Montag, 31. Dezember 2012

Weihnachtslieder (Gramola)

Dieses Weihnachtsliederalbum hat die Sopranistin Ute Ziemer ge- meinsam mit dem Pianisten Julian Riem zusammengestellt und eingespielt. Im Mittelpunkt stehen Werke von Richard Strauss und Hugo Wolf; diese Komponisten sind jeweils mit einer umfang- reichen Auswahl vertreten. Doch auch Raritäten wie ein Weihnachts- lied von Engelbert Humperdinck, eines von Joseph Marx und eine berückende Ballade von Carl Loewe finden sich auf der CD. Nicht fehlen darf hier natürlich Wagners Der Engel aus den Wesendonck-Liedern
Etwas aus dem Rahmen fällt ein Werk von Claude Debussy, das der Komponist 1915 geschrieben hat, und das keineswegs das Christfest feiert, sondern die deutschen Besatzer verflucht, die den Kindern in ganz Europa große Not beschert haben. Weihnachtlich hingegen sind die beiden Lieder von Gabriel Fauré und Adolphe Adam, und ein Stück von Edvard Grieg, das Ziemer original in dänischer Sprache singt. 
Die bayerische Sopranistin erweist sich als großartige Liedersängerin. Exzellent begleitet durch Julian Riem am Flügel, begeistert sie durch ihre herausragende Gestaltung ebenso wie durch ihre klug geführte, lyrische Stimme, die auch in der Höhe niemals spitz oder scharf klingt. 

Britten: A Ceremony of Carols / Saint Nicolas (Hyperion)

"I think the little boys were en- chanting - the occasional rough- ness was easily overweighted by their freshness & naivety - some- thing very special", schrieb Ben- jamin Britten im Dezember 1943, wenige Tage nach der Urauffüh- rung der überarbeiteten Fassung von A Ceremony of Carols in London in der Wigmore Hall durch den Knabenchor der Morriston School und die russische Harfe- nistin Maria Korchinska. 
Erstmals erklungen war das Werk bereits ein Jahr zuvor, in einer etwas kürzeren Version und mit einem Frauenchor. Die hohen Stimmen des Chores des Trinity College Cambridge sind auf dieser CD zu hören, mit Harfenistin Sally Price. Die Aufnahme gefällt durch die Frische und Strahlkraft der geschulten jungen Stimmen.
Die Kantate Saint Nicolas erzählt die Legende vom Heiligen Nikolaus; sowohl die Verse als auch die Musik sind allerdings Geschmacks- sache. Der - nunmehr vollständige - Chor des Trinity College singt gemeinsam mit den Holst Singers und den Knaben des Temple Church Choirs, begleitet von der City of London Sinfonia und unter Leitung von Stephen Layton. Das Tenor-Solo singt Allan Clayton, als Knaben- sopran ist Luke McWatters zu hören. 

Weihnachten in der Kreuzkirche Chemnitz (Auris Subtilis)

Die Innigkeit häuslicher Andacht und die Wucht des Orgelklangs verbindet diese CD, die im Juni 2010 in der Chemnitzer Kreuz- kirche eingespielt worden ist. Sie beginnt, wie könnte es anders sein, mit einem Präludium und der dazugehörigen Fuge von Johann Sebastian Bach, sehr hörenswert gespielt von Steffen Walther, Kantor und Organist des Gottes- hauses. 
Es folgen drei Lieder aus dem Schemelli-Gesangbuch, die Pastorale E-Dur von César Franck, die Cinq Prères pour Chant et Orgue op. 231c von Darius Milhaud, die Weihnachtslieder op. 8 von Peter Cornelius und die Variationen über ein geistliches Volkslied op. 33 von Karl Hoyer. 
Der Sänger Gotthold Schwarz wird stets begleitet durch die Orgel. Er ist auf sehr vielen CD zu hören, doch zumeist in Partien, die eigentlich einen "echten" Bass erfordern. Was da zu hören ist, das hat mich nicht begeistert. Hier ist er einmal tatsächlich als Bariton zu erleben, teilweise sogar in ziemlich hoher Lage - und ich muss sagen, dass ich angenehm überrascht bin, so unangestrengt, samtweich und elegant klingt seine Stimme. Mehr davon! 

Sonntag, 30. Dezember 2012

Schütz: Zwölf geistliche Gesänge (Carus)

Der Dresdner Kammerchor unter Hans-Christoph Rademann setzt mit der nunmehr vierten CD seine Schütz-Gesamteinspielung fort. Das Ensemble hat sich diesmal den Zwölf geistlichen Gesängen zuge- wandt, einem Zyklus, den Heinrich Schütz (1585 bis 1672) dem Zeug- nis seines Schülers Christoph Kittel zufolge "in seinen Neben Stunden aufgesetzet" hat. Kittel hat diese Werke 1657 zusammengetragen und herausgegeben, "um damit die ihm untergebenen Kapellknaben zu exercieren", wie er im Vorwort schreibt. 
Die vierstimmigen Motetten sind überwiegend für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt; die letzten drei Gesänge hingegen für die Hauskirche, für die häusliche Andacht. Schütz würde sich sicherlich darüber freuen, dass Aller Augen warten auf dich, Herre und Danket dem Herren, auch bezeichnet mit Das Benedicite vor dem Essen und das Deo gratias nach dem Essen, noch heute im Alumnat des Dresd- ner Kreuzchores als Tischgesänge erklingen. 
Der Dresdner Kammerchor singt diese eher pädagogisch angelegten Werke mit anmutiger Schlichtheit. Den Continuo-Part übernahmen Irene Klein, Viola da Gamba, und Sebastian Knebel, Orgel. Man höre nur das innige Aller Augen, das von dem Ensemble geradezu be- rückend schön vorgetragen wird. Rademann und seinen brillanten Chorsängern ist hier ohne Zweifel erneut eine Referenzaufnahme gelungen; auf die Fortsetzung dieser Edition darf man sehr gespannt bleiben. Bravi! 

A Winter's Light (Naxos)

Die Vasari Singers, ein renommier- ter britischer Kammerchor, der seit mehr als 30 Jahren besteht, haben eine Tradition: Konzerte mit Weihnachtsliedern gehören in jedem Jahr zum Programm. Das Repertoire des Chores umfasst Musik von der Renaissance bis zur Gegenwart, und so beginnt diese CD mit einer Komposition von Bob Chilcott. Neben traditionellen Wer- ken zur Weihnacht, wie Giovanni Gabrielis berühmtem Hodie Chri- stus natus est, erklingt immer wieder moderne Musik. Sie steht im Mittelpunkt dieser Christmas Collection, denn die Vasari Singers setzen sich grundsätzlich sehr für zeitgenössische Musik ein. Der Chor, der von Jeremy Backhouse geleitet wird, begeistert mit seinem harmonischen Klang. Wie gut die Sänger ausgebildet sind, die hier zusammenwirken, das zeigt sich auch an den vielen Soli. Gemeinsam mit den Vasari Singers musiziert bei einigen Stücken Martin Ford, Assistent Organist an Westminster Abbey. Wer moderne Weihnachtsmusik hören möchte, dem sei diese CD sehr empfohlen. Lohnt sich! 

Durante: Neapolitan Christmas II (cpo)

Kantaten und Motetten zur Weih- nacht haben auch in Neapel Tradition. Zu den wichtigsten Kirchenkomponisten, die jemals in der Stadt am Fuße des Vesuvs wirkten, gehörte Francesco Durante (1684 bis 1755). Er war zugleich einer der führenden Musikpädagogen seiner Zeit. Zu seinen Schülern gehörten unter anderem Giovanni Paisiello, Giovanni Battista Pergolesi, Niccolò Piccinni - und viele andere. Obwohl Durante selbst nie eine Oper geschrieben hat, erscheint die lange Liste seiner Schüler beinahe wie das Who's who der neapolitanischen Oper.
Durante aber hat unbeirrt die Tradition der römischen Kirchenmusik in der Nachfolge Palestrinas weitergeführt. Seine Werke wurden in ganz Europa geschätzt. Sie erklangen in den Kathedralen der Nieder- lande ebenso wie in Böhmen oder am Dresdner Hof. Selbst Johann Sebastian Bach kopierte sich die Noten einer Messe des Komponisten. Aus unerfindlichen Gründen aber ist die Musik  Durantes dann in Vergessenheit geraten. 
Wer sich auf die Suche nach seinen Manuskripten begibt, der wird durchaus Überraschungen erleben. Die Kölner Akademie, geleitet von Michael Alexander Willens, hatte bereits im vergangenen Jahr auf einer gelungenen CD einige seiner Werke vorgestellt. In diesem Jahr haben die Musiker weitere Stücke herausgesucht, die ebenfalls einen Bezug zum Weihnachtsfest haben. 
Das hat sich erneut gelohnt. Denn Durante beherrscht zwar die Konventionen, aber er verlässt sie auch sehr gern, und erzielt damit überwältigende Effekte. Man höre nur Cito Pastores, eine reizvolle Motette für vier Singstimmen, Streicher und Continuo-Orgel mit einem umwerfenden Eingangschor. Die Kölner Akademie musiziert schwungvoll, und erneut ist auch die Sängerriege, die an dieser Aufnahme mitgewirkt hat, sehr ordentlich besetzt. Zu hören sind Monica Piccinini, Christina Kühne, Ursula Eittinger, Alberto ter Doest und Thilo Dahlmann. Eine sehr gelungene weihnachtliche Festmusik - bravi! 

Samstag, 29. Dezember 2012

Weihnachtssingen (Rondeau)

Einen Knabenchor gab es an der Lübecker Marienkirche schon zu Zeiten Franz Tunders und seines Nachfolgers Dieterich Buxtehude. Neu begründet wurde diese Tradition dann 1948 unter dem Dach der Gesellschaft zur Beför- derung gemeinnütziger Tätigkeit von 1789 e.V. Heute lädt die Lübecker Knabenkantorei an St. Marien jedes Jahr in der Advents- zeit zum Weihnachtssingen ein - und diese Konzerte der jungen Sänger locken alljährlich tausende Zuhörer in die herrliche Backsteinkirche. 
Eine Auswahl der Werke, die dort typischerweise erklingen, hat das Leipziger Label Rondeau Production im Sommer dieses Jahres mit den Lübeckern aufgezeichnet. Dr. Bernd Schwarze liest die Geschich- te, die ebenfalls zum Weihnachtssingen gehört - es ist nicht die biblische Weihnachtsgeschichte, sondern eine höchst gegenwärtige, und, so will es die Tradition: Pastor Schwarze schreibt in jedem Jahr eine neue Geschichte. 
Die Chorknaben und die jungen Männer bewegen sich während des Konzertes durch den Raum. Die Kantorei durchwandert die Kirche, so dass alle Zuhörer den Chorgesang einmal aus der Nähe erleben können. Auch der Marienorganist Johannes Unger wandert, denn in der Bürgerkathedrale gibt es zwei große Orgeln, und zum Weihnachts- singen erklingen sie beide. 
So geleiten nicht nur die Orgelklänge, sondern auch das Instrument von Johanna Maier, Soloharfenistin des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt, die jungen Sänger. Der Chor singt unter Leitung von Marienkantor Michael D. Müller traditionelle und zeitgenössische Weihnachtsmusik - überwiegend, aber nicht nur Weihnachtslieder, viele davon in anspruchsvollen modernen Sätzen. Die Knabenkanto- rei erweist sich als gut studiert, aber sie könnte durchaus noch mehr Kraft und Ausstrahlung entwickeln. Naja, vielleicht im nächsten Jahr. Denn da öffnen sich wieder in der Vorweihnachtszeit die Tore von
St. Marien zum Weihnachtssingen. 

The King's Christmas (Raumklang)

Weihnachten im elisabethanischen England und im Reich der Stuarts - das sind einerseits höfischer Glanz und festliche Pracht, andererseits aber Besinnung, Ruhe und Einkehr. Diese beiden Pole bestimmen auch diese CD, die das Barocktrompeten Ensemble Berlin unter Johann Plietzsch bei Raumklang einge- spielt hat. Da sind einerseits die Masques und Morality Plays, und die feierlichen Gottesdienste - mit Pauken und Trompeten repräsen- tiert dort der Hof, und auch die Posaunen unterstreichen mit ihrem kraftvollen Klang den Machtan- spruch, der hier demonstriert wird. 
Da sind aber auch die ruhigen Stücke, wo Lauten zu hören sind, und mitunter auch die Orgel. Das Barocktrompeten Ensemble Berlin setzt für diese CD bewusst auf Kontraste. Musiziert wird mit der gewohnten Professionalität; die Bläser spielen ihre historischen Instrumente versiert und klangschön. Das ist mit Sicherheit nicht einfach und technisch kein Spaziergang, aber es verleiht dieser Einspielung auch eine einzigartige Aura - man höre nur The Cold Genius aus Henry Purcells King Arthur-Suite. Grandios! 

Donnerstag, 27. Dezember 2012

von Herzogenberg: Die Geburt Christi (Hänssler Classic)

Heinrich von Herzogenberg (1843 bis 1900) gehörte 1874 zu den Mitbegründern des Bach-Vereins, dessen Leitung er 1875 übernahm. Die Beschäftigung mit dem Werk Bachs führte von Herzogenberg zu einer generellen Auseinander- setzung mit der evangelischen Kirchenmusik. Dazu trug auch die Freundschaft zu dem Theologen Friedrich Spitta bei, der den Kom- ponisten inspirierte - so beispiels- weise auch zu dem Oratorium Die Geburt Christi, das 1894 in der Straßburger Thomaskirche uraufgeführt wurde. Spitta war an der Universität Straßburg Theologieprofessor. Er hat sicherlich entschei- denden Anteil daran, dass der Katholik von Herzogenberg zu jenen Pionieren gehörte, die die Erneuerung der protestantischen Kirchen- musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts vorbereiteten. 
Der Komponist, seit 1885 Professor für Komposition in Berlin, kannte Johannes Brahms und verehrte ihn sehr. Dennoch erscheint es unge- recht, dass Heinrich von Herzogenberg als Brahms-Epigone abgetan wurde und dass seine Werke rasch im Nirvana der Musikgeschichte entschwunden sind. Hört man Die Geburt Christi, ein Werk, das Abschnitte für Solisten, Chor und Orchester sowie Kirchenlieder für den Gemeindegesang sehr geschickt miteinander verbindet, dann findet man darin sehr viel originelle Ideen und sehr interessante Passagen. Wunderschön beispielsweise gestaltet von Herzogenberg die biblische Weihnachtserzählung sowie den darauffolgenden Chor Es ist ein Ros entsprungen
Hänssler Classic legt dem Musikfreund das Werk in einer hörens- werten Aufnahme aus dem Jahre 1988 auf den Gabentisch. Sie wurde seinerzeit vom SFB in der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem aufgezeichnet. Regina Schudel, Anke Eggers, Peter Maus und Ernst-Gerold Schramm sind als Solisten zu hören. Es singen zudem der Kammerchor der Hochschule der Künste Berlin und der Staats- und Domchor Berlin. Rudolf Heinemann und Michael Röbbelen spielen die Orgel bzw. das Orgelpositiv. Zudem musiziert das Ensemble Oriol; es dirigiert Christian Grube. 

Ceremony of Carols (Delos)

A Ceremony of Carols gehört zu den bekanntesten und beliebtesten Werken von Benjamin Britten (1913 bis 1976). Der Komponist schrieb es im Jahre 1942 an Bord eines schwedischen Handels- schiffes, auf der beschwerlichen und wegen der deutschen U-Boote auch gefährlichen Rückfahrt aus den USA nach Großbritannien. Das Werk erklingt hier in seiner ursprünglichen Gestalt; denn für hohe Stimmen und Harfe hatte es Britten geschrieben. Das Etherea Vocal Ensemble macht dabei seinem Namen alle Ehre - die Solistin- nen und der Countertenor, die sich hier zusammengefunden haben, singen harmonisch und nahezu ohne Vibrato. So ergibt sich in der Tat ein schwereloser, ätherischer Klang. Das passt sehr gut zur Harfe, die von Grace Cloutier höchst virtuos gespielt wird. 
Etherea ergänzt Brittens populäres Weihnachtswerk durch einige hübsche Weihnachtslieder in modernen Arrangements, sowie Noel von Charles Gounod und den Zyklus Dancing Day von John Rutter. Auch die Harfenistin erhält mit dem Impromptu für Harfe des russischen Komponisten Reinhold Glière noch einmal Gelegenheit zu brillieren. Eine schöne, stimmungsvolle CD, die an dieser Stelle empfohlen werden kann. 

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach - Thomanerchor Leipzig (Rondeau)

Rechtzeitig vor dem Fest sind bei Rondeau mit den CD 1 und 3 zwei weitere Folgen der Reihe Das Kirchenjahr mit Johann Sebastian Bach erschienen. Der Thomaner- chor singt Kantaten zum Advent und zu Epiphanias - BWV 61, 62 und 36 bzw. 65, 3 und 72. 
Sie führen den Hörer von der Vor- freude und Erwartung der Geburt Christi bis zum Dreikönigstag, sowie den Wundern, die Jesus bei der Hochzeit zu Kana sowie mit der Heilung des Aussätzigen und des Gelähmten gewirkt hat. Thomaskantor Georg Christoph Biller behält den schönen Brauch bei, vor den Bach-Kantaten jeweils eine passende Motette aus dem Florilegium selectissimorum Hymnorum singen zu lassen. Dabei kommen die jugendlichen Stimmen auch schön zur Geltung. Die Bach-Kantaten hingegen fordern die Thomaner teilweise erheblich. 
Biller besetzt die Sopran- und Alt-Solopartien mit Chorknaben. Beim Tenor und beim Bass hingegen kommen erwachsene Solisten zum Einsatz. Zu hören sind hier Martin Petzold, Christoph Genz, Daniel Ochoa, Andreas Scheibner und Gotthold Schwarz. Es wird jedem klar sein, dass dies zu einer gewissen Unausgewogenheit führen muss. Die Thomaner Paul Bernewitz, Friedrich Praetorius, Conrad Zuber, Mar- tin Deckelmann und Stefan Kahle schlagen sich wacker, aber sowohl gesangstechnisch als auch in Sachen Gestaltung sind die Rezitative und Arien für die Knaben eine Herausforderung. 
Begleitet werden die Sänger zuverlässig vom Gewandhausorchester. Wer den Klang der Thomaner liebt, der sollte sich diese Jubiläums- edition zum 800. Jahrestag der Gründung des Ensembles schenken. Wer eine wirklich gute Aufnahme der Bach-Kantaten sucht, der sollte sich besser für eine andere entscheiden - die Auswahl ist ja sehr groß. 

Alois - Von Hirten und Engeln (Preiser Records)

Die hohe Stimme ist Alois Mühl- bacher offenbar bislang erhalten geblieben. Der junge Mann singt seit 2005 bei den St. Florianer Sängerknaben; er ist mittlerweile 17 Jahre alt, und gilt nicht nur deshalb als Stimmwunder. Wer seine bislang erschienenen CD nicht kennt, der kann auch bei Youtube nachschauen: Von der Königin der Nacht bis hin zu Strauss und Mahler - es gibt fast nichts, was Mühlbacher nicht gesungen hat, üblicherweise am Klavier begleitet vom Chorleiter Franz Farnberger. 
Anschauen sollte man den jungen Sänger allerdings besser nicht, denn sein musikalischer Ausdruckswille bricht sich Bahn in einer Gestik, die höchst affektiert wirkt. Derartiges Kaspertheater sollte sich ein angehender Profi schnell wieder abgewöhnen, das kommt beim Publikum nicht wirklich gut an. 
Für das Weihnachtsfest haben Mühlbacher und sein Mentor Farnber- ger ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt, das auf tradi- tionelle Weihnachtslieder vollkommen verzichtet, und statt dessen auf das (spät)romantische deutsche Kunstlied setzt. Es erklingen Lieder von Peter Cornelius (1824 bis 1874), Joseph Haas (1879 bis 1960), Max Reger (1873 bis 1916) sowie von Franz Philipp (1890 bis 1972), Johannes Hatzfeld (1882 bis 1953) und Casimir von Pászthory (1886 bis 1966). Im Mittelpunkt der CD aber stehen ohne Zweifel die sieben Lieder von Hugo Wolf (1860 bis 1903), drei davon aus dem Spanischen Liederbuch. Mühlbacher singt zudem Der Engel aus den Wesendonck-Liedern von Richard Wagner (1813 bis 1883). Ob das durchweg inhaltlich für einen Teenager passt, das muss jeder Hörer für sich entscheiden. 
Gestaltet sind die Lieder zumeist überzeugend. Dabei zeigt der junge Solist eine für sein Alter ganz erstaunliche Reife. Aus den Höhen, in denen er sich bislang stimmlich bewegte, hat sich Alois Mühlbacher allerdings mittlerweile verabschiedet. Seine Stimme hat sich ver- ändert; sie ist voller geworden, klingt reifer - und deutlich tiefer. In der Mezzo-Region ist der Sänger hörbar daheim, die Spitzentöne hingegen klingen nicht mehr wirklich gut. 
Es wäre Mühlbacher zu wünschen, dass er auch nach dem Stimm- bruch weiter künstlerisch gefördert wird. Möge er Partner finden, die seinen Ehrgeiz verstehen, aber den jungen Sänger doch ein wenig bremsen, damit er Zeit bekommt für seine weitere Entwicklung. Man darf gespannt sein - doch man wird ganz sicher weiter von ihm hören. 

Dienstag, 25. Dezember 2012

Uns ist ein Kind geboren (Carus)

Einmal mehr haben sich der Tenor Hans Jörg Mammel und das auf Barockmusik spezialisierte Orche- ster L'arpa festante gemeinsam auf Entdeckungsreise begeben. Und das, was sie in den Tiefen der Notenschränke aufgespürt haben, legen sie dem Publikum auf den Gabentisch: Konzerte und Arien zur Weihnacht, durchweg Raritä- ten; man staunt, aber dennoch erklingen nur zwei dieser Werke, die so selten zu hören sind, hier in Weltersteinspielung. 
Es handelt sich dabei um Kompositionen des Schütz-Meisterschülers Christoph Bernhard (1628 bis 1692). Im Kontrast dazu erklingen zwei Kantaten von Georg Philipp Telemann (1681 bis 1767), die pietisti- sche Gedankenwelten in barocke Klänge einbetten. Das Ergebnis möchte man beinahe eine protestantische Oper nennen: "Göttlichs Kind, lass mit Entzücken / dich doch an mein Herze drücken, / deine Schönheit nimmt mich ein"
Berückend sind die beiden Concerti von Johann Hermann Schein (1586 bis 1630), in denen der Tenor gleichberechtigt neben diversen Instrumentalisten mit Generalbass-Begleitung konzertiert. Der Tho- maskantor hat hier das italienische Vorbild beachtlich weiterent- wickelt - und nannte seine eigenen Musikstücke dennoch bescheiden Opella nova, was wohl als "neue Werklein" zu übersetzen ist. 
Die Musiker von L'arpa festante präsentierten jeweils eine Sonate von Pavel Josef Vejvanovský (vermutlich 1633 bis 1693) und Johann Heinrich Schmelzer (vermutlich 1623 bis 1680). Gesang und Basso continuo kombiniert Philipp Friedrich Böddecker (1607 bis 1683) in Natus est Jesus. Der Komponist, im Elsass geboren, wuchs in Stuttgart auf, wo sein Vater an der Stiftskirche und in der Hofkapelle musizierte. Böddecker begann seine künstlerische Laufbahn als Gesangslehrer und Organist an einer Lateinschule; er wirkte unter anderem am Darmstädter Hof, als Organist am Straßburger Münster, und als Stiftsorganist in Stuttgart. 
Auch Melchior Schildt (1592/93 bis 1667) war Organist. Er war ein Schüler von Jan Pieterszoon Sweelinck, der nicht nur als Orpheus von Amsterdam, sondern auch als deutscher Organistenmacher galt. Schildt war unter anderem Hoforganist bei Christian IV. von Däne- mark, und folgte dann seinem Vater nach als Organist der Markt- kirche von Hannover. Auf dieser CD erklingt das einzige überlieferte Vokalwerk Schildts, ein Choralkonzert über Ach mein herzliebes Jesulein
Die CD beschließt das Laudate pueri Dominum ZWV 81 von Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745). Der Komponist, der am Dresdner Hof für die (katholische) Kirchenmusik zuständig war, hat Psalm 113 mit der angemessenen Klangpracht vertont. Man lauscht dem Sänger wie auch den Musikern gern. Sie sind technisch versiert, und gestalten diese "Alte" Musik mit sehr viel Sorgfalt und Hingabe. Das Ergebnis ist ein abwechslungsreiches, glanzvolles Weihnachtsalbum, das ohne Zweifel zu den besten Editionen des Jahres gehört. Bravi! 

Die schönsten Weihnachtssongs (Guma)

Wer auf amerikanische Weihnacht steht, so richtig mit viel Glitzer und Glimmer und bunter Deko, der sollte diese CD anhören. Das Gunni Mahling Show Ensemble hat darauf Klassiker eingespielt, von Santa Claus is comin' to town über Jingle bells und I'll be home for Christ- mas bis Let it snow
Musiziert und gesungen wird mit viel Temperament - und für die Arrangements gab's zudem eine Extraportion Puderzucker. Na dann: Merry Christmas! 

Weihnachten mit den Wiener Sängerknaben (Capriccio)

Bis ins Jahr 1498 zurück reicht die Tradition der Wiener Sängerkna- ben. Damals engagierte Kaiser Maximilian I. zwölf Kapellknaben, die gemeinsam mit der neu gegrün- deten Hofkapelle musizierten. Heute singen mehr als hundert Jungs in den vier Konzertchören der Wiener Sängerknaben. 
Hier sind sie mit traditionellen Weihnachtsliedern zu hören - teils mit dem Vienna Studio Ensemble unter Peter Marschik, teils mit dem Kölner Rundfunkorchester unter Helmuth Froschauer. Die Wiener Sängerknaben überzeugen mit einem kraftvollen Chorklang und vielen versierten Chorsolisten - man bedenke aber, dass diese Aufnahmen 1995 entstanden sind. Für einen Knabenchor ist dies eine lange Zeit; die Knaben, die daran mitgewirkt haben, sind mittlerweile erwachsen. 
Im Jahre 1994 aufgezeichnet wurden die Highlights aus Händels Messiah. Hier sind neben den Wiener Sängerknaben auch die Herren des Chorus Viennensis zu hören. Dieser Live-Mitschnitt gehört aber nicht zu den Aufnahmen, die man gehört haben muss. 

Samstag, 22. Dezember 2012

Peter Schreier - Lieder zur Weihnacht (Berlin Classics)

In der Dresdner Frauenkirche, damals noch im Rohbau, gab im Dezember 2000 Peter Schreier ein Konzert für den Wiederaufbau des Gotteshauses. Der Sänger, mittler- weile selbst eine Dresdner Legen- de, stellte Weihnachtslieder vor, die üblicherweise nicht den weih- nachtlich geschmückten Stuben erklingen - weil sie musikalisch ziemlich anspruchsvoll sind. Diese Werke von Peter Cornelius, Ernst Pepping, Joseph Haas, Max Reger und Hugo Wolf sind Kunstlieder in jedem Sinne dieses Wortes. Und wenn man hört, wie der Tenor sie gemeinsam mit seinem langjährigen künstlerischen Wegbegleiter Hansjörg Albrecht interpretiert, dann ist man berührt. Man erfreut sich an der hohen Gesangskultur Peter Schreiers, am hochkultivierten Zusammenspiel der beiden Partner - und an der Weihnachtsbotschaft, die sie seinerzeit inmitten von Stahlgerüsten auf der Baustelle ver- kündet haben. Dank sei auch dem Label Berlin Classics, das diesen Mitschnitt nun veröffentlicht hat. 

Dienstag, 18. Dezember 2012

Zelenka: Missa Nativitatis Domini (Supraphon)

Das Ensemble Musica Florea, 1992 von dem Cellisten Marek Stryncl gegründet, hat sich einmal mehr auf die Suche nach den Werken des Komponisten Jan Dismas Zelenka (1679 bis 1745) begeben. Diese CD beweist, dass da noch immer viel zu entdecken ist. Sie beginnt mit dem Magnificat ZWV 107, für Solo-Sopran, Chor und Orchester, gefolgt von der Weihnachtsmotette O magnum mysterium ZWV 171. Dabei handelt es sich um die Paro- die einer Arie aus dem Melodrama Sub olea pacis, das Zelenka 1723 für die Prager Jesuiten zu den Feierlichkeiten anlässlich der Krönung Karls VI. komponiert hatte. Der Komponist schrieb ein neues Rezitativ, gab der Arie einen neuen Text und fügte der Besetzung Flöten hinzu, um das pastorale Idyll zu unterstreichen, in dem das Jesuskind in den Schlaf gewiegt wird. 
Mit der "goldenen Stadt", wo Zelenka seine Jugend verbracht und seine Ausbildung absolviert hatte, blieb der Komponist zeitlebends in Verbindung. Seine Musik war  in Prag präsent; so ist beispielsweise die Missa Nativitatis ZWV 8 in der Musiksammlung der Jesuitenkir- che St. Nikolaus auf der Kleinseite in einer Abschrift aus dem Jahre 1736 zu finden. Entstanden war das Werk zehn Jahre vorher, 1726, für die weihnachtliche Kirchenmusik am Dresdner Hof. 
Dort wirkte Zelenka seit 1710 als Kontrabassist; nach seinem Erfolg mit der Prager Krönungsmusik komponierte er zunehmend auch Sakralmusik für seinen Dienstherrn, August den Starken. Dennoch erhielt er nicht die erhoffte Anstellung als Hofkapellmeister. Augusts Sohn und Erbe, Kurfürst Friedrich August II., ernannte ihn schließ- lich zum Hofkomponisten und Kirchen-Compositeur. Es wird oft darüber spekuliert, warum Hasse die Stelle bekam, die Zelenka versagt blieb. Die Antwort dürfte deutlich einfacher sein, als die Musikwissenschaftler vermuten: Stars feierte der Hof  auf der Opernbühne; was in Kirche und Kammer erklang, das dürfte wohl eher als Gebrauchsmusik betrachtet worden sein. 
Nun denn - wenn die Musik, die fromme Andacht mit höfischem Repräsentationsanspruch verknüpfte, damals in Dresden durchweg das Niveau und den handwerklichen Anspruch dieser Missa Zelenkas hatte, dann wurden die Wettiner, ihre Höflinge und Gäste seinerzeit auch in der Kirche exzellent beschallt. Es ist beeindruckend, wie individuell Zelenka in seiner Musik den Text der Messe auslegt und - unterstrichen durch die Instrumentierung mit Traversflöten, Oboen und Waldhörnern - pastorale Akzente setzt. 
Wann und aus welchem Anlass die Motette Chvalte Boha silného ZWV 165 entstanden ist, das wird wohl im Dunkel der Geschichte verbor- gen bleiben. Interessant ist das Werk, eine Vertonung von Psalm 150, weil es die einzige überlieferte Komposition Zelenkas auf einen Text in tschechischer Sprache ist - und weil der Komponist darin die verschiedenen Instrumente, mit denen Gott gelobt werden soll, mit Orchesterinstrumenten wundervoll imitiert, man höre nur Violine und Viola im pizzicato als Laute und Zither. 
Das Ensemble Musica Florea hat an diesen anspruchsvollen Aufgaben spürbar Vergnügen. Es wird mit großem Engagement musiziert. Dies gilt nicht nur für die Instrumentalisten, sondern auch für die Sängerinnen und Sänger. Man mag es kaum glauben, doch der Chor, den man hier hört, ist in jeder Stimme nur dreifach besetzt - und an den Soli sind nahezu alle Sänger beteiligt. Bravi! 

Samstag, 15. Dezember 2012

Italienische und deutsche Weihnachtsmusik (Auris Subtilis)

Die Musiker, die im Beiheft dieser CD abgebildet sind, tragen sommerliche Kleidung. Das ist kein Wunder, denn das Chemnitzer Ba- rockorchester hat diese Aufnahme im Mai 2008 eingespielt. Der weihnachtlichen Stimmung, die diese Musik beim Hörer verbreitet, tut diese Tatsache freilich keinen Abbruch. 
Das Chemnitzer Barockorchester, im Advent 2003 mit einem Kon- zert in der Chemnitzer Schloss- kirche gegründet, musiziert auf historischen Instrumenten oder Nachbauten davon. Der Oboist Ekkehard Hering, langjähriges Mitglied der Akademie für Alte Musik Berlin, leitet das Ensemble, das mit sanften, stimmungsvollen Klängen begeistert. Es erklingen die Weihnachtskonzerte von Arcangelo Corelli und Alessandro Scarlatti sowie das Concerto B-Dur für zwei Flauto traverso, Oboe, Violine, Streicher und Basso continuo von Georg Philipp Telemann. Sopranistin Jana Büchner singt drei Weihnachtslieder. Und das gelingt ihr so schlicht und innig, dass es dem Zuhörer ganz andächtig wird. 
Die CD endet mit Scarlattis Quartetto F-Dur für Altblockflöte, zwei Violinen und Basso continuo. Es ist wirklich eine schöne Weihnachts- musik, die man gern auch verschenken kann - denn die Werke, die hier hörenswert interpretiert werden, sind bekannt und beliebt. 

Christmette in Wien (Preiser)

Alljährlich in der Christnacht, eine Stunde vor Mitternacht, füllt sich die Jesuitenkirche in der Wiener Innenstadt mit Gottesdienst- besuchern. Das frühe Erscheinen des Kirchenvolkes hat seinen Grund: Denn wenn die Christmette beginnt, gestaltet von der Chor- vereinigung St. Augustin, dann ist trotz dieser späten Stunde kein Stehplatz mehr unbesetzt. 
Diese CD enthält eine Auswahl der Musik, die zu diesem Anlass erklingt, und sie lässt den Zuhörer staunen. Schließlich ist die Chorvereinigung St. Augustin mitnichten ein professioneller Konzertchor - es handelt sich vielmehr um ein Laienensemble, einen Kirchenchor mit etwa 70 Mitgliedern. In der Heiligen Nacht erklingt stets die Krönungsmesse von Wolfgang Amadeus Mozart, so wie die Chorsänger auch sonst an nahezu jedem Sonn- und Feiertag den Gottesdienst durch eine der vielen Chor- und Orchestermessen bereichern, die der reiche Fundus der Kirchen- musik bereithält. 
Der Gedanke an ein solches Pensum dürfte so manchem braven Kan- tor den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Andreas Pixner jedoch, Dirigent der Chorvereinigung St. Augustin und des begleitenden Orchesters, das freilich aus Wiener Profi-Musikern besteht, kann sich mit seinen Scharen an anspruchsvolle Projekte wagen, wie diese CD belegt. So wurden hier Mozarts Messe weihnachtliche Chorsätze von Michael Praetorius bis Max Reger und von Michael Haydn bis César Franck zur Seite gestellt. Und natürlich darf auch das berühmte Stille Nacht, heilige Nacht nicht fehlen. 

Freitag, 14. Dezember 2012

Bach: Weihnachtsoratorium - Live aus der Dresdner Frauenkirche (Berlin Classics)

Wenn Frauenkirchenkantor Matthias Grünert alljährlich Bachs Weihnachtsoratorium aufführt, dann sind in dem Gotteshaus keine von weither angereisten Weltstars zu hören, sondern Sänger und Musiker aus der Region. Trotzdem quetscht sich das Publikum gern ins Kirchengestühl, um an einem von zwei Abenden alle sechs Kan- taten hintereinander anzuhören. So hatte Grünert das Weihnachts- oratorium bereits in seiner frühe- ren Gemeinde aufgeführt - allerdings gab es in dem Städtchen Greiz nach der dritten Kantate eine Stunde Pause, inklusive Glühwein und Thüringer Rostbratwürste draußen vor der Kirche. Und die Musiker starteten um 17 Uhr. In Dresden ist dies nicht möglich, weil das Zeitregime der Frauenkirche dafür keinen Freiraum lässt. 
Dennoch ist Grünert zumindest teilweise dabei geblieben. "Böse Zungen sprechen von Tortur", meint der Kantor, "das kann ich gar nicht verstehen. Gut, die Kirchenbänke sind schon unbequem. Aber es ist doch so kurzweilige Musik, wenn man sich darauf einlässt. Die Musik entschädigt doch für alles." Berlin Classics hat die kompakte Aufführung, die mittlerweile in Dresden schon eine Tradition gewor- den ist, im vergangenen Jahr mitgeschnitten. Das Label legt die Doppel-CD nun allen Klassikfreunden auf den Gabentisch. 
Wenn man die Aufnahmen anhört, ahnt man, dass es sich dabei um ein schwieriges Unterfangen gehandelt haben muss. Denn die Frauenkirche ist kein Konzertsaal, sondern ein akustisch schwieriger Rundbau mit einer gigantischen Kuppel - was dazu führt, dass die Musiker, insbesondere auch die Bläser, auf der CD klanglich sehr präsent sind, während die Sänger mitunter zu kämpfen haben. 
Musiziert wird auf modernen Instrumenten, aber historisch infor- miert und mit straffen Tempi. Die Musiker sind vorzüglich; man merkt, dass sie normalerweise an den Pulten der Sächsischen Staats- kapelle und der Dresdner Philharmonie sitzen. Hier spielen sie als Ensemble Frauenkirche. Zu hören sind zudem der (ziemlich kopf- starke) Kammerchor der Frauenkirche sowie die Solisten Jana Büchner, Britta Schwarz, Markus Brutscher und Gotthold Schwarz. 

Sonntag, 9. Dezember 2012

Ein Kind ist uns geboren (Auris Subtilis)

Anspruchsvolle Chorsätze zur Weihnachtszeit präsentiert auf dieser CD der Kammerchor der Kreuzkirche Chemnitz unter Kantor Steffen Walther. Er hat dafür Werke ausgewählt von der Geistlichen Chormusik Heinrich Schütz' (1585 bis 1672) bis zu den Quatre motets pour le temps de Noel von Francis Poulenc (1899 bis 1963). 
Altvertrautes, wie Nun komm, der Heiden Heiland in einem Satz von Johann Hermann Schein (11586 bis 1630), steht neben Überraschen- dem, wie den Chorsätzen von Ernst Pepping (1901 bis 1981), Heinrich Kaminski (1886 bis 1946) und Josef Gabriel Rheinberger (1839 bis 1901), dessen  Drei Adventsmotetten op. 176 erklingen. Und auch lateinische Motetten des 16. Jahrhunderts sind zu hören, wie das berühmte O magnum mysterium von Adrian Willaert (um 1490 bis 1562) oder die Magnificat-Antiphon Hodie Christus natus est in der Vertonung durch Jan Pieterszon Sweelinck (1562 bis 1621). 
Der Kammerchor der Chemnitzer Kreuzkirche singt sauber und ver- siert. Einzig ein wenig mehr Temperament würde man sich vielleicht von den Sängerinnen und Sängern wünschen - und von Kantor Steffen Walther, dass die nächste CD auch klanglich ein wenig Abwechslung bietet. 

Himmels-Lieder (Christophorus)

"Ich fürchte keinen Tod auf Erden, / und stirbet doch kein Christe nicht, / Was soll mit angst und bange werden, / wenn mir der Tod das Herze bricht. / Im Sterben geht das Leben an, / das mir kein Tod nicht nehmen kann." Geradezu trotzig klingt ein solches Bekennt- nis, zu Papier gebracht am Ende des 17. Jahrhunderts. Denn der Dreißigjährige Krieg hatte Land und Leute gezeichnet - und auch in der Musik seine Spuren hinter- lassen. Selbst die fürstlichen Haushalte mussten sich einschränken, weil die verwüsteten Ländereien keine Erträge mehr erwirtschafteten. Die Kassen waren leer. So waren auch zahlreiche Hofkapellen ver- kleinert oder ganz entlassen worden. Es sollte Jahrzehnte dauern, bis sich die von den Söldnern verheerten Regionen wieder erholten. 
Franz Vitzthum hat für diese CD Lieder und Kantaten ausgewählt, die ganz überwiegend in jener Nachkriegszeit entstanden sind, und menschliches Leid vor Gott bringen. Das vermittelte, in allem Elend, zumindest einen gewissen Trost, weshalb Vitzthum diese Werke auch nicht als Klagegesänge, sondern als Himmels-Lieder bezeichnet. 
Der Countertenor, der aus der Operpfalz stammt, begann seine mu- sikalische Ausbildung bei den Regensburger Domspatzen. Er studierte dann Gesang bei Kai Wessel an der Musikhochschule Köln. Auf dieser CD ist er gemeinsam mit dem Capricornus Consort Basel zu hören, das sich als versiertes Barock-Ensemble erweist. Vitzthum verfügt über eine zwar kleine, aber ausgesprochen klangschöne Stimme, die aus den Tiefen mühelos bis in die Mezzolage reicht. Der Countertenor singt fokussiert, intonationssicher und zeigt sich jeder Koloratur sowie jeder noch so ausgefallenen Auszierung gewachsen. 
Auch sind die Werke, die er gemeinsam mit dem Capricornus Consort auf dieser CD vorstellt, fast durchweg Raritäten. Sie stammen von Komponisten wie dem Rudolstädter Kapellmeister Philipp Heinrich Erlebach (1657 bis 1714), dem Zittauer Musikdirektor und Organisten Johann Krieger (1652 bis 1735), dem Eilenburger Organisten Johann Hildebrand (1614 bis 1684) und von Johann August Kobelius (1674 bis 1731), der im Dienste der Herzöge von Sachsen-Weißenfels stand, zuletzt als Landrentmeister und Capelldirector in der Nebenresidenz Sangerhausen. Seine Werke müssen sämtlich als verloren gelten - bis auf eine einzige Kantate, die Vitzthum hier vorstellt. 

Samstag, 8. Dezember 2012

Nun singet und seid froh (Auris Subtilis)

Das Sächsische Hornquartett spielt alte sächsische Turmmusik, Advents- und Weihnachtslieder sowie erzgebirgische Weisen. Die vier Hornisten - Alan Korck, Mathis Stendike, Andreas Roth und Franz Streuber - musizieren sehr hörenswert. Doch im Mittelpunkt dieser CD stehen die Advents- geschichten von Barbara Bartos-Höppner. Das Büchlein, das Franz Streuber einst am Rande einer Konzertreise in Hannover auf einem Büchertisch entdeckt hatte, erzählt von den Kurrendesängern. 
Sie heißen Martin, Karl, Christoph, Gottfried oder Hannes - und sie ziehen in der Vorweihnachtszeit von Haus zu Haus, um Weihnachts- lieder vorzutragen. In einer Zeit, als es noch kein Radio gab, war dies eine Möglichkeit für arme Schüler, sich einen Teller Suppe, Nasche- reien oder gar ein paar Geldstücke zu verdienen. 
Die Knaben singen im Erzgebirge und auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin, beim Bürgermeister, beim Schrankenwärter und beim Schäfer, im Stall und in der Fabrikantenvilla. Sogar auf dem Schiff singen sie, im Fremdenheim und im Lager der schwedischen Truppen, wohin sich die Kurrendeknaben am Luciafest wagen. 
An jedem Tag versammeln sich die Kurrendesänger, bei jedem Wetter, und in jeder Gegend. So ist auch diese CD ein ganz besonderer Adventskalender, der durch die Lande und die Jahrhunderte reicht. Frank Höhnerbach liest die 24 Geschichten, und das Sächsische Hornquartett musiziert dazu. Und weil sie den Geist der Weihnacht in unsere Stuben bringt wie keine andere, ist diese CD meine ganz persönliche Empfehlung. 
Insbesondere mit Kindern sollte man sich die Zeit dafür nehmen. Ich finde es wichtig, die Erinnerung daran wachzuhalten, dass selbst im reichen Europa noch heute viele Menschen nicht von Spielzeug und Elektronik träumen, sondern davon, satt in einer geheizten Stube zu sitzen. Auch das ist Weihnachten. 

Freitag, 7. Dezember 2012

Hammerschmidt: Machet die Tore weit (Carus)

"Des Edlen Schwanes Thon hat nun hier aufgehöret, / Weil Er vor Gottes Thron der Engel Chor vermehret. (...) Der Deutschen Ehre, Ruhm und Zier, / Amphion ruht und schläft allhier. / Ach! Orpheus wird nicht mehr gehört / den Zittau vorhin hat geehrt", so war es auf dem Grabstein des Orga- nisten und Komponisten Andreas Hammerschmidt (1611 bis 1675) zu lesen.
Er war in Böhmen zur Welt gekom- men, doch flohen seine Eltern 1626 vor der Gegenreformation nach Freiberg in Sachsen. Über Kindheit und Jugend Hammerschmidts ist nichts bekannt; seine erste Stelle erhielt er 1633 als Organist bei Graf Rudolf von Bünau auf Schloss Weesenstein. Bereits ein Jahr später wurde Hammerschmidt Organist der Freiberger Petrikirche. Später ging er als Organist nach Zittau, wo er bis an sein Lebensende wirkte. 
Das umfangreiche Werk, das seinem Urheber Ansehen und auch Wohlstand brachte, ist noch nicht vollständig erschlossen. Für die vorliegende Aufnahme konnte Gli Scarlattisti unter Jochen Arnold auf eine Edition zurückgreifen, die im Carus-Verlag erschienen ist. 
Die CD konzentriert sich auf Vokalmusik für die Adventszeit und das Weihnachtsfest. Sie beginnt mit Hammerschmidts berühmter sechs- stimmiger Motette Machet die Tore weit, enthält weiter unter anderem zwei Vertonungen des Magnificats, Fürchtet euch nicht, ein geistliches Konzert für zwei Soprane und Generalbass in bester Schütz-Tradition, auf das - wie eine Antwort - das doppelchörige Ehre sei Gott in der Höhe folgt. Hammerschmidts geistliche Kompositionen sind an das Wort eng gebunden, sie setzen es in Musik um und legen es mit musikalischen Mitteln kunstvoll aus. Ähnliches lässt sich auch für das Magnificat feststellen, das Johann Rosenmüller (1619 bis 1684) in lateinischer Sprache vertonte. Dieses Werk wurde ebenfalls mit auf- genommen, und rundet die CD sehr schön ab. 
Das Ensemble Gli Scarlattisti begeistert mit makelloser Intonation, professioneller Geläufigkeit und stimmlicher Strahlkraft. Wer Lust auf eine Entdeckung im Bereich der eher "klassischen" Weihnachtsmusik hat, der sollte diese Hammerschmidt-Einspielung unbedingt anhören - es lohnt sich. 

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Wagner: Organ Transcriptions by Edwin Henry Lemare (Tactus)

Die Musik von Richard Wagner hat viele Organisten zu Transkriptionen angeregt. So haben Théodore Dubois, Franz Liszt und Sigfrid Karg-Elert Wagner-Klänge für die Orgel bearbeitet. 
Auf dieser CD präsentiert Giulio Mercati, Leiter des Festival Orga- nistico Lauretano, an der Orgel der berühmten Kirche zu Loreto die Version, die Edwin Henry Lemare (1865 bis 1934) geschaffen hat. Lemare war ein berühmter briti- scher Organist, der allerdings auch sehr unstet war und seine Anstellungen immer wieder aufgab, um auf Konzertreisen zu gehen. Er komponierte für die Orgel eine Vielzahl von Stücken, und bearbeitete zudem bekannte Werke anderer Meister für sein Instrument. 
Wenn man hört, wie er Wagner auf der Orgel erklingen lässt, dann stellt man zum einen erfreut fest, dass diese Arrangements die komplexen musikalischen Strukturen kongenial erfassen und wiedergeben. Zum anderen aber muss man bemerken, dass Wagners Opern sich hervorragend dazu eignen, auf der Orgel wiedergegeben zu werden. Und das ist wirklich eine Überraschung. 

On a cold winter's day (Carpe diem)

Weihnachtslieder von den briti- schen Inseln hat die österreichi- sche Early Music Band Quadriga Consort auf dieser CD zusammen- getragen. Das Beiheft verweist zudem auf diverse Weihnachts- bräuche, die auf dem Festland zumeist unbekannt sind. 
"Das Faszinierende an der tradi- tionellen Musik der Britischen Inseln sind die eingängigen, aber trotzdem komplexen und immer von Emotion geleiteten Melodien", begeistert sich Nikolaus Newerkla, der die Stücke für das Quadriga Consort arrangiert. "Aber auch die schnörkellos prägnanten Texte sind wirklich fesselnd. Stücke in keltischer Sprache sind außerdem ein von Alte-Musik-Ensembles bisher noch überhaupt nicht erar- beitetes Feld." Elisabeth Kaplan, Angelika Huemer, Karin Silldorff, Dominika Teufel, Peter Trefflinger, Laurenz Schiffermüller und Nikolaus Newerkla erfreuen mit hinreißenden Versionen englischer, irischer und schottischer Weihnachtslieder, stilsicher und mit Temperament vorgetragen. Wer sich für Carols interessiert, und Musik von den Inseln schätzt, der sollte sich diese CD unbedingt zulegen - es lohnt sich!

Gloria in excelsis Deo (Rondeau)

Jedes Jahr in der Vorweihnachts- zeit strömen die Leute in die Hannoversche Marktkirche zum Weihnachtskonzert des Knaben- chores Hannover. Dass dieses Ereignis, das im Jahreskalender des Ensembles seinen festen Platz hat, von den Bürgern angenommen wird, zeigt die Tatsache, dass die Kirche an den beiden Abenden enorm gut besucht ist. Und sowohl die "Großen" des Konzertchores als auch die ganz "Kleinen", die im Nachwuchschor singen, tragen zu diesem Erfolg bei. Für die "Neuen" im Chor ist es wohl das erste Kon- zert überhaupt, an dem sie selbst mitwirken. 
Im vergangenen Jahr haben die jungen Sänger in ihrem Weihnachts- konzert den Zyklus Gloria in excelsis Deo von Siegfried Strohbach aufgeführt. Er besteht aus thematisch geordneten Weihnachtsliedern, die der Hannoversche Komponist zusammengestellt und durchaus zeitgenössisch, aber nicht zu kühn für den Chor arrangiert hat. Zur Begleitung setzt er dezent die Orgel ein; gespielt wird sie von Ulfert Smidt, dem Organisten der Marktkirche. Auch die einzelnen Lieder verbindet Strohbach durch Orgelzwischenspiele und durch Bibeltexte sowie eine lyrische Betrachtung Clemens' von Brentano, die hier von Sky du Mont gesprochen werden. 
Das Ergebnis ist ein in sich geschlossenes Gesamtwerk, an dem aber auch die Gemeinde Anteil nimmt: Sie singt die Choräle mit; die Weihnachtslieder hingegen werden ausschließlich durch den Chor vorgetragen. Dabei wird deutlich, dass Strohbach mit den klanglichen und technischen Möglichkeiten des Knabenchores bestens vertraut ist. Ob die strahlenden Knabenstimmen oder die kraftvollen Männerstimmen, über die der Hannoveraner Chor verfügt wie kein anderes derartiges Ensemble, ob im kompletten Ensemble oder solistisch - der Komponist stellt diese besondere Klangwelt in den Dienst weihnachtlicher Andacht, und man folgt den jungen Sängern unter ihrem Chorleiter Jörg Breiding darin gern. Die fleißige Arbeit dieser Singschule lohnt sich. 

Mittwoch, 5. Dezember 2012

Music for two Organs (Audite)

Das Kloster Muri, gegründet 1027, war das Hauskloster der Habsbur- ger. Im 17. Jahrhundert errichte- ten die Benediktiner anstelle der alten Gebäude eine repräsentative barocke Klosteranlage. Dabei wurde auch die Klosterkirche um- gebaut. Sie erhielt unter anderem vier Emporen, deren Zweck durch Fresken mit musizierenden Engeln deutlich erkennbar ist, und zwei prachtvolle Orgeln mit acht bzw. 16 Registern, die der Orgelbauer Joseph Bossart und sein Sohn Victor Ferdinand Bossart 1743 auf zwei der Emporen aufstellten. 
Die beiden Instrumente, die nach ihrer Position links und rechts vom Hochaltar auch als Evangelien- und Epistelorgel bezeichnet werden, sind erhalten und wurden vorbildlich restauriert. David Blunden und Johannes Strobl haben nun für eine Super-Audio-CD des Labels Audite auf diesen historischen Instrumenten Musik eingespielt, wie sie im 17. Jahrhundert am Wiener Hof erklungen ist. 
Diese Zeitreise beginnt mit der Übersiedlung Ferdinands II. von Graz nach Wien. Der Erzherzog von Innerösterreich, der nach dem Tode des kinderlosen Matthias zum neuen Kaiser gewählt worden war, brachte nicht nur seinen Hofstaat mit, sondern auch seinen Musik- geschmack, der sich am italienischen Vorbild orientierte. Seine Hofkapelle leitete zunächst der Venezianer Giovanni Priuli, dann Giovanni Valentini.   Wolfgang Ebner und Johann Jakob Froberger waren die Favoriten seines Nachfolgers Ferdinand III. Kaiser Leo- pold I. schließlich war selbst ein herausragender Komponist. Seine Hoforganisten waren Alessandro Poglietti, Johann Caspar Kerll und Franz Mathias Techelmann. 
Aus der Regierungszeit dieser drei Kaiser also sind auf dieser CD Werke versammelt, wie sie in Kammer und Kirche erklungen sind. Ergänzt werden die Orgelstücke, die von den beiden Organisten sehr hörenswert sowohl solistisch als auch im dialogischen Spiel vorgetragen werden, durch eine weitere österreichische Spezialität: Kunstvolle Orgelmusik und generalbassbegleitete Gregorianik im Wechselgesang, hier vorgestellt anhand von Quellen aus dem Musik- archiv des Wiener Minoritenkonvents. 

Dienstag, 4. Dezember 2012

Zachow: Christmas Cantatas (Quintone)

Friedrich Wilhelm Zachow (1663 bis 1712) entstammte einer weitverzweigten mitteldeutschen Musikerfamilie. Geboren wurde er in Leipzig, wo er wohl auch die Lateinschule besuchte. 1675 nahm sein Vater, der Kunstgeiger Hein- rich Zachow, allerdings eine Stelle als Stadtpfeifer im nahegelegenen Eilenburg an.
Wir wissen nicht, wer Zachow unterwiesen hat - doch seine Ausbildung muss hervorragend gewesen sein, denn bereits 1684 wurde der junge Musiker  zum Organisten der Hallenser Marienkirche gewählt. In diesem Amt war er nicht nur für das Orgelspiel, sondern auch für die Figuralmusik zuständig. In der Gemeinde muss man Zachow sehr geschätzt haben, denn er erhielt trotz seiner Jugend sehr bald ein ziemlich üppiges Gehalt. Zusätzliche Einnahmen brachten ihm seine Schüler. Der bekannteste von ihnen war Georg Friedrich Händel. Er wurde von Zachow im Clavier- und Orgelspiel sowie im Fach Komposition unterwiesen. Auch auf Geige und Oboe soll Händel Unterricht erhalten haben. 
Es ist bekannt, dass Zachow eine umfangreiche Sammlung von Musikalien aufgebaut und zu Unterrichtszwecken verwendet hat. Auch davon hat Händel wohl sehr profitiert. Er äußerte sich stets respektvoll und dankbar über seinen Lehrer, und soll zudem nach Zachows Tod dessen Witwe mehr als einmal finanziell unterstützt haben. 
Ludger Rémy, der sich seit vielen Jahren für vergessene mittel- deutsche Musik einsetzt und schon so manche Entdeckung vorgestellt hat, bringt gemeinsam mit der Sopranistin Constanze Backes, dem Kammerchor Capella Frisiae und den Instrumentalisten der Accade- mia Amsterdam auf dieser CD nun einige Werke Zachows wieder zum Klingen. Die vier Weihnachtskantaten erweisen sich als hörenswert. Es sind solide gearbeitete Kantaten - und sie stehen dem geistlichen Konzert eines Heinrich Schütz näher als den Kantaten der Bach-Zeit, obwohl die Chöre teilweise an die des frühen Bach erinnern. "Ik was getroffen door de unieke instrumentale bezetting van de kerkcanta- tes", begeistert sich Onno Verschoor, der Gründer und Leiter der Accademia Amsterdam, für Zachows Werke. "Heel bijzonder, nederig bijna, zijn ook de vocale solisten. Zij horen bij het koor. Zachow maakte er nog geen sterren van. Je hoort dat ook op deze cd: De solisten komen akoestisch uit de Capella Frisiae." 
Um die Klangwelt, die Zachow seinerzeit in Halle an der Saale er- schaffen hat, für den modernen Hörer nachvollziehbar zu machen, haben sich die Musiker eine Orgel gesucht, die ähnlich klingt wie weiland jene in St. Marien. Gefunden haben sie dieses Instrument, erbaut von Arp Schnitger zwischen 1693 und 1712, in der Pelster- gasthuiskerk in Groningen. Es hat einen Stimmton von 465 Hertz - und schon dieser Chorton sorgt für einen charakteristischen Klang. 
Auch die Tatsache, dass Zachow in der Figuralmusik auf die Stadtpfeifer und ihr Instrumentarium zurückgreifen musste, setzt interessante Akzente. So verwendet der Komponist in der Kantate Herr wenn ich nur Dich habe erstmals die Harfe als Soloinstrument. Überliefert wurde sie übrigens, weil Händel sie im Unterricht abge- schrieben hat. 

Der musikalische Adventskalender (Hänssler Classic)

Seit zehn Jahren gibt es den Musikalischen Adventskalender des SWR Fernsehens. Er wird auch im SWR Hörfunk gesendet, und von Sängern und Musikern aus dem Südwesten der Bundesrepublik gestaltet. Vom Bodensee bis zum Westerwald und von der Saar bis zum Neckar ersteckt sich die Heimat der Ensembles, die in dieser Sendung zu hören sind.
24 dieser Miniaturen mit Advents- und Weihnachtsmusik, quer durch Zeiten und Genres, sind nun auf dieser Jubiläums-CD versammelt. Da singt der Kammerchor Mainz Machet die Tore weit in einem Satz von Andreas Hammerschmidt, Nova Brass gestaltet den Einzug der Königin von Saba nach Händel, und der Gospelchor Lingenfeld lässt sich mit Whisperin' Your Name vernehmen. Der Ulmer Spatzenchor beeindruckt mit dem Cantique de Jean Racine von Gabriel Fauré. Die Zithergruppe der Trachten- kapelle Glottertal musiziert ebenso wie die Blechbläser von German Brass, hier noch unter Enrique Crespo, die eine schmissige Version des Ehre-Chores aus Bachs Weihnachtsoratorium vortragen. Wer sich an dieser Vielfalt nicht stört, dem sei diese CD wärmstens empfohlen - zumal für jedes verkaufte Exemplar ein Euro als Spende an die Kinderhilfsaktion "Herzenssache" geht.

Grassauer Blechbläser - Rundumadum (Klanglogo)

Die Grassauer gehören mit German Brass zu den "dienstältesten" Blech- bläserensembles Deutschlands. Gegründet wurden die Grassauer 1980 von Hans-Josef Crump; mittlerweile leitet Wolfgang Diem das zehnköpfige Ensemble. Dass er zugleich Leiter der Musikschule in Grassau ist, das ist kein Zufall - etliche Ensemblemitglieder haben dort ihr Instrument erlernt.  
Die Blechbläser aus dem Chiemgau bescheren ihren Fans zur Weih- nachtszeit eine gehaltvolle CD, die vom Volkslied bis zu Denn er hat seinen Engeln befohlen von Felix Mendelssohn Bartholdy viel zu bieten hat, und vom Evergreen aus Amerika über die traditionelle Münchner Weihnacht bis zum russischen Chor reicht, der übrigens von den Bläsern gesungen wird. Höhepunkt: Rundumadum, ein Paradestück von Hans Kröll, in dem das Alphorn im Mittelpunkt steht. Das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn es erklingt sowohl in mehrstimmigen Satz als auch im Dialog mit der Posaune. 
Die meisten Arrangements der Grassauer stammen von den Ensem- blemitgliedern Hans Kröll und Matthias Linke. Sie verstehen sich sowohl auf den "klassischen" Satz, der in erster Linie den satten Bläsersound wirken lässt, als auch auf augenzwinkernde Moderne. Dabei können sie eine Vielzahl von Instrumenten einsetzen, denn die meisten der Musiker sind nicht ausschließlich auf ein Blasinstrument festgelegt. Das sorgt zusätzlich für Abwechslung und bringt Klang- farben ins Spiel. 

Montag, 3. Dezember 2012

Jubilate Deo (Oehms Classics)

Ein ganz besonderes Weihnachts- geschenk legt Oehms Classics dem Musikfreund auf den Gabentisch: Auf dieser CD finden sich einige Werke von Johann Stadlmayr (um 1575 bis 1648). Der Komponist veröffentlichte 1596 erstmals eine Sammlung von Messen. 1603 erhielt er eine Stelle als Musicus in der Hofkapelle des Fürst-Erzbi- schofs Wolf  Dietrich von Raitenau in Salzburg. Dort stieg er bald zum Kapellmeister auf.
1607 ging Stadlmayer nach Innsbruck, wo er als Hofkapellmeister des Erzherzogs Maximilian III. wirkte. Ein Angebot aus München schlug er aus. Doch nach dem Tode des Regenten 1618 brachen für ihn harte Zeiten an. Denn der Nachfolger im Amt des Statthalters von Tirol, Erzherzog Leopold V., löste den Hofstaat in Innsbruck auf. Er weilte zunächst nur selten in der Stadt; Stadlmayr erhielt eine schmale Rente und verdingte sich schließlich sogar als Inspektor der Fleischbänke, um seine Familie ernähren zu können. 1623 schickte der Komponist schließlich doch eine Bewerbung nach Wien, wo die Stelle des Domkapellmeisters vakant war.
Um seinen Weggang zu verhindern, ernannte der Erzherzog Stadl- mayr zum Hofkapellmeister und zahlte ihm ein großzügiges Gehalt. Denn der Dienstherr hatte Pläne, die gewisse Repräsentations- pflichten mit sich brachten: 1626 ließ sich Leopold von seinen geistlichen Ämtern entbinden - er war unter anderem Bischof von Passau und Straßburg - und heiratete Claudia de Medici.  Der Kaiser machte ihn zum Landesherrn. Und die Landesherrin erwies sich als Mäzenin; sie förderte auch nach dem Tode ihres Gatten 1632 den Musiker, dessen Werke sie möglicherweise an die prächtige Musik ihrer Heimat erinnerten. 
Stadlmayr komponierte offenbar ausschließlich Kirchenmusik. Die Missa Jubilate Deo ist Bestandteil einer Sammlung doppelchöriger Messen, die der Musiker 1610 veröffentlicht hat. Die CD enthält zudem vier groß besetzte Motetten - wahrscheinlich aus einem weiteren Sammelband, der 1645 unter dem Titel Apparatus musicus erschienen ist. Das Beiheft verweist jedenfalls darauf, dass die Werke des Komponisten nach den Originalausgaben aus der Musiksammlung des Tiroler Landesmuseums Ferdinandeum eingespielt wurden.
Um aufzuzeigen, in welcher musikalischen Tradition sich Stadlmayr bewegte, hat der Orpheus Chor München gemeinsam mit Les Cornets Noirs unter Gerd Guglhör diese Stücke um zwei Motetten von Heinrich Schütz sowie einige Werke seines Lehrers Giovanni Gabrieli ergänzt. Eine gewisse stilistische Nähe ist nicht zu verkennen; das zeigt erneut, wie schnell und wie breit sich musikalische Innovatio- nen in der Frühen Neuzeit durchsetzten. Man staunt heute über dieses Phänomen, zumal Musikstücke seinerzeit in erster Linie in Form von Abschriften weitergegeben wurden. 
Man staunt allerdings auch beim Blick auf das Chor-Foto: Wenn das ein Kammerchor sein soll - wie kopfstark ist wohl dann erst der große Chor des Akademischen Gesangvereins München, aus dem der Orpheus Chor hervorgegangen ist? Leider erscheint diese Aufnahme entsprechend massig und dynamisch wie klanglich wenig differen- ziert. Die Sänger sind durchaus versiert. Aber irgendwie fehlt diesem Ensemble die Klangvorstellung. Und so gibt es statt durchhörbarer Mehrchörigkeit - bei doppelchörigen Werken eigentlich ohne Schwierigkeit zu erreichen - undefinierbaren Klangbrei. Schade. 

Freitag, 30. November 2012

Trombone grande (Accent)

Wer die Posaune erfunden hat, und wo genau dieses Blasinstrument zum ersten Mal erklungen ist, das ist nicht bekannt. Doch mit ihrem repräsentablen Klang war sie be- reits zu Beginn des 16. Jahrhun- derts in Europa sowohl in den Städten als auch an den Höfen des Adels weit verbreitet. So bestellte Herzog Albrecht von Preußen aus Königsberg Mitte des 16. Jahrhun- derts bei dem Nürnberger Instru- mentenbauer Georg Neuschel offenbar nicht nur Trompeten. In dem Briefwechsel unterbreitet Neuschel das Angebot, "5 groß bussanen, da zue sammen steyen, das eyne Mittel bussanen, da man sonst auffs baß sezt ein discant ist machenn" - genau wie jene Instrumente, die er für "Churfurst am Reyn und herzog Ottheinrich Lantgraff, de(n) Kunig von Pollen, (und den) kunig von Engelland" angefertigt habe. Wie damals üblich, wur- den auch diese Instrumente in ganzen Familien gebaut - vom Piccolo bis zur Kontrabassposaune. 
Im modernen Orchester spielen heute üblicherweise zwei Tenor- und eine Bassposaune. Doch Posaunen gab es in vielerlei Bauformen und erstaunlich vielen Stimmungen. Mit dem Interesse für "Alte" Musik verbunden war auch die Renaissance der historischen Instrumente. Auf dieser CD spielt Wim Becu eine Bassposaune nach Georg Nicolaus Öller, Stockholm 1640, die Ewald Meinl aus Geretsried 1994 ange- fertigt hat. 
Die Klangfarben und technischen Möglichkeiten dieser "Trombone grande" präsentiert er mit seinem Ensemble Oltremontano anhand von Musik, wie sie um 1600 vor allem in Italien aufgeführt worden ist. Darunter ist La Hieronyma von Giovanni Martino Cesare, eines jener raren Solowerke des 17. Jahrhunderts, die ausdrücklich für Posaune komponiert wurden. Dieses Stück, geschrieben für Tenor- posaune, wurde hier um eine Quinte abwärts transponiert. 
Zu hören sind selbstverständlich Werke von Girolamo Frescobaldi und Claudio Monteverdi, aber auch von weniger bekannten Kompo- nisten. Die CD zeigt zudem, dass italienische Musik in ganz Europa bekannt war und Musikern als Vorbild diente. So veröffentlichte Mikolaj Zielenski, Kapellmeister und Organist des polnischen Primas Wojciech Baranowski, seine Kompositionen in Venedig. Antonio de Cabezón war dem spanischen Königshaus verbunden. Und Cesare, der aus Udine stammte, wirkte in Günzburg und München. 
Der niederländische Posaunist Wim Becu gehört ohne Zweifel zu den führenden Interpreten der historisch informierten Aufführungs- praxis. Insbesondere in den Solostücken zeigt er seine beeindrucken- de Virtuosität. Doch auch im Zusammenspiel mit seinen Musiker- kollegen, beispielsweise im Dialog mit Rainer Zipperling am Barock-Violoncello oder mit Doron David Sherwin am Zink, wird die beson- dere Qualität dieser Aufnahme hörbar. Ob weit gespannte sonore Klangbögen oder anspruchsvolle Verzierungen - dieses Ensemble bewältigt technische Herausforderungen jeglicher Art erfreulich locker. Diese CD lockt mit balsamischem Wohlklang, und man möchte sie immer wieder anhören. 

Sonntag, 25. November 2012

In the World of Spirits (Naxos)

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In die Welt der Geister begeben sich Emory Wind Ensemble und Atlanta Youth Wind Symphony, dirigiert von Scott A. Stewart, dem Leiter beider Ensembles. Diese CD enthält eine Auswahl anspruchsvoller Weihnachts- musiken, die Werke stammen überwiegend von zeitgenössi- schen Komponisten. 
Wer hört, wie perfekt hier musi- ziert wird, der staunt, wenn er dann liest, dass dieses Album von Studierenden und Musikschülern, verstärkt durch einige Alumni, eingespielt worden ist. Mehr als hundert junge Musiker haben bei den Proben und Aufnahmen im Sommer 2011 unter dem Namen Emory Symphonic Winds gemeinsam musiziert. 
Das ist durchaus programmatisch zu nennen, denn mit dem klassi- schen Bläsersound hat der Klang dieses Ensembles eher wenig gemein. Und in dem Programm gibt es viel zu entdecken - von Gustav Holsts Christmas Day: Fantasy on Old Carols über Mysterium, ein Werk der 1962 geborenen Komponistin Jennifer Higdon, die sowohl mit dem Pulitzer-Preis als auch mit dem Grammy ausgezeichnet worden ist, bis hin zur kraftvollen Russian Christmas Music von Alfred Reed, der darin Motive aus der russisch-orthodoxen liturgi- schen Musik aufgreift. Die Titelmusik In the World of Spirits stammt von Bruce Broughton, der besonders als Komponist von Filmmusiken (Silverado) sehr erfolgreich ist. Die CD beginnt mit dem Symphonic Prelude on Adeste Fideles von Claude T. Smith - und endet schwung- voll mit Leroy Andersons berühmtem Sleigh Ride. Was man Blas- instrumenten doch an Klangfarben und Ausdruck entlocken kann!  Diese CD wird nicht nur Experten verzaubern. 

Handel: Messiah (Tafelmusik)

Aufnahmen von Händels Messias gibt es viele. Diese hier setzt auf Rhetorik - und man horcht gleich beim ersten Solo des Tenors Rufus Müller auf: Ganz offenkundig sind sich Sänger, Instrumentalisten und Dirigent in Sachen Gestaltung einig. Wer regelmäßig "echte" Konzerte besucht, der weiß, das dies keinesfalls selbstverständlich ist. 
Die Solopartien sind mit Karina Gauvin, Robin Blaze, Rufus Müller und Brett Polegato sehr hörenswert besetzt; in diesem Solistenquar- tett schwächelt einzig die Sopranistin ein wenig. Vielleicht liegt es an der starken Orientierung am Text, dass Gauvin eher erdverbunden-dramatisch klingt als engelhaft ätherisch. 
Das Tafelmusik Baroque Orchestra überzeugt durch sein exzellentes Zusammenspiel mit den Sängern, und durch eine Leichtigkeit und Beschwingtheit, die auch Händel ganz sicher begeistert hätte. Im Zentrum dieses Oratoriums aber steht eigentlich der Chor, in diesem Falle der Tafelmusik Chamber Choir unter Ivars Taurins. Das Ensem- ble ist für einen Kammerchor ziemlich groß, doch es singt phäno- menal. Die Stimmen sind enorm beweglich, klangschön und von einer berückenden Ausstrahlung. Wer auf der Suche nach einer Messias-Einspielung für die Feiertage ist - diese hier gehört zu den absoluten Favoriten. Unbedingt anhören! 

Samstag, 24. November 2012

The Complete Harpsichord Works of Rameau (Sono Luminus)

Jean-Philippe Rameau (1683 bis 1764) war der Sohn eines Orga- nisten. Seine Ausbildung begann er bei seinem Vater, und seine musi- kalische Laufbahn begann er als Orchestergeiger und Organist. Und obwohl er mit seinen musiktheore- tischen Schriften gewichtige Bei- träge insbesondere zur Harmonie- lehre leistete, sah es zunächst ganz danach aus, als würde Rameau bis an das Ende seines Musikerlebens in wechselnden Kirchen die Orgel spielen. 
Der Komponist war schon 50 Jahre alt, als er Hippolyte et Aricie, seine erste tragédie en musique, vorstellte - was ihn über Nacht berühmt machte. Die Werke für die Bühne bescherten ihm Wohlstand und Ansehen. Ludwig XV. erhob Rameau in den Adelsstand, ernannte ihn 1845 zum Compositeur de la Musique du Cabinet du Roi, und gewährte ihm eine großzügige Pension. Dabei hatte Rameau nach 1706 - da erschien sein Premier Livre de Pièces de Clavecin - bereits gut 50 Stücke für Cembalo veröffentlicht, die ihm aber lang nicht so viel Aufmerksamkeit einbrachten.
Wieso eigentlich nicht? Das fragt man sich heute. Jory Vinikour hat sämtliche Cembalo-Werke Rameaus für Sono Luminus eingespielt - und die beiden CD enthalten so manche Überraschung. Denn etliche dieser kleinen Stücke, die zumeist ziemlich kurz sind, erweisen sich als kühne musikalische Experimente. Da findet sich mitten in einer Suite, zwischen den üblichen Tänzen, auf einmal ein Satz mit dem Namen Le Rappel des Oiseaux, und zu hören ist in der Tat, wie sie herumfliegen, hüpfen und Körnchen picken. Sind es Anfangs nur einzelne Bilder, die der Komponist einbindet, bestehen seine Suiten später fast ausschließlich aus derartigen Miniaturen. 
Vinikour spielt diese musikalischen Charakterstückchen mit Hingabe. Er setzt, in bester französischer Tradition, auf Ausdruck und Eleganz. Dazu passt auch das Instrument, auf dem er musiziert, ganz ausge- zeichnet. Es handelt sich um ein klangstarkes zweimanualiges Cembalo, das Thomas und Barbara Wolf, The Plains, Virginia/USA, 2005 nach einem Vorbild von Nicolas Dumant aus dem Jahre 1707 angefertigt haben. Der französische Hof besaß einige seiner Instru- mente. Dieses hier zeichnet sich durch die kontrastreichen Klang- farben aus, die aufgrund der beiden Manuale zur Verfügung stehen. Vinikour reizt diese Möglichkeiten aus - und das Ergebnis ist faszi- nierend. Unbedingt anhören! 

Freitag, 23. November 2012

Mendelssohn: Lieder ohne Worte; Brautigam (BIS)

Wer sich dafür interessiert, wie die Lieder ohne Worte von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809 bis 1847) zu Lebzeiten des Kompo- nisten gespielt worden sind, der sollte sich diese Aufnahme mit Ronald Brautigam anhören. 
Der niederländische Pianist wurde für sein Spiel auf modernen Instru- menten mit vielen Preisen ausge- zeichnet. Doch mit gleicher Lei- denschaft widmet sich Brautigam dem Musizieren auf dem Forte- piano. So hat er mittlerweile bei dem Label BIS sämtliche Klavierwerke Mozarts, Klavierkonzerte und Sonaten Beethovens sowie die Klavierkonzerte von Mendelssohn eingespielt. 
Nun hat er sich die Lieder ohne Worte vorgenommen - Musikstücke, die beispielhaft vorführen, wie die Romantiker Grenzen zwischen den Künsten aufgelöst haben. Denn üblicherweise haben Lieder einen Text. Doch der Komponist sah für das Wort Probleme, die er in der Musik überwunden fand: "Die Leute beklagen sich gewöhnlich, Musik sei so vieldeutig; es sei so zweifelhaft, was sie sich dabei zu denken hätten, und die Worte verstünde doch ein Jeder", schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1842. "Mir geht es aber gerade umgekehrt. Und nicht blos mit ganzen Reden, auch mit einzelnen Worten, auch die scheinen mir so vieldeutig, so unbestimmt, so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die Einem die Seele erfüllt mit tausend bessern Dingen, als Worten. Das was mir eine Musik ausspricht die ich liebe, sind mir nicht zu unbestimmte Gedanken, um sie in Worte zu fassen, sondern zu bestimmte." 
Sechs Hefte mit je sechs Liedern ohne Worte hat Mendelssohn zu Lebzeiten herausgegeben. Auf dieser CD finden sich die ersten vier davon, sowie fünf weitere Stücke, die der Komponist nicht veröffent- licht hat. Brautigam spielt sie auf einem Hammerflügel, der nach einem Instrument aus dem Jahre 1830 aus der Werkstatt Ignaz Pleyels von dem renommierten Klavierbauer Paul McNulty ange- fertigt worden ist. Das Original befindet sich im Musée de la musique in Paris. 
Dieses Fortepiano hat einen erstaunlich warmen, wandlungsfähigen Ton - doch es erzwingt offenbar auch eine Spielweise, die hektischer wirkt, als man das von den modernen Instrumenten gewohnt ist. Brautigam produziert damit eher Klangflächen als durchhörbare Strukturen. Das muss man mögen - und in diesem Falle überzeugt es mich nicht. 

Haydn: The Cello Concertos; Krijgh (Capriccio)

Die niederländische Cellistin Harriet Krijgh, Jahrgang 1991, hat die beiden Violoncello-Konzerte von Joseph Haydn eingespielt. Und man muss sagen, das ist ihr ganz hervorragend gelungen. Die junge Musikerin überzeugt mit einem schönen Ton, Dynamik und kluger Phrasierung. So gelingt es ihr insbesondere auch beim D-Dur-Konzert, dem eine gewisse Schwerfälligkeit nachgesagt wird, Haydns wundervolle Melodien in den Vordergrund zu stellen. Krijgh setzt auf Eleganz und Leichtigkeit - und gestaltet zusammen mit der Wiener Kammerphilharmonie unter Claudius Traunfellner die beiden Konzerte so, wie man sie gern öfter hören würde. Der jungen Cellistin gelingt damit eine Referenzaufnahme, und ich bin sicher, das wird nicht die letzte sein. Bravi! 

Donnerstag, 22. November 2012

A Baroque Christmas (Ricercar)

Ein Weihnachtskonzert ganz besonderer Art hat das Label Ricercar in dieser Drei-CD-Box zusammengestellt: Aus dem eigenen Programm sowie den Katalogen von Zig-Zag-Territoires, Fonti Musicali und der Manufac- ture d'orgues Thomas erklingen Werke aus der Barockzeit, und zwar aus Deutschland, England, Italien und Frankreich. 
Zu hören sind zahlreiche bekannte Ensembles wie Vox Luminus, Ricercar Consort, La Pastorella, La Fenice oder Choeur de Chambre de Namur, und auch die Namensliste der beteiligten Solisten ist lang und illuster. Entsprechend hoch ist das Niveau, auf dem hier musiziert wird. 
Es wird nicht verwundern, dass die Weihnachtsgeschichte gerade in dem auf Inszenierung und Theatralik versessenen Barockzeitalter viele Komponisten in ganz Europa inspiriert hat. Die Hirtenmusik, die Engelschöre und das jeweilige regionale Brauchtum lieferten dafür eine Fülle von Anregungen. Die drei CD machen Gemeinsamkeiten und Unterschiede hörbar - und erweisen sich so, ganz nebenbei, als kleine Lektion in europäischer Musikgeschichte. Dazu trägt auch das Beiheft mit seinen Informationen bei. Wer also etwas lernen will, der hat dazu Gelegenheit - und wer einfach nur genießen möchte, der darf sich ebenfalls freuen. 

Mittwoch, 21. November 2012

Awakening Princesses (Aeolus)

Auf dieser CD erklingen Blockflöten aus der Bate Collection of Musical Instruments der Universität Ox- ford. Es sind kostbare Instrumen- te, und es ist keineswegs alltäglich, dass solche Sammlerstücke ge- spielt werden dürfen. Für die Idee, ihren besonderen Klang auf CD zu dokumentieren, ist Andrew Lamb, dem Kurator der Sammlung, zu danken.
Zwar sind Nachbauten historischer Instrumente heute allgegenwärtig. Doch standen den Instrumentenbauern vergangener Jahrhunderte natürlich nicht die Fertigungsmittel zur Verfügung, die ihre Kollegen heutzutage verwenden. Obendrein hat sich die Stimmtonhöhe im Verlaufe der Zeit erheblich verändert. Passt man den Stimmton aber heutigen Konventionen an, verändert sich notwendigerweise auch die Flöte. All das hat Auswirkungen auf den Klang. 
Will man herausfinden, wie Blockflöten zu Purcells Zeiten geklungen haben, ist man auf Originale aus jenen Tagen angewiesen. Leider sind Flöten empfindlich; wenn man sie spielt, werden sie durch die Atem- luft mit Feuchtigkeit und Wärme konfrontiert. Wer aber für eine Sammlung wertvoller Musikinstrumente verantwortlich ist, der will sie erhalten - und so liegen historische Blockflöten, wenn sie einmal im Museum angekommen sind, üblicherweise nur noch stumm in der Vitrine. 
Die Instrumente der Bate Collection durfte Flötenvirtuose Peter Holtslag für diese Aufnahmen aus dem musealen Schlummer holen. Das hatte seine Tücken, schreibt der Musiker im Begleitheft zu dieser CD: "Wie bei allen schlafenden Märchenprinzessinnen, die etwas taugen, war das Aufwecken dieser Schönheiten alles andere als einfach. Nachdem sie so lange in ihren Kästen in Oxford ge- schlummert hatten, waren sie zerbrechlich, empfindlich und launisch." Sechs Blockflöten aus diesem Schatz wählte er für die Aufnahmen aus. 
Einige der Instrumente, berichtet Holtslag, klangen immer besser, je länger sie gespielt wurden. Das gilt insbesondere für die Blockflöten von Peter Bressan (1663 bis 1731). Er war wohl in erster Linie Oboist, doch er gilt als der Stradivarius der Barockblockflöte. Von den Oboen, die er angefertigt hat, blieb keine erhalten; aber 57 Block- und drei Traversflöten sind überliefert. Holtslag stellt auf der CD eine einzigartige Quartflöte des Meisters vor, sowie eine Altblockflöte und eine wundervolle Bassblockflöte, die nicht nur traumhaft aussieht, sondern auch phantastisch klingt. 
Den Stempel Urquhart tragen nur noch zwei Altblockflöten weltweit. Über ihren Erbauer ist nichts bekannt; aber die Flöten sind ausge- sprochen kunstfertig aus gebeiztem Buchbaum mit Elfenbeinringen angefertigt worden. Das Instrument, das Holtslag in der Oxforder Sammlung vorfand, klingt einzigartig - aber es ist sehr fragil und heute nur noch für wenige Minuten spielbar. 
Ähnliches gilt auch für eine Altblockflöte des Niederländers Robert Wijne (1698-1774). Dieses Instrument hat einen faszinierenden Klang - aber es hat sich derart verzogen, dass Holtslag die Sonate von Johann Christian Schickardt vermutlich über mehrere Tage verteilt eingespielt hat: "Die Stimmung ist äußerst problematisch und ver- schlechtert sich nach nur wenigen Minuten des Spielens", berichtet der Flötist. 
Thomas Stanesby junior (1692 bis 1754) ist auf der CD mit einer Tenorflöte vertreten. Auch sie erwies sich als Prinzessin - mit einem Riss im Kopfstück. "Normalerweise ist dieser Riss nur kosmetischer Natur, er bleibt geschlossen, und das Instrument spielt einwandfrei", meint Holtslag. "Wie aber nicht anders zu erwarten, entschloss sich der Riss allerdings, einen Tag vor unserer Aufnahme aufzugehen, was das Instrument fast unmöglich zu spielen machte. Wir schafften gerade ein kurzes (...) Stück, wobei wir unglücklicherweise gezwungen waren, das tiefe Register des Instruments zu meiden, welches normalerweise besonders schön klingt." Wie die Geschichte weitergeht, kann sich der Hörer denken: "Zwei Tage nach Beenden der Aufnahmen kehrte die Stanesby - was sonst - zurück zu ihrem vorherigen Zustand." 
Es wird also nicht verwundern, dass die Blockflöten von Peter Bressan den weitaus größten Anteil an dieser Klangprobe haben. Holtslag hat für jedes Instrument passende Werke ausgewählt, und sich zudem exzellente Mitstreiter gesucht. So wird der Flötist von Elizabeth Kenny, Erzlaute und Theorbe, Rainer Zipperling, Gambe und Barock-Violoncello sowie Carsten Lohff am Cembalo begleitet. Bressan betrachtet Musik zudem als Fortsetzung der Rhetorik mit musikali- schen Mitteln, und nicht als sportliche Übung. Das Ergebnis ist eine außerordentlich spannende, klangschöne CD, die Freunde der Barockmusik begeistern wird.