Sonntag, 31. März 2013

Schein: Fontana d'Israel (Editions Hortus)

"Ce second volet de 'Israels Brünnlein' compléte le premier disque de Sagittarius consacré
à ce musicien où figurent déjà
12 motets de ce recueil"
, berichtet Michel Laplénie, der Leiter des Vokalensembles. Mit der zweiten CD, die 17 Motetten enthält, hat Sagittarius dieses bedeutende Werk von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630) nunmehr zur Gesamtaufnahme komplettiert.

Über den Lebensweg des Kompo- nisten sowie die berühmte Sammlung zumeist fünfstimmiger Vokal- werke wurde in diesem Blog bereits geschrieben - es ist doch sehr erstaunlich, dass Israels Brünnlein, von dem Thomaskantor eher für das häusliche Musizieren und die Hausandacht geschrieben, in jüngster Vergangenheit durch etliche Chöre wiederentdeckt wurde. Nun hat also auch das französische Ensemble Sagittarius eine Ein- spielung vorgelegt. 
"Pour cet enregistrement, nous avons gardé l'idée d'utiliser le plus possible les ressources de l'orgue Rémy Malher de Saint-Étienne de Baigorry. La partie de basse continue a pu ainsi etre enrichie par les registrations  que Jean Miguel Aristizabal a réalisées sur ce bel instrument d'esthétique allemande, les sonorités de l'orgue venant souligner telle ou telle idée ou affect du texte chante", erläutert Laplénie. "Pour le continuo, j'ai renoncé au basson, mais utilisé comme précédemment la viole de gambe et le theorbe." 
Die Aufgabe des Organisten war keine einfache, denn die Sänger und Mitmusiker befanden sich bei der Aufnahme nicht etwa bei ihm auf der Orgelempore, sondern parterre in Kirchenraum. Es ist erstaun- lich, wie ausgewogen das Continuo - zu hören sind auf dieser CD Jean Miguel Aristizabal an der Orgel, Marc Wolff an der Laute und Julia Griffin an der Bass-Gambe - dennoch musiziert. 
Dynamisch ergibt sich dabei allerdings, trotz der unterschiedlichen Registrierung der Orgel, wenig Differenzierung. Anders als bei der ersten CD, die durch die Opella Nova sowie durch wechselnde Instrumentalbesetzungen klangliche Abwechslung bietet, bleibt der Klang hier ziemlich konstant und homogen. Das kann auf Dauer schon etwas anstrengend werden - andere Ensembles haben dies besser hinbekommen, und daher wird diese Aufnahme nicht unter meine persönlichen Favoriten aufrücken. 

de Lassus: St. Matthew Passion / Ave verum corpus (Somm)

Orlando di Lasso (1532 bis 1594) lernte bis zu seinem 13. Lebensjahr als Chorknabe an einer Kirche in Mons in den Niederlanden. 
1544 trat er in die Dienste des Vizekönigs von Sizilien. Damit erhielt er Gelegenheit, Italien kennenzulernen. Als er in den Stimmbruch kam, und seine Anstellung bei den Gonzaga in Palermo endete, hatte er sich mit Kompositionen bereits einen Namen gemacht. So konnte der junge Musiker nach Neapel wechseln, wo er nicht nur das gesellschaftliche Leben, sondern auch die Ideale des Humanismus schätzen lernte.
1551 ging Orlando di Lasso nach Rom, wo er als Kapellmeister am Lateran wirkte. Als er 1554  die Nachricht erhielt, dass seine Eltern ernstlich erkrankt sind, kündigte er und kehrte nach Mons zurück. Nach Reisen durch England und Frankreich ließ sich der Musiker schließlich in Antwerpen nieder, wo er Musikunterricht erteilte und komponierte. Seine Werke ließ er in Antwerpen und Venedig drucken. 
So wurde Albrecht V. von Bayern auf Orlando di Lasso aufmerksam - und konnte ihn schließlich 1557 für seinen Hof in München gewinnen. 1563 wurde Orlando dort Hofkapellmeister, 1570 erhob ihn der Kaiser in den Adelsstand. Wie sein Zeitgenosse Palestrina wurde auch Orlando di Lasso verehrt, als princeps musicorum gerühmt und umworben; er war seinerzeit der am besten bezahlte Komponist Europas. 
Orlando di Lasso schrieb gut 2000 Werke. Darunter sind zahlreiche Lieder und Liedsätze in italienischer, deutscher, niederländischer und französischer Sprache, zudem Motetten, vier Passionen, mehr als 60 Messen und viele andere Werke für die Kirchenmusik. 
Das Ex Cathedra Consort hat aus diesem umfangreichen Gesamtwerk für diese CD die Passio secundum Matthaeum ausgewählt. 1575 ver- öffentlicht, gehörte sie zu den besonders populären Werken des Hof- kapellmeisters. Noch 150 Jahre nach ihrer Komposition wurde sie aufgeführt. Diese Matthäuspassion verweist uns auf eine Tradition, die im gregorianischen Gesang ihre Wurzeln hat, und später mit den Passionen von Johann Sebastian Bach einen ihrer Höhepunkte erlebte. Bei di Lasso finden wir beides - die überlieferte Singweise in den Partien des Evangelisten und Jesu Christi, und polyphone Gesänge bei allen anderen Figuren. Selbst Turba-Chöre sind hier bereits zu hören; gesungen wird allerdings strikt und ausschließlich jener Text, der sich in der Bibel findet. 
Ex Cathedra ergänzt die Passion zusätzlich um Motetten von Orlando di Lasso - allen voran das grandiose sechsstimmige Ave verum corpus. Das Ensemble, das durch Jeffrey Skidmore geleitet wird, singt beeindruckend - sauber, harmonisch, ausdrucksstark und stets in stimmiger Phrasierung. Diese CD ist daher wirklich zu empfehlen. 

Samstag, 30. März 2013

Palestrina - The Sixteen (Coro)

"Palestrina's legacy and impact on sacred music worldwide is second to none", stellt Harry Christophers fest. Das liegt nicht nur darin begründet, dass Giovanni Pierluigi da Palestrina (1525 bis 1594) mit seiner Missa Papae Marcelli die Verbannung der Musik aus der Kirche auf dem Konzil von Trient gerade eben noch verhindert ha- ben soll.
"I have always regarded Palestri- na as the master craftsman whose music composers of all ages have attempted to emulate", schreibt Christophers. "He shapes his music in a beautifully sonorous way using a lot of suspensions but always coming back into the line of music." 
Mit seinem Ensemble The Sixteen will er auch in den kommenden Jahren  Werke des verehrten Meisters einspielen. "I hasten to add that we are not endeavouring to record every note Palestrina penned - that would be more than a lifetime's work considering he wrote 104 masses! But what we will do is present each volume based around a single mass and theme relevant to that mass, in this case Easter, alongside some of his setting of the Song of Songs." 
Zu den Auswirkungen des Konzils von Trient im Bereich der Kirchen- musik gehörte der Verzicht auf die allermeisten der sogenannten Sequenzen. Das sind Stücke, die wahrscheinlich aus üppigen Verzie- rungen der gregorianischen Messgesänge, sogenannten Melismen, entstanden sind und sich im Laufe der Zeit verselbständigten. Nur vier davon durften weiterhin im Gottesdienst erklingen: Victimae Paschali zum Osterfest, Veni Sancte Spiritus zu Pfingsten, Lauda Sion zum Fronleichnam, und Dies irae als Bestandteil der Totenmesse. Im 18. Jahrhundert kam dann noch eine fünfte Sequenz dazu, Stabat mater. Sie erfreute sich stets größter Beliebtheit, und inspirierte zahlreiche Komponisten - so auch Palestrina, dessen achtstimmige Version jahrhundertelang in der Heiligen Woche exklusiv durch die Sänger der Sixtinischen Kapelle gesungen wurde. 
Auch der Hymnus Ad caenam agni providi war für die Osterzeit be- stimmt. Komplettiert wird die CD durch drei Hohelied-Vertonungen, eine achtstimmige Vertonung der marianischen Antiphon Regina caeli, drei Offertorien für die Osterzeit und die prachtvolle Missa Regina caeli
Das Ensemble The Sixteen singt wundervoll, die Sänger präsentieren Palestrinas Werke makellos und lassen erahnen, welche Wirkung diese ausdrucksstarken Kompositionen auf ihre Zeitgenossen gehabt haben müssen. Bravi! 

Schütz: Lukaspassion & Die Sieben Worte; Rademann (Carus)

Ein illustres Ensemble versammel- te sich im April 2012 in der Stadt- kirche zu Radeberg, um bedeuten- de Werke von Heinrich Schütz (1585 bis 1672) einzuspielen: Mit Die Sieben Worte Jesu am Kreuz, der Lukaspassion sowie der Welt- ersteinspielung des Geistlichen Konzertes Erbarm dich mein, o Herre Gott setzt der Dresdner Kammerchor unter Leitung von Hans-Christoph Rademann die Gesamteinspielung der Werke des Komponisten mit der nunmehr sechsten CD fort. Die exzellenten Chorsänger, aus deren Reihen auch ein großer Teil der solistischen Partien besetzt werden konnte, wurden ergänzt durch Ulrike Hofbauer, Sopran, und Jan Kobow, Tenor. Den Instrumentalpart übernahmen The Sirius Viols - ein Gambenensemble um Hille Perl - sowie Lee Santana, Theorbe, und Ludger Rémy, Orgel. Die Qualitäten dieser Musiker zu rühmen, das hieße Eulen nach Athen tragen.
Einmal mehr lässt das von Rademann geleitete Ensemble Schütz' musikalische Predigten in berückender Eindringlichkeit und Aus- gewogenheit erklingen. Allerdings gerät, zumal in der Lukaspassion, so mancher solistische Beitrag dabei für meinen Geschmack zu stark in die Nähe des Operngesangs. Dort wünscht man sich, dass sich die Mitwirkenden etwas zurücknehmen. Emotionen werden direkt durch Schütz' Musik vermittelt, sie müssen nicht zusätzlich durch den Sänger beim Zuhörer erzeugt werden.

Mittwoch, 27. März 2013

Passion - Vienna Vocal Consort (Klanglogo)

"Die erste Begegnung des Vienna Vocal Consort mit Joachim von Burcks 'Passion nach Johannes' war flüchtig, ein kurzfristig anberaumtes Projekt für eine Karfreitags-Messe in Wien", berichtet Martin Jan Stepanek, im Hauptberuf Journalist, der Tenor des Ensembles, im Beiheft zu dieser CD. "Beim Zusammenstellen eines Osterprogramms tauchte die Passion wieder auf und hat uns nicht mehr losgelassen. Die schnörkellose Komposition und der unmittelbare Fokus auf den Kern der Passionsgeschichte fas- zinieren und berühren ungemein. Verglichen mit Bachs elaborierten Passionsvertonungen ist es erstaunlich, mit welch geringem Auf- wand Burck eine derartige Tiefe der Erzählkunst erzeugt."
Joachim von Burck (1546 bis 1610) wirkte als Kantor und Organist an St. Blasius, einer der beiden Hauptkirchen in Mühlhausen. Als er in die kleine thüringische Stadt kam, bekannte sich diese noch nicht allzu lange zum Protestantismus. So wurde Joachim von Burck dort zum Wegbereiter des kirchlichen Musiklebens. Reichlich hundert Jahre, bevor Johann Sebastian Bach als Organist an Divi Blasii wirkte, komponierte Joachim von Burck eine große Anzahl von Werken für den Gebrauch im Gottesdienst, darunter auch zwei Passionsmusiken. Sie gelten als die frühesten überlieferten Passionen in deutscher Sprache überhaupt. 
Ganz im Sinne Luthers, konzentriert sich der Komponist dabei auf die Ausdeutung des Textes: "Denn ich habe mich befliessen die wort also unter die noten zu bringen / das fast eine jede syllabe ire noten habe / und die vier Stimmen die wort gleich singen / das der Zuhörer die wort deutlich vernemen kann", schreibt er in seiner Vorrede. "Um den Farbenreichtum auszuschöpfen, haben wir das vierstimmige Stück in wechselnden Besetzungen auf die fünf Ensemblemitglieder verteilt", schreibt Stepanek. 
Ergänzt haben die Sänger die beiden Passionsmusiken durch O vos omnes in einer Vertonung durch Hieronymus Praetorius (1560 bis 1629), Mein himmlischer Vater, in dem Caspar Othmayr (1515 bis 1553) die letzten Worte Martin Luthers in Musik gesetzt hat, und ein klangschönes Magnifikat von Wolfgang Figulus (1525 bis 1589). 
Das Vienna Vocal Consort gehört zu den renommierten Vokalensembles Österreichs speziell im Bereich der "Alten" Musik. Elke Pürgstaller, Sonja Napetschnig, Martin Jan Stepanek, Michael Stelzhammer und Christoph Chlastak-Coreth singen mit geschulten Stimmen, aber sie verdienen ihre Brötchen nicht im Sängerberuf. Wer das nicht weiß, der wird es kaum mitbekommen, denn die fünf Wiener singen harmonisch aufeinander abgestimmt, sauber und ausdrucksstark. Bravi! 

Boccherini: Stabat mater (Aeolus)

Luigi Boccherini (1743 bis 1805) war ein Meister der kleinen Form. Er gehört ebenso wie Joseph Haydn zu den Vätern des Streich- quartettes - und er hat 1766 in Rom gemeinsam mit Pietro Nardini, Filippo Manfredi und Giuseppe Cambini in einem der ersten derartigen Ensembles musiziert.
Als compositore e virtuoso di camera des spanischen Infanten Don Luis schuf Boccherini eine große Anzahl von Streichquartetten - und noch mehr Streichquintette für zwei Violinen, Viola und zwei Violoncelli. Die Stimme des ersten Cellos, das oftmals solistische Aufgaben übernimmt, dürfte Boccheri- ni wohl für sich selbst geschrieben haben.
1776 heiratete Don Luis unter seinem Stand, was dazu führte, dass er den Hof verlassen musste. Er ließ sich in Las Arenas de San Pedro, einem Städtchen nordwestlich von Madrid, nieder. Dort entstanden viele bedeutende Werke Boccherinis, darunter auch das Stabat mater, dessen Urfassung 1781 sich auf eine Minimalbesetzung mit Sopran und Streichquintett beschränkte. Dieses Werk, das durch seine kammermusikalische Innigkeit berührt, war offenbar für Don Luis bestimmt, für die ganz private Andacht des Infanten. Als Boccherini das Werk später für den Druck überarbeitete, hat er das Ensemble deutlich vergrößert. Die Sopranistin Amaryllis Dieltiens hat das Stabat mater nun bei Aeolus in der Urfassung gemeinsam mit ihrem Ensemble Capriola Di Gioia eingespielt. Dabei kommt statt eines zweiten Cellos ein Kontrabass zum Einsatz; die Continuo-Orgel sorgt für ein sakrales Klangbild. 
Eine Sonate für Cembalo e violino obbligato, die sowohl dem Cembalo als auch der Violine reichlich Gelegenheit zur brillanten solistischen Präsentation gibt, trennt das geistliche Werk von zwei absoluten Raritäten: 1791 schuf Boccherini die Arie Accademiche, zwölf virtuose Konzertarien. Zwei davon hat Dieltiens für diese CD ausgewählt. Ihre glockenreine, federleichte Sopranstimme passt zu diesen Werken ausgezeichnet. Ein perfekter Abschluss für eine sehr gelungene CD, die vom ersten bis zum letzten Ton begeistert. 

Dienstag, 26. März 2013

Bach: St. Matthew Passion (Naxos)

Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) hat, wie es seinerzeit üblich war, musikalisches Material durchaus auch mehrfach ver- wendet. Dabei hat er nicht nur Instrumentierungen geändert, er hat die Musik vorhandener Werke bei Bedarf zudem in neue Stücke integriert. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist der Chor Tönet, ihr Pauken! Erschallet, Trompe- ten!, der zum ersten Male in einer Glückwunschkantate 1733 zum Geburtstag der sächsischen Kurfürstin erklungen ist, aber - mit geändertem Text - eher als Eingangschor zum Weihnachtsoratorium jedermann präsent ist. Das ist nachvollziehbar, denn Pauken und Trompeten, musikalische Insignien höfischer Pracht und Macht, passen auch zur Feier der Geburt Christi. 
Nun hat allerdings Sören Johannsen, Organist und Musikdirektor an der Christianskirche in Kopenhagen, Bachs Matthäus-Passion für Trompete und Orgel arrangiert. Seine Version enthält fast die Hälfte der originalen Musik. Die Sätze, die zwischen Eingangschor und Schlusschor erklingen, folgen der chronologischen Reihenfolge. Die dänische Trompeterin Dorthe Zielke hat diese Bearbeitung gemein- sam mit Johannsen bei Naxos eingespielt.
Unterstützt wurde sie dabei zudem von Ulla Miilmann, Flöte, Pelle Gravers Nielsen, Oboe und Johannes Söe Hansen, Violine. Sie alle musizieren makellos. Insbesondere Zielke begeistert mit ihrem klangschönen, perfekten Trompetenspiel. Wer die Kombination aus Orgel und Trompete schätzt, der dürfte von dieser CD sehr angetan sein. 
Wer aber die Matthäus-Passion kennt, dem wird diese Aufnahme eher Unbehagen bereiten. Denn der Klang der Trompete und die Passions- geschichte, sie gehören nicht zusammen. Die Trompete ist das Instru- ment der Macht und der festlichen, repräsentativen Inszenierung. Die Passion aber berichtet von Schwäche, Leiden und Tod. Die Erbarme dich-Arie oder der Schlusschor Wir setzen uns mit Tränen nieder auf der Trompete geblasen - das ist ein Widerspruch in sich. 

Montag, 25. März 2013

Mein Herz ist bereit (Rondeau)

Wenn wir heute über norddeutsche Barockmusik reden, dann meinen wir in erster Linie die Werke der Komponistengenerationen zwi- schen Heinrich Schütz und Johann Sebastian Bach.
Wie stark sie Traditionen kreativ weiterentwickelt hat, das zeigt die vorliegende CD, die im September 2011 in St. Wilhadi zu Stade auf- gezeichnet wurde. Dort befindet sich eine prachtvolle Orgel, die der ortsansässige Orgelbauer Erasmus Bielfeldt in den Jahren 1731 bis 1735 errichtet hat. 1990 wurde sie durch die Orgelbauwerkstatt Jürgen Ahrend restauriert. 
An diesem hochbarocken Instrument spielt der Stader Kirchenmusik- direktor und Organist Hauke Ramm Orgelwerke von Georg Böhm (1661 bis 1733) und Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707). Sie bilden einen beeindruckenden Rahmen für eine Reihe von Solokantaten, die Bassbariton Gotthold Schwarz gemeinsam mit Solisten des Sächsi- schen Barockorchesters vorträgt. 
In ihrer Werkauswahl zeigen die Musiker geschickt auch Verbin- dungslinien auf. So hatte Franz Tunder (1614 bis 1667), der Vor- gänger Dieterich Buxtehudes im Amt dies Organisten an der Lübecker Marienkirche, sogenannte Abendmusiken neu eingeführt. Welche Musik dort erklang, das wird anhand der Kantate O Jesu dulcissime demonstriert. Buxtehude führte diese Tradition fort - und erweiterte zugleich die Besetzung, wie an Ich bin die Auferstehung und das Leben hörbar wird. 
Nicolaus Bruhns (1665 bis 1697) gilt als Lieblingsschüler Buxte- hudes; er kam als 16jähriger nach Lübeck, um durch seinen Onkel, einen Ratsmusiker, auf Geige und Gambe unterwiesen zu werden. Bruhns wurde das jüngste Mitglied der Lübecker Violinisten, ging dann als Organist an den königlichen Hof nach Kopenhagen und wechselte 1689 an die Husumer Stadtkirche. Es wird vermutet, dass Bruhns die beiden Kantaten, mit denen er auf dieser CD vertreten ist, für Kantor Georg Ferber geschrieben hat, der hervorragend gesungen haben soll. 
Vokalwerke von Schütz' Meisterschüler Christoph Bernhard und von Georg Philipp Telemann runden das Bild; sie wirkten beide als Kantor am Johanneum und Musikdirektor der Stadt Hamburg - und fügten den Anregungen, die sie durch ihre Ausbildung in Sachsen erhalten hatten, etliche stilistische Eigenheiten hinzu, die wir heute als typisch norddeutsch bezeichnen. 
Doch wer diese CD anhören möchte, der muss sich mit solchen Über- legungen gar nicht plagen. Man kann sich auch entspannt zurück- lehnen und genießen - Gratulation zu dieser klangschönen, rundum gelungenen CD!  

Sonntag, 24. März 2013

Biber: Rosenkranz-Sonaten, Siedel (Berlin Classics)

Über das Leben und Werk von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644 bis 1704) wurde hier im Blog bereits des öfteren geschrieben. Der böhmische Musiker wirkte zunächst in der Hofkapelle des Fürstbischofs von Olmütz, um dann nach zwei Jahren offenbar ohne Genehmigung seines Dienstherrn nach Salzburg zu wechseln, wo er schließlich zum Hofkapellmeister aufstieg. Und vom Kaiser Leopold I. wurde der Musiker obendrein für sein grandioses Geigenspiel 1690 als Truchseß in den Adelsstand erho- ben. 
Annegret Siedel hat nun eines der bekanntesten Werke dieses Violin- virtuosen, die sogenannten Rosenkranz-Sonaten, gemeinsam mit Michael Freimuth, Theorbe, Hermann Hickethier, Viola da gamba und Violone, und Margit Schultheiß, Orgel, Cembalo und Barockharfe, bei Berlin Classics eingespielt. Das ist ein anspruchsvolles Unter- fangen, denn wie dieses Werk einst geklungen hat, das kann man nur vermuten. Überliefert ist eine Reinschrift, die Biber vermutlich eigenhändig für seinen Dienstherren, Erzbischof Max Gandolph Graf von Kuenheim, angefertigt hat. In dieser Partitur sind in zwei Zeilen die Partie der Violine und der bezifferte Bass notiert.  Alles andere bleibt der Phantasie und dem Sachverstand der Ausführenden überlassen. 
Nur eine der 15 Sonaten sowie die abschließende Passacaglia lässt sich auf einer normal gestimmten Geige spielen, die anderen erfor- dern umgestimmte Instrumente. Die sogenannte Skordatur war zu Bibers Zeiten sehr beliebt, weil sie die klanglichen Möglichkeiten der Violine enorm erweitert. Schon Reinhard Goebel klagte jedoch einst darüber, dass über das Skordatur-Spiel in den zeitgenössischen Pu- blikationen nur wenige Informationen zu finden sind. Die Darmsaiten, mit denen historische Violinen üblicherweise ausgestattet sind, lassen dies erst recht zu einer heiklen Angelegenheit werden. Denn sie verstimmen sich leicht, und tönen, über die Lagen betrachtet, ohnehin nie ganz sauber. Was sich daraus ergibt, wenn man eine Geige umstimmt, das mag sich jeder selbst vorstellen. Annegret Siedel hat aus dieser Misere einen eleganten Ausweg gefunden: Sie spielt gleich neun verschiedene Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert. 
Anders als Goebel, dessen 1991 bei der Deutschen Grammophon erschienene Einspielung mit dem Ensemble Musica Antiqua Köln als Referenz gelten darf, und der in erster Linie auf Brillanz setzt, betont Siedel den meditativen Charakter dieser Stücke. Sie wählt sowohl bei den Violinen als auch im Continuo einen eher warmen, sonoren Ton, und konzentriert sich auf den geistlichen Untertext, der auch durch das Motto der jeweiligen Sonate herausgestellt wird. Sie besinnt sich auf den Rosenkranz, und macht ihn zum Mittelpunkt der Sonaten. Biber, der offenbar ein frommer Mann war, hätte dies sicherlich gut gefallen. Und auch das schön gestaltete Cover sowie das Beiheft nebst einem Nachdruck des Rosenkranz-Bruderschaftsblattes, dem Biber einst die Illustrationen für sein prächtiges Manuskript entnahm, begeistern. 

Wesley: Ascribe unto the Lord (Chandos)

Samuel Sebastian Wesley (1810 bis 1876), Sohn des Komponisten Samuel Wesley (1766 bis 1837) und Großneffe des Begründers der Methodistischen Kirche, John Wesley, gilt als Enfant terrible der britischen Kirchenmusik. Zum einen wechselte er häufig die Stellen. Zum anderen legte er sich regelmäßig mit Autoritäten an - und war bald berüchigt für seine Attacken, die den Klerus ebenso treffen konnten wie seine Mit-Kirchenmusiker. 
Wesley sang als Chorknabe in der Chapel Royal. Anschließend ver- diente er seine Brötchen in London, hauptsächlich am English Opera House und an Covent Garden. Als er dann in den Kirchendienst trat, integrierte er die Erfahrungen, die er an der Oper gesammelt hatte, in seine Kompositionen. Auskomponierte Orgelpartien von sinfoni- schem Ausmaß und Gesangsstimmen, die das Publikum eher an eine Arie denken ließen - das kannte das englische Kirchenvolk damals noch nicht, und entsprechend reagierten auch die Kritiker. 
Hört man die Werke heute, so klingt all das sehr spätromantisch. Der berühmte Chor des St. John's College aus Cambridge singt unter Leitung von Andrew Nethsingha; allerdings sind sich die Herren Chorister nicht immer ganz einig, was Tonhöhe und Tempi anbetrifft. Von Hörvergügen kann daher auch nicht wirklich die Rede sein. 

Samstag, 23. März 2013

Zu Gottes Ehr und Deinem Trost (Cantate)

Diese CD erinnert an ein wenig be- kanntes Detail aus der Geschichte der Kirchenmusik: Anhänger der Lehre Martin Luthers haben nicht nur mit großer Hingabe die neuen Kirchenlieder aus dem Umfeld des Reformators gesungen. Sie haben oftmals auch, als Ausdruck per- sönlicher Frömmigkeit, Kirchen- lieder umgedichtet. 
Beispiele für diese sogenannten Kontrafakturen hat Ulrike Volk- hardt mit dem Hannoveraner Ensemble Devotio moderna im April 2012 im Kloster Isenhagen im Konzert vorgestellt; der Mit- schnitt davon ist bei Cantate auf CD erschienen. 
Den Anstoß für dieses Projekt gab die Wiederentdeckung mittel- alterlicher Musik aus den Heideklöstern. Sie lenkte die Aufmerk- samkeit auf die Beziehungen dieser Klöster in der Lüneburger Heide zu jenen in Mecklenburg und Vorpommern. Daraus wiederum ent- standen Kontakte nach Ribnitz, wo sich früher ein Klarissenkloster befand, nach Barth und nach Franzburg mit dem ehemaligen Zisterzienserkloster Neuenkamp. 
Die Musiker stellten fest, dass zur Zeit der Reformation insbesondere zwischen Niedersachsen und Vorpommern enge Verbindungen existierten. So heiratete Clara, eine Tochter von Herzog Franz, der in Gifhorn residierte, Bogislaw XIII., Herzog von Pommern, der seine Residenz in Barth hatte. Dort ließ er auch eine Druckerei einrichten, in der unter anderem die Barther Niederdeutsche Bibel von 1588 und diverse Gesangbücher gedruckt wurden. Sowohl Bogislaw als auch Clara haben Kontrafakturen gedichtet - jeweils eine davon wird vom Ensemble Devotio moderna auf dieser CD vorgestellt. 
Das Programm, das Ulrike Volkhardt gemeinsam mit der Altäbtissin des Klosters Isenhagen zusammengestellt hat, enthält noch weitere Kontrafakturen, die Adlige aus Niedersachsen, Pommern und ihre Verwandten zu Lutherliedern erdacht haben. Aus der Witzendorff Handschrift der Lüneburger Ratsbücherei stammt das im Kloster Medingen entstandene und von Luther weitergedichtete Lied Belobet seistu Jesu Christ. Mit Die Sonn verbirget ihren schein erklingt noch eine weitere Kontrafaktur aus der Feder des Reformators. 
In Barther Gesangbüchern sowie einem sowohl in der Barther Kir- chenbibliothek als auch im Kloster Isenhagen erhaltenen Cantionale (Wittenberg 1573) fand sich eine Nachdichtung des Magnificat in deutscher Sprache. Dort entdeckten die Musiker auch eine Passions- erzählung in Liedform, mit der diese CD schließt. Die einzelnen Stücke sind durchweg Dokumente eines innigen Glaubens. Sie werden von den Musikern mit berührender Intensität vorgetragen. 

Dienstag, 19. März 2013

Haydn: Die Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze (Talanton)

Musica Instrumentale sopra sette ultime Parole del nostro Redentore in Croce, so nannte Joseph Haydn ein Musikstück, das die Domherren aus Cadízp bei ihm bestellt hatten. Das Werk sollte bei einer Andacht 1786 am Karfreitag erklingen, bei der der Bischof jeweils eines der Sieben letzten Worte Jesu sprach, und durch eine Betrachtung er- gänzte. Im Anschluss daran kniete er vor dem Altar zum Gebet nieder - und die Musik erklang. 
Haydn schrieb, zunächst in einer Version für Orchester, eine beeindruckende, ausdrucksstarke Passionsmusik. Der Komponist erstellte davon zudem Fassungen für Streichquartett und für Klavier solo sowie eine Oratorien-Version für vier Gesangssolisten, Chor und Orchester. Heute wird das berühmte Werk häufig in der Bearbeitung für Streichquartett aufgeführt. 
Es besteht aus einer Einleitung, die auf den Bericht vom Leiden und Sterben Christi einstimmen soll, gefolgt von sieben durchweg lang- samen Instrumentalsätzen und einem abschließenden Presto-Erd- beben - vergleichsweise kurz, aber kraftvoll. "Es war gewiß eine der schwersten Aufgaben, ohne untergelegten Text, aus freyer Phanta- sie, sieben Adagios auf einander folgen zu lassen, die den Zuhörer nicht ermüden, und in ihm alle Empfindungen wecken sollten, wel- che im Sinne eines jeden von dem sterbenden Erlöser ausgesproche- nen Wortes lagen. Haydn erklärte so auch öfters diese Arbeit für eine seiner gelungensten", schrieb sein Biograph Georg August Griesin- ger. 
Auch für Musiker, die dieses Werk spielen wollen, ist das keine leichte Aufgabe. Denn sie sollten, über den reinen Notentext hinaus, stets auch den geistlichen Hintergrund zur Grundlage ihrer Interpretation machen. "Wenige Musiken widersetzen sich Beliebigkeit, Gefälligkeit und dem Ignorieren von Texten und Kontexten so sehr wie diese Komposition Joseph Haydns", stellt Rudolf Conrad fest. Der Leipziger Geiger musiziert seit 1996 gemeinsam mit Kathrin Pantzier, ebenfalls Violine, Dietrich Hagel, Viola und Günter Krause im Laetitia-Quartett. Die Leipziger Musiker, Mitglieder des MDR-Sinfonieorchesters sowie des Gewandhausorchesters, haben Haydns berühmte Passionsmusik nun bei Talanton eingespielt. 
Das Laetitia-Quartett engagiert sich für eine historisch orientierte Spielweise, die originale Klangbilder auf modernen Instrumenten durch eine angepasste Technik anstrebt. Die Sieben letzten Worte erklingen in perfektem Zusammenspiel, nuancenreich, aber ohne übertriebene Sentimentalität, eher klassisch-korrekt als romantisch verklärt. Eine gelungene Aufnahme, die an dieser Stelle empfohlen werden kann. 

Finger: The complete music for viola da gamba solo (Accent)

Gottfried Finger (um 1660 bis 1730) gehörte zu den besten Gambenvirtuosen seiner Zeit. Er stammte aus Olmütz, und die erste Station seiner musikalischen Lauf- bahn war der Hof von Fürstbischof Karl von Liechtenstein-Kastelkorn, der in Olmütz und Kremsier resi- dierte. Dort waren damals auch Heinrich Ignaz Franz Biber und Pavel Vejvanovský beschäftigt. Es liegt nahe, dass der ehrgeizige junge Musiker von ihnen viel ge- lernt haben dürfte. Es ist nicht bekannt, wann und warum Finger diese Anstellung aufgab. Aber es könnte sein, dass er 1682 in München war und dort einen Kollegen getroffen hat - August Kühnel, ebenfalls ein berühmter Gambist, mit dem er nach London gereist und dort 1685 gemeinsam aufgetreten sein soll.
"Geoffrey" Finger wurde Mitglied der Hofkapelle von König Jakob II.; nachdem dieser katholische Monarch 1688 abgesetzt und ins Exil gezwungen worden war, blieb der Musiker in London und war dort als Komponist und Virtuose sehr erfolgreich. Warum er 1701 auf das Festland zurückkehrte, das wird wohl auch nicht mehr zu klären sein. Die Gambe aber scheint er bei diesem Abschied endgültig an den Nagel gehängt zu haben.
Als Geiger musizierte er in verschiedenen Hofkapellen, komponierte - unter anderem eine Oper für die Hochzeitsfeierlichkeiten des preußi- schen Kronprinzen - und ging schließlich 1707 nach Innsbruck, wo er in die Dienste des kaiserlichen Statthalters in Tirol, Herzog Karl Philipp, trat. 1708 wurde der Musiker zum Konzertmeister ernannt. Als sein Dienstherr 1717 in Nachfolge seines Bruders Herrscher über die Kurpfalz wurde, folgte ihm Finger über die Residenzen Neuburg an der Donau und Heidelberg bis nach Mannheim, wo er 1730 starb.
Petr Wagner hat auf dieser CD gemeinsam mit dem Ensemble Tour- billon das Werk für Solo-Gambe von Gottfried Finger eingespielt. Bei der Erschließung, Edition und Rekonstruktion der Musikstücke stand Wagner der Musikwissenschaftler Dr. Robert Rawson zur Seite. Er kennt sich damit aus wie niemand sonst, denn Leben und Werk des mährischen Musikers waren der Gegenstand seiner Promotion - und natürlich spielt er auch selbst Gambe. Dieser Zusammenarbeit ist bereits eine CD mit Ersteinspielungen zahlreicher Werke Gottfried Fingers zu verdanken, die 2006 bei dem Prager Label Arta erschienen ist und von der Kritik begeistert begrüßt wurde.
Auf der vorliegenden CD erklingen nun sämtliche bislang aufgefunde- nen Werke des Virtuosen für Viola da gamba solo. Es sind nicht sehr viele Stücke, was auch an der Überlieferungssituation liegen dürfte: Finger ließ zu Lebzeiten lediglich sein Opus 1 drucken, das er König Jakob II. widmete - alle anderen Werke des Komponisten liegen nur in Form von Manuskripten und Abschriften vor, verstreut über halb Europa und nur mit Mühe aufzuspüren und wieder für den Vortrag zu erschließen. Vielleicht ist das eine Erklärung dafür, dass sein Schaffen erst allmählich wiederentdeckt wird.
Das seine Werke derzeit so gut wie vergessen sind, das könnte aber auch mit daran liegen, dass sie technisch teilweise sehr anspruchsvoll sind. Schon das erste Stück auf der CD, Aria et Variationes, das sich in der Musikaliensammlung des Fürstbischofs in Kremsier befindet, zeigt in der Variationenfolge, wie die Gambe seinerzeit eingesetzt wurde - und der junge Musiker führte damit zugleich vor, wie virtuos er das Instrument bereits beherrschte. Man erkennt zudem, dass Finger auch Geige spielte. Denn manches, was er hier der Viola da gamba zuschreibt, das klingt doch unüberhörbar nach der Violin- musik Bibers. 
Die meisten Werke auf der CD entstanden in der Zeit vor oder kurz nach seiner Ankunft in London, beispielsweise die sechs Sonaten, die als Manuskript in der Bodleian Library in Oxford überliefert sind, und die durch Petr Wagner auf dieser CD erstmals vollständig eingespielt wurden. Dass Finger aber auch stilistische Besonderheiten der engli- schen Musik in seine Werke integrierte, zeigen die Divisions in g-Moll und das Prelude in e-Moll
Petr Wagner musiziert gekonnt, klangschön und durchdacht. Dabei sind ihm die Kollegen, die in seinem Ensemble Tourbillon mitspielen, versierte Partner. Es ist erfreulich, dass die Gambenmusik zuneh- mend wiederentdeckt wird - und diese Aufnahme ist ein wichtiger Beitrag dazu. 

Sonntag, 17. März 2013

Kaufmann Wagner (Decca)

Schon in jungen Jahren war Jonas Kaufmann mit der Musik Richard Wagners vertraut. "Mein Groß- vater sitzt am Klavier und spielt Wagner", schildert der Sänger im Beiheft zu dieser CD Kindheits- erinnerungen. "Er war ein echter Wagnerianer, hatte von allen Wagner-Opern Klavierauszüge, und wenn er daraus spielte, sang er alle Partien mit, vom Hagen bis zur Brünnhilde. Da wir im gleichen Haus wohnten, gehörte Wagner quasi zu meinem Alltag; ich bin mit dieser Musik groß geworden, ich fand es faszinierend, in den Klavierauszügen meines Großvaters zu blättern. Das waren liebevoll gestaltete Ausgaben, schön illustriert mit alten Bühnenbildern und mit Übersicht der Leitmotive. Auf diese Weise lernte ich die Magie von Wagners Musik quasi spielerisch kennen." 
Heute gilt Kaufmann als der Wagner-Tenor schlechthin. Doch der Sänger hatte bereits in seinem ersten Engagement in Saarbrücken bemerkt, dass der Beruf durchaus Gefahren mit sich bringt - insbe- sondere das Risiko, die Stimme zu überfordern und zu schädigen. So wird man also beim Anhören dieser CD erstaunt feststellen, dass es etliche Wagner-Partien gibt, die Kaufmann auf der Bühne noch nicht gesungen hat. Das gilt beispielsweise für den Tannhäuser. "Als eher vorsichtiger Sänger habe ich bislang alle Angebote, die Partie auf der Bühne zu singen, ausgeschlagen", berichtet Kaufmann. "Deshalb war ich mir anfangs nicht sicher, ob ich die Romerzählung über- haupt aufnehmen sollte. Doch je länger ich mich mit dem Stück beschäftigte, desto mehr fand ich, dass ich stimmlich viel näher dran bin, als ich dachte." 
Wie Kaufmann hier die Emotionen des nach Eisenach zurückgekehr- ten Pilgers gestaltet, von tiefer Verzweiflung über die Auflehnung hin zur Ekstase beim Ertönen der Venus-Musik, das ist großes Kino. Die Einwürfe des Wolfram steuert präzise Markus Brück bei. Von einer Reise singt aber auch Lohengrin in der sogenannten Gralserzählung. Kaufmann hat sich hier für die vollständige, zweistrophige Fassung entschieden. "Zwar kann ich nachvollziehen, warum Wagner in letzter Minute die zweite Strophe gestrichen hat", meint der Sänger: "Offenbar fürchtete er, dass die Konzentration im Publikum nach- lassen könnte. Dennoch finde ich es schade, sie wegzulassen. Erstens erklärt sie einen wichtigen Teil der Handlung, und zweitens ist es sehr schöne Musik." 
Erzählt wird auch in dem Ausschnitt aus den Meistersingern, den Kaufmann ausgewählt hat: Walther von Stolzing berichtet im ersten Akt den in der Singschul versammelten Meistern davon, wie ein altes Buch seinen Sinn für die Poesie erweckt hat. Die Kommentare der braven Nürnberger sind in dieser Version nicht mit enthalten; wer den Gesang des Ritters ohne die Einwürfe anhören möchte, der kann dies hier also und wird sich an der Eleganz erfreuen, mit der Kauf- mann diese Figur ausstattet. 
Auf der Opernbühne hat er diese Partie gleichfalls noch nicht ge- sungen: "Wenn ich mal Zeit hatte, gab es keine passende Produktion und umgekehrt", bedauert der Sänger. Aber falls sich dies einmal doch ergeben sollte, dann wird das Publikum Kaufmann ganz sicher einmal mehr feiern - zumal er nicht nur über ein sehr ansprechendes Timbre, enorme Musikalität sowie eine bewundernswerte Kondition verfügt, sondern obendrein sehr gut aussieht, und seine Rollen nicht nur hervorragend singt, sondern auch überzeugend spielt. Damit dürfte er in seinem Fach derzeit weltweit konkurrenzlos dastehen - zumal ziemlich viele Opernfreunde heutzutage besser sehen als hören. Das kann man allerdings nicht dem Sänger ankreiden. 
Kaufmann zeigt mit seinem Wagner-Album auch die Entwicklung des Komponisten auf. Auf die Feen hat er dabei verzichtet; ein Stück aus Rienzi hingegen hat er mit eingesungen. "Rienzis Gebet ist wie eine klassische italienische Arie aufgebaut, und man muss sich als Sänger ein Konzept überlegen, um diese Musik lebendig zu machen", erläu- tert er. "Die Musik des Siegfried ist ein völlig anderer Stil, durchweg rezitativisch. Statt Arioso und Legato nun hauptsächlich Parlando. Und es sollte so selbstverständlich klingen wie gesprochene Sprache. (...) Dieses Parlando muss immer aus der Musik entwickelt werden, es hat quasi einen einzigen riesigen Legatobogen über dem Text. Das erschließt sich nicht auf den ersten Blick, da muss man sich erst reinarbeiten." 
Und zum Siegfried (Dass der mein Vater nicht ist) gesellt er den Siegmund aus der Walküre. Hier entschied sich Kaufmann für den Schwert-Monolog, der nicht zuletzt mit seinen Wälse-Rufen ein Prüfstein ist für jeden Wagner-Sänger. "Dass nach langen Strecken in der Baritonlage immer wieder hochliegende Phrasen kommen, macht die besondere Schwierigkeit der Partie aus", meint der Tenor, der damit aber hervorragend zurecht kommt. Das tiefe Register liegt Kaufmann, dessen Stimme ohnehin eher baritonal gefärbt ist als heldisch-metallisch. 
Mit dem Orchester sowie dem Chor der Deutschen Oper Berlin unter Donald Runnicles stand Kaufmann bei den Aufnahmen ein in Sachen Dramatik versiertes Ensemble zur Seite. "Wir waren von der ersten Note an in 'Bühnenstimmung', und das hat unglaublich geholfen", sagt der Sänger. Und so wagte Kaufmann eine weitere Ergänzung seines Wagner-Programms - durch die Wesendonck-Lieder, ge- schrieben eigentlich für eine Frauenstimme. Nach all den großen Helden, die mit der Welt so ihre Schwierigkeiten haben, ist dies ver- blüffenderweise nicht wirklich ein Kontrast. 

Samstag, 16. März 2013

Boccherini: String Trios op. 14 (MDG)

Luigi Boccherini (1743 bis 1805), in Italien schon in seiner Jugend gefeiert als "celebre suonatore di violoncello", doch mit den Ver- dienstmöglichkeiten in seiner Heimat wohl nicht ganz so zufrie- den, trat 1770 in die Dienste des spanischen Infanten Don Luis. Als Compositore e Virtuoso da came- ra schrieb er mehr als 30 Sinfo- nien, obendrein 90 Streichquar- tette, 125 Streichquintette und auch um die 50 Streichtrios. 
Zu den schönsten dieser Werke gehören ganz sicher die Trios op. 14 aus dem Jahre 1772, die das Flieder Trio auf dieser CD vorstellt. Sie erschienen später in Paris als Six trios concertants, und wurden in ganz Europa fleißig nachge- druckt und abgeschrieben. Wie sehr die Musikwelt diese abwechs- lungsreichen Werke schätzte, das verrät uns der Pariser Geiger Pierre Baillot, der 1804 schrieb: "Mais dans l'adagio, c'est incontestable- ment le violoncelle qui a le plus de moyens pour émonvoir (...) Il y dans le chant, qu'il développe seul ici, un sentiment si profond, une simplicité si raffinée qu'on oublie que tout cela n'est qu'art et artifice et que, pénétré d'un sentiment religieux, on croit percevoir une voix céleste. Il n'y a rien qui puisse inquiéter, tout concourt au contraire à consoler. (..)  Quand, changeant de style, il donne à sa musique une teinte plus sombre, mélancholique, il émeut profondément, mais avec des moyens tellement délicats que las larmes coulent sans qu'on s'en apercoive. Il ne rend triste que pour remuer plus profon- dément. Il semble oter à l'ame toute sa force mais c'est pour la mettre d'autant mieux en paix avec elle-meme, pour résoudre le tumulte des passions en félicité, transposer dans un monde mellieur en faire gouter aux joies de l'age d'or." 
Es ist davon auszugehen, dass Boccherini die wundervollen Melodien, die den französischen Kollegen derart ins Schwärmen brachten, zu Papier brachte, um sie dann selbst mit aufzuführen. Doch auch die Aufgaben seiner Triopartner sind anspruchsvoll. Raphael Flieder, Stimmführer der Violoncelli bei den Wiener Philharmonikern, hat an dem ebenso eleganten wie virtuosen Cellopart hörbar Vergnügen. Und mit Klara Flieder, Professorin am Salzburger Mozarteum, Violine, und Johannes Flieder, Solobratschist der Wiener Philharmo- niker, Viola, stehen ihm versierte Musikerkollegen zur Seite, um die reizvollen, aber im Konzertbetrieb zu Unrecht wenig präsenten opera grande Boccherinis wieder zum Klingen zu bringen. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1990, die aber noch immer taufrisch wirkt und bis zum letzten Taktstrich inspiriert. Bravi! 

Walcha: Chorale Preludes (Naxos)

Die Aufnahmeprüfung am Leipzi- ger Konservatorium bestand Helmut Walcha (1907 bis 1991) bereits mit 15 Jahren. Er war der jüngste Orgelschüler, den Günther Ramin je hatte. Von 1926 bis 1929 musizierte Walcha dann als Stell- vertreter seines Lehrers an der Leipziger Thomaskirche. 1929 wurde er Organist an der Friedens- kirche in Frankfurt/Main. Ab 1933 unterrichtete er an dem berühm- ten Dr. Hoch's Conservatorium; als Teile davon 1938 zur Musikhoch- schule umstrukturiert wurden, erhielt Walcha dort eine Professur. 
Der Lehrbetrieb kam allerdings zum Erliegen, nachdem die Hoch- schulgebäude bei Bombenangriffen zerstört worden waren. Es war Helmut Walcha, der 1947 die Initiative ergriff und dafür sorgte, dass die Lehre zumindest im Bereich der Kirchenmusik wieder aufgenom- men wurde. 
Von 1946 bis 1981 wirkte er zudem als Organist an der Dreikönigs- kirche. Dort führte er Orgelvespern nach Leipziger Vorbild ein, und begründete damit eine Tradition, die bis heute Bestand hat. 
Walcha erwarb sich schon früh einen Weltruf als Bach-Interpret. Das Orgelwerk des großen Meisters hat er gleich zweimal komplett ein- gespielt, zuletzt für das Label Archiv der Deutschen Grammophon an historischen Orgeln in Deutschland, Frankreich und den Niederlan- den. Der Organist, der seit seiner Jugend blind war, unterrichtete mehr als 200 Orgelschüler - gut ein Viertel davon kam aus den USA. Einer von ihnen, Wolfgang Rübsam, hat nun seinerseits an der Orgel der First Presbyterian Church in Spingfield, Illinois, damit begonnen, Orgelwerke von Helmut Walcha einzuspielen. Die ersten beiden CD mit Choralvorspielen sind nun bei Naxos erschienen. Und man muss sagen, diese Aufnahmen sind schon beeindruckend. 
Das liegt zum einen an dem Instrument, einer großen Orgel mit drei Manualen und Pedal und 49 Registern, die von dem Orgelbauer John Brombaugh 2004 fertiggestellt worden ist. Das liegt aber auch und vor allem an der sensiblen Interpretation durch Rübsam. Er zeigt, dass die Choralvorspiele Walchas weit mehr sind als Lehrwerke für junge Organisten. 
Zwar hat Walcha durch seine Notation und seine Anmerkungen recht deutlich aufzeigt, wie er die Werke gespielt haben möchte. Der Organist ist jedoch auch bekannt für seine Improvisationsgabe und seine beeindruckende Spontaneität. Rübsam hat dies nicht verges- sen. 
Beim Unterrichten wie beim eigenen Orgelspiel legte Walcha stets größten Wert auf strukturelle Klarheit und Ausdruck. Inspiriert durch Vorbilder wie Pachelbel, Buxtehude oder Bach, bieten seine Choral- vorspiele eine große Vielfalt an Ideen und Formen. Dass sich diese Werke darüber hinaus perfekt dazu eignen, den charakteristischen Klang einer Orgel zur Geltung zu bringen, das haben mittlerweile etliche Organisten entdeckt. So wird Orgelmusik von Helmut Walcha auch hierzulande in Kirchenkonzerten gern und oft gespielt. 


Freitag, 15. März 2013

Komm, süßes Kreuz (Coviello)

Die ganze Farbenpracht barocker Gambenmusik präsentieren Frauke Hess und ihre Mitstreiter auf dieser CD. Im Mittelpunkt der Einspielung steht der sogenannte Stylus Phan- tasticus, eine musikalische Form, die zunächst in der Orgelmusik außerhalb der eigentlichen Liturgie aus der Improvisation entstanden ist, und bald auch auf andere Instrumente übertragen wurde.
Die Viola da gamba erfreute sich im späten 17. Jahrhundert in der Kammermusik großer Beliebtheit. Und so nutzten nicht nur berühmte Gambenvirtuosen „die allerfreieste und ungebundenste Setz-, Sing- und Spiel-Art“ - so nannte Johann Mattheson 1739 den Stylus Phan- tasticus - um ihr Instrument gekonnt zu präsentieren.
Auf dieser CD erklingen einige Werke, die zeigen, wie die Gambe in dieser innovativen Spielart der Barockmusik verwendet wurde. Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714) beispielsweise, Hofkapell- meister im Hause Schwarzburg-Rudolstadt, veröffentlichte 1694
VI Sonate à Violino e Viola da Gamba col suo Basso Continuo. In der dritten Sonate aus dieser Sammlung, die hier erklingt, tritt die Gambe in einen Dialog mit der in Skordatur gestimmten Violine. So ergibt sich eine klanglich reizvolle Triosonate.

August Kühnel (1645 bis um 1700), im Dienst beim Landgrafen von Hessen-Kassel, gehörte zu den berühmten Gambenvirtuosen jener Zeit. In Kassel erschienen 1698 seine Sonate o Partite ad una o due Viola da Gamba con il Basso Continuo; die ersten sechs dieser Werke sind für zwei Gamben geschrieben, ansonsten erklingt das Instrument solistisch. Auch enthält der Band anspruchsvolle und weniger schwierige Stücke, was uns einen Hinweis darauf gibt, dass der Landgraf wohl selbst die Viola da gamba gespielt hat. Zwei Sonaten aus dieser Sammlung sind auf dieser CD zu hören.
Über das Leben von Johann Michael Kühnel ist wenig zu erfahren; es wird vermutet, dass er als Lautenist und Gambist in Potsdam, Weimar und Dresden gewirkt hat. Die CD stellt ein Concerto vor, in dem die Gambe gemeinsam mit der Laute zum Basso continuo konzertiert - eine rare, aber sehr aparte Kombination.
Auch Dieterich Buxtehude (1637 bis 1707) schrieb Kammermusik, in der er die Gambe einsetzte. So gehören zwei Bände mit je VII Sonate à due, Violino et Viola da Gamba con Cembalo zu den wenigen Werken des Komponisten, die zu seinen Lebzeiten gedruckt wurden. Bereits der erste Band war so gefragt, dass der Verleger die Druckkosten für den zweiten übernahm. Die Sonata IV aus dieser Sammlung, die 1696 in Hamburg erschienen ist, gehört mit ihrer kunstvollen Verknüpfung von Stylus Phantasticus und Kontrapunkt zu den schönsten auf dieser CD. 
Johann Sebastian Bach verwendet die Viola da gamba in seiner Matthäuspassion, beispielsweise in Ja! Freilich will in uns das Fleisch und Blut/Komm, süßes Kreuz. Dort übernimmt sie einen Solopart, der den des Sängers beinahe zur Nebensache werden lässt - und wohl auch zu den schwierigsten der gesamten Gambenliteratur gehört. Bassbariton Dominik Wörner antwortet auf diese instrumentale Brillanz mit Theatralik - mein Fall ist das nicht. Aber ansonsten ist die CD mit der Gambistin Frauke Hess, Josh Cheatham an der zweiten Gambe sowie am Violone, Veronika Skuplik, Violine, Andreas Arend, Chitarrone und Barocklaute, und Torsten Johann an Orgel und Cem- balo sehr gelungen und stimmungsvoll.

Donnerstag, 14. März 2013

Il Convegno (Telos Music)

Il Convegno - Die Zusammenkunft oder aber auch Das Stelldichein - heißt ein berühmtes Werk, das der italienische Komponist Amilcare Ponchielli 1868 geschrieben hat, als er noch das Orchester der Stadt Cremona leitete. Deshalb entstand dieses Stück, das bis heute als das Paradestück für Klarinettenduo schlechthin gilt, für die Bläser- solisten und die sogenannte Banda, die typisch italienische Blaskapelle.
Wenn der WDR eigens für die beiden Klarinettisten Andy Miles und Dirk Schultheiß eine Orchesterfassung erstellen lässt, dann hat dies seinen Grund: "Sie sind Mitglieder des WDR Rundfunkorchesters Köln, sprechen und musizieren nach fünfzehn gemeinsamen Dienst- jahren immer noch miteinander, trinken hin und wieder miteinander ein Glas Wein im privaten Rahmen UND musizieren freiwillig und gerne zusammen", so beschreibt ihn Dirk Schultheiß im Begleitheft zu dieser CD.
Ähnlich sonnige Laune verbreitet die Silberscheibe - auch wenn leider nicht durchweg die beiden Virtuosen zu hören sind. "Da die beiden Musiker der Meinung sind, dass Musik für zwei Klarinetten in einer Dauer von sechzig bis siebzig Minuten schwer erträglich ist, haben sie zu den Klarinettenkompositionen korrespondierende Orchesterwerke ausgesucht - alles Aufnahmen mit dem WDR Rundfunkorchester Köln", so Schultheiß.
So ergibt sich eine Zusammenstellung von Aufnahmen, die aus den Jahren 1999 bis 2009 stammen. Zu hören sind zwei Konzertstücke für Klarinette, Bassethorn und Orchester von Felix Mendelssohn Bartholdy, unterbrochen durch das Nocturne aus dem Sommer- nachtstraum. Die Konzertstücke erinnern an die enge Freundschaft zwischen dem Komponisten und zwei Musikern - Heinrich Baermann (1784 bis 1847) und sein Sohn Carl, der wohl auch mit dem Kochlöffel virtuos umzugehen wusste. Denn auf das Titelblatt des einen Stückes schrieb Mendelssohn Bartholdy die launige Widmung "Die Schlacht von Prag. Ein großes Duett für Dampfnudel und Rahmstrudel".
Von Wolfgang Amadeus Mozart erklingen die Ouvertüre zur Oper Titus sowie der zauberhafte Quintettsatz A-Dur KV Anhang 90 für Klarinette, Bassethorn und Streichtrio - leider hat Mozart dieses Werk nicht vollendet, so dass wir uns heute mit dem Fragment bescheiden müssen.
Ob das charmante Konzertstück für zwei Klarinetten und Orchester, der darauf folgt, wirklich von Giaccomo Rossini stammt, das ist nicht unumstritten. Für den Hörer, der daran sein Vergnügen hat, ist dies aber unerheblich. Und Hörvergnügen bereitet diese CD unbestreit- bar. Die beiden Solisten musizieren gekonnt, mit phantastischem Ton und mit hohem Engagement. Ihre Leidenschaft für das Instrument ist zu spüren - und zugleich nimmt man erfreut wahr, dass Miles und Schultheiß offenbar die Gemeinschaft, das Zusammenspiel,  wichtiger nehmen als ihre Virtuosenpersönlichkeit. So ergänzten sie auch hier das durch Klarinetten dominierte Werk um Rossinis Ouvertüre zur Oper Die diebische Elster. Danach folgt Ponchiellis Il Convegno - was für ein Feuerwerk an Musikalität und Musizierlust!

Mittwoch, 13. März 2013

Rogier: Music from the Missae Sex (Linn)

Philippe Rogier (1561 bis 1596) war ein franko-flämischer Kom- ponist. Er begann seine Ausbildung wahrscheinlich an der Kathedrale von Arras, und kam 1575 in einer Gruppe von Sopranisten nach Madrid, um am spanischen Königshof zu singen. 1588 wurde er durch König Philipp II. zum maestro di capilla ernannt. 
Der 1649 in Lissabon erstellte Katalog der königlichen Musik- bibliothek verzeichnete 243 Werke Rogiers; die meisten davon gingen allerdings bei einem Palastbrand sowie beim großen Erdbeben 1755 verloren. Heute sind noch 18 Motetten, sieben Messen sowie einige wenige andere Werke überliefert. 
Die Sänger des Ensembles Magnificat sind bereits seit einiger Zeit dabei, das Werk Philippe Rogiers zu erkunden. So sind bei Linn Records mittlerweile Aufnahmen der Missa Ego sum qui sum sowie der Missa Domine Dominus noster erschienen. Die vorliegende dritte CD enthält nun die Missa Inclita stirps Jesse sowie die Missa Philippus Secundus Rex Hispaniae, beide in Weltersteinspielung. Sie werden ergänzt durch eine Motette von Jacobus Clemens "non Papa", die das musikalische Material der ersten der beiden Parodiemessen vorstellt, sowie durch Orgelmusik von Antonio de Cabezón. 
Die Aufnahme zeigt, mit welcher Klangpracht der spanische Hof den Gottesdienst feierte. Mit dem Ensemble Magnificat, das durch seinen Gründer Philip Cave dirigiert wird, musizieren His Majestys Sagbutts and Cornetts zur Seite - allein dies genügt als Hinweis auf die Qualität der CD. Den Orgelpart spielt Alastair Ross, die Harfe Joy Smith, und den Dulcian Keith McGowan. 


Dienstag, 12. März 2013

Boccherini: String Trios Op. 1 & Symphonies Op. 35 (Newton)

Wie spielt man ein Werk, das ohnehin nicht zu den Spitzen der Musikgeschichte gehört, so ein, dass der Zuhörer vor Langeweile schier einschläft? Das Trio Arcophon zeigt dies exemplarisch an den Streichtrios op. 1 von Luigi Boccherini (1743 bis 1805). Es war, wie man an der Opuszahl erkennen kann, ein frühes Werk, komponiert von dem gerade siebzehnjährigen Musiker. 
Boccherini schuf im Laufe seines arbeitsreichen Lebens eine Vielzahl kammermusikalischer Werke - Streichtrios, Quartette und Quintette, Sonaten, doch auch gut 30 Sinfonien. Sechs davon, die als Opus 35 veröffentlicht wurden, erklingen auf CD zwei und drei dieser Box, gespielt von den I Filharmonici di Bologna unter Angelo Ephrikian. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Auch dies ist keine Aufnahme, die man kennen muss. 

Sonntag, 10. März 2013

Bach: The Brandenburg Concertos (Winter & Winter)

"The Celebration", nennt das Label Winter und Winter diese ganz be- sondere Bach-Edition. Sie entführt den Hörer in das Jahr 1721 zu einem grandiosen Barockfest. Wer sich das Bild auf dem Cover anschaut, der ahnt, dass es nicht einfach um eine weitere Aufnahme der berühmten Brandenburgi- schen Konzerte geht. 
Die beiden CD sowie das Beiheft wurden ebenfalls liebevoll gestal- tet; das Beiheft erzählt in einer Art Tagebuch über die Jahre 1717 bis 1723, die Johann Sebastian Bach als Kapellmeister am Hofe des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen verbrachte. Auch die CD erzählen eine Geschichte - sie führen die Zuhörer mitten hinein in ein höfisches Fest, mit dem 1721 in Köthen die Sommersonnenwende gefeiert wird. 
Die Musik zu dieser Klanggeschichte stammt von Johann Sebastian Bach. Man hört die Gäste in Kutschen zum Fest herbeirollen. Die Hofe der Pferde klappern auf dem Pflaster; Hunde bellen, und Jagdhörner geben Signale. Aus der Ferne sind bereits die ersten Töne von Bachs neuem Werk zu hören, den Six Concerts Avec plusieurs Instruments, gewidmet Markgraf Christian Ludwig von Brandenburg-Schwedt. Von dem Adressaten der Widmung freilich hat Bach keine Antwort erhal- ten, und auch kein Honorar. Die Musik, die später unter dem Namen Brandenburgische Konzerte weltberühmt werden sollte, erklingt nun also in Köthen. Das Orchester ist mit Hörnern, Trompeten und Streichern üppig besetzt, und es musiziert wunderbar. Wer sich nicht daran stört, dass das Knattern des Feuerwerks gleich mehrfach in die Musik hinein erklingt, begleitet von den Ahs und Ohs des staunenden Publikums, der wird diese stimmungsvolle Einspielung mit der Freitagsakademie mögen - leider liefert die Doppel-CD aber nur den Soundtrack zum rauschenden Fest. 

Telemann: Complete Violin Concertos Vol. 5 (cpo)

Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767) war ein fleißiger Komponist, der im Laufe seines langen Lebens zahlreiche Werke geschaffen hat. Darunter finden sich auch etliche Konzerte für Violine. Verfolgt man die Gesamteinspielung dieser Werke, um die sich Elizabeth Wallfisch derzeit bei cpo verdient macht, dann wird deutlich, dass er dazu sehr verschiedene Modelle erprobte.
Eines aber war ihm wichtig. 1718 schrieb Telemann, er habe in den "meisten Concerten, so mir zu Gesichte kamen / zwar viele Schwü- rigkeiten und krumme Sprünge / aber wenig Harmonie und noch schlechtere Melodie" vorgefunden. In seinen eigenen Werken wollte er dies besser machen - und wie sehr er damit zum Vorbild für andere wurde, zeigt die Tatsache, dass Zeitgenossen wie Bach. Händel und Graupner seine Konzerte abgeschrieben und ihrerseits weiterverar- beitet haben. 
Auf den CD vier und fünf der Gesamteinspielung musiziert Elizabeth Wallfisch gemeinsam mit dem L'Orfeo Barockorchester bzw. der Wallfisch Band. Die beiden Ensembles spielen gleichermaßen versiert. Als 2006 die Ouvertürenkonzerte (CD vier) aufgezeichnet wurden, gab es allerdings die Wallfisch Band noch nicht. In diesem Ensemble, das die Geigerin 2008 ins Leben gerufen hat, musizieren etablierte Barockmusiker gemeinsam mit fortgeschrittenen Studierenden, um ihnen den Übergang ins Berufsleben zu erleichtern. Die jungen Leute sind technisch exzellent; was ihnen an Erfahrung möglicherweise fehlt, das machen sie durch Präzision und Neugier wett. So klingen auch diese Konzerte sehr frisch und inspiriert - ein ganz besonderes Hörvergnügen, das ich sehr empfehlen kann. 

Samstag, 9. März 2013

Solosonaten und Trios von Leopold Mozart (Oehms Classics)

Johann Andreas Stein (1728 bis 1792) gehörte zu den führenden Instrumentenbauern seiner Zeit. Der Sohn eines Orgelbauers absolvierte seine Ausbildung bei Johann Andreas und Johann Heinrich Silbermann in Straßburg. Nach seiner Lehr- und Wanderzeit ließ er sich schließlich in Augsburg nieder. Dort gab es keinen Orgel- baumeister, und so hatte Stein gut zu tun. 
Dennoch beschäftigte sich der Instrumentenbauer auch mit dem Hammerklavier. Es war damals eine Innovation, und so fand Stein bald eine Lösung, die für das junge Instrument eine deutliche Verbesserung bedeutete: Er entwickelte die Prellmechanik weiter zur Prellzungenmechanik, die einen präziseren Anschlag ermöglichte. Leopold Mozart hatte 1763 den Klavierbauer 1763 aufgesucht, und "ein artiges Clavierl vom H. Stein in Augspurg gekauft, welches uns wegen dem exercitio auf der Reise grosse Dienste tut", schrieb er in einem Brief. 
1777, auf seiner Reise nach Paris, besuchte Wolfgang Amadeus Mo- zart den Klavierbauer. Er war von den Instrumenten sehr angetan, und spielte sie auch. Gekauft allerdings hat Mozart junior nie einen Hammerflügel aus dem Hause Stein; er bevorzugte die Instrumente des Wiener Instrumentenbauers Anton Walter, deren Mechanik noch moderner war und dem Solisten ein schnelleres Repetieren ermög- lichte. 
Als Stein 1992 starb, übernahmen sein Sohn und seine Tochter Anna-Maria gemeinsam die Werkstatt. Zwei Jahre später verlegten sie den Betrieb nach Wien. Daraus gingen zwei Werkstätten hervor: Matthäus Andreas Stein firmierte unter André Stein, und betreute unter anderem Beethovens Instrumente. Nannette baute zusammen mit ihrem Mann Johann Andreas Streicher Klaviere, die sich ebenfalls eines hervorragenden Rufes erfreuten. 
Von den Hammerflügeln, die Stein gebaut hat, sind nur wenige erhalten - ungefähr 15 Stück sollen es sein, und einen davon hat die Stadt Augsburg in ihrem Besitz. Er stammt aus dem Jahre 1785 und befindet sich im Augsburger Mozarthaus. Dieses Instrument spielt Christine Schornsheim, eine überaus renommierte Spezialistin für historische Tasteninstrumente und Professorin an der Münchner Musikhochschule, bei dieser Aufnahme. Was für ein Klang! Es ist ganz eindeutig kein Cembalo mehr, aber auch noch kein Klavier, wie wir das heute kennen. 
Schornsheim spielt, wie könnte es anders sein, an diesem Instrument die Solo-Sonaten für Hammerflügel von Leopold Mozart (1719 bis 1787). Ob diese Werke wie Steins Reiseflügel die Familie Mozart 1763 auf ihre große Konzertreise durch Westeuropa begleitete, wo der siebenjährige Wolfgang und seine Schwester dem Adel und gutsituier- ten bürgerlichen Musikliebhabern aufspielten, das kann nur vermutet werden. 
Christine Schornsheim gestaltet diese Sonaten sehr überlegt und gediegen. Auch bei den Triosonaten Leopold Mozarts gelingt es der Musikerin gemeinsam mit Rüdiger Lotter an der Violine und Sebastian Hess am Barock-Violoncello, jeden einzelnen Takt mit Leben zu erfüllen. Das ist gar nicht so einfach, denn diese Werke, die hier in Weltersteinspielung erklingen, erinnern eher an eine Klavier- sonate mit begleitender Violine, den Bass verstärkt durch das Violoncello - und mitunter hat man den Eindruck, dass es sich um Unterrichtswerke handelt. Die endlosen Wiederholungen so zu gestalten, dass sich der Hörer trotzdem keine Sekunde langweilt, das ist wahrlich große Kunst. 

Wilhelm Backhaus - The Virtuoso (Profil)

Als der junge Wilhelm Backhaus 1905 gemeinsam mit Richard Strauss in Berlin dessen Burleske vorgetragen hatte, schwärmte der Komponist, dieser Pianist sei "ein Künster von glänzenden Fähig- keiten, eminent musikalisch, un- fehlbare Technik." 
Als Backhaus 1969 starb, rühmte ihn die Times in ihrem Nachruf als den „größten überlebenden Ver- treter der klassischen deutschen Musiktradition, wie sie im Konservatorium seiner Geburts- stadt Leipzig gepflegt wurde.“ Glücklicherweise können wir nahezu vom Beginn seiner Karriere an heute noch nachvollziehen, wie Backhaus musiziert hat, denn der Klaviervirtuose spielte bereits 1907 seine erste Platte ein. Als er 1909 auf einer Acht-Minuten-Platte Aus- schnitte des Grieg-Konzertes vorstellte, war dies die erste Schall- platteneinspielung eines Konzertes überhaupt. 
Diese beiden frühen Aufnahmen sind auf der vorliegenden CD nicht zu bewundern, aber dafür eine Auswahl nicht minder spektakulärer Ein- spielungen. So zeigt Mozarts Krönungskonzert KV 537, aufgenommen 1940 in Berlin, gleich zu Anfang, wie schnell auch in der Musik die Moden wechseln. Backhaus hat dafür Kadenzen entwickelt, die Puristen heute Schweißperlen auf die Stirn treiben dürften. Sogar ein paar Takte Beethoven vermeint man da herauszuhören - und der Pianist hat in seine Stimme ohnehin zusätzliche Noten eingefügt. Zu dieser Interpretation passt das aber. Und Mozart selbst wäre wohl vor Lachen vom Klavierhocker gefallen, wenn sich jemand die Mühe gemacht hätte, ihm zu erklären, was eine Urtextausgabe ist. 
Selbstzweck freilich war das Virtuosentum für Wilhelm Backhaus nicht: „Mein Ziel ist nicht, das Publikum zu überreden, dass ich gut spiele, sondern ihm die Schönheit des Werkes, das ich interpretiere, nahezubringen.“ Bis ins Detail nachspüren kann man seiner künst- lerischen Handschrift in den Klavierrollenaufnahmen auf der ersten CD. Da wäre zum einen die Tatsache, dass das Rollenklavier präzise nachvollzieht, was ihm die Rolle vorgibt. Zum anderen aber hat Backhaus etliche Werke für diese Aufnahmen bearbeitet. 
Die zweite CD bringt dann akustische und elektrische Aufnahmen aus den Jahren 1908 bis 1928 - darunter Werke von Franz Liszt, Frédéric Chopin, Franz Schubert und erneut der Naila-Walzer von Léo Délibes; er scheint zu Backhaus frühen Paradestücken zu gehören. Die Paganini-Variationen von Johannes Brahms op. 35 sind ebenfalls sowohl in der Rollen-Aufzeichnung als auch in einer Aufnahme für His Masters Voice zu hören. Das ist alles sehr beeindruckend - zumal, wenn man bedenkt, dass eine Schellackplatte nur für etwa viereinhalb Minuten Musik pro Seite ausreicht. 

Freitag, 8. März 2013

Danzi: Flute Quartets op. 56 (MDG)

Franz Danzi (1763 bis 1826) war der Sohn eines italienischen Cellisten, der der Mannheimer Hofkapelle angehörte. Unterrichtet wurde er von seinem Vater, später dann auch von Abbé Vogler. Als der Kurfürst Carl Theodor mitsamt dem Hof 1778 nach München übersiedelte, blieb Danzi zunächst in Mannheim. Er musizierte am neuen Hof- und Nationaltheater, wo 1780 auch seine erste Oper auf- geführt wurde.
Ein Jahr später ging er nach München, wo er 1783 seinem Vater in der Position des Solocellisten nachfolgte. Danzi unternahm zudem einige Konzertreisen, gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Sängerin und Komponistin Maria Margarethe Marchand. Wieder in München, wurde er Vizekapellmeister. 1807 ging Danzi als Hofkapellmeister nach Stuttgart, wo er gleichzeitig als Kompositionslehrer und Inspektor der Bläserabteilung am Kunst- institut des Waisenhauses wirkte. 1812 wechselte er dann nach Karlsruhe, wo er bis ans Ende seiner Tage blieb. Dort sind viele seiner Werke für die Kammermusik entstanden, insbesondere seine neun Bläserquintette, die bis heute im Konzert erklingen.
Auf der vorliegenden CD hat das Ardinghello-Ensemble nun seine Flötenquartette op. 56 eingespielt. Diese bezaubernden Werke basieren zwar auf Formen, die man gemeinhin der Klassik zuordnen würde. Doch sowohl in ihrer Suche nach interessanten klanglichen Effekten als auch in ihren Anleihen bei der "Volksmusik" lassen sie bereits an die Romantiker und ihre Ideen denken. Für Musiker sind diese Werke attraktiv, denn Danzi hat alle vier Quartettpartner gleichermaßen mit anspruchsvollen Aufgaben betraut. 
Die drei Quartette stecken voll Überraschungen, denn Danzi hat für die einzelnen Sätze so manchen kuriosen Einfall verarbeitet. Da erklingt ein venezianisches Gondellied, dramatische Ausbrüche stehen neben lieblichen Belcanto-Koloraturen, und auch die Klänge von Drehleier und Bordunbass sorgen für ein einzigartiges Flair. Das Ardinghello-Ensemble, das sich der Ideenwelt der Romantik beson- ders verbunden fühlt, zündet dieses Zitate-Feuerwerk mit Tempera- ment und Spiel-Lust. Karl Kaiser, Flöte, Annette Rehberger, Violine, Bodo Friedrich, Viola, und Ursula Kaiser, Violoncello, zeigen mit dieser CD, dass klassische Musik durchaus auch geistreich, ja witzig  sein kann. Mich jedenfalls hat diese hinreißende Aufnahme begei- stert. Bravi! 

Donnerstag, 7. März 2013

Wagner: Complete piano music (Brilliant Classics)

Originelles zum Wagner-Jahr: Bei dem niederländischen Label Brilliant Classics erscheint jetzt auf zwei CD die Klaviermusik des Kom- ponisten, der eigentlich eher durch seine Opern berühmt wurde. 
Diese Werke ermöglichen einen Blick auf die Lehrjahre von Richard Wagner (1813 bis 1883). So erschien 1831 bei Breitkopf und Härtel die Klaviersonate in B-Dur, Wagners Opus 1, das er seinem Kompositionslehrer, dem Thomas- kantor Christian Theodor Weinlig, widmete.  Die 1832 entstandene Große Sonate in A-Dur, WWV 26, erweist sich als ambitioniertes, aber zugleich auch wenig originelles Werk - ursprünglich hatte Wagner eine Fuge als vierten Satz kompo- niert, diesen aber später gestrichen. Und für den letzten Satz existiert eine alternative Fassung, die bei dieser Einspielung ganz zum Schluss erklingt. 
Die dritte Klaviersonate WWV 85 schrieb Wagner "für das Album von Frau M.W.", was ohne Zweifel für Mathilde Wesendonck steht. Sie war die Muse, die Wagner zu seiner Oper Tristan und Isolde inspirierte, zu den Wesendonck-Liedern - und auch zu einigen Gelegenheitskompo- sitionen, die sich gleichfalls auf dieser CD finden. Das spannendste Stück erscheint mir noch die Elegie in As-Dur zu sein, ein kurzes Notat, im Wagner-Werkverzeichnis aufgeführt unter WWV 93. 
Der Pianist Pier Paolo Vincenzi hat sich nun zum Wagner-Jubiläum an das Klavierwerk herangewagt, und die überlieferten Werke vollstän- dig eingespielt. Ein ähnliches Projekt bewältigte übrigens in den 60er Jahren bereits der deutsche Pianist Martin Galling. Sein Kommentar danach, der über die Qualitäten dieser Klaviermusik wohl genug aus- sagt, findet sich im Magazin "Spiegel": "Nie im Leben rühre ich wieder einen Ton Wagner an!" 

Spohr: Grand Duo (cpo)

Louis Spohr (1784 bis 1859) gehört zu jenen Komponisten, deren Werk derzeit allmählich wieder durch Musiker entdeckt wird. Dabei erweist sich, wie sehr das Repertoire durch diese Werke bereichert wird, die lange im Kon- zert überhaupt nicht zu erleben waren.
Dass die Musikwelt auf diese Verluste aufmerksam wird, das ist nicht zuletzt das Verdienst einiger sehr engagierter Labels. So hat beispielsweise cpo  bereits sämt- liche sinfonischen Werke von Louis Spohr in Neueinspielungen veröffentlicht. Auch für die Edition der Violinkonzerte durch cpo gab es großen Beifall.
Nun haben Ingolf Turban und Kolja Lessing eine CD mit Werken für Violine und Klavier vorgelegt. Sie zeigt uns, dass der Violinvirtuose und Hofkapellmeister Spohr auch beim Klavier eher die Diskant- register, klanglich transparente Strukturen und  Eleganz bevorzugte. Im Zusammenspiel mit der Violine bekam das Klavier zudem nicht mehr die führende Stimme, der sich die Violine beiordnet. Spohr folgte nicht mehr dem Modell der Sonata per pianoforte con accompagnamento di violino, sondern er weist schon mit Titeln wie Duo concertant darauf hin, dass beide Partner gleichermaßen mit virtuosen Partien vor das Publikum treten. 
Und auch wenn das Anfang 1837 in Kassel komponierte Grand Duo concertant op. 112 klassischen Prinzipien folgt, von der Sonaten- hauptsatzform im ersten Satz bis hin zum abschließenden Rondo, so klingt das Werk doch ausgesprochen vergnügt und naturverbunden. In den Sechs Salonstücken op. 135 aus den Jahren 1846/47 sind ebenfalls Passagen zu hören, die an Reiseerinnerungen denken lassen. Was Spohr freilich von allzu romantischen Ideen hält, das kann der Hörer am zweiten Teil des Grand Duo concertant erkennen, einem Larghetto, in dem der Komponist zunächst eine biedermeierliche Idylle aufbaut - um sich dann deftig darüber lustig zu machen. 
Ingolf Turban und Kolja Lessing erweisen sich als ideale Besetzung für dieses charmante, aber gelegentlich auch doppelbödige Repertoire. Anders als die Werke Paganinis, wo die Virtuosität stets im Vorder- grund steht, fordert die Musik von Spohr deutlich mehr als Finger- akrobatik. Turban macht deutlich, dass virtuose Passagen bei Spohr immer Bestandteil einer musikalischen Idee sind. Doppelgriffe und Trillerketten sind hier Gestaltungsmittel, und nicht Turnübungen. Und wenn Turban auf einen allzu satten, "romantischen" Ton zumeist verzichtet, dann wirkt dies mitunter wie der Kommentar zum Kommentar. Auch das ist Rezeptionsgeschichte. Wie kühn und modern Spohr komponierte, das zeigt vor allem das Adagio WoO 37 mit seinen harmonischen Überraschungen.  
Turban und Lessing haben gemeinsam schon mehrere CD eingespielt. Diese künstlerische Partnerschaft ist möglicherweise gerade deshalb so fruchtbar, weil Kolja Lessing selbst Geiger ist. Wie eine amüsante Fußnote wirkt es, wenn er hier Spohrs einzige Miniatur für Klavier solo spielt, das heiter-beschwingte Rondoletto op. 149.

Mittwoch, 6. März 2013

Richter: Sonatas for Flute, Harpsichord and Cello 2 (Naxos)

Franz Xaver Richter (1709 bis 1789), aus Mähren stammend, soll ein Schüler des kaiserlichen Kapellmeisters Johann Joseph Fux gewesen sein. Ob dies wirklich zutrifft, das lässt sich heute nicht mehr feststellen. 
In jedem Falle begann Richter seine musikalische Laufbahn als Bassist am Stuttgarter Hof. Ab 1747 wirkte er schließlich als virtuoso di camera des Kurfürsten Carl Theodor von der Pfalz, der die berühmte Mannheimer Hofkapelle unterhielt. Über die Biographie des Musikers wurde in diesem Blog bereits ausführlich berichtet, im Zusammenhang mit dem Erscheinen der ersten drei von insgesamt zwölf Sonate da camera des Komponi- sten, die Pauliina Fred, Traversflöte, Heidi Peltoniemi, Violoncello und Aapo Häkkinen, Cembalo, für Naxos eingespielt haben. 
Nun haben die jungen finnischen Musiker die Sonaten vier bis sechs vorgelegt. Es sind erneut "echte" Triosonaten für obligates Cembalo, Flöte und Violoncello, die alle beteiligten  Instrumente gleicher- maßen fordern. Von alten Modellen, bei denen Violoncello und Cembalo lediglich für die Continuo-Begleitung zuständig waren, hat sich Richter in diesen Werken weit entfernt. Insbesondere Cembalo und Flöte agieren hier in regem Dialog, was allerdings den Kompo- nisten nicht daran hinderte, dem Melodieinstrument gelegentlich auch die Begleitfunktion zuzuweisen. 
Richters Sonaten sind originell und ausdrucksvoll. Sie werden auf dieser CD brillant präsentiert; auf die nächsten drei Kammersonaten darf man sicherlich gespannt bleiben. Unterstrichen wird dies zusätzlich durch zwei Werke für Cembalo, die in Archiven entdeckt wurden und auf dieser CD ebenfalls erklingen. Das Präludium in C-Dur erinnert ein wenig an ähnliche Werke von Johann Georg Albrechts- berger (1736 bis 1809), den Kaiser Joseph II. 1772 zum Hoforgani- sten ernannte. Es wurde in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbib- liothek Donaueschingen aufgespürt. Auch das Andante in F-Dur, überliefert mit lediglich einer Abschrift in der Universitätsbibliothek Augsburg, ergänzt das Bild. Sehr spannend! 

Dienstag, 5. März 2013

Bach: Motets; S:T Jacobs Kammarkör & Rebaroque (Proprius)

Die Motetten von Johann Sebastian Bach (1685 bis 1750) gehören nicht eben zu den selten eingespielten Werken. Nun hat bei Proprius auch der St. Jacobs Kammarkör gemeinsam mit dem Ensemble Rebaroque unter Leitung von Gary Graden eine Aufnahme vorgelegt. 
Der Chor singt regelmäßig in der St. Jacobs-Kirche und im Dom von Stockholm. Er hat an zahlreichen Festivals und Wettbewerben teil- genommen und wurde mit etlichen Preisen ausgezeichnet. Das Ensemble hat zudem eine Vielzahl von Chorwerken uraufgeführt, die von Komponisten speziell für den St. Jacobs Kammarkör geschrieben worden sind. 
Chordirektor Gary Graden stellt auf dieser CD nun eine Interpretation der Bach-Motetten vor - solide, blitzsauber gesungen und durchaus achtbar. Doch mit den ganz großen Einspielungen kann diese hier nicht mithalten; man hat mitunter den Eindruck, dass weder die Sänger noch die Musiker mit dem Text etwas anfangen können. Wer aber Bach singen will, der sollte schon darauf achten, was er da vor- trägt. Schade. 

Clementi: Capriccios & Variations; Shelley (Hyperion)

"I was a young Italian, but now I'm an old Englishman", bemerkte der betagte Muzio Clementi (1752 bis 1832). Zur Welt gekommen war er in Rom. Dort begann er auch seine Ausbildung. Der Knabe war so begabt, dass er schon im Alter von neun Jahren Organisten- dienste übernehmen konnte.
Als er 14 Jahre alt war, ging er mit einem Mäzen nach England - und dort blieb und wirkte er den Rest seines Lebens, sieht man von eini- gen Konzertreisen ab, die ihm bis nach Russland führten. Clementi erwarb sich einen Ruf als herausra- gender Pianist, Klavierexperte und Musikverleger. Seine Kompositio- nen beeinflussten Generationen von Musikern; noch heute ist Gradus ad Parnassum wohl jedem Pianisten geläufig. Seine anderen Werke allerdings sind aus dem Konzertleben zumeist verschwunden.
Das ist durchaus ein Verlust, wie Howard Shelley auf diesen beiden CD beweist. Er hatte bereits, ebenfalls bei Hyperion, auf zwölf CD bereits sämtliche Klaviersonaten Clementis eingespielt, und wurde dafür von der Kritik gefeiert. Mit derselben Akribie hat sich der Pianist nun den Capriccios und Variationen des Komponisten zugewendet. Die Dop- pel-CD wird dem Zuhörer mehr als einmal ein Schmunzeln entlocken, denn sie zeigt Clementi als versierten und humorvollen Musiker, der beispielsweise in den Musical Characteristics op. 19 Zeitgenossen wie Mozart und Haydn, aber auch einen deutschen Pianisten namens Franz Xaver Sterkel sowie sich selbst treffsicher parodiert. 
Shelley gelingt erneut eine Einspielung, wie man sie sich nicht besser wünschen kann - mit seinem kristallklar strukturierten, präzisen und klangschönem Musizieren auf einem modernen Instrument macht der Pianist Lust darauf, Clementi wiederzuentdecken. Auch wenn nicht alle Stücke gleich anspruchsvoll sind, so würde man sich doch freuen, diese Musik gelegentlich auch im Konzert zu hören. 

Montag, 4. März 2013

Beethoven: Triple concerto - Choral Fantasy (Doron)

Ludwig van Beethoven hat ein Werk komponiert, das, schaut man auf die Besetzung, an ein Concerto grosso erinnert. Das Tripelkonzert für Klavier, Violine und Violon- cello op. 56, entstanden 1803/04, hat aber sonst wenig Barockes - auch wenn Beethoven die drei Soloinstrumente in der Tat als Concertino auftreten lässt, wirkt das Werk eher wie Kammermusik mit Orchesterbegleitung. 
Es wird hier gespielt von Muza Rubackyte, Klavier, Michael Lud- wig, Violine, und László Fenyö, Violoncello, sowie der Litauischen Nationalen Philharmonie unter JoAnn Falletta. Das Klaviertrio musiziert hinreißend, und auch das Orchester kann sich hören lassen - insofern kann diese Aufnahme im Reigen all der großen Namen, die man mit dem Werk verbindet, durchaus achtbar bestehen. Und wie üblich folgt auf das Tripelkonzert die Fantasie für Klavier, Chor und Orchester op. 80. Das wurde hier insofern wörtlich genommen, als bei diesem Livemitschnitt vom Lithuanian Festival in Vilnius 2009 durchweg der Kaunas State Choir zu hören ist - und kein hochdeko- riertes Solistenensemble. Der Chor ist exzellent, und so entfaltet die Chorfantasie von dem opulenten anfänglichen Klaviersolo bis zum Schlusschor jenen magischen Sog, den man an dem Werk so schätzt. Bravi! 

Sonntag, 3. März 2013

Rossini: L'occasione fa il ladro (Naxos)

"Gelegenheit macht Diebe", so ist wohl der Titel dieser Oper zu übersetzen. Sie gehört zu einer Reihe von Opern, die Gioachino Rossini (1792 bis 1868) für das Teatro San Moisè in Venedig geschrieben hat. "Sie können sich rühmen, einen Jungen aufgezogen zu haben, der in wenigen Jahren der Glanz Italiens sein wird", rühmte Impresario Antonio Cera in einem Brief an Rossinis Mutter das Talent des jungen Komponi- sten - und bestellte gleich drei weitere Werke bei ihm. Dieser Vertrag erleichterte Rossini den Start, aber letzten Endes wurde es für ihn sehr schwierig, ihn auch zu erfüllen, weil er unterdessen Aufträge aus Ferrara, Mailand und Bologna erhalten hatte. L'occasione fa il ladro komponierte er schließlich notgedrungen in elf Tagen.
Gelungen ist das Werk trotzdem; die Musik ist temperamentvoll, mitreißend und witzig. Die Handlung beginnt mit einem heftigen Gewitter. In einem kleinen Hotel warten Reisende darauf, dass das Unwetter zu Ende geht. Insbesondere Graf Alberto hat es eilig, denn er will in Neapel seine Verlobte Berenice heiraten, die er aber noch nie zu Gesicht bekommen hat. Als er dann aufbricht, um seine Reise fortzusetzen, verwechselt sein Diener die Koffer. Don Parmenione ist zunächst nicht erfreut darüber, dass ihm das Gepäck abhanden gekommen ist - doch dann lässt er sich von seinem Diener Martino überreden, einen Blick in den Koffer des Grafen zu werfen.
In dem Koffer finden sie das Portrait einer schönen Frau, und sie vermuten, dass es sich um das Bildnis der zukünftigen Gräfin handelt. Nun zieht es auch Don Parmenione nach Neapel. Er will sich dort als Graf Alberto auszugeben, und rasch selbst die Dame ehelichen, bevor ihm jemand auf die Schliche kommt. Im Hause der Marchesa Berenice wird der Bräutigam schon ungeduldig erwartet. Doch die Braut ist gar nicht zufrieden damit, dass sie einen Unbekannten heiraten soll. Und wird beschlossen, dass sie für das erste Treffen mit ihrer Zofe und Vertrauten Ernestina Kleider und Rolle wechseln wird.
Der Leser wird es schon ahnen: Das Pärchen, das nun aufeinander trifft, verliebt sich Hals über Kopf ineinander. Das gibt Anlass zu allerlei Durcheinander, zumal nun auch noch der echte Bräutigam eintrifft. Heftige Szenen, irrwitziges Chaos, grandiose Ensembles - das ist Rossini vom Feinsten. Und auch die Sänger haben daran hörbar Vergnügen. Das liegt nicht zuletzt mit am Dirigenten Antonino Fogliani, der trotz all der Verwicklungen hier und da sogar Freiraum für Zwischentöne findet, und mit der sehr ordentlich musizierenden Württembergischen Philharmonie Reutlingen die Sänger zuverlässig durch das rasante Stück geleitet. Wer eine Aufnahme sucht, die durch Witz und durch Spielfreude überzeugt, der wird an diesem Live-Mitschnitt vom XVII. Rossini in Wildbad Festival aus dem Jahre 2005 Vergnügen haben.