berühmten norddeutschen Orgelbauers Arp Schnitger; sicher ist das aber nicht. Johann Georg Hartmann, möglicherweise sein Sohn, erweiterte die Orgel dann 1750/51 um ein zweites Manual. In einem Stimmvertrag aus dem Jahre 1753 ist die Disposition des Instrumentes detailliert beschrieben.
Auf dieser Grundlage wurde die Orgel in den Jahren 2000 bis 2002 durch Jörg Dutschke aus Dambeck restauriert und rekonstruiert. Dabei orientierte sich der Orgelbaumeister zudem an der erhalten gebliebenen Hartmann-Orgel in Stegelitz, 30 Kilometer östlich von Magdeburg. Nach diesem Vorbild schuf er ein viertes Register für das Pedal, es war bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts um ein drittes Register im Pedal ergänzt worden. Dieses wurde bei der Sanierung erhalten.
Jordan hat für dieses Orgelporträt Werke ausgewählt, die den charakteristischen Klang dieser Orgel herausstellen, und ihre Stärken unterstreichen. Dabei beschränkte er sich zudem auf Komponisten aus dem Umkreis Johann Sebastian Bachs. Werke wie die Partite diverse sopra il Chorale Ach, was soll ich Sünder machen BWV 770 von Bach oder die Biblische Sonate III, in der Johann Kuhnau Jacobs Heyrath mit musikalischen Mitteln schildert, zeigen, dass sich dieses Instrument weniger durch Strahlkraft, metallischen Klang und Brillanz als vielmehr durch sanfte, innige Töne auszeichnet. Der Titel Himmelsklänge ist dafür wirklich gut gewählt.

Buxtehude: Cantatas & Sonatas (Accent)

„Cornetti, tromboni et fagotti sont présents dans les manuscrits de D. Buxtehude. Ils interveniennent dans plusiers grands motets et ce, toujours de manière soliste“, re- sümiert William Dongois im Beiheft zu dieser CD. „Pour l’instrumenta- tion, nous avons choisi d’exécuter ce répertoire avec une couleur très ,Allemagne du Nord’, fixée notamment das 11 sonates com- posées par Matthias Weckmann, grand ami de D. Buxtehude: violon, cornet, trombone et basson.“ Dass diese „norddeutsche“ Klangfarbe so spezifisch gar nicht ist, muss Dongois allerdings selbst einräumen, denn auch in anderen Landstrichen findet sich die Kombination aus Violine, Zink, (Barock-)Posaune und Dulcian bzw. Barockfagott. Diese Instrumente wurden typischerweise durch Stadtpfeiffer gespielt. Insofern darf man erwarten, dass sie auch in Lübeck, wo Dieterich Buxtehude als Organist an der Marienkirche wirkte, zu den Abendmusiken erklangen.
Das Ensemble Le Concert Brisé, das von William Dongois geleitet wird, spielte für diese CD aus dem großen, verblüffenderweise aber noch immer nicht umfassend edierten Werk dieses bedeutenden Komponisten eine Auswahl von Sonaten und Kantaten. Die Vokal- werke singt die Sopranistin Dagmar Saskova, eine exzellente Barocksängerin mit schlanker, beweglicher und nahezu vibratofrei geführter Stimme. Zu hören sind zudem Christine Moran, Violine, Stefan Legée, Posaune, William Dongois, Zink, Benjamin Parrot, Theorbe, Carsten Lohff, Cembalo, Hadrien Jourdan, Orgel und Katharina Bäuml am Dulcian. Diese Musiker agieren durchweg versiert und spielfreudig; allerdings hätte mehr Abwechslung in der Instrumentierung ganz sicher auch ein Plus an Klangfarben gebracht. 

Samstag, 18. Mai 2013

Jascha Heifetz - Miniatures 2 (Naxos)

Jascha Heifetz (1900 bis 1987) – eigentlich Jossif Ruwimowitsch Heifetz – stammte aus Vilnius. Sein Vater Rubin gab ihm ersten Geigenunterricht, als er drei Jahre alt war. Drei Jahre später spielte das Wunderkind bereits das Violinkonzert von Mendelssohn Bartholdy. 1910 nahm Leopold Auer den Jungen in seine Meisterklasse am Konservatorium St. Petersburg auf.
1912 sprang Heifetz während einer Reise nach Berlin für Pablo Casals ein, und spielte das Tschaikowski-Violinkonzert mit den Berliner Philharmonikern unter Arthur Nikisch. Der lud den jungen Musiker dann ein, ein weiteres Konzert in Leipzig zu geben. Weitere Konzert- reisen folgten; so wurde der Virtuose bald auch in Wien gefeiert. Doch seine Zukunft sah er nicht in Europa: 1917 ging Heifetz nach Amerika; 1925 wurde er eingebürgert.
Heifetz spielte etwa 200 Konzerte im Jahr. Seine Reisen führten ihn bis nach Australien, und bald galt er weltweit als der beste Geiger. Für ein deutsches Publikum allerdings musizierte er nach 1933 niemals mehr.
Heifetz hat nahezu alle Konzerte der Klassik und Spätromantik sowie viele Werke seiner Zeitgenossen eingespielt. Auch die Kammermusik hat er gern gepflegt; er spielte beispielsweise Klaviertrios mit Arthur Rubinstein und Emanuel Feuermann, später Gregor Piatigorsky – diese hochkarätige Besetzung erhielt bald den Spitznamen „Million Dollar Trio“.
Nahezu seine gesamte Laufbahn ist anhand von Film- und Tonaufzeich- nungen nachzuvollziehen. Das gilt auch für die Jahre nach 1943, wo Heifetz für die United Services Organisation vor Soldaten musizierte – in den Camps der Truppen, aber auch an der Front. Der Geiger stellte bald fest, dass er für diese Konzerte ein spezielles Programm benötigte. Aus seinem großen Repertoire an Miniaturen, für solche Anlässe perfekt geeignet, spielte er auch etliche Werke für die Schallplatte ein. Solche Aufnahmen aus den Jahren 1944 bis 1948 sind auf dieser CD dokumentiert. Heifetz musiziert hier gemeinsam mit den Pianisten Milton Kaye und Emanual Bay sowie mit dem Bell Telephone Hour Orchestra unter Donald Voorhees.
Getreu seinem Ausspruch, es gebe nur gute Musik und schlechte Musik – mit diesem Argument spielte er 1953 in Israel Musik von Richard Strauss, und brach damit ein Tabu – hat Heifetz für diese Aufnahmen viel „gute“ Musik ausgesucht und zum Teil auch selbst arrangiert. Die Stücke reichen von Brahms’ bis zu Prokofjew und von Gluck bis zu Godowsky, von Schubert bis Ravel und von Rossini bis zu Schostakowitsch.

Mittwoch, 15. Mai 2013

Wie mit vollen Chören (Rondeau)

Wie am preußischen Hof musiziert wurde, das ist bekannt. Doch welche Musik haben die Bürger gehört, beispielsweise in den Kirchen der Doppelstadt Berlin-Cölln? Das wollte der Verein "Musik aus Berlins historischer Mitte" er- kunden, und hat in Archiven nach Werken jener Musiker gesucht, die im 16. und 17. Jahrhundert an den drei Stadtpfarrkirchen St. Nikolai, St. Marien und St. Petri gewirkt haben. 
Was dort gefunden wurde, das ist in dem Buch "Wie mit vollen Chören - 500 Jahre Kirchenmusik in Berlins historischer Mitte" nachzulesen, herausgegeben von Ingeborg Allihn und Wilhelm Poeschel. Und wie die Musik geklungen hat, das zeigen nun das Marienvokalconsort und das Marienensemble auf dieser CD. 
Die Sänger und Musiker gehören zum Umfeld der Marienkantorei Berlin. So besteht das Marienensemble aus Berufsmusikern, die projektbezogen mit den Chören der Marienkantorei zusammen- arbeiten. Das Marienvokalconsort ist ein Doppelquartett von versierten Sängern, gegründet 2011 von Marienkantorin Marie-Louise Schneider. Für die CD-Aufnahme wurde es allerdings kräftig aufgestockt und durch eine umfangreiche Solistenriege ergänzt. 
Das macht auch Sinn, denn die meisten dieser Werke verlangen sehr geübte Stimmen und eine gewisse klangliche Wucht. Der erste in der Riege der Kantoren, die hier vorgestellt werden, ist Leonhard Camerer. Er stammte aus Bayern, und wurde in Berlin-Cölln 1582/83 als Cantor superior an St. Nikolai angestellt. Er starb 1584. Seine Werke stehen in Sammlungen neben denen von Hans Leo Hassler oder Orlando di Lasso. Hört man seine Motette Decantabat populus Israel, dann ist das durchaus zu verstehen. 
Johann Crüger (1598 bis 1662) ist in der Kirchenmusik eine Berühmt- heit; er war der erste, der Gedichte Paul Gerhardts vertont hat. Er wurde 1622 Kantor an St. Nikolai und zugleich Lehrer am Gymnasium zum Grauen Kloster. In diesen Ämtern folgte ihm 1662 Johann Georg Ebeling (1637 bis 1676). Er stammte aus Lüneburg, und war ein Schüler von Matthias Weckmann. Im Kirchenstreit - Kurfürst Johann Sigismund war 1615 zum Calvinismus konvertiert, Bürgerschaft und Geistlichkeit wollten Lutheraner bleiben - unterstützte er Paul Ger- hardt, der Diakon an der Nikolaikirche war und 1666 vom Kurfürsten entlassen wurde. Als Gerhardt 1668 nach Lübben ging, zog Ebeling als Lehrer nach Stettin. 
Magnus Peter Henningsen (1655 bis 1702) wurde 1688 Kantor an der Marienkirche. Und Philipp Westphal, gestorben 1702, wirkte an 1667 als Kantor an St. Petri sowie als Lehrer am Cöllnischen Gymnasium, wo er auch die Kurrende leitete. Die Werke all dieser Kantoren, die für diese CD ausgewählt wurden, sind durchweg beeindruckend, die Interpretationen sind es auch. Der Hörer wird sich dem Urteil des Musikforschers Curt Sachs (1881 bis 1959) anschließen, der 1908 schrieb: "Es muss eine musikalisch hohe Zeit damals in Berlin gewesen sein, als an der ersten Pfarrkirche drei Männer vom Range Crügers, Gerhardts und Hintzes  zusammenwirkten. Nie wieder in glücklicheren Zeiten hat die Sonne der Berliner Musikkultur so hell gestrahlt, wie an dem Morgen, da sie aus der Nacht des Dreißig- jährigen Krieges aufging." Bedenkt man, welche großartigen Musiker auch in späteren Jahrhunderten in Berlin wirkten, dann wird erst deutlich, wie hoch Sachs das Schaffen dieser "Gründerväter" der Berliner Chorkultur schätzte. 

The Virtuoso Recorder (cpo)

"Was haben die Komponisten des deutschen Spätbarock Johann Friedrich Fasch, Christoph Graup- ner, Johann Christian Schickhardt, Johann Christian Schultze und Johann Adolf Scheibe gemein- sam?", fragt Michael Schneider im Beiheft zu dieser CD - und gibt auch gleich selbst die Antwort: "Sie haben allesamt mindestens ein Concerto für Altblockflöte hinter- lassen!" 
Das ist keineswegs selbstverständ- lich, denn zu ihren Lebzeiten war die Blockflöte bereits gründlich aus der Mode, verdrängt von der Traversflöte, so dass sie über 200 Jahre lang gänzlich aus dem Konzertleben verschwand. Doch warum und für wen diese Werke damals komponiert wurden, das lässt sich nur in Ausnahmefällen heute noch herausfinden. 
Ein solcher Ausnahmefall ist das Concerto von Johann Friedrich Fasch, das erst kürzlich wiederentdeckt worden ist und hier in Welt- ersteinspielung erklingt. Es stammt aus der Sammlung des Grafen Aloys Thomas Raimund Harrach, die sich heute zum Teil in der Public Library New York befindet. Harrach war nicht nur Gesandter des Kaisers Karl VI. in Dresden und zeitweise auch Vizekönig von Neapel, er scheint auch eine Vorliebe für die "altmodische" Blockflöte gepflegt zu haben. Denn er ließ beispielsweise in Neapel Werke für dieses Instrument von den größten Komponisten schreiben, die die Region seinerzeit zu bieten hatte, wie Johann Adolf Hasse, Leonardo Leo oder Nicola Fiorenza. Es wird vermutet, dass er Fasch persönlich begegnet ist, und das Konzert bei dem Komponisten in Auftrag gegeben hat. 
Sollte er dieses Werk selbst gespielt haben, dann muss er das Instrument brillant beherrscht haben. Denn das Fasch-Konzert ist eine Herausforderung selbst für Blockflötenvirtuosen. Michael Schneider zeigt, dass die Altblockflöte ein ernstzunehmendes Kon- zertinstrument ist, mit enormen und erstaunlichen Ausdrucksmög- lichkeiten. Er gehört ohne Zweifel zu den derzeit weltweit führenden Blockflötisten. Den Solopart der barocken Konzerte, zu denen auch noch eines von Mattheus Nikolaus Stulick gehört, meistert er locker, beweglich und lebendig. Er lässt die Flöte singen, wo sie singen soll - und jagt durch die virtuosen Passagen, dass dem Zuhörer schier die Luft wegbleibt. 
Begleitet wird der Virtuose von seinem Ensemble Cappella Academi- ca Frankfurt. Die Musiker überzeugen mit ihrem sensiblen, inspirier- ten kammermusikalischen Spiel und einem transparenten Klangbild - ein perfekter Rahmen, der die Blockflöte umso besser in Szene setzt. Bravi!

Dienstag, 14. Mai 2013

Handel: Giove in Argo (Virgin Classics)

Man möchte meinen, dass das Werk von Georg Friedrich Händel mittlerweile veröffentlicht ist. Doch das ist ganz offensichtlich noch immer nicht der Fall. Die Noten zu seiner Oper Giove in Argo beispielsweise galten lange als verschollen; die Original- partitur war nicht überliefert, bekannt waren nur das gedruckte Libretto und einige Manuskript- fragmente. Es fehlten nahezu komplett die Secco-Rezitative für den zweiten und dritten Akt, und auch zwei Arien waren nicht aufzufinden - bis sie John H. Roberts im Jahre 2000 schließlich in Cambridge entdeckte. Damit war der Weg frei für die Rekonstruktion der Oper; eine wissenschaftliche Edition wird demnächst als Bestandteil der Hallischen Händel-Ausgabe erscheinen. 
"We should not expect Handel's Giove in Argo to conform to some modern ideal of musical drama, perfectly developed and peopled with subtle and distinctive characters. It was never intended to", schreibt Roberts in dem sehr informativen Beiheft. "Rather, it was conceived as a brilliant theatrical entertainment, and Handel filled it with arias an choruses of proven appeal, augmented by a goodly quantity of new music, as expressive and finely wrought as in his more fully original works. If it failed to please in May 1739, that was the result of a patchy cast and an audience increasingly indifferent to what Handel had to offer." 
Giove in Argo wurde 1739 nur zweimal aufgeführt. Das Missfallen des Publikums könnte freilich auch die Handlung erregt haben: Die Liebeshändel des Jupiter, der sich in die irdische Politik einmischt, um gleich zwei junge Damen zu vernaschen, sind zwar amüsant - aber für das Londoner Opernpublikum war das Sujet vielleicht doch zu gewagt. Am Hofe Augusts des Starken in Dresden, wo das Libretto von Antonio Maria Lucchini durch Antonio Lotti vertont worden war, war sie anlässlich der Vermählung des Kurprinzen aufgeführt worden. Dort nahm niemand Anstoß an den Verstrickungen des liebestollen Herrschers über die Götter - andere Länder, andere Sitten. 
Die Handlung aber ist in der Tat verwirrend. Denn die Helden dieser Oper sind zumeist inkognito unterwegs. Die Heldinnen sind Isis, die Tochter des Königs Inachus, und Calisto, die Tochter des Königs Lycaon. Er hat Inachus ermordet, um dessen Reich an sich zu bringen - und dafür hat ihm Isis Rache geschworen. Doch Lyacon ist selbst von Rebellen vertrieben worden, und irrt im Wald umher. Dort sucht ihn Calisto. Dabei begegnet sie Osiris, der wiederum seine geliebte Isis sucht - und sich als Hirte verkleidet hat. Als Hirte getarnt hat sich allerdings auch Jupiter an die beiden jungen Damen herangemacht, und versucht mit allerlei Intrigen, ihre Tugend zu bezwingen. Man kann sich vorstellen, welches Durcheinander er damit verursacht - zumal Calisto mittlerweile dem Gefolge Dianas angehört. Und die jungfräuliche Göttin schätzt es überhaupt nicht, wenn ihr Personal durch Affären abgelenkt ist. 
Händel-Experte Alan Curtis hat Giove in Argo wieder zum Klingen gebracht; bei Virgin Classics ist nun die Weltersteinspielung erschienen. Und dieser lauscht man gern - kein Wunder, denn es singt ein brillantes Solistenensemble: Ann Hallenberg als Isis, Karina Gauvin als Calisto, Theodora Baka als Diana, Anicio Zorzi Giustiniani als Jupiter, Vito Priante als Osiris und Johannes Weisser als Lycaon, das ist eine beeindruckende Besetzung mit reicher Barockmusik-Erfahrung. Die Sänger musizieren gemeinsam mit Curtis' Orchester Il Complesso Barocco, das sie stilsicher und temperamentvoll begleitet. Die Aufnahme ist von Anfang bis Ende gelungen - unbedingte Empfehlung! 

Montag, 13. Mai 2013

Clementi: Gradus ad Parnassum (Naxos)

Muzio Clementi (1752 bis 1832) war als Cembalist, Dirigent und Komponist ebenso erfolgreich wie als Geschäftsmann. Auf seinen Konzertreisen durch Europa be- gegnete er zahlreichen Kollegen - und bald schon veröffentlichten berühmte Komponisten in seinem Musikverlag. So erschienen Beet- hovens Werke für Großbritannien bei Clementi.
Das wird nicht verblüffen, denn die Klaviersonaten des Engländers, der aus Italien stammte, beein- druckten Ludwig van Beethoven sehr, und prägten für etliche Jahre seinen Klaviersatz hörbar. Clementi bildete zudem zahlreiche Klavierschüler aus; seine Klavierschule Introduction to the Art of Playing on the Piano Forte gehört noch heute zu den Standard-Unterrichtswerken. Auch seine Etüdensammlung Gradus ad Parnassum op. 44 hat noch immer ihren Platz in der Ausbildung von Pianisten.
Auf ingesamt vier CD hat Alessandro Marangoni für Naxos diese hundert Stücke eingespielt. Die Aufnahmen zeigen, dass Gradus ad Parnassum einem Musiker deutlich mehr bietet als einen Weg, die pianistische Technik zu perfektionieren. Fingerakrobatik allein war nicht das Ziel der Kompositionen Clementis; wer sie stur zu Trainingszwecken gebraucht, der hat diese Musik nicht verstanden.
Es sind Miniaturen voll Charme und Witz. Marangoni demonstriert, wie geistreich Clementi seine Übungsstücke gestaltet hat. Man kann diese Etüden tatsächlich auch mit Gewinn anhören - und wird mit- unter schmunzeln.

Freitag, 10. Mai 2013

Zelenka: The Capriccios (Sono Luminus)

Als der sächsische Kronprinz Friedrich August II. nach Wien auszog, um dort um die Hand der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich anzuhalten, begleiteten ihn auch etliche Musiker. Unter ihnen war Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745), der während des Aufenthaltes in Wien - er dauerte immerhin vom Oktober 1717 bis zum März 1719 - auch durch den kaiserlichen Kapellmeister Johann Joseph Fux unterrichtet wurde. 
Die Abrechnungen jener Reise zeigen, dass der Kronprinz standesgemäß Hof hielt, so wie es von ihm erwartet wurde. Und seine Musiker spielten ihm auf - auch zu Parfor- cejagden, einem beliebten Vergnügen des Adels. Eigens dafür kom- ponierte Zelenka offenbar seine Capricci - höfische Unterhaltungs- musik, die sich durch anspruchsvolle Partien für Horn auszeichnet. 
Man darf darüber spekulieren, ob dies wirklich das Waldhorn meint, das Cor de chasse, wie es am Hof in Versaille gespielt wurde - oder aber das Corno da caccia. Dieses Instrument war am sächsischen Hof sehr beliebt, und wurde dort virtuos geblasen. In jedem Falle müssen es exzellente Solisten gewesen sein, die diese extrem schwierigen Partien gespielt haben. Unter den Musikern, die mit dem Kronprinzen nach Wien gereist waren, befanden sich mit Tobias Butz und Johannes Josef Götzel allerdings zwei herausragende Hornisten aus Böhmen. Ihre Kunst wird man in Wien sehr bewundert haben. 
Das Ensemble The Bach Sinfonia, geleitet von Daniel Abraham, hat Zelenkas Werke nun erstmals so vorgestellt, wie sie damals in Wien vermutlich gespielt worden sind - mit Naturhörnern. R. J. Kelley und Alexandra Cook bewältigen diese Herausforderung bewundernswert. Und die klangschönen Stücke lohnen die Wiederentdeckung. 


Donnerstag, 9. Mai 2013

Zelenka: Gaude laetare / Missa Sanctissima Trinitatis (Nibiru)

Die fünf späten Messen von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) sind rätselhafte Werke. Das beginnt schon mit dem Titel - die Missa Sanctissimae Trinitatis ist nicht etwa für das Trinitatisfest be- stimmt, sondern der Heiligen Dreifaltigkeit gewidmet; Zelenka schrieb zudem noch weitere Messen Dei Patris, Dei Filii und, als seine letzte Messe, die Missa Omnium Sanctorum
Diese Messen scheren sich weder in der Besetzung noch in der Länge um höfische Konventionen. Es fehlt der Glanz der Blechbläser, der repräsentative Auftritt, den man vom Hof Augusts des Starken und seines Sohnes erwartet. Und obendrein waren diese Werke deutlich zu lang, sie erscheinen trotz der geradezu kammermusikalisch anmutenden Besetzung außer- ordentlich umfangreich. 
Die fünf späten Messen, entstanden zwischen 1736 und 1741, ent- halten prachtvolle konzertante Chorsätze und beeindruckende Chorfugen ebenso wie kunstvolle Arien und solistische Ensembles. Die Prager Barocksolisten und das Ensemble Inégal haben die Missa Sanctissimae Trinitatis unter Adam Viktora bei Nibiru eingespielt. Als Solisten singen Gabriela Eibenová, Sopran, Carlos Mena, Alto, Makoto Sakurada und Václav Cízek, Tenor, Roman Hoza, Bariton und Lisandro Abadie sowie Marián Krejcík, Bass. Das Ensemble ist rund- um grandios, und die Aufnahmen sind wirklich hörenswert. 
Die CD enthält ein weiteres Stück des Komponisten, die Motette Gauda, laetare. Sie wurde, wie Quellenforschungen ergaben, wahr- scheinlich zu Trinitatis 1731 im Vespergottesdienst erstmals auf- geführt. Es ist ein heiteres Werk, und man kann Zelenka hier geradezu opernhaft galant erleben - was sich über seine Kompositionen nicht eben oft sagen lässt. 

Sonntag, 5. Mai 2013

Bach: h moll Messe (Tahra)

Mit dieser Doppel-CD macht Tahra eine alte Stereo-Aufnahme aus dem Jahre 1959 wieder zugänglich: Hermann Scherchen hat mit dem Orchester der Wiener Staatsoper und dem Wiener Akademie-Kammerchor Bach h-Moll-Messe eingespielt. Diese musikalische Antiquität ist insofern interessant, als Scherchen sich um romantische Konventionen wenig schert, und sich statt dessen tiefgründig in Bachs Notentext versenkt hat. Das Ergebnis klingt ungewohnt, aber unbestreitbar intensiv und ausdrucksvoll. Allerdings fordern einige Solisten mit ihrer Stimmkultur und ihrem Timbre vom Zuhörer eine gewisse Leidensfähigkeit. 


Hasse reloaded - Valer Barna-Sabadus (Oehms Classics)

Mit dieser CD tritt Countertenor Valer Barna-Sabadus gegen das Kritikerurteil an, die höfische Musik des 18. Jahrhunderts sei gekünstelt und verstaubt. "Mit Johann Adolph Hasse habe ich einen noch zu Lebzeiten hoch- verehrten Komponisten gewählt, der heutzutage allerdings zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist", schreibt der junge Sänger im Beiheft. "Seine Musik wieder zu entdecken, reizte mich vor allem wegen der spannungsreichen Verbindung von Händelscher Dramatik und der instrumentalen Virtuosität eines Vivaldi."
So wirkte Barna-Sabadus bei der Wiederentdeckung von Hasses Oper Didone abbandonata am Münchner Prinzregententheater mit. Aus dieser Produktion, die hier im Blog bereits vorgestellt wurde, ging auch sein Debüt-Album hervor. Darauf sind noch einmal die ebenso virtuosen wie ausdrucksstarken Arien, die Hasse für die Figur des Iarba (und für Venturo Rocchetti, erster Soprankastrat der Dresdner Hofoper) komponiert hat, zu hören. Zusätzlich singt der Countertenor die Solokantate La Gelosia, die Hasse 1762 für den Wiener Hof ge- schrieben hat, sowie eine Einlage-Arie, verfasst von Porpora 1734 in London für ein Pasticcio zu Hasses Oper Artaserse. Gesungen hat diese "Koffer-Arie" damals der berühmte Farinelli. 
Valer Barna-Sabadus überzeugt durch seinen frische, bewegliche und gut geführte Stimme, die durch eine fundierte Tiefe, vor allem aber durch eine unglaubliche Höhe begeistert. Der Sänger wird einmal mehr versiert von der Hofkapelle München unter Michael Hofstetter begleitet. 

Samstag, 4. Mai 2013

Telemannisches Gesangbuch (Carus)

"Mit Chorälen wuchs ich in mei- nem Elternhaus auf", berichtet Thomas Fritzsch im Beiheft zu dieser CD. "Viele Liedtexte haben sich meinem Gedächtnis einge- prägt. Häufig Grund zur Freude und Zuversicht, haben sie ebenso als Trost und Halt in traurigen Stunden meine Seele vor dem Verstummen bewahrt. Die Liebe zu den Chorälen, die meine Eltern mir ins Herz pflanzten, rechne ich ihnen  in tiefer Dankbarkeit zu." 
Durch eine zufällige Begegnung am Rande eines Konzertes wurde der Cellist und Gambist auf das Fast allgemeine Evangelisch-Musicalische Lieder-Buch aufmerksam, das Georg Philipp Telemann 1730 in Hamburg veröffentlicht hat. Darin hat Telemann sehr viele bekannte Choräle zusammengetragen, wie Ein feste Burg, Nun danket alle Gott oder Befiehl du deine Wege. Sein erklärtes Ziel war es, ein im ganzen deutschen Sprachraum verwend- bares Gesangbuch zu schaffen. Dazu stellte er vielfach die ursprüng- lichen Weisen der alten Gesänge wieder her, und versah die Choral- melodien zudem mit einem bezifferten Bass nebst Anleitung zum Generalbass-Spiel und zum Schreiben von vierstimmigen Chorsätzen. 
Außerdem wählte Telemann Tonarten, die bequem zu singen sind, und zwar sowohl im Chor- als auch im Kammerton - auf der CD ist zu hören, was es bedeutet, wenn die Orgel im Chorton mit 465 Hertz gestimmt ist, und ein Cembalo im Kammerton bei 415 Hertz. Das war für den Gebrauch eines solchen Gesangbuches aber wichtig, weil danach nicht nur in der Kirche zur Orgel gesungen wurde, sondern auch daheim in der häuslichen Andacht. 
Und weil Fritzsch vom Telemannischen Gesangbuch so fasziniert war, hat er sich Mitstreiter gesucht und 30 der mehr als 2000 Lieder aus diesem Sammelband für Carus eingespielt. Es ist kaum zu glauben, aber dieser musikalische Schatz war bislang nicht auf Tonträger zu- gänglich. Bei dieser CD handelt es sich verblüffenderweise um eine Weltersteinspielung. 
Klaus Mertens setzt ganz auf das Wort. So gelingt ihm eine eindrück- liche, ausdrucksstarke Interpretation. Der Bassbariton wird begleitet von Thomas Fritzsch an Viola da gamba, Violoncello und Basse de Violon, Stefan Maass, Laute, und Michael Schönheit an Orgel und Cembalo. Einige Choräle singt Mertens gemeinsam mit dem Stutt- garter Knabensopran Vincent Frisch. In dem Kontrast wird zugleich hörbar, dass es nichts schwierigeres gibt, als ein scheinbar banales Strophenlied solide zu singen und zu gestalten. Wer den Knaben neben dem erfahrenen Sänger erlebt hat, der ahnt, wie groß diese Kunst ist. 

Virtuoso Violin Works (Genuin)

Elina Rubio Pentcheva, die Solistin dieser CD, Jahrgang 1996, erhielt schon als Kleinkind ersten Violin- unterricht bei ihrer Mutter Tania Pentcheva Boneva. Später war Roberto Valdés ihr Lehrer. 
Bereits mit neun Jahren gewann sie den Violinwettbewerb San Andreu de la Barca in Barcelona. Viele weitere Siege und Platzierungen folgten. Seit 2010 studiert Elina Rubio als jüngste Studentin Sachsens an der Musikhochschule in Dresden bei Professor Igor Mali- nowsky. Mittlerweile hat sie zudem in vielen Konzerten Erfahrung erworben.
Für ihre Debüt-CD bei Genuin hat die junge Musikerin Virtuosen- literatur ausgewählt und gemeinsam mit dem Pianisten Graham Jackson eingespielt. Die Aufnahmen erweisen sich als eine Galerie der Höchstschwierigkeiten, von Paganini bis Sarasate, von Pancho Vladi- guerov bis zu Nikolai Rimski-Korsakow und von Fritz Kreisler über Eugène Ysaye bis zu Heinrich Wilhelm Ernst. Allerdings vermisst der Hörer über all den technischen Finessen eine Prise Raffinesse, Aus- druck und Charakter. Fingerfertigkeit allein bereitet wenig Hörver- gnügen. 

Handel: Saul (Coro)

In diesem Oratorium, uraufgeführt 1739, erzählt Georg Friedrich Händel die Geschichte von Saul und David. Das Libretto von Charles Jennens beginnt damit, dass der Hirte David mit dem Kopf des erschlagenen Riesen zum König gebracht wird. Wer die Bibel gelesen hat, der weiß, dass Saul leider wenig beständig ist, und David schon bald nach dem Leben trachtet, auch wenn dieser noch so schön singt. Letztendlich stirbt Saul, und David, der inzwischen mit dessen Tochter Michal verheiratet ist, wird König. 
Wer dieses Oratorium auf die Bühne bringen möchte, der benötigt eine große Schar herausragender Solisten. Die Geschichte ist umfangreich, und sie wird durch eine größere Anzahl handelnder Personen betragen und vom Chor kommentiert. Händel muss damals ein exzellentes Ensemble zur Verfügung gestanden haben. Denn alle Solopartien sind fein gezeichnet, und stellen offenbar auch die Stärken dieser Sänger heraus. 
Harry Christophers hat Saul 2012 mit seinem Ensemble The Sixteen und einer leistungsfähigen Sängerriege aufgeführt. Zu hören sind insbesondere Christopher Purves als Saul, die herausragende Sarah Connolly als David, Rubert Murray als Sauls Sohn Jonathan und Elizabeth Atherton sowie Joélle Harvey als seine Töchter Merab und Michal. Auch die kleineren Partien sowie Chor und Orchester fügen sich sehr hörenswert mit ein; die Aufnahme kann daher wirklich empfohlen werden. 

Chopin: Piano Concertos No. 1 No. 2 (MDG)

Zwei Klavierkonzerte schrieb sich der junge Frédéric Chopin nach dem Abschluss seiner Ausbildung am Warschauer Konservatorium. Das war damals nicht unüblich; auch andere Klaviervirtuosen wie etwa Franz Liszt oder Friedrich Kalkbrenner komponierten sich zumindest einen Teil der Bravour- stücke, mit denen sie durch Europa reisten, selbst.
Für den Orchesterpart aber scheint sich Chopin nicht wirklich interes- siert zu haben. Im Beiheft zu dieser CD wird darauf verwiesen, dass eine Orchesterfassung von der Hand des Komponisten nicht vorliegt. In dem vorhandenen Manuskript ist lediglich der Solopart notiert; dort, wo der Solist schweigt, und dem- nach das Orchester spielen müsste, sind die betreffenden Passagen in die Klavierstimme des Solisten eingefügt. Er könnte also seine eigene Begleitung übernehmen - überraschen würde das nicht, denn musiziert wurde zu Chopins Zeiten mit der Besetzung, die gerade vorhanden war.
In den Salons, wo Chopin häufig aufgetreten ist, war ohnehin kein Platz für ein Orchester. Sollte er also dort seine Klavierkonzerte gespielt haben, dann ganz sicher nur mit einer Handvoll Streicher. Wie das geklungen haben könnte, rekonstruiert der Pianist Gianluca Luisi gemeinsam mit dem Ensemble Concertant Frankfurt auf der vorliegenden CD. 
Die Musiker haben die deutschen Erstausgaben der beiden Klavier- konzerte herausgesucht - in der Fassung mit Streichquintett-Be- gleitung. Luisi spielt zudem auf einem Steinway-Konzertflügel aus dem Jahre 1901. Dieses Instrument klingt zwar brillant, aber nicht ganz so metallisch-dominant wie die heute standardmäßig verwen- deten Konzertflügel. In der Summe ergibt sich so ein transparentes Klangbild, und  der Pianist erhält alle Möglichkeiten, sein Instrument virtuos zu präsentieren, ohne dabei laut werden zu müssen. Die fünf Streicher wiederum können auf den Solisten wesentlich flexibler reagieren als ein Orchester. 
Das Ergebnis bezaubert, denn Luisi gelingt gemeinsam mit Peter Agoston, Klaus Schwamm, Wolfgang Tluck, Ulrich Horn und Timm Johannes Trappe eine ebenso intime wie intensive Interpretation. In dieser Einspielung wird vieles hörbar, was durch die Orchester- begleitung sonst nur zu gern verdeckt wird. Es gibt sehr viele Aufnahmen der Chopin-Klavierkonzerte - aber diese hier ist ohne Zweifel eine der schönsten. 

Freitag, 3. Mai 2013

Duo - Trio - Quartett (Cavi-Music)

Eigentlich müsste diese CD "Trio - Duo - Quartett" heißen. Bei diesen Aufnahmen handelt es sich um Mitschnitte von einem ungewöhn- lichen Festival an einem ebenso außergewöhnlichen Ort: "Spannun- gen: Musik im Kraftwerk Heim- bach" findet seit 1998 alljährlich im Juni in einem Wasserkraftwerk statt.
Dabei handelt es sich um ein architektonisch wie technisch überaus beeindruckendes Gebäude, 1904 im Jugendstil errichtet - eine Kathedrale des Fortschrittes in der Eifel, idyllisch gelegen am Ufer eines Stausees. Dort wird zwischen den großen Turbinen die Bühne aufgebaut, auf der dann die Musiker agieren. Und wer diese Mitschnitte aus dem Jahre 2011 angehört hat, der wird bestätigen, dass auch das Motto für diese "Bürgerinitiative für Kammermusik" treffend gewählt ist. 
Zu hören sind Veronika Eberle, Violine, Marie-Elisabeth Hecker, Violoncello, und Martin Helmchen, Klavier, mit einer ebenso kraft- wie geistvollen Interpretation des Klaviertrios B-Dur von Joseph Haydn. Insbesondere Helmchen bezaubert mit seinem eleganten Klavierpart. 
Tanja Tetzlaff und Alois Posch spielen ein Duo für Violoncello und Kontrabass von Gioachino Rossini. Der Komponist hatte es einst für den Kontrabass-Virtuosen Domenico Dragonetti (1763 bis 1841) und dessen Partner, den Cellisten Robert Lindley, geschaffen. So vereint das Werk hohe Ansprüche an die Virtuosität der beiden Solisten und unerwartet dramatische Passagen - ein Salonstück ist das jedenfalls nicht. 
Antje Weithaas und Christian Tetzlaff, Violine, Rachel Roberts, Viola, und Tanja Tetzlaff, Violoncello, sind abschließend mit einer berük- kend intensiven Einspielung von Franz Schubers Streichquartett Der Tod und das Mädchen zu erleben. Diese Mitschnitte zeugen durchweg vom exzellenten musikalischen Niveau des Festivals - und wer die Chance dazu hat, der sollte die Konzerte dort unbedingt besuchen. Es lohnt sich! 

Vieuxtemps: Violin Concertos Nos. 4 & 5 (Dynamic)

"Une magnifique symphonie avec violon principal", nannte Hector Berlioz das vierte Violinkonzert von Henri Vieuxtemps (1820 bis 1881). Der belgische Violinvirtu- ose verknüpfte in seinen Werken das Musikverständnis der deut- schen Romantik mit dem brillanten Konzertieren nach italienischer und französischer Tradition. In seinem vierten Konzert, entstan- den 1849/50 in St. Petersburg, wird dies bereits sehr deutlich. Das fünfte Konzert wurde 1862 in Paris uraufgeführt. Insgesamt hat Vieuxtemps sieben Violinkonzerte geschrieben, doch nur diese beiden sind auch heute noch häufiger im Konzert zu hören. 
Massimo Quarta hat sie für Dynamic gemeinsam mit dem Orchestra Haydn di Bolzano e Trento eingespielt. Der Geiger, der 1991 als erster Italiener seit Savatore Accardo den Internationalen Violinwettbe- werb "Niccolò Paganini" in Genua gewonnen hat, begeistert mit einer durch und durch romantischen Werkauffassung und wundervollem Ton. Quarta spielt die Conte de Fontana, die einst David Oistrach gehörte, angefertigt von Antonio Stradivari 1702.