Samstag, 31. Juli 2010

Vieuxtemps: Violin Concertos 4 & 5 (Hyperion)

Die Solokonzerte von Henry Vieuxtemps sind keine leichte, gefällige Kost. Das Violinkonzert Nr. 4 in d-Moll op 31 schuf er in
St. Petersburg, wo er ab 1846 als Hofgeiger und Solist am Kaiser- lichen Theater engagiert war, und außerdem am Konservatorium unterrichtete. Vieuxtemps hielt dieses Konzert für sein bestes; Berlioz bezeichnete es als "Sinfonie mit Solovioline".
Das trifft möglicherweise ziemlich gut den Kern der Dinge; das Werk ist nicht nur umfangreich, sondern auch hochdramatisch. Und tatsächlich dauert es erstaunlich lange, ehe der Solist in den ersten Satz mit einstimmt. Dafür ist dann aber auch gleich eine Kadenz zu absolvieren, die es schwer in sich hat. Nicht umsonst gilt Vieuxtemps als der Erbe Paganinis; der renommierte Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick sah ihn und Joseph Joachim seinerzeit als beste Geiger der Welt.
Viviane Hagner hat ein Händchen für diese Musik; die Wahlberlinerin gab ihr internationales Debüt als Zwölfjährige, und spielte bereits ein Jahr darauf bei dem legendären gemeinsamen Konzert des Israel Philharmonic Orchestra und der Berliner Philharmoniker in Tel Aviv unter Zubin Mehta. Ihr Repertoire ist ähnlich umfangreich wie ihr Konzertkalender. 
Die Solistin musiziert auf dieser CD gemeinsam mit dem Royal Flemish Philharmonic unter Martyn Brabbins.  Sie spielt die Sasserno-Stradivari, von der Nippon Music Foundation zur Verfügung gestellt, und überzeugt durch ihr ungemein differenziertes Musizieren ebenso wie durch ihre Virtuosität. Rasant absolviert sie die Tripel- und Quadrupelgriffe der Kadenz des ersten Satzes - und lässt gleich darauf die Violine beseelt im Duett mit der Harfe singen. Doch bei aller Ro- mantik wird ihr Spiel nie seicht und oberflächlich. 
Das gilt auch für das Violinkonzert Nr. 5 in a-Moll op. 37, das Vieux- temps 1838/39 für seinen Freund Hubert Léonard geschrieben hat - als Prüfungsstück für einen Wettbewerb am Brüsseler Konservato- rium. Das Werk wurde speziell dafür geschaffen, dass die Studieren- den ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen können, und gefiel den Geigern dann so gut, dass es sich bis heute im Repertoire gehalten hat. Insbesondere das Adagio, das eine seinerzeit bekannte Opern- melodie zitiert, verleitet zum "Schönspielen".
Auch die Fantasia appassionata op. 35 beginnt gemessen bis drama- tisch, und endet rhapsodisch, ja, ekstatisch. Mit ihrem schlanken, strahlenden Ton und intelligenter Phrasierung gerät Hagner keine Sekunde auch nur in die Nähe von Kitsch - sie bekennt sich durchaus zum Pathos, vermeidet jedoch Bombast und Überschwang. Sie gehört ohne Zweifel nicht zu den "Geigenmädchen", wie sie derzeit von einigen Plattenfirmen gekonnt vermarktet werden, sondern zu den führenden Violinvirtuosen ihrer Generation. Hyperion ist damit eine echte Entdeckung gelungen. Brava!

Händel: Berenice, Regina d'Egitto (Virgin Classics)

Der Earl of Shaftesbury berichtete, er habe am 12. Mai 1737 einer Probe von Händels Oper Berenice beobachtet, und "ein unsägliches Vergnügen empfunden": "Der erste Akt ist durchweg in einem gefälli- gen Stil gehalten, voller vorzügli- cher eleganter Arien und recht neu. Der zweite Akt ist mehr dem großen Geschmack verpflichtet und kann (...) zu Recht erhaben genannt werden. (...) Der dritte beginnt mit einem kurzen, aber guten Vorspiel, und dieser Akt ist eine Mischung aus dem großen und dem gefälligen Stil." Händel gehe es besser, so der Earl, "aber nicht gut genug, um das Cembalo selber zu spielen, der junge Smith soll das für ihn übernehmen."  Was war geschehen? 
1737 war nicht das Glückjahr das Komponisten. Zwar hatte die Opera of the Nobility zwei ihrer Stars, den Kastraten Senesino und die Cuzzoni, sowie ihren musikalischen Leiter Porpora verloren. Händel trat mit einem gewagten Programm an, um den Konkurrenten vom Markt zu fegen - doch am Ende dieser musikalischen Fehde waren beide Operngesellschaften pleite. Und im April hatte der Komponist obendrein einen Schlaganfall erlitten, der wohl vorübergehend seinen rechten Arm lähmte.
Man glaubt es kaum, aber Berenice wurde nach ihrer Uraufführung am 18. Mai 1737 noch zwei- oder dreimal wiederholt - und verschwand dann fast vollkommen aus dem Repertoire. Dabei ist das Werk wirklich hörenswert. Die Musik ist erstaunlich heiter, wenn man das Sujet bedenkt, ideenreich und schwungvoll. Die Handlung freilich beschränkt sich auf kuriose Verwicklungen, wie sie entstehen, wenn Menschen nicht miteinander, sondern ausschließlich übereinander oder gar nicht reden. So dauert es fast drei Stunden, bis sich die beiden Paare endlich sortiert haben: Berenice verzichtet auf Demetrio zugunsten ihrer Schwester Selene, die dieser ohnehin liebt, und beugt sich der Staatsraison. Denn Rom fordert ihre Verheiratung mit dem eigenen Heiratskandidaten Alessandro.
Händels Musik freilich erzählt, das dies keine glückliche Entscheidung gewesen sein kann. Und in der Tat - die historische Berenike wurde wenige Tage nach der Hochzeit von ihrem Mann ermordet, der wiederum dafür vom erzürnten ägyptischen Volk gelyncht wurde. Dem Publikum jener Zeit dürfte das bekannt gewesen sein. 
Die vorliegende Aufnahme entstand anlässlich einer konzertanten Aufführung der Oper im November 2009 am Théatre des Champs Elysées in Paris. Es singen Klara Ek (Berenice), Ingela Bohlin (Alessandro), Franco Fagioli (Demetrio), Romina Basso (Selene), Mary-Ellen Nesi (Arsace), Vito Priante (Aristobolo) und Anicio Zorzi Giustiniani (Fabio); es spielt Il Complesso Barocco unter Alan Curtis. Dieses Ensemble ist durchweg ausgewogen besetzt; wer Händel liebt, dem sei an dieser Stelle ein ungetrübtes Hörvergnügen angekündigt.

Freitag, 30. Juli 2010

Lehár: Die lustige Witwe / Das Land des Lächelns (EMI Classics)

Die Operette gilt gemeinhin als die kleine, etwas alberne Schwester der großen, gewichtigen Oper - doch oftmals erweist sich gerade die "leichte Muse" für die Musiker als eine schwierige Aufgabe.
Franz Lehár komponierte etliche Operetten, und er war damit nicht zuletzt deshalb so erfolgreich, weil er sie mit einem Augenzwinkern schrieb. Das Land des Lächelns beispielsweise holte einst das ferne China ins Stadttheater. Lehár lieferte den perfekten Soundtrack zum Traum des Bürgers von exotischen, fremden Welten - heute würde er wahrscheinlich Filmmusik schreiben. Und was bei dieser Operette die ironischen Zitate zur Chinoiserie, das ist bei der Lustigen Witwe der Tanz, der alle und alles überwältigt. Die Komödie um die schwer- reiche Hanna Glawari, die unbedingt einen Landsmann heiraten soll, damit ihr Vermögen im - ansonsten von der Pleite bedrohten - Lande bleibt, reiht Hit an Hit. Und bei der Orchestrierung bediente Lehár sich fröhlich bei den Innovationen, die zeitgleich im Konzertsaal und auf der "ernsthaften" Opernbühne ausprobiert wurden. 
Wenn solche Perlen des Repertoires dann noch mit einer erstklassi- gen Besetzung aufwarten, dann kann Operette durchaus zum Musik- erlebnis werden. So auch im Falle der vorliegenden CD-Box, die gleich zwei Höhepunkte des Genres zusammenfasst - in Einspielungen aus dem Jahre 1953, man mag es beim flüchtigen Hören kaum glauben, so frisch klingt nicht zuletzt das Philharmonia Orchestra unter Otto Ackermann. 
Und selbst die Sänger leisten sich kaum Manierismen, wie man sie heutzutage mitunter noch auf der Bühne erleben muss. Das wird nicht verwundern, denn das Ensemble ist wirklich erstklassig. Es singen Elisabeth Schwarzkopf (Lisa/Hanna Glawari), Nicolai Gedda (Prinz Sou-Chong/Camille de Rossilon), Erich Kunz (Gustl/Graf Danilo- witsch) und Emmy Loose (Mi/Valencienne) sowie Otakar Kraus, Anton Niessner und Josef Schmidinger. Das alles macht die Ein- spielung zum Ereignis. Ich jedenfalls kann mich nicht erinnern, die beiden Operetten schon einmal in besseren Aufnahmen gehört zu haben.

Donnerstag, 29. Juli 2010

Albinoni: Homage to a Spanish Grandee (Chaconne)

Lange Zeit dachte die Musikwelt, dass die Concerti a cinque op. 9 von 1722 die letzten derartigen Werke von Tomaso Giovanni Albinoni (1671 - 1751) sind. Dann wurde jedoch ein weiterer Druck entdeckt - die Concerti a cinque op. 10 aus den Jahren 1735/36. 
Albinoni widmete diese Konzerte dem Marquis von Castelar, Don Luca Fernando Patino, der im Zuge des polnischen Erbfolgekrieges nach Italien kam. Von den virtuosen Kunstwerken eines Vivaldi unterscheiden sie sich sehr; in ihrer Ausgewogenheit und mit ihren großzügig geführten Linien erinnern sie eher an die Konzerte Corellis. Diese CD enthält zehn der zwölf Konzerte der Sammlung.
Simon Standage musiziert mit seinem Collegium Musicum 90 - entspannt, klangschön und mit Humor. Genüsslich zeigt er die vielen kleinen Details, die Albinonis Musik so liebenswert machen, wie Anspielungen an Flamenco-Klänge oder Gitarren-Imitationen. Eine sehr schöne CD, die hier empfohlen werden kann.

Felix Mendelssohn Bartholdy: Piano Quartet / Piano Sextet (Genuin)

Obwohl Felix Mendelssohn Bartholdy nur 38 Jahre alt wurde, hat er ein sehr beachtliches Werk hinterlassen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er bereits im Kindes- alter begann, Musik zu komponie- ren. Einige dieser frühen Werke sind überliefert.
Wer die ersten Klavierquartette hört, der mag kaum glauben, dass dies Werke eines Teenagers sind. Diese CD beginnt mit dem Klavierquartett op. 3 in h-Moll, entstanden im Winter 1824/25 - da war Mendelssohn gerade einmal 15 Jahre alt. Uraufgeführt wurde es in Paris, wo der Junior vom stolzen Vater der dortigen Musikwelt präsentiert wurde. Auf der Rückreise besuchte die Familie Goethe, dem das Opus gewidmet ist - und natürlich erklang es am Frauenplan: "Felix produzierte sein neuestes Quartett zum Erstaunen von jeder- mann", schrieb der Dichter an seinen Freund Zelter, der auch der Lehrer des Jünglings war; "diese persönliche hör- und vernehmbare Dedikation hat mir sehr wohlgetan." 
Das Münchner Klaviertrio hat, verstärkt durch Musikerfreunde, im vergangenen Jahr bei den Münchner Opernfestspielen das Klavier- quartett sowie das Klaviersextett op. 110, das noch vor dem Quartett entstanden ist, gespielt. Es ist ein ganz erstaunliches Werk, das von den Streichern dominiert wird. Bei Genuin erschien der Live-Mit- schnitt von diesem Konzert in der Allerheiligen Hofkirche. 
Donald Sulzen, Klavier, Michael Arlt, Violine und Gerhard Zank, Violoncello werden unterstützt durch Tilo Widenmeyer und Ruth Elena Schindel, Viola, sowie Alexander Rilling, Kontrabass. Sie musizieren wie aus einem Guss, perfekt aufeinander abgestimmt; jeder Instrumentalist hat seine Soli, tritt aber dann wieder ins Accompagnato zurück. Vielleicht hätte das ganze musikalische Gewebe insgesamt ein bisschen luftiger sein dürfen - aber sonst bleiben hier kaum Wünsche offen.

Mittwoch, 28. Juli 2010

Rathgeber: Missa St. Benedicti (cpo)

"Gott selbst möge daran Wohlge- fallen finden, mit dieser engel- haften Harmonie die Himmel zu erfüllen, und er möge den Vorplatz des Himmels so bewachen lassen, dass keinem der Zutritt zum Heiligen Berg Gottes und zu seinen Zelten erlaubt wird, außer dem, der die Musik liebt", schrieb Johann Valentin Rathgeber in der Vorrede zu seinem Opus III. 
Die Benediktsmesse auf dieser CD stammt aus dieser Sammlung. Um sie herum hat Matthias Beckert, Leiter des Monteverdichores und des Monteverdi Ensembles Würzburg, mit Unterstützung der Valentin-Rathgeber-Gesellschaft noch einige passende, ergänzende Werke wie Benediktsoffertorien oder Josephs- und Benediktshymnus sowie Marianische Antiphonen und die Lauretanische Litanei ergänzt. Im Zentrum der CD placierte er, wie eine Meditationspause, das Concerto 21 aus Opus VI - ein Violinkonzert, in dem die Trompeten begleitende Funktion haben.
Die Aufnahme ist dementsprechend prächtig. Es wird inspiriert musi- ziert. Das Solistenquartett - Margriet Buchberger, Sopran, Peter de Groot, Altus, Marco van de Klundert, Tenor und Hans Wijers, Bariton - Konzertmeisterin Pauline Nobes sowie die Sänger und Musiker des Monteverdi Ensembles Würzburg liefern köstliche musikalische Weihrauchwölkchen.
Das Beiheft ist ebenfalls liebevoll gestaltet - hier bringt sich erneut die Rathgeber-Gesellschaft ein. Über die peinliche Widmung, devotissime an den derzeit amtierenden Papst gerichtet, die darin ebenfalls in voller Länge nebst Übersetzung abgedruckt steht, sei hier der Mantel des Schweigens gebreitet.

Rudolf Serkin plays Beethoven (Idis)

Eine Pianistenlegende ist hier zu hören: Rudolf Serkin (1903 - 1991) war ein Schüler Schönbergs. Sein erstes Konzert gab er als Zwölf- jähriger in Wien; er spielte Men- delssohns Klavierkonzert g-Moll. 1920 ging er nach Berlin, wo er als Solist bald sehr gefragt war. 
1933 emigrierte er in die USA, wo er viele Jahre lang am Curtis Institute of Philadelphia unter- richtete, aber auch sehr erfolg- reich als Konzertpianist auftrat. Auf dieser CD ist er mit Beetho- vens  Klavierkonzerten Nr. 1 in C-Dur op. 15 und Nr. 4 in G-Dur op. 58 in zwei Aufnahmen aus dem Jahre 1958 zu erleben. 
Diese Einspielungen zeigen, dass Serkin vollkommen frei von pianisti- scher Exzentrik dicht am Notentext spielt. Er nimmt die Tempi oft erstaunlich ruhig, die Phrasen meistens sanglich, aber nicht über- mäßig legato - und baut so enorme Spannungsbögen. Das macht die Aufnahme hörenswert, auch wenn das Orchester streckenweise grauslig klingt.

Dienstag, 27. Juli 2010

Full Moon Classics (Berlin Classics)

Wenn sich Vampire und andere Spukgestalten erfolgreich auf Kinoleinwänden und in Bücher- regalen tummeln, dann bringt das auch diverse Soundlieferanten auf Ideen. So hat jüngst Berlin Classics die Archive gesichtet, und liefert nun die ultimativen Begleitmusik zum allgemeinen Gegrusel.
Gleich drei Doppel-CD mit Full Moon Classics legt das Label dieser Tage vor. danse macabre steht unter dem Motto "Tänze in der Dämmerung - von Liszt bis Strawinski". Sie vereint Mussorgskis Nacht auf dem kahlen Berge, Saint-Saens Danse macabre, den Totentanz von Lizst, die Träume vom Hexensabbath aus Berlioz' Symphonie fantastique, wilde Rhythmen aus Strawinskis Sacre du Printemps - und viele andere dazu passende Stücke. immortal romance bringt "Klänge einer zeitlosen Leidenschaft - von Bach bis Rachmaninoff" - Musik zum Träumen, der ideale Soundtrack für die Sehnsucht: Beethovens Mondschein-Sonate, die Vocalise von Rachmaninoff, de Fallas Danza ritual del Fuego, Liszts Liebestraum, die Ouvertüre zu Wagners Fliegendem Holländer, Clair de lune von Debussy und ähnliches mehr.
voices in the dark enthält "Nächtliche Gesänge - von Schubert bis Orff". Auch hier findet sich wieder eine interessante Auswahl aus dem einschlägigen Repertoire. Alle CD zeichnen sich dadurch aus, dass sie nahezu durchweg auf erstklassige Einspielungen zurückgreifen. Und falls das eine oder andere Werk gefällt - bei Berlin Classics gibt es sie (fast) alle auch in voller Länge. Ohne Gruseln.

Montag, 26. Juli 2010

Franco Gulli plays Paganini (Idis)

Wer den Namen "Franco Gulli" googelt, der wird kaum Repertoire finden - statt dessen aber wahre Heerscharen dankbarer Schüler aus den unterschiedlichsten Ländern. Gulli, 1926 geboren in Trieste, erhielt ersten Geigen- unterricht von seinem Vater, und studierte dann unter anderem bei Otakar Sevcik am Prager Konser- vatorium. Er ist häufig und in vielen namhaften Konzertsälen aufgetreten - aber Spuren hinter- lassen hat er vor allem als Lehrer; erst an der Accademia Chigiana in Siena, dann am Konservatorium Luzern und schließlich an der Indiana University, Bloomington/USA.
Umso mehr freut man sich, ihn auf dieser CD endlich einmal selbst zu hören. Sie enthält Live-Mitschnitte von zwei Konzerten - zum einen spielte Gulli 1960 mit dem Orchestra Sinfonica di Roma della RAI unter Mario Rossi Paganinis Violinkonzert Nr. 5 in a-Moll, zum anderen mit dem Orchestra Allesadro Scarlatti di Napoli della RAI unter Nino Sanzogno 1961 das Violinkonzert Nr. 1 in D-Dur.
Die Aufnahmen zeigen ihn als einen exzellenten Techniker, der eher zurückhaltend gestaltet und sich weder zu übermäßigem Vibrato noch zu allzu viel Schmelz hinreißen ließ. Er spielt Paganini eher mit einem Augenzwinkern, und beeindruckt mit seinen brillanten Kadenzen, perfekt gespielten Springbogenattacken und fröhlichen daherhüpfenden Flageoletten.
Das Konzert Nr. 5 ist nur sehr selten zu hören; von Paganinis Musik ist wohl nur der Violinpart erhalten, und die Orchesterbegleitung wurde neu dazu komponiert. Mario Rossi am Pult macht seinem Spitznamen "Karajan der RAI-Orchester" mit einer sehr eleganten, klar struktu- rierten Auffassung alle Ehre.

Schumann: Romanzen und Balladen für Chor (Hänssler Classic)

In Dresden hatte Robert Schumann seinerzeit Ferdinand Hillers Lie- dertafel übernommen, und zu- sätzlich noch einen Chorgesangs- verein gegründet. Die Leitung dieser Chöre bereitete ihm offen- bar Vergnügen, und er schuf, ins- besondere 1849, etliche Werke für sie. Über die Romanzen und Balladen schrieb er, er habe sie "mit wahrer Passion" komponiert, sei überzeugt, dass ähnliches "noch nicht existert", und dass in ihnen "der Balladencharakter zu einer fast wirkungsvolleren Aussprache als durch einzelne Gesangsstimmen" komme. 
Die vorliegende CD enthält die Romanzen und Balladen op. 67, 75, 145 und 146 sowie die Romanzen für Frauenstimmen op. 69 und 91. Anders als ähnliche Chorlieder von Silcher, Mendelssohn oder Brahms sind diese Sätze von Schumann im auf der Bühne wenig prä- sent. Das ist erstaunlich, denn sie sind nicht übermäßig anspruchs- voll und klingen attraktiv. Das SWR Vokalensemble Stuttgart hat sie für diese CD eingesungen, geleitet von Rupert Huber- sehr kultiviert, homogen und klangschön. Allerdings stellt der Zuhörer bald fest, dass dieses Repertoire auch wenig Abwechslung bietet.

Sonntag, 25. Juli 2010

Andersen: Etudes and Salon Music (Naxos)

Der dänische Flötist Carl Joachim Andersen (1847 bis 1909) muss ein Phänomen gewesen sein. Ausgebil- det von seinem Vater, trat er im Alter von 13 Jahren erstmals öffentlich auf. Er war zunächst Erster Flötist im Musikvereins-Orchester Kopenhagen unter Niels Gade, spielte ab1868 in der König- lichen Hofkapelle und ging dann erst nach St. Petersburg, später nach Berlin. Dort  war er Soloflötist an der Königlichen Oper. 1882 ge- hörte er zu den Gründungsmitglie- dern des Berliner Philharmonischen Orchesters, die der Soloflötist mitunter auch dirigierte. 
Nachdem er krankheitsbedingt seine Stellung bei den Berliner Phil- harmonikern aufgeben musste, kehrte Andersen nach Kopenhagen zurück. Dort war er als Dirigent tätig und gründete zudem eine Orchesterschule, um seine reichen Erfahrungen an den Musikernach- wuchs weiterzugeben.  
Die Flötistin Kyle Dzapo hat sich intensiv mit Leben und Werk ihres berühmten Kollegen beschäftigt; sie ist nicht nur mit seiner Biogra- phie bestens vertraut, sondern auch mit seiner Musik. Sie spielt die schwierigen Werke - es sind immerhin die Glanznummern eines der besten Flötisten seiner Zeit - technisch rundweg überzeugend und mit schönem, silbrigen Ton. Bei einigen Stücken wird sie begleitet von Matthew Mazzoni am Klavier. 
Andersen hat eine Vielzahl von Etüden geschrieben, die noch heute von wohl jedem angehenden Flötisten gespielt werden. In seinem nicht übermäßig umfangreichen Werk finden sich zudem diverse Virtuosenstücke, Salonmusik sowie Bearbeitungen, wie beispielsweise acht Opern-Transkriptionen op. 45.
Dzapo hat für diese CD Musikstücke ausgesucht, die einen repräsen- tativen Überblick über sein Schaffen geben. Sie beginnt mit Cesare Ciardis Le carnaval russe, mit den Kadenzen Andersens. Dieses Stück hatte der Soloflötist beim ersten Konzert der Berliner Philharmoniker am 17. Oktober 1892 gespielt. Seine Fähigkeit, zu einem eigentlich schlichten Thema ausgesprochen virtuose Variationen zu erfinden, zeigen auch zwei der Schwedischen Polska-Lieder op. 50 von Isidor Dannström, transkribiert von Andersen, sowie seine Fantasie zu Themen aus Mozarts Don Giovanni aus den Opern-Transkriptionen.
Die Mühle, Legende und Tarantella aus seinen Acht Vortragsstücken demonstrieren aber, dass er auch ein großer Meister der musikalischen Charakterstücke war; seine Miniaturen offenbaren Virtuosität und Witz. Die 24 Großen Etüden, op. 15, sind weit mehr als Fingerübungen. Es sind Kabinettstückchen für Profi-Flötisten, in der Tradition der Études brillantes - rasant, voller harmonischer Über- raschungen und gespickt mit technischen Schwierigkeiten. Ähnliches gilt auch für die Deuxième morceau de concert, op. 61, mit der Dzapo das Programm beendet.

Samstag, 24. Juli 2010

Scarlatti: Cantatas & Chamber Music (Chaconne)

Die Vokalwerke Scarlattis sind kleine Kostbarkeiten - obwohl er enorme Mengen davon produziert hat: Er selber berichtete von mehr als 100 Opern, knapp 800 Kantaten und gut 200 Messen; dazu kommen noch diverse Oratorien, und natür- lich Instrumentalwerke. Als den "größten Meister der Harmonie in Italien, mithin auf der ganzen Welt", pries ihn Johann Adolf Hasse, der nicht umsonst Scarlattis Schüler wurde. 
Scarlatti sah Musik nicht in erster Linie als Virtuosenfutter, sondern als deklamatorisch-rhetorische Kunst; in seinen Kantaten überrascht er mit kühnen chromatischen Rückungen, verblüffenden harmonischen Wendungen und einem Feuerwerk an Ideen auch in den Begleitstimmen. Die Klangrede wird hier Ereignis: Wer eine Blume im Eis erblühen hören möchte, der sollte der Cantata pastorale "Non so qual più m'ingombra" auf dieser CD aufmerksam lauschen.
Auch die drei anderen Kantaten, die sich eher mit dem Leiden un- glücklich Verliebter auseinandersetzen, neigen - durchaus zeitge- mäß - zum Pastoral. So schluchzt in "Quella pace gradita" der Verschmähte mit einer Turteltaube um die Wette, die durch die Blockflöte kunstvoll imitiert wird. Clara Rottsolk, Sopran, verfügt über eine schlanke, angenehm timbierte Stimme, und überzeugt insbesondere durch intelligente Phrasierung.
Auch in seinen Instrumentalwerken interessierte sich Scarlatti mehr für die Linie und für die kunstvolle musikalische Struktur als für vordergründige Virtuosität. Sein Concerto IX a-Moll unterscheidet sich enorm von ähnlichen Werken Corellis oder Vivaldis; allerdings ist diese Blockflötenpartie in einigen Abschnitten selbst für den Profi nicht mal eben so vom Blatt zu spielen. Gwyn Roberts aber gestaltet Scarlattis Werke vorbildlich; sie hat hörbar Vergnügen an musikalischer Dramatik und technisch ohnehin offenbar keine Limits. Mit ihr konzertieren Emlyn Ngai und Karina Fox, Violine/Viola, Eve Miller, Violoncello, Richard Stone, Laute und Theorbe, sowie dem überragenden Tempesta di Mare Philadelphia Baroque Orchestra. Bei dieser Aufnahme spielen selbst die Tutti grandios.

Freitag, 23. Juli 2010

Hume: Passion & Division (Hyperion)

"I Doe not studie Eloquence, or professe Musicke, although i doe love Sence, and affect Harmony: my Profession being, as my Education hath beene, Armes, the onely effeminate part of me, hath beene Musicke; which in mee hath beene alwayes Generous, because never Mercenarie. To prayse Musicke, were to say, the Sunne is bright. To extoll my selfe, would name my labors vaine glorious." Das berichtet Tobias Hume im Vorwort zu The First Part of Ayres - Captain Humes Musicall Humors aus dem Jahre 1605. Zwei Jahre später veröffentlichte er Captain Humes Poeticall Musicke, eine weitere Sammlung von Gamben- und Gesangsstücken. 
Aus Bittschriften an König Charles I. ist zu erfahren, dass er im Alter unter erbärmlichen Bedingungen leben musste. 1629 wurde er ins Londoner Charterhouse aufgenommen, eine Art Altersheim, wo er am 16. April 1645 in größter Armut starb. Mehr ist über Tobias Hume nicht bekannt - doch wir haben die Musik, die er komponiert hat. Und die zeigt ihn als einen überaus originellen Geist, wenn auch mit einem gewissen derben Humor, wie einige seiner Titel nahelegen. Hume ging, wie seine Widmungen zeigen, selbstbewusst und wenig diplo- matisch durchs Leben. Was bei einem altgedienten Haudegen wenig überraschen dürfte. 
Eine Auswahl aus dem First Part of Ayres enthält die vorliegende CD. Es sind charmante Stücke, beste Unterhaltung, oftmals ein wenig melancholisch - was dem Instrument ohnehin gut liegt. Die Gambistin Susanne Heinrich, die diese CD eingespielt und so die Werke des Captains aus dem Staub der Archive zurück ins Wohnzimmer geholt hat, gehört ohne Zweifel zu den weltweit führenden Experten für die Instrumentenfamilie, die mit dem Ende des Barockzeitalters aus dem Musikleben verschwand. Die Gamben, die einst mit der Laute um den Rang als populärstes Instrument konkurrierten, wurden von Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass abgelöst. 
Wenn sie in jüngster Vergangenheit wieder verstärkt auf den Konzert- podien auftauchen, dann ist das unbestritten das Verdienst einiger Enthusiasten wie Susanne Heinrich. Sie ist bestens ausgebildet; sie studierte am Meistersinger-Konservatorium Nürnberg und an der Musikhochschule Frankfurt am Main, sowie anschließend bei Wieland Kuijken am Königlichen Konservatorium in Den Haag. Und sie hat ohne jeden Zweifel jenes besondere Händchen für die Gestaltung eines Musikstückes, das aus einem exzellenten einen brillanten Vortrag macht. Meine Empfehlung!

The virtuoso Viola (Naxos)

Über kein anderes Orchester- instrument gibt es so viele und so fiese Witze wie über die Viola, üblicherweise Bratsche genannt, und über die Musiker, die dieses Instrument spielen. Nur ver- schämt zeigten viele Komponisten ihre Sympathie für die Bratsche, die zumeist friedlich den Freiraum zwischen den zweiten Geigen und den Celli ausfüllt. So hat Brahms ihr oftmals schöne Partien ge- schrieben. 
Einige seiner Kollegen aber haben sich über diese Beschränkung hinweggesetzt, und Werke eigens für Bratsche geschaffen. So spielte der Violinvirtuose Henry Vieuxtemps gern auch Viola, und er hat für das Instrument unter anderem ein anspruchsvolles Capriccio für Viola Solo sowie die Elégie op. 30  geschrieben.
Der "Teufelsgeiger" Paganini hat eine ausgesprochen hübsche Sonata per la Gran Viola, op. 35 komponiert, um seine Stradivari-Bratsche im Konzert vorstellen zu können - ursprünglich natürlich mit Orchester; auf dieser CD wird der Violist Roger Chase von Michiko Otaki am Klavier begleitet. Die beiden Solisten musizieren sehr solide, und nahe am jeweiligen Notentext. Das ist - bei der Verschiedenartig- keit der ausgewählten Musikstücke - eine kluge Strategie, und der Hörer kann sich zurücklehnen und genießen. 
Praeludium und Allegro nach Gaetano Pugnani, mit dem der Violinist Fritz Kreisler einst als Schöpfer von "Barock"-Kompositionen enttarnt worden ist, erklingen in einer Transkription. Eine Bearbeitung ganz besonderer Art schuf der Komponist Zoltán Kodály für einen ungarischen Violisten, der unbedingt ein Konzert von ihm haben wollte: Er bearbeitete Bachs Fantasia cromatica für Solo-Bratsche. Allein dieses Stück genügt als Grund dafür, sich diese CD ins Regal zu stellen. 
Doch damit sind die Überraschungen noch nicht vollständig be- richtet. Denn die CD beginnt auch mit einem merk-würdigen Werk. Ravel hatte einst ein Stück geschrieben, das dem Andenken seiner im ersten Weltkrieg gefallenen Freunde gewidmet war, aber Le tombeau de Couperin heißt. Der australische Komponist und Pianist Arthur Benjamin, bekannt vor allem durch Filmmusiken, hat wiederum ein Werk komponiert, dass er Le tombeau de Ravel nannte - wer es gehört hat, weiß warum. Verblüfft stellt man fest, dass dieses Stück, das man in einer Version für Klarinette und Klavier kennt, ursprüng- lich 1958 für Viola und Klavier entstanden ist - und für William Primrose. 
Der Belgier Joseph Jongen schrieb seine Introduction et Danse
op. 102 für Maurice Vieux. Für einen Wettbewerb hingegen schuf George Enescu sein Konzertstück für Viola und Klavier. Die CD endet mit einem Scherzo von Bernard Shore, dem Lehrer des Solisten Roger Chase. Als Chase das Stück auf dem 80. Geburtstag des Professors, der selber ein brillanter Violist war, vorgetragen hatte - so berichtet er in dem sehr informativen Beiheft - flüsterte ihm der solchermaßen Geehrte ins Ohr: "Danke! Ich hätte niemals gewagt, es selbst zu spielen." Der Hörer darf sich auf ein charmantes, humorvolles Finales freuen.

Donnerstag, 22. Juli 2010

Chopin - Rachmaninov: Sonatas for Cello & Piano (Alba)

Frédéric Chopin schrieb nur sehr wenige Stücke, die nicht aus- schließlich für das Klavier be- stimmt waren. Die Sonate für Klavier und Violoncello in g-Moll op. 65 gehört zu diesen Raritäten; als er sie schrieb, war er schwer an Tuberkulose erkrankt, und hatte sich aus der Gesellschaft weit- gehend zurückgezogen. Chopin widmete dieses Werk seinem Freund, dem Cellisten Auguste-Joseph Franchomme, und spielte es wohl auch gemeinsam mit diesem zum ersten Male, in halbprivatem Rahmen.
Es ist ein ebenso melodisches wie brillantes Stück, das an die beiden Instrumentalisten hohe Anforderungen stellt. Der finnische Cellist Marko Ylönen - er hat zahlreiche internationale Preise gewonnen, und unterrichtet Kammermusik an der Sibelius-Akademie in Helsinki - spielt dieses Werk mit sattem, warmen Ton; er nimmt den breiten Pinsel statt der Feder, um sein musikalisches Bild zu zeichnen. Beim Rachmaninoff, besonders bei der Vokalise, mag das möglicherweise funktionieren - beim Chopin ist mir das zuviel Schwung und, vor allem, Lautstärke. Ähnliches gilt auch für seinen Landsmann Arto Satukangas am Klavier, der zwar exzellent, aber dynamisch meist auch erstaunlich wenig differenziert spielt.
Die Sonate für Violoncello und Klavier in g-Moll op. 19 von Sergej Wassiljewitsch Rachmaninoff ist ebenfalls eines von wenigen Kammermusikstücken in einem Gesamtwerk, das in erster Linie dem Klavier verbunden war. Anders als Chopin, der das Konzertpodium wohl nicht sehr schätzte, war der Russe aber nicht nur als Komponist und Pianist, sondern auch als Dirigent bis ins hohe Alter sehr erfolgreich. Die Cellosonate hat Rachmaninoff gemeinsam mit einem Freund, dem Cellisten Andrej Brandukow, uraufgeführt. Auch in diesem Werk werden beide Instrumente gleichberechtigt eingesetzt; der Pianist ist nicht weniger gefordert als der Cellist. Zum Abschluss erklingt die Vocalise Nr. 14 e-Moll nach op. 34; dieses Stück ist ein charmanter Abschluss einer CD, die mit ein bisschen mehr Feingefühl hätte überragend sein können.

Montag, 19. Juli 2010

Schumann: Piano Works; Martynov (Caro Mitis)

Und da wir gerade beim Thema sind - auch Juri Martinow hat frühe Klavierwerke Schumanns einge- spielt, in etwas anderer Kombina- tion allerdings: Das Blumenstück op 19 und die Arabeske op. 18 setzt er als Rahmen, und fasst damit die Sonate für Klavier Nr. 1 fis-Moll op. 11 sowie die Kreisleria- na op. 16.
Die Sonate, zumindest noch orien- tiert an der bekannten Form, pu- blizierte Schumann unter seinen Pseudonymen: Clara zugeeignet von Florestan und Eusebius, schrieb er auf das Titelblatt. Diese beiden Phantasiegestalten sind dem Musikfreund aus Schumanns Zeitschrift vertraut, wo sie selten einer Meinung waren - und sich auch vom Temperament her deutlich unterschieden. In der Zunei- gung zu Clara Wieck aber waren sich die beiden offensichtlich einig. Und darüber, welche Phrase nun von welchem Schumann-Alter-Ego stammt, sollen sich Musikwissenschaftler streiten.
Die Kreisleriana sind ein Zyklus von Miniaturen - was wohl die Lieb- lingsform des Komponisten gewesen sein dürfte. Die acht Phantasien kreisen um Clara: "Eine recht ordentlich wilde Liebe liegt darin in einigen Sätzen, und Dein Leben und meines", schrieb Schumann. Doch gewidmet hat er sie einem Musikerkollegen: "Seinem Freunde Frédéric Chopin zugeeignet." Diese Widmung wiederum setzt Juri Martinow in Musizierhaltung um. Er nimmt die Kreisleriana beinahe aristokratisch, distanziert - was den Stücken aber erstaunlich gut bekommt; seine Auffassung überzeugt.
Arabeske und Blumenstück sind sich in ihrer Grundsubstanz ziemlich ähnlich - es sind, so Schumann, "Variationen, aber über kein Thema". Wie in einem Kaleidoskop werden hier die Themenfragmente umein- ander geschüttelt, immer wieder ergeben sich neue, bestaunenswerte Klangbilder, kleine Wunder von großer Tiefe. Auch hier gefällt mir das überlegte, am Notentext orientierte, sorgsam gestaltende, aber im Einsatz gestalterischer Mittel sehr zurückhaltende Klavierspiel von Juri Martinow. Bravo!

Sonntag, 18. Juli 2010

Schumann: Kreisleriana - Arabeske - Carnaval; Korstick (Oehms Classics)

Kraftvoll und geradlinig spielt Michael Korstick drei frühe Schlüs- selwerke von Robert Schumann: Die Kreisleriana op. 16, die Arabeske op. 18 und Carnaval op. 9. 
Korsticks Auffassung zufolge bringt Carnaval das Wesen Schumanns auf den Punkt, wie kein anderes Stück. Die Aufnahme dieses Zyklus stammt aus dem Jahre 1997; der Pianist hat sich entschieden, sie mit in diese CD zu integrieren, weil sie in den Kon- text passt - und weil er sie noch immer für gültig hält. "Ich mache mir grundsätzlich immer so viele Gedanken über die Interpretation eines Stücks, dass ich nicht nach fünf Jahren alles falsch finde. Ich glaube zudem, dass es keine Aktualität gibt, wenn man sich ernsthaft mit Musik auseinandersetzt", sagt Korstick. "Es geht ja um eine tiefere Wahrheit, und man muss dieser so nah wie möglich kommen. Das unterliegt keinen Aktualitätsschwankungen."
Während Carnaval von der Polarität der Schumann-Seelenzustände Florestan und Eusebius geprägt sei, sieht der Pianist "diese Wider- sprüche in Kreisleriana in dem Sinn aufgehoben, als sie organisch miteinandere verbunden werden." Und an Arabeske fasziniert ihn besonders die Coda: "Das sind für mich die erstaunlichsten Einzel- takte, die Schumann überhaupt geschrieben hat. Schumann sehnte sich nach irdischem Frieden, und in dieser Coda hat er ihn gefun- den." 
Bei dieser Einspielung bleibt nichts Zufall, nichts gefühlig-nebulös, hier ist jeder Takt durchdacht und jeder Pedaleinsatz wohlüberlegt. Zu Schumann passt ein derartiges analytisch sorgsames Musizieren ausgezeichnet; Korstick macht Zusammenhänge hörbar, und zeigt so Seelenlandschaften auf. Diese Aufnahme ist insgesamt von einer Klarheit und Strukturiertheit, die bei einem Romantiker verblüfft. Ein würdiges Präsent zum 200. Geburtstag des Komponisten - für mich gehört diese CD zu den besten Schumann-Einspielungen zum Jubiläum.

Mozart: Ideomeneo (Glyndebourne)

Jedes Jahr im Sommer findet in Glyndebourne, zwei Autostunden entfernt von London, östlich von Brighton, ein Spektakel der ganz besonderen Art statt: Opern- freunde treffen sich in einem Opernhaus, das aus dem Landhaus des Gründers des Festivals, John Christie, hervorgegangen ist, und erleben eine Oper - mit einer überlangen Pause, die traditionell dazu genutzt wird, ein opulentes Picknick im Garten zu genießen. Stilecht allerdings, in Abendkleid und Frack. Als das Festival 1934 zum ersten Mal stattfand - gespielt wurde Mozarts Hochzeit des Figaro - hatte das Opernhaus 300 Plätze; Anfang der 90er Jahre musste das alte Gemäuer einem Neubau weichen, in dem 1200 Zuhörer Platz haben.
Die Glyndebourne Festival Opera gibt es immer noch; mittlerweile gehört zu dem Unternehmen auch ein Label, das die wertvollen Archiv-Aufnahmen vermarktet.  In diesem Falle handelt es sich um Mozarts Oper Ideomeneo - eine sagenumwobene Aufnahme von 1964 mit Gundula Janowitz in der Rolle der Ilia, Luciano Pavarotti als Idamante und Richard Lewis in der Titelrolle. Die Aufführung wurde dirigiert von John Pritchard; es spielte das London Philharmonic Orchestra, und es sang der Glyndebourne-Chor. 
Mozart hat Ideomeneo zeitlebens für seine beste Oper gehalten. Leider konnten die Opernfreunde späterer Generationen mit der Opera seria generell wenig anfangen, und so verschwand auch dieses hübsche Werk, in dem der Chor eine tragende Rolle spielt, bald vom Spielplan. Dort ist sie bis heute ein Exot geblieben. Das Ereignis dieser Aufnahme ist zweifelsohne Pavarotti als Mozart-Tenor - der sich hier wohl erstmals in seiner Sängerkarriere gezwungen sah, "leise" zu singen.

Haydn: Concertos for Harpsichord & Violin (L'Oiseau Lyre)

Diese CD beginnt mit einem Hit: Das Konzert in D-Dur, Hob. XVIII: 11 war zu Haydns Lebzeiten das beliebteste seiner Konzerte - und das zu Recht: Es ist ganz für den Konzertsaal geschrieben, und das Finale ist ein temperamentvolles, unwiderstehliches Rondo all'unga- rese, das zwar auf einer "echten" Volksmelodie beruht, aber diese höchst kunstvoll und virtuos weiterentwickelt. Ottavio Dantone spielt dieses Konzert am Cembalo, was mit Sicherheit zu Haydns Tagen üblich war. Kritisch sei hier vermerkt: Das Orchester erscheint mir im Vergleich zum Solo-Instrument zu laut.
Das Violinkonzert in G-Dur, Hob. VIIa: 4, ist von spätbarocker Ele- ganz und Grazie, mit einer Vielzahl schöner Details. Stefano Montana- ri nimmt das Stück klangschön, aber für mein Gefühl eine Spur zu klassisch. Die beiden Solisten sind auch im Doppelkonzert für Violine und Cembalo in F-Dur, Hb. XVIII: 6, zu hören, das Haydn um 1766 komponiert und wohl gemeinsam mit Luigi Tomasini, dem Konzert- meister des Esterházy-Orchesters, gespielt haben wird. Es ist ein elegantes, freundliches Konzert, in dem die Solisten in erster Linie gepflegte Konversation untereinander sowie mit dem Orchester betreiben. Das Stück hat freilich Doppelkadenzen - und hier entwik- keln die Musiker dann doch einigen sportlichen Ehrgeiz. 
Begleitet werden die Solisten von der Accademia Bizzantina, geleitet von Ottavio Dantone, im Falle des Falles auch vom Cembalo aus. Dieses Orchester ist bisher eher durch seine präzisen, temperament- vollen Einspielungen italienischer Barockmusik aufgefallen. Den Werken Haydns, die das Ensemble für diese Aufnahme ausgewählt hat, tut diese winzige Prise Italianità erstaunlich gut.

Samstag, 17. Juli 2010

Schumann - Harada (Audite)

Hideyo Harada spielt drei frühe Schlüsselwerke von Robert Schumann: Die Fantasie C-Dur
op. 17, die Kreisleriana op. 16 und die Arabeske op. 18 sind vor seiner Hochzeit mit Clara Wieck entstan- den. Das hätte eine interessante Kombination sein können.
Die Interpretation der Pianistin aber kann mich nicht begeistern. Statt Struktur und Gestalt gibts jede Menge Tempo-Varianten, in bunter Mischung und ohne er- kennbare Funktion: Rubato, ritar- dando, rallentando, a piacimentoSchumann selbst meint in seinen Musikalischen Haus- und Lebensregeln: "Spiele im Takte. Das Spiel mancher Virtuosen ist wie der Gang eines Betrunkenen. Solche nimm dir nicht zum Muster." Das ist, denke ich, eine klare Anweisung; ein Profi sollte gute Gründe haben, wenn er doch anders gestaltet. Und die Kreisleriana hat Schumann seinem Freunde Chopin zugeeignet - davon höre ich hier aber nichts. Diese Super-Audio- CD bietet Romantik mit viel Zuckerguss, für die höhere Tochter, das ist eine Einspielung zum Gruseln! Schade drum.

Alexander Frauchi - Guitar (Melodija)

Alexander Kamillowitsch Frautschi (1954-2008) war ein bekannter russischer Gitarrist - und einer der wenigen Musiker aus der Sowjetunion, die auch im Westen gastieren durften. Er war zudem ein begnadeter Gitarren- pädagoge, und seine Studenten haben ebenfalls weltweit zahl- reiche Wettbewerbe gewonnen. 
Frautschi muss in der Sowjetunion einen  wahren Gitarrenboom ausgelöst haben; sein Auftreten und sein Vorbild führten zur Gründung von Gitarrenklassen an etlichen Musikhochschulen des Landes. Diese CD setzt ihm ein klingendes Denkmal - mit einigen Werken von Bach, einer Cembalo-Sonate von Scarlatti in einer Transkription für Gitarre von Andrés Segovia, der Grand Sonata und einer Sonata für Violine und Gitarre von Paganini und der Variationen über ein Thema aus Mozarts Oper "Die Zauberflöte" op. 9 von Fernando Sor.

Freitag, 16. Juli 2010

Schumann: Sämtliche Werke für Pedalflügel / Orgel (Audite)

Immer wieder hat sich Robert Schumann mit dem Werk Bachs auseinandergesetzt. 1844 war der Komponist psychisch wie physisch am Ende. Er gab die Redaktion der von ihm gegründeten Neuen Zeit- schrift für Musik auf, und zog von Leipzig nach Dresden um.
Dort widmete er sich intensiv kontrapunktischen Studien - ein- mal mehr wurde Bach Mittelpunkt seines Denkens und Schaffens, und so fand Schumann 1845 allmählich wieder aus seiner Krise heraus. "Am 24. April erhielten wir ein Pedal unter den Flügel zur Miete, was uns viel Vergnügen schaffte", notierte Clara Schumann im Tagebuch. "Der Zweck war hauptsächlich, für das Orgelspiel zu üben. Robert fand aber bald ein höheres Interesse für dies Instrument und kompo- nierte einige Skizzen und Studien für den Pedalflügel, die gewiss großen Anklang als etwas ganz Neues finden werden." 
Schumann schrieb, als Studien für den Pedalflügel op. 56 Sechs Stücke in kanonischer Form, zudem Skizzen für den Pedalflügel
op. 58 sowie Sechs Fugen über den Namen BACH für Orgel oder Pianoforte mit Pedal op. 60. Der Pedalflügel aber ist mittlerweile aus der Musikpraxis verschwunden; die "ganz wundervolle(n) Effecte", die Schumann sich von diesem Kuriosum erhoffte, bringen denjeni- gen in Verlegenheit, der die Werke Schumanns für den instrumenta- len Zwitter heute aufführen möchte. Einzig die Sechs Fugen sind originäre Orgelwerke; "es ist dies eine Arbeit, an der ich das ganze vorige Jahr gearbeitet, um es in etwa des hohen Namens, den es trägt, würdig zu machen, eine Arbeit, von der ich glaube, daß sie meine anderen vielleicht am längsten überleben wird", schrieb er an seine Verleger. Auch hier irrte Schumann - obwohl er eine wahre Flut von ähnlichen musikalischen Huldigungen auslöste.
Die Studien handhaben die strenge Kanonform in erstaunlich freier und phantasievoller Weise. Erscheint das erste dieser Stücke noch beinahe, als hätte Bach selbst es komponiert, so werden die anderen zunehmend romantische Charakterstücke. Die Technik, so klagen Organisten, sei weitgehend pianistisch. Am Klavier aber, "zu 3 oder 4 Händen", wie von Schumann vorgeschlagen, lassen sich diese Werke auch nicht befriedigend spielen. Bizet bearbeitete sie daher für Klavier zu vier Händen, Debussy schuf eine Fassung für zwei Klaviere zu vier Händen. Clara Schumann selbst schrieb eine Klavierfassung für einige der Studien, die aber extrem weitgriffig geraten ist - was nicht alle Pianisten erfreut. Auch für einige der Skizzen gibt es  Bear- beitungen für Klavier zu zwei Händen von Clara Wieck. Hierbei geht es noch weniger um den Kontrapunkt, sondern eher um klangliche, quasi-orchestrale Effekte.
Spielt man sie auf der Orgel, so erinnern etliche dieser Werke stark an die französische Orgelmusik in der zweiten Hälfte und gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Diese Assoziation wird nicht nur vom Organisten Andreas Rothkopf, sondern auch vom Instrument unterstützt, das er für diese Aufnahme auswählte: Die historische Orgel im badischen Hoffenheim wurde 1846 von Eberhard Friedrich Walcker errichtet. Rothkopf nutzt die klanglichen Möglichkeiten, die ihm dieses zeit- genössische und offenbar später glücklicherweise wenig modifizierte Instrument bietet, um Schumanns musikalische Ideen nachzuspüren - mit einer interessanten Registrierung, und stets nah am Notentext. So ist ihm eine CD gelungen, die rundum überzeugt. Bravo!

Fleur de Paris - Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker (EMI Classics)

Was für eine CD! Sommerlich-be- schwingte Musik aus Frankreich, gekonnt arrangiert für die 12 Cellisten der Berliner Philharmoni- ker. "Pigalle, eine Huldigung im Walzertakt an das berühmte Pari- ser Vergnügungsviertel, durfte ebenso wenig fehlen wie die beiden Musette-Walzer Sous le ciel de Paris und Sous les ponts de Pa- ris, wo die Celli flotte Akkordeon- triolen imitieren müssen, was wirklich kein leichtes Spiel ist", meint Ludwig Quandt, 1. Solo- Cellist der Berliner Philharmoniker.
Ebenso schmissig wie lustvoll musizieren die Cellisten allerlei Klassi- ker, wie die Pavane von Gabriel Fauré, Clair de lune von Claude Debussy oder die Pavane pour une infante défunte von Maurice Ra- vel, aber auch Chansons wie Fleur de Paris, La Vie en rose oder Une femme est une femme, die berühmte Filmmusik von Michel Legrand. Und der Sound ist wahrlich betörend.
Das zentrale Werk dieser CD ist allerdings die Kantate Figure humaine von Francis Poulenc nach Gedichten von Paul Éluard, 1943 kompo- niert für zwei unbegleitete, sechsstimmige Chöre. Es ist ein brillantes Stück, aber auch ein nachdenkliches - so war Liberté, das letzte Stück, im von Deutschen besetzten Frankreich wohl unmissverständlich. 

Mittwoch, 14. Juli 2010

Graupner: Orchestral Works Vol. 3 (MDG)

Das Dreigestirn des deutschen Barock - Bach, Händel, Telemann - müsste eigentlich erweitert werden, zumindest um den Namen Christoph Graupner. Er galt schon zu Lebzeiten weithin als die Num- mer zwei unter den in Deutsch- land leuchtenden Sternen am musikalischen Himmel, gleich hinter Telemann. So wird es nicht verblüffen, dass ihn die Leipziger Stadtväter nach dem Tode seines Lehrers Kuhnau und nach der Absage Telemanns zum Thomas- kantor erwählt hatten - allein sein Dienstherr, Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt, wollte den Hofkapellmeister behalten und gab ihn nicht frei. 
So bekam Johann Sebastian Bach die Stelle in Leipzig. Graupner aber blieb, mit einem sehr ordentlichen Salär, in Darmstadt und schuf dort ein gewaltiges Werk, das heute weitgehend vergessen ist. Siegbert Rampe hat sich mit seinem Ensemble Nova Stravaganza die Einspie- lung zumindest der Orchesterwerke vorgenommen; die dritte CD erschien kürzlich im Hause Dabringhaus & Grimm. 
Ihr Glanzstück ist ohne Zweifel der Canon all'unisono GWV 218 in B-Dur für zwei Oboen, Violoncello und Continuo - eine Triosonate mit sechs Sätzen, die sämtlich die beiden Oboen im Kanon prägen. Cello und Continuo sorgen für kontrapunktische Ergänzungsstimmen. Das komplizierte Gebilde wird nochmals komplexer, weil die beiden Solistinnen Saskia Fikentscher und Christine Allanic, Barockoboe, selbstverständlich verzieren, wie es damals Brauch war. 
Auf den Canon folgen zwei Flötensonaten, von denen die erste,
GWV 711, eine Sonate mit obligatem Cembalo ist, bei der die Flöte eigentlich nur begleitet - aber das ausgesprochen delikat. Der zweiten Sonate, GWV 707, kann ich nicht so viel abgewinnen. Sie wirkt wesentlich unbeholfener und eingeschränkter, was aber vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass sie ganz offenbar zu den ältesten überlieferten Kompositionen im deutschen Sprachraum für die seinerzeit innovative Traversflöte gehört. 
Die CD endet mit der Ouvertüre F-Dur GWV 447 im Stile Telemanns, an der eigentlich nur bemerkenswert ist, dass Graupner um 1740 noch eine Blockflöte als Soloinstrument verwendet.  Musiziert wird korrekt, aber ein bisschen langweilig. Insbesonders eine stärkere dynamische Differenzierung hätte hier und da möglicherweise die Musik etwas frischer, lebhafter wirken lassen.

Dienstag, 13. Juli 2010

Dietrich Fischer-Dieskau. Ein Portrait (EMI Classics)

"1948, als in Deutschland alles in Trümmern lag, kam da plötzlich ein pausbäckiges Riesenbaby und sang Schubert - mit einer Schön- heit, dass alle wie zum Beten hin- pilgerten", erinnert sich Christa Ludwig an die ersten Auftritte von Dietrich Fischer-Dieskau.
Der junge Bariton war damals gerade aus der Kriegsgefangen- schaft heimgekehrt und setzte sein Studium bei Hermann Weißenborn fort. Im Januar 1948 sang er für den Rias Schuberts Winterreise - und startete damit eine Sängerkarriere, die er erst 1992, bei einer Silvestergala, mit der Schlussfuge aus Verdis Oper Falstaff beendete.
Diese beiden Eckpunkte seiner Gesangskarriere dokumentiert die vorliegende Auswahl aus der umfangreichen Diskographie des Sängers nicht - dafür aber zahlreiche andere Höhepunkte. Das Repertoire des Sängers war enorm, und ist auf über 400 Schallplatten dokumentiert. Deshalb lag also die Herausforderung in der Auswahl. EMI Classics hatte dafür, wie ich meine, ein glückliches Händchen und hat etliche Juwelen in den Archiven aufgespürt. 
Dieses musikalische Porträt zeigt Fischer-Dieskau als Lied- und Opernsänger - und vergisst auch nicht, dass er Bachs Werke sehr geschätzt und gern gesungen hat. In den 60er Jahren entstanden die Aufnahmen von Schuberts Liedzyklen Die schöne Müllerin, Winter- reise und Schwanengesang, ergänzt noch durch einige weitere Lieder. Begleitet wird der junge Sänger hier von Gerald Moore, einem überragenden und erfahrenen Pianisten, bei einem Lied auch von Karl Engel. 
Das beredte Klavierspiel von Gerald Moore geleitet den Sänger auch durch Schumanns Eichendorff-Lieder; eine ganze CD ist dem Komponisten gewidmet. Bei etwa der Hälfte der Lieder ist Hertha Klust am Klavier zu hören. Besonders erfreulich: Je eine CD enthält Lieder von Hugo Wolf und Richard Strauss. Auch hier akkompagniert Moore. 
Die siebte CD gilt dann dem Werk Gustav Mahlers. Die Lieder eines fahrenden Gesellen, aufgezeichnet 1952 mit dem Philharmonia Orchestra unter Wilhelm Furtwängler, und die Kindertotenlieder, eingespielt 1955 mit den Berliner Philharmonikern unter Rudolf Kempe, machen deutlich, wie ausgeprägt das Gestaltungsvermögen des jungen Sängers damals schon war, wie klar seine musikalische Handschrift, und wie exzellent seine Technik. Die Fünf Gesänge aus "Des Knaben Wunderhorn" sowie die Rückertlieder begleitet Daniel Barenboim am Klavier. 
Den Opernsänger Dietrich Fischer-Dieskau zeigt uns die achte CD - mit Arien aus einigen seiner Lieblingspartien, wie Graf Almaviva aus Mozarts Hochzeit des Figaro, Falstaff aus Verdis gleichnamiger Oper, oder Wolfram aus Wagners Tannhäuser
"Es gibt keine zugleich anspruchsvollere, technisch forderndere und stimmlich lohnendere Aufgabe für Sänger als Bachs Musik", resümierte der Sänger dennoch, und meinte: "Der konzertierende instrumentennahe Bach erfordert Geläufigkeit und Spannkraft, der Bach der großen Linie erlaubt belcantistischen Schmelz, der erzählend-dozierende Bach muss mit gebührendem Abstand, aber doch nicht unbeteiligt gesungen werden." Arien aus Bach-Kantaten bringen die CD 9 und 10. Hier sind auch die Berliner Philharmoniker unter Karl Forster zu hören - sowie Irmgard Poppen am Violoncello, Fischer-Dieskaus erste Ehefrau. 
Leider fehlt Brahms in dieser Kollektion; statt dessen gibt's auf der zehnten und letzten CD noch etwas "leichte" Muse, unter anderem Strauss Fledermaus und Der Zigeunerbaron, Otto Nicolais Die lustigen Weiber von Windsor und zwei Raritäten aus der Feder von Felix Mendelssohn Bartholdy. 
Egal, was Fischer-Dieskau singt - er tut es stets wohlüberlegt, mit großer Sorgfalt in Phrasierung und Intonation, und auch der Text ist stets zu verstehen. Sein Timbre ist charakteristisch, seine Stimme klingt klar und hell, und sein Gesang wirkt immer unangestrengt. Auch wenn manche Kritiker anderes sagen - Dietrich Fischer-Dieskau ist ein Phänomen, ein Jahrhundertsänger. Und diese CD-Sammlung bietet zusammengefasst einige seiner besten Aufnahmen.

Spohr: Concertos for Two Violins (Naxos)

Louis Spohr war ein unterneh- mungslustiger und wahrscheinlich auch unbequemer Zeitgenosse. Als er 15 Jahre alt war, ernannte ihn der Herzog von Braunschweig zum Kammermusiker, und versprach, ihn von einem der führenden Musiker der damaligen Zeit aus- bilden zu lassen. So kam es, dass der Junge wenig später mit dem Münchner Musikus Franz Eck nach Russland reiste - was ihn nach- haltig beeindruckt hat. Insbesondere das Erlebnis des russisch-orthodoxen Gottesdienstes mit seinem antiphonalen Wechselgesang prägte sein Schaffen. Doch auch die Lust an musikali- schen Erkundungen blieb Spohr zeitlebens erhalten. Immer wieder ging er auf Konzertreisen.
Schon bald war er, neben seinem Zeitgenossen Paganini, als Violin- virtuose europaweit hochangesehen. Auch seine Kompositionen zeugen von seinem hohen künstlerischen Anspruch, ebenso wie von handwerklichem Vermögen. Diese CD stellt zwei seiner Concertantes vor, Doppelkonzerte für zwei Violinen, die Spohr gern mit seinen Meisterschülern gespielt haben soll. Die beiden Solisten agieren hier auf Augenhöhe; die Werke erinnern eher an die Doppelkonzerte Bachs und an die barocken Concerti grossi als an romantische Virtuosen- musik. Spohrs typische Art, Themen zu entwickeln und fortzuschrei- ben, belegt auch das Violinduett in G-Dur op. 3 Nr. 3 - ein lebhafter Dialog zweier gleichberechtigter Partner. 
Die beiden Solisten Hennig Kraggerud und Oyvind Bjora haben hörbar Vergnügen an den traumhaft schönen Melodien und eleganten harmonischen Wendungen. Den Zuhörer freut zudem die brillante Begleitung durch die Oslo Camerata und das Barrat Due Kammer- orchester, unter Leitung von Stephan Barratt-Due. Er wirkt seit vielen Jahren erfolgreich als Professor für Violine, und zu seinen Schülern gehörten einst auch die beiden Solisten. Das kommt der Aufnahme zugute, die wie aus einem Atem gespielt wird. Phantastisch!

Sonntag, 11. Juli 2010

Monteverdi: Vespro della Beate Vergine (Dynamic)

Im Sommer 1610 gab Claudio Monteverdi jenes Werk in Druck, das noch heute zu den berühm- testen Sammlungen sakraler Musik gehört: Sanctissimae Virgini Missa senis vocibus ad ecclesiarum Choros ac Vespere pluribus decan- tandae cum nonnullis sacris con- centibus ad sacella sive Principum cubicula accomodata, bekannt auch als Marienvesper
Musikwissenschaftler haben her- ausgefunden, dass der Komponist dieses monumentale Opus zusam- mengestellt und Papst Paul V. gewidmet haben soll, weil er sich davon sowohl berufliche als auch private Veränderungen erhoffte. Doch damit hatte Monteverdi zunächst wenig Glück - er blieb maestro della musica del duca am Hof des Herzogs Vincenzo I. Gonzaga zu Mantua, und und auch die Gratiszulassung seines Erstgeborenen Francesco am römischen Seminar konnte er nicht erreichen. Als der Herzog 1612 starb, wurde Monteverdi entlassen - doch ein Jahr später wurde er zum  Kapellmeisters des Markusdoms in Venedig gewählt, damals eines der bedeutendsten musikalischen Ämter überhaupt. Dabei könnte die Vespra della Beate Vergine durchaus den Ausschlag gegeben haben.
Aus dem gewaltigen Fundus dieser Sammlung hat Roberto Gini zwei Aufführungssituationen rekonstruiert: Eine liturgische Feier der Marienvesper zum Fest der Aufnahme Mariä in den Himmel und eine der Heiligen Barbara gewidmete feierliche Messe, die in liturgischem Rahmen aufgeführt wurde. Monteverdis zweite Fassung des Magnifi- cats vervollständigt die Einspielung der Sammlung. 
Das Aufgebot an Musikern, insbesondere an Sängern, das Gini für dieses Vorhaben organisiert hat, ist ähnlich umfangreich wie das Werk, das an drei Terminen in drei unterschiedlichen Kirchen auf- gezeichnet wurde. Es singen die Gruppo Vocale Laurence Feininger, der Coro D.S.G., sowie die Sänger des Ensemble Concerto. Auf zeitgenössischen Instrumenten spielen zudem die Musiker des Concerto Palatino, des Ensemble La Pifarescha sowie des Ensemble Concerto. Der Repertoirewert dieser Einspielung ist sicherlich nicht zu bestreiten; an Aufnahmen wie jene mit dem Monteverdi Choir unter John Eliot Gardiner oder mit Cantus Cölln unter Konrad Junghänel aber reicht sie rhetorisch bei weitem nicht heran.

Strauss: Capriccio (Naxos)

Eine grandiose Aufnahme von Ri- chard Strauss' Oper Capriccio, aufgenommen im Jahre 1958 - eigentlich eines der Kronjuwelen von EMI, erschienen nun bei Naxos in der Reihe Great Opera Recordings.
Strauss' letzte Oper gilt manchem als Langweiler: Keine süffigen Klänge, wie im Rosenkavalier. Auch das Textbuch sprüht nicht gerade vor Geist und Witz. Und die Handlung besteht überwiegend darin, dass Leute auf der Bühne herumlaufen und sich unterhalten. Es geht freilich um nichts geringe- res als um eine künstlerische Grundsatzfrage: Was ist wichtiger für das Gelingen einer Oper - das Libretto oder die Komposition? 
In diesem Falle ist die Frage einfach zu beantworten: Ein exzellentes Sängerensemble! Denn bei dieser Aufnahme singen die Sänger nicht nur ihre Partien; sie verkörpern - im Wortsinne - ihre Figuren, und sind zudem überwiegend ganz hervorragend zu verstehen. Die Be- setzung lässt keine Wünsche offen: Elisabeth Schwarzkopf als Gräfin, Nicolai Gedda als Musiker Flamand und Dietrich Fischer-Dieskau als Poet Oliver; dazu Eberhard Wächter als Graf und Hans Hotter als La Roche. Auch die kleineren Partien sind bestens besetzt; zu hören sind unter anderem Christa Ludwig, Anna Moffo und Karl Schmitt-Walter. Es spielt das Philharmonia Orchestra unter Wolfgang Sawallisch; kleiner Scherz am Rande: Der Dirigent ist auch zu hören - als Diener. Bariton.

Samstag, 10. Juli 2010

The Czar's Guitars - Souvenirs of Russia (Dorian)

"Die Gitarren des Zaren" - so nennen sich Oleg Timofejew und John Schneiderman. Die beiden Musiker haben sich zusammen- getan, um die russische Gitarren- tradition zu pflegen. Dabei spielen sie sowohl "westliche" als auch russische zeitgenössische Instru- mente.
Die russische Gitarre, im Westen wenig bekannt, ist kleiner als ihre spanische Schwester und hat sieben Saiten. Sie klingt zudem weicher und sanfter. Die Musik, die Timofejew und Schneiderman für diese CD ausgewählt haben, ist zwar virtuos, aber auch volkstümlich. Das beginnt schon bei dem Gitarren- duett Souvenir de Russie op. 63 des Spaniers Fernando Sor. Er lebte drei Jahre lang in Russland - aber was der berühmte Gitarrist während dieser Zeit getan hat, verbleibt im Nebel der Geschichte. Wir wissen nur, dass er seine Frau Fèlicitè Hullen begleitete, die als Primaballerina in Moskau tanzte.
Die beiden Themen von Souvenir de Russie sind bekannte russische Volkslieder, die auch andere damals gerne in Variationen verwende- ten. Doch bevor solche Werke von Wladimir Morkow, Michael Glinka und etlichen anderen erklingen, beginnt die CD mit der früheren russischen Nationalhymne, und zwar in Solo-Variationen von Pietro Pettoletti. Ähnlich patriotisch schließt das Opus - nämlich mit einem Lied, das zuvor die Nationalhymne war, und auf der Melodie von God Save the Queen basierte. Es wurde 1833 durch die Hymne von Alexej Fjodorowitsch Lwow abgelöst, die dann bis 1917 im Gebrauch war. 
Und auch sonst gab es einen erstaunlich regen Austausch zwischen dem Zarenreich und dem "Westen", wie das Beiheft sehr ausführlich am jeweiligen Beispiel zeigt. Verzichtet man auf die Theorie, und hört nur die Musik, so werden ebenfalls zahlreiche Querverbindungen hörbar. Ansonsten hält sich der musikalische Aha-Effekt in Grenzen; ebenso wie das Niveau der meisten Kompositionen.

Molino: Chamber Works for Flute, Violin & Guitar (CPO)

Francesco Molino war einer jener virtuosen Gitarristen, die Anfang des 19. Jahrhunderts ihre Heimat Italien verließen, um in den musi- kalischen Zentren der damaligen Zeit, vor allem in Paris und Wien, Ansehen und Einkommen zu erwerben. Molino stammt aus einer Musikerfamilie; sein Vater war Militärmusiker beim Reggi- mento Piemonte. So wurde auch der Sohn zunächst Oboista; außerdem trat er als Geiger in das Orchester des Königlichen Theaters Turin ein. Es war damals nicht ungewöhnlich, dass Musiker die unterschiedlichsten Instrumente spielten; Paganini beispielsweise war Gitarrist und gleichzeitig ein berühmter Geiger.
Molino ging nach Paris - und wirkte dort immerhin 28 Jahre lang, bis zu seinem Tode 1847, erfolgreich als Gitarrenvirtuose, Komponist und als sehr gefragter Lehrer, der viele prominente Schüler unter- richtete. So widmete er die Grande Méthode Complette op. 33, eine große und bedeutende Gitarrenschule, seiner Schülerin und Gönnerin Madame la Duchesse de Berry.
Seine Werke zeigen, dass er die Tradition der italienischen Oper ebenso in seine Musik integrierte wie den für den Pariser und Wiener Salon jener Zeit typischen "brillanten" Stil. So erweist sich beispiels- weise sein Trio op. 4 Nr. 1 in G-Dur für Flöte, Viola und Gitarre als ein Kabinettstück à la Rossini. Molino beeindruckt mit musikalischen Ideen, die emporperlen wie die kleinen Gasbläschen im Champagner, und auch so prickeln; Flöte und Bratsche präsentieren sich in einem munteren Dialog, und das ganze Stück ist von geradezu ansteckender Heiterkeit. Sehr ähnlich wirken auch die beiden Nocturnes op. 37 in a-Moll für Violine und Gitarre und op. 38 in G-Dur für Flöte und Gitarre. 
Das Trio D-Dur op. 45 für Flöte, Viola und Gitarre hingegen ist beste romantische Kammermusik, mit einer wunderbaren Romanze als Mittelsatz. Das Grand Trio concertant G-Dur op. 30 für Flöte, Viola und Gitarre wiederum erscheint als Pariser Salonmusik vom Allerfeinsten - von dem bildhübschen Sicilienne, mit dem das Werk beginnt, bis zum theatralischen Schlussrondo. Hier tritt jedes Instrument in den musikalischen Wettstreit mit den Kollegen - und erhält auch in etlichen Solo-Episoden Raum zum Brillieren. 
Das Ensemble Sérénade à trois ist dabei hörbar in seinem Element. Petra Müllejans, Violine und Viola, Karl Kaiser, Traversflöte, und Sonja Prunnbauer, Romantische Gitarre, sind ausgewiesene Experten in ihrem Metier. Sie musizieren auf Originalinstrumenten bzw. Nachbauten solcher Musikinstrumente, und zeigen so, wie die Musik des frühen 19. Jahrhunderts zur Zeit ihrer Entstehung geklungen haben könnte. Sie beeindrucken durch Spielleidenschaft ebenso wie durch einen schönen, warmen Ton - eine traumschöne CD, die hier wärmstens empfohlen werden kann.

Donnerstag, 8. Juli 2010

Bach: The Goldberg Variations (Winter & Winter)

Teodoro Anzellotti spielt Bachs Goldberg-Variationen - auf dem Akkordeon. Und das passt er- staunlich gut, denn der Ausnahme-Akkordeonist hat diese Ausnahme-Komposition sehr geschickt für sein Instrument adaptiert.
Man denkt, das Cembalo sei vom Klang her eher distanziert, das Akkordeon eher proletarisch, erd- verbunden. Doch diese Erwartung wird enttäuscht: In den langsamen Sätzen wirkt das Akkordeon mitunter wie eine Orgel, in den schnellen Teilen aber wird es dem Original erstaunlich ähnlich. Anzellotti überrascht mit einer ausdrucksstarken, intensiven und hinreißend gespielten Interpretation, die partiell geradezu hypnotische Wirkung zeigt. 
Scheinbar mühelos gelingt ihm die Fusion von barocker Aufführungs- praxis und modernem Instrument. Diese Version der Goldberg-Variationen ist hochvirtuos, bis ins letzte Detail stimmig, und sie gehört für mich zu den interessantesten Einspielungen des Werkes überhaupt.

Montag, 5. Juli 2010

Schumann - Mendelssohn Bartholdy; Höhenrieder, Gewandhaus-Quartett (Solo Musica)

"Es ist doch wahr, lieber Mendels- sohn - so immer reiner und ver- klärter schreibt Niemand weiter", begeistert sich Robert Schumann im Oktober 1845 in einem Brief an den Gewandhauskapellmeister. Diesen Gefühlsausbruch haben die Orgelsonaten hervorgerufen. "Auch der zweite Satz aus dem zweiten Klavierkonzert in d-Moll, welches Mendelssohn auf seiner Hochzeitsreise mit Cécile Jeanre- maud 1837 komponierte, ist für viele der Inbegriff von Reinheit und Verklärtheit", meint Margarita Höhenrieder. "Die Idee, diesen Satz mit seinen fein verwobenen Stimmen zu bearbeiten, kam mir während eines Konzertes in Leipzig anlässlich des 200. Geburtstages von Mendelssohn. Zusammen mit dem Gewandhaus-Quartett spielte ich sein Sextett. Die Farbigkeit und klangliche Ausgewogenheit dieser Konstellation faszinierten mich und erweckten in mir das Gefühl, eigentlich ein Klavierkonzert aufzuführen. Wie würde das wunderschöne Adagio des d-Moll-Konzertes in dieser Besetzung wohl klingen?"
Die Pianistin bat Ingfried Hoffmann, den Bruder ihres verstorbenen Lehrers Ludwig Hoffmann, um ein Arrangement. Der ist von Haus eigentlich Jazzorganist und Pianist, und hat sich seit den 70er Jahren weitgehend auf das Komponieren und Arrangieren zurückgezogen. Sein wohl bekanntestes Werk ist die deutsche Musikfassung der Sesamstraße. Was er für Margarita Höhenrieder geschrieben hat, das ist ebenfalls hochprofessionell; Hoffmanns Arrangement wird Mendelssohns Adagio ganz ausgezeichnet gerecht. 
Höhenrieder spielte das Stück mittlerweile für das Münchner Label Solo Musica ein - mit dem Gewandhaus-Quartett, das übrigends im Herbst 2008 sein 200jähriges Bestehen feierte, und damit das älteste ohne Unterbrechung existierende Streichquartett der Welt ist. Es besteht traditionell aus den Konzertmeistern, dem Solobratscher und dem Solocellisten des Leipziger Gewandhausorchesters. Frank-Michael Erben, Conrad Suske, Olaf Hallman und Jürnjakob Timm werden bei den beiden Mendelssohn-Stücken zudem unterstützt von Christian Ockert, Kontrabass. 
Die CD beginnt mit Schumanns Quartett Es-Dur op. 47 für Violine, Viola, Violoncello und Klavier - ein Werk voll musikalischer Über- raschungen, bis hin zum "Sonatenrondo"-Finale. Es folgt das Sextett D-Dur op. 110 für Violine, zwei Violen, Violoncello, Kontrabass und Klavier, ein zauberhaftes Jugendwerk von Felix Mendelssohn Bartholdy, das erst aus dem Nachlass herausgegeben wurde. Darin stellt der Komponist den fünf Streichern das Klavier quasi als Solo- instrument gegenüber - und das ziemlich effektvoll. Insbesondere das Finale erweist sich als ein musikalisches Feuerwerk. Doch auch das elegische Adagio gibt der Pianistin Gelegenheit, ihre Stärke auszu- spielen: Margarita Höhenrieder liebt das sangliche Spiel in großen Linien, das Spiel mit Klangfarben, Nuancen und Schattierungen. So wird das abschließende Adagio aus dem d-Moll-Klavierkonzert zum Höhepunkt der CD. Auch der unverwechselbare Klang des Gewand- haus-Quartetts macht sie zum Hörerlebnis.

Mozart: Flötenkonzert Oboenkonzert (BR Klassik)

Noch eine Einspielung von Mozarts Flöten- und Oboenkonzert! Doch diese CD anzuhören, hat sich ge- lohnt. Denn Irena Grafenauer, die Soloflötistin des Symphonie- orchesters des Bayerischen Rund- funks, spielt Mozarts einziges Flötenkonzert KV 313 mit gerade- zu traumwandlerischer Stilsicher- heit und durchweg schönem Ton. Bei der hier erstmals veröffent- lichten Aufnahme aus dem Jahre 1981 - sie war damals gerade einmal 24 Jahre alt - wird sie von ihren Kolleginnen und Kollegen unter der Leitung von Günter Wand begleitet. Sein markanter, schnörkelloser, zugleich aber ausgespro- chen eleganter Mozart harmoniert exzellent mit der kantablen Linienführung der Solistin. 
Aus dem Jahre 2001 stammt die Aufnahme von Mozarts Oboenkon- zert KV 314, gespielt vom damaligen Solo-Oboisten des Orchesters, Francois Leleux. Am Pult: Sir Colin Davis, Chefdirigent des Orchesters von 1983 bis 1992. Diese Aufnahme überzeugt durch ihre Delikatesse, ihren Witz - und durch die traumschöne Kantilene im Adagio. Als Zugabe enthält die CD Mozarts Symphonie Nr. 32 G-Dur, KV 318, aufgenommen 1985.

Bach: Clavier-Übung II (Ramée)

"Unendliche Mühe habe ich mir gegeben noch ein Stück dieser Art von Bach aufzufinden. Aber ver- geblich. Diese Fantasie ist einzig und hat nie ihres Gleichen gehabt", schreibt Bach-Biograph Johann Nikolaus Forkel. "Sonderbar ist es, dass diese so außerordentlich kunstreiche Arbeit auch auf den allerungeübtesten Zuhörer Ein- druck macht, wenn sie nur irgend reinlich vorgetragen wird." 
Um diesen reinlichen Vortrag geht es Pascal Dubreuil. Der Cembalist, der als Professor am Conservatoire National de Région in Rennes unterrichtet, hat bereits den ersten Teil der Clavier-Übung einge- spielt und wurde dafür mit dem Preis der deutschen Schallplatten- kritik ausgezeichnet. Für den zweiten Teil wählte er erneut ein klang- starkes Instrument aus der Werkstatt von Titus Crijnen, Amsterdam, der sich auf Repliken berühmter Meisterinstrumente aus der Blütezeit des Cembalos spezialisiert hat - in diesem Falle handelt es sich um einen Nachbau eines Instrumentes des Antwerpener Cembalobauers Hans Ruckers II aus dem Jahre 1624.
Der charakteristische, satte Klang dieses Cembalos prägt die Einspie- lung ganz entscheidend. Besonders gut zur Geltung kommt er in den schnellen Sätzen, wo er furios, ja, beinahe orgelartig anbrandet - mit einem gewaltigen Bassfundament, das man einem Cembola so eigent- lich gar nicht zugetraut hätte. Beim Italienischen Konzert in F-Dur, BWV 971, ergeben sich durch die Manualwechsel, Bachs Anwei- sungen forte bzw. piano folgend, attraktive klagliche Gestaltungs- möglichkeiten. Mit der Französischen Ouvertüre, bekannt auch als Partita in h-Moll BWV 831, zeigt Bach auf, dass er auch den Stil à la francaise virtuos beherrscht - und mit den Modetänzen seiner Zeit bestens vertraut war. In den langsamen Teilen dieses Werkes hätte man sich allerdings eine etwas sanglichere Gestaltung gewünscht; dieses Cembalo gibt das her.
Dubreuil ergänzt das Programm durch Präludium, Fuge und Allegro BWV 998 - ein Tryptichon in Es-Dur, das der Cembalist als musika- lische Meditiation über die Dreifaltigkeit liest, den Regeln der klas- sischen Rhetorik gehorchend. Höhepunkt und Finale der Aufnahme aber ist seine Interpretation der Chromatischen Fantasie und Fuge BWV 903. Auch hier begeistert sich Dubreuil für die Idee, dieses Stück gleiche einer musikalischen Gerichtsrede nach dem Vorbild Ciceros und Quintilians. Der Zuhörer jedenfalls lässt sich von der Leidenschaft, mit der hier musiziert wird, gern mitreißen.

Samstag, 3. Juli 2010

Stravinsky: The Fairy's Kiss (Hyperion)

Igor Fjodorowitsch Strawinski war ein Phänomen. Geboren 1882 in Oranienbaum bei Petersburg, lernte der Sohn eines Sängers schon in seiner Jugend zahlreiche führende russische Dirigenten und Komponisten kennen. Ab 1920 lebte er überwiegend in Paris;
1934 wurde er französischer Staatsbürger. Vor den deutschen Besatzern floh er nach Amerika; 1971 starb er in New York City. 
Mit seinen Werken wie Feuervogel hatte Strawinski schon jung Erfolg; er konnte von seiner Musik gut leben, denn er arbeitete vorzugsweise auf Auftrag. Und daran herrschte offenbar kein Mangel. So beauf- tragte Ida Rubinstein den Komponisten, ein Ballet für die Herbst- saison 1928 zu schreiben, das auf Musik von Tschaikowski beruhen sollte.
Das Ergebnis ist verblüffend: Der Kuss der Fee klingt in der Tat nach Tschaikowski - aber eigenartigerweise ist es Musikwissenschaftlern nicht gelungen, herauszufinden, welche seiner Werke Strawinski da "zitiert" hat. Musikalisches Mimikry auf höchstem Niveau.
Man staunt. Dieses "klassische" Erzählballett hat eine Handlung frei nach Andersons Schneekönigin, die aber eigentlich keine Handlung ist - denn die Personen haben keinen Charakter, nehmen keine erkennbare Entwicklung, durchleben keine Konflikte. Und dazu gibt es typisch russische Ballettmusik, die aber bei genauerem Hinhören so typisch gar nicht ist. 
Auch die Scènes de ballett sind ein Auftragswerk, bestellt von Broadway-Impresario Billy Rose im Sommer 1944. Der Auftraggeber wünschte sich eine klassische Tanznummer in einer Show mit den Titel The Seven Lively Arts, inklusive einer verkürzten Fassung des zweiten Akts von Giselle, denn dieses Ballett tanzte Alicia Markova damals gerade an der Met. Das Problem: Die Tänzerin lehnte das ab. Die Lösung, die Strawinski dafür fand, ist sehr ironisch - und leider heute fast vergessen. 
Es ist daher sehr schön, dass der junge israelische Dirigent Ilan Volkov diese beiden Strawinski-Raritäten wieder ausggegraben hat. Mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent er einige Jahre lang war, fand er zu einer ausgesprochen differenzierten und einen Tick distanzierten Lesart - was beiden Werken sehr gut gerecht wird.

Bach: Airs d'oratorio (Gallo)

Diese CD beginnt vielversprechend. Da ist eine wunderbar lebendig ge- spielte Orgel zu hören, und dann setzt eine traumhaft schön phrasie- rende Oboe ein - Kompliment an Catherine Imseng-Ruscito an der Orgel der Eglise du Mont-sur-Lau- sanne, und an Patrick Marguerat, Oboe. 
Doch dann lässt sich der Sänger hören. Und je länger er singt, desto klarer wird es, dass Eifer und Inbrunst zwar sicherlich hilfreich, aber nicht hinreichend sind, wenn man sich Bachs Musik nähern will. Pierre-Alain Savary, Bariton, ist ohne Zweifel engagiert - das kann aber leider eine gut geführte Stimme sowie eine saubere Intonation nicht ersetzen. Unerträglich!

Chopin: Waltzes; Lipatti (EMI Classics)

Dinu Lipatti ist eine Pianisten- legende. Für Yehudi Menuhin war er die "Verkörperung eines Geistesreiches, unberührt von allem Schmerz und Leid"; Alfred Cortot fand sein Spiel vollkommen, und die wie Lipatti aus Rumanien stammende Clara Haskil - er nann- te sie "liebe Clarinette" - schrieb launig: "Wie ich Dich um Dein Talent beneide. Der Teufel soll es holen. Warum musst Du so viel Talent haben und ich so wenig? Ist das Gerechtigkeit auf Erden?"
Entsprechend neugierig war ich auf diese CD. Sie enthält mit der Bar- carolle op. 60 und dem Nocturne Des-Dur op. 27 Nr. 2 zwei Stücke jener ersten Aufnahme, die Lipatti für EMI 1947 im legendären No. 3 Studio, Abbey Road, in London einspielte. Die Walzer aber sowie die cis-Moll-Mazurka op. 50 Nr. 3 wurden im Juli 1950 in der Schweiz aufgezeichnet. Die Tatsache, dass sich die Aufnahmen über erstaun- lich viele Tage hinzogen, gibt ein deutliches Zeugnis vom schlechten Gesundheitszustand des Pianisten, der an Morbus Hodkin erkrankt war. 
Im September 1950 spielte Dinu Lipatti Chopins Walzer letztmalig in einem Konzert in Besancon - und musste abbrechen, weil seine Kraft nicht mehr ausreichte. Mit Bachs Choral "Jesu bleibet meine Freude" verabschiedete er sich von seinem Publikum. Im Dezember 1950 starb der Pianist.
Lipattis Stil ist unverwechselbar. Man vermeint stets einen Hauch Unruhe und Melancholie zu spüren; sie überlagert selbst Lipattis Witz und Charme. Ein beeindruckendes Dokument - aber eines wird auch nach wenigen Takten klar: Heute würde niemand mehr so spielen.

Freitag, 2. Juli 2010

Merry Melancholy (Hänssler)

Joachim Held spielt englische Lautenmusik des 16. Jahrhunderts. Er hat für diese CD Werke aus der Zeit Elisabeths I. ausgewählt, die das Goldene Zeitalter der (Renais- sance-)Laute in England repräsen- tieren. Es dauerte von der Blütezeit des Genres in den 80er Jahren des
16. Jahrhunderts bis ins frühe
17. Jahrhundert - knapp 30 Jahre also.
Dort setzt er einen Schlusspunkt, denn im Barock entwickelten sich die Laute und auch die Musik, die für das Instrument komponiert wurde, ganz erheblich weiter.
Held beginnt mit einem charmanten Stück von einem Komponisten, von dem insgesamt nur neun Werke sowie der Name Lushier bekannt sind. Im Anschluss an seine Almaine erklingen fünf Werke des einzigen englischen Lautenisten, der seine Musik in einem Lauten- buch veröffentlichte: Das 1603 erschienene The Schoole of Musicke von Thomas Robinson enthält sowohl Unterweisungen im Lautenspiel als auch Soli und Duette für das Instrument. Auf dieser CD sind zwei Giguen sowie Variationen zu beliebten Melodien der damaligen Zeit zu hören. All diese Stücke sind ausgesprochen anspruchsvoll. 
Es folgen eine Fantasia sowie Passymeasures Pavan und Galliard von Richard Allison - auch sie erweisen sich als kunstvoll ausgefeilte Werke, die wohl typisch sind für den Stil der elisabethanischen Zeit. Das musikalische Zentrum der CD aber bilden sechs Werke von John Dowland. Dieser Lautenist war in ganz Europa beliebt, und hat an vielen Höfen konzertiert. So sind insgesamt etwa hundert Soli für das Instrument von ihm in Handschriften und Notendrucken vom europäischen Festland zu finden; in England hingegen existiert wohl nur eine Handvoll Quellen. Held spielt unter anderem Dowlands berühmte Pavane Lachrimae sowie die chromatische Forlorn Hope Fancy, zwei Werke, die mit ihrer Melancholie geradezu zum Symbol jener Zeit geworden sind. 
Auch der Lautenist Francis Cutting schrieb zauberhafte Musik, die jedoch sowohl in ihrer Widmung als auch in ihrer Gestaltung von einem gewissen Sinn für Humor zeugt. John Johnson war der erste englische Lautenist, der eine Anstellung bei Hofe erhielt. Auch der Niederländer Philip Rosseter konnte sich dieser Ehre erfreuen - zu Recht, will mir scheinen, denn seine Musik reicht durchaus an die Dowlands heran. Insbesondere sein A Fancy ist ein Lautentraum. Eine schöne Auswahl englischer Renaissancemusik, von Held perfekt vorgetragen. Es würde mich nicht wundern, wenn der Lauten-Spezialist dafür erneut mit einigen der begehrten Branchenpreise geehrt würde. Respekt!