Montag, 26. April 2010

Schumann / Cassadó / Beethoven (AOV)

In diesem Falle lässt sich leider kein Cover hochladen, weil es keines gibt. Diese CD ist ein Konzertmitschnitt der Akademischen Orchester- vereinigung der Friedrich-Schiller-Universität Jena vom 17.11.2009, aufgezeichnet im Volkshaus Jena. Ein Ausdruck mit einer Liste der Werke und Mitwirkenden musste ausreichen; die CD selbst sind von Hand mit Marker beschriftet. 
Doch der rustikale Eindruck täuscht. Denn was Universitätsmusik- direktor Sebastian Krahnert hier mit seinen Musikern zaubert, das ist schon ganz erstaunlich. Das Programm beginnt mit dem Konzert für Violoncello und Orchester in a-Moll, op. 129 von Robert Schumann - ein romantischer Ohrwurm, der wohl jedem Klassikfreund bestens vertraut sein dürfte. Krahnert bemüht sich, das Werk leicht und durchhörbar zu gestalten. Das kommt auch dem Solisten Benjamin Jupé, nunmehr Solocellist beim Saarländischen Staatsorchester, offensichtlich entgegen, der Schumanns berühmtes Konzert mit hellem, singenden Ton spielt. 
Dass es sich um eine Live-Aufnahme handelt, wird gelegentlich, insbesondere bei Lagenwechseln des Solisten, deutlich. Auch bei der Suite für Violoncello solo in a-Moll von Gaspar Cassadó trifft der Cellist ab und an nicht ganz den Ton - was aber im Konzert durchaus passieren kann. Denn das Werk ist anspruchsvoll, und verlangt dem Interpreten einiges ab.
Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 6 in F-Dur, op. 68, "Pastorale", nimmt Krahnert mit Beschwingtheit und klanglicher Klarheit, ganz erstaunlich, und mit einer geradezu barocken Lust an der musikalischen Struktur. So erwachen in der Tat heitere Gefühle, wenn die Musiker der Akademischen Orchestervereinigung die Ankunft auf dem Lande nachvollziehen. Krahnert bringt Beethoven das Tanzen bei. Insbesondere die Holzbläser sind phantastisch; Oboe, Flöte, Klarinette und Fagott singen regelrecht um die Wette. Leider kommen die Blechbläser da nicht ganz mit; so verpatzt ein nervöses Horn ab und an eine Phrase, was insbesondere den Dialog mit den Holzbläsern beeinträchtigt. Aber auch das ist in der Konzertsituation halt unvermeidlich, zumal wenn die Musiker eigentlich studieren, oder im Hauptberuf an ihrer akademischen Laufbahn feilen, und nicht an Etüden. Die Register sind nicht immer ausgeglichen, wobei aber nicht nachzuvollziehen ist, ob das am Orchester liegt oder am etwas lieblosen Mitschnitt. Eines steht fest: Wenn sich ein Laienorchester an ein solches Programm wagt, dann ist das durchaus mutig zu nennen. Die Jenenser aber können sich in jeder Hinsicht hören lassen. Und vielleicht findet sich ja ein Label, was auch den Aufnahmen angemessenen technischen Schliff verleiht. Es würde sich lohnen.

Wiener Serenaden (Musicaphon)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brach in den europäischen Metro- polen ein regelrechtes Gitarren- fieber aus. Virtuosen reisten umher und konzertierten, und komponierten effektvolle Stücke für "ihr" Instrument. Besonders beliebt war offensichtlich damals die Kombination von Gitarre und Fortepiano.
Doch mit der Mutation der Gitarre vom Konzertinstrument zur "Klampfe" der Wandervögel und mit der Weiterentwicklung des Klavierbaus verschwanden diese Werke ebenso schnell wieder aus dem Repertoire.
Denn diese Besetzung - und das zeigt auch die vorliegende CD deutlich - ist nur mit den Instrumenten jener Zeit attraktiv. Der moderne Konzertflügel und die Konzertgitarre, wie sie heute gespielt wird, unterscheiden sich im Klang und in ihren dynamischen Möglichkeiten derart drastisch, dass an ein Zusammenspiel nicht sinnvoll zu denken ist. Die historische Gitarre und das Fortepiano hingegen erreichen einen erstaunlichen Grad klanglicher Verschmelzung und erscheinen auch dynamisch bestens ausgewogen. 
Maximilian Mangold spielt eine sechssaitige Gitarre nach einem Original von Johann Anton Stauffer (Wien, um 1840), angefertigt 2003 von Bernhard Kresse, Köln. Dieses Instrument ist kleiner und leichter als moderne Konzertgitarren, hat eine kürzere Mensur, eine geringere Halsbreite und wird natürlich auch entsprechend dem historischen Original auf einen Kammerton von 430 Hertz gestimmt. Kristian Nyquist musiziert auf einem Fortepiano, das 2002 in der Werkstatt von Michael Walker, Heidelberg, entstanden ist. Dabei handelt es sich um den Nachbau eines Flügels der europaweit berühmten Wiener Klavierbaumeisterin Nanette Streicher aus dem Jahre 1814, mit einer Wiener Mechanik, wie sie ihr Vater Johann Andreas Stein entwickelt hatte.
Die CD beginnt und endet mit Werken von Anton Diabelli, bei denen vor allem das Fortepiano dominiert. Seine Grande Sonate Brillante op. 102 gibt jedoch beiden Solisten Gelegenheit zu einem virtuosen konzertanten Dialog voll Spielwitz, aber auch zu melodischer Gestaltung. Insbesondere der letzte Satz, eine Pastorale, bietet so manche verblüffende harmonische Wendung.
Die Grandi Variazione e Polonese sulla "Nel cor piú non mi sento"
op. 65 von Mauro Giuliani - bekannt auch in einer Fassung für Streichquartett und Gitarre - erscheint fast wie eines seiner Gitarren- konzerte. Zwar übernimmt das Klavier die Einleitung und einige Zwischenspiele, aber beherrscht wird das Werk ganz eindeutig von der Gitarre. 
Es folgen zwei hübsche Miniaturen  aus der Feder von Caspar Joseph Mertz - Einsiedlers Waldglöckchen und die Barcarole op. 41 sind kurze, romantische Charakterstücke. Die CD endet mit der Sonate pour le Piano Forte et Guitare, op. 71 von Diabelli, einem flotten, heiteren Werk, das vielleicht am ehesten an eine Serenade erinnert. Mangold und Nyquist erweisen sich als exzellente Solisten, die perfekt aufeinander abgestimmt musizieren. Sie machen aus diesen hübschen Biedermeierstücken ein Musikerlebnis. Bravi!

Sonntag, 25. April 2010

Johann Strauss I Edition Vol. 16 (Marco Polo)

Im 19. Jahrhundert feierten die Wiener offensichtlich, wann immer sich ein Anlass dazu bot - und An- lässe gab es reichlich. Die Namens- tage von Kaiser und Kaiserin, Gartenfeste, diverse Benefizien, Katharinentag, Künsterball, Juristenball - im solide ausge- statteten Beiheft dieser CD kann man nachlesen, zu welcher Festi- vität Johann Strauss Vater die entsprechenden Walzerfolgen und Quadrillen lieferte. Die Liste ist ziemlich beeindruckend, doch keine Sorge - dem Komponisten gehen die Ideen nicht aus; der geneigte Hörer wird gut unterhalten, sind die Stücke auch noch so lang. Seinen Titel "Walzerkönig" trug der Leiter der kaiserlichen Ballmusik durchaus zu recht. Die Slovak Sinfonietta Zilina spielt, geleitet von dem österreichischen Dirigenten Christian Pollack, ebenfalls sehr solide. Diese CD kann deshalb empfohlen werden.

Freitag, 23. April 2010

Schumann: Piano Music; Mi-Joo Lee (MDG)

Robert Schumann hat etliche seiner Werke im Laufe seines Lebens  mehrfach überarbeitet. So ist die Große Sonate f-Moll op. 14 zu Lebzeiten des Komponisten bereits in zwei unterschiedlichen Druckversionen erschienen - und das Manuskript weist noch sehr viel mehr Modifikationen auf. Das Werk gehört zu einem Zyklus von drei Klaviersonaten, den Schu- mann offenbar im Frühjahr 1833 begonnen hatte. Wie sehr er von der - damals gerade 14jährigen - Tochter seines Klavierlehrers beeindruckt war, belegt die Tatsache, dass er einen kompletten Satz seiner Großen Sonate Variationen über ein Thema aus der Feder Clara Wiecks widmete.
Dieses Thema erweist sich zudem als Grundsubstanz des ganzen Werkes; es dominiert, direkt oder indirekt, das ganze Musikstück, das ohnehin in Umfang und Inhalt schier jede Dimension sprengt.
Für die vorliegende Einspielung wählte die Pianistin Mi-Joo Lee die zweite veröffentlichte Version, erschienen 1853, ergänzt um ein Scherzo, das erst posthum durch Brahms publiziert wurde, und zwei Variationen, die nur im ersten Druck von 1836 enthalten waren.
In dieser frühen Schaffensperiode schrieb Schumann für Clara Wieck zudem Studien nach Capricen von Paganini op. 3 sowie sechs Konzertetüden nach Capricen von Paganini op. 10. Die solcherart gewürdigte freilich scheint von diesen Stücken nicht sonderlich angetan gewesen zu sein. Die Grandes études de Paganini, die Franz Liszt ihr 1851 widmete, nahm sie in ihr Repertoire auf - die beiden Werke Schumanns hingegen spielte sie im Konzert wohl nicht. Wer Mi-Joo Lee damit hört, wird Frau Schumann in diesem Punkte wahrscheinlich verstehen. Denn auch wenn die Etüden höllisch schwierig sein dürften - das Publikum im 19. Jahrhundert, das dem Genie und der Virtuosität huldigen wollte, dürften sie wenig beeindruckt haben.
Mi-Joo Lee balanciert die Stücke ganz präzis zwischen Zirkuszauber und romantischem Seelenweh. Sie gibt dem zweifelnden, grübleri- schen Schumann genauso Raum wie dem jungen, aufstrebenden Musiker, der um seine Clara wirbt - und zu diesem Zweck auch seine Musik ins rechte Licht zu rücken wünscht. Wunderbare Aufnahmen, wie üblich bei Dabringhaus und Grimm.

Donnerstag, 22. April 2010

Concert for Harp & Organ (K&K)

Ein stimmungsvoller Mitschnitt eines Konzertes in der Schloss- kirche Bad Homburg aus dem August 2007.  Konzertorganistin Ulrike Northoff, die künstlerische Leiterin der Konzertreihe Musik
im Schloss
, spielt gemeinsam mit der Soloharfenistin Olja Kaiser, ausgebildet am Moskauer Tschai- kowsky-Konservatorium, Werke für Orgel und Harfe. 

Zum überwiegenden Teil sind es Bearbeitungen von Werken, die ursprünglich für andere Beset- zungen entstanden sind - leider gibt das Beiheft keine Auskunft darüber, wer sie geschaffen hat. So bleibt einem nur, sich am harmo- nischen Musizieren der beiden Solistinnen zu erfreuen, und an einer stimmigen, geradezu sommerlichen Stückwahl. Nur soviel sei hier verraten: Es ist durchweg Musik mit Ausstrahlung - wunderschön!

Mittwoch, 21. April 2010

Chopin - Nikolai Demidenko (Narodowy Instytut Fryderyka Chopina)

Wer eine Vorstellung davon bekommen möchte, wie Chopins Musik zu Lebzeiten des Künstlers geklungen haben könnte, der sollte in diese CD hineinhören.
Wie aus traumferner Zeit hallt die Berceuse Des-Dur op. 57 zu uns herüber, gefolgt vom Nocturno cis-Moll op. 27 Nr. 1. Nikolai Demi- denko spielt einen Flügel aus dem Hause Pleyel, gebaut 1848 in Paris, seit 2005 im Besitz des Narodowy Instytut Fryderyka Chopina. Ein solches Instrument bevorzugte Chopin; er nahm es mit nach Mallorca, um dort damit zu arbeiten, und auch im Sommer begleitete es ihn einst von Paris nach Schloss Nohant. Der Klang wirkt ätherisch; er erscheint sehr klar und obertonreich - und leider auch enorm hallig, was wohl der Aufnahme geschuldet sein dürfte.
Die CD enthält überwiegend Werke aus Chopins Jugendzeit; 1825 schrieb er das Rondo c-Moll op. 1 . Die Variationen in B-Dur über das Thema Reich mir die Hand aus Mozarts Oper Don Giovanni op. 2 werden auf 1827/1828 datiert, die Polonaise d-Moll op. 71 Nr. 1 mit der Werknummer 11 soll in den Jahren 1825 bis 1827 entstanden sein. Demidenko ergänzt dies durch das Rondo Es-Dur, op 16, die Tarantella As-Dur op. 43, den Bolero a-Moll op. 19, sowie das Allegro aus dem Klavierkonzert A-Dur op. 46. Dieses Werk komponierte Chopin mit dem Ziel, es in seinem ersten Konzert nach seiner Rückkehr nach Polen zu spielen. Doch angesichts der Entwicklungen in seiner Heimat hat er wohl eingesehen, dass dies illusorisch ist - und ein reines Klavierstück daraus gemacht. Umspielt von den unvermeidlichen Arabesken des brillanten Stils, erklingen hier die Lieder der Aufständischen. Demidenko spielt dies wie ein Echo der Kämpfe, das sich in den Salon verirrt. Der Pianist, geschult nach russischer Tradition, aber seit etlichen Jahren mit Wohnsitz in London und mit britischem Pass, gestaltet Chopins Werke sanglich, durchhörbar und klar strukturiert. Und dennoch vermisse ich hier jenes Fünkchen Originalität, das aus einer guten eine exzellente Interpretation macht, die aus der Flut der Chopin-Aufnahmen im Jubiläumsjahr herausragt. Schade.

Willaert: Musica Nova - The Petrarca Madrigals (Oehms Classics)

Eine Dame und fünf Herren - diese Besetzung avancierte mittlerweile zum Markenzeichen der Singer Pur. Das Vokalensemble wurde 1991 von fünf ehemaligen Regens- burger Domspatzen gegründet, die sich anfangs redlich bemühten, sich mit Jazz über Wasser zu halten. Solche Startschwierigkeiten führten zu einigen Wechseln, sowohl personell als auch im Repertoire.
Heute gehören zu Singer Pur Claudia Reinhard (Sopran), Klaus Wenk, Markus Zapp und Manuel Warwitz (Tenor) sowie Reiner Schneider-Waterberg (Countertenor/Bariton) und Markus Schmidl (Bassbariton). Für die Einspielung der teilweise siebenstimmigen Werke Willaerts haben sie sich der Unterstützung eines weiteren früheren Domspatzen versichert: Der Countertenor Robert Vitzthum ergänzt das Sextett ausgesprochen harmonisch.
Ein dickes Beiheft, das mit großer Sorgfalt zusammengestellt wurde, gibt ausführlich Auskunft über die Geschichte des Werkzyklus, dem diese Doppel-CD gewidmet ist: Adriaen Willaert, geboren um 1490 in Brügge oder Roeselare, stand nach seinem Studium in Paris bei Josquin Desprez und Jean Mouton von 1515 bis 1527 in Rom und Ferrara in Diensten der Familie d'Este. Ab 1527 bis zu seinem Tode 1562 war er Kapellmeister an San Marco in Venedig. Er gehört zu den "Vätern" des Madrigals, komponierte aber auch Messen, Psalmen, Instrumentalwerke und mehr als 150 Motetten. Zu seinen Schülern gehörten Cypriano de Rore und Andrea Gabrieli.
Willaerts 1559 gedruckte Musica Nova enthält 27 Motetten und
25 Madrigale für vier bis sieben Stimmen, überwiegend nach Texten Petrarcas. Die Stücke sind schön, und so werden sie auch vorgetra- gen. Die Singer Pur musizieren in geradezu instrumentaler Art und Weise; sie erinnern darin ein bisschen an das legendäre Hilliard Ensemble, das allerdings noch homogener klingt. Man wünscht den jungen Sängern etwas mehr Mut zu dynamisch abwechslungsreicher Gestaltung - das würde mehr Farbe in ihre Interpretationen bringen. Sangliche Perfektion ist Voraussetzung, aber nicht Endzweck anspruchsvoller Musik.

Dienstag, 20. April 2010

Chopin: Piano Concertos 1&2; Lisiecki (Narodowy Instytut Fryderyka Chopina)

Chopins Klavierkonzerte sind Jugendwerke; zum ersten Male aufgeführt wurden sie 1830, kurz bevor Chopin Polen verließ, um auf Konzertreise durch Europa zu gehen - eine Reise ohne Wieder- kehr, denn kurze Zeit später brach der Novemberaufstand aus. 
Davon aber ist in diesen beiden Konzerten noch keine Spur zu finden; sie folgen formal den Konventionen des brillanten Stils, klingen aber dabei ganz erstaunlich romantisch. Es sind ohne jeden Zweifel nahe Verwandte der Konzerte Schumanns und Mendelssohns, Brahms und Liszts. In Chopins Schaffen, das sich überwiegend auf das Klavier konzentriert, sind diese Werke für Klavier und Orchester Solitäre; ein drittes Klavier- konzert blieb Fragment.
Im vergangenen Sommer wurde in Polen ein junger Pianist für seine Interpretationen der zwei Konzerte gefeiert. Zu recht, denn wenn man nicht wüsste, dass dort ein 14jähriger musiziert, man würde das nicht vermuten. Der Kanadier Jan Lisiecki, Jahrgang 1995, spielt "seinen" Chopin souverän, gemeinsam mit dem Orchester Sinfonia Varsovia unter Howard Shelley, und lässt den Steinway singen. 
Das Narodowy Instytut Fryderyka Chopina eröffnet mit dem Mit- schnitt dieser Musikereignisse seine "weiße Serie", die Werke Chopins  auf modernen Instrumenten präsentiert. Der Chopin-Wettbewerb im Oktober allerdings wird wohl ohne ihn stattfinden - denn wer an diesem renommierten Wettbewerb teilnehmen will, der muss laut Ausschreibung mindestens 17 Jahre alt sein. Schade.

Montag, 19. April 2010

Chopin: The Mazurka Diary; Anna Gourari (Berlin Classics)

Anna Gourari ist eine brillante Pianistin. Ihr steht eine exzellente Technik zur Verfügung, die sie in die Lage versetzt, dem Klavier feinste dynamische Differenzie- rungen ebenso wie Nuancen von Klangfarben nach Belieben zu entlocken. Um ihre Auffassung der Musik Chopins mitzuteilen, zitiert die Pianistin Heinrich Heine, der 1837 schrieb: "Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen, in der vollen Bedeutung des Worts; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet, er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und improvisiert. Er ist alsdann weder Pole noch Franzose noch Deutscher, er verrät dann einen  weit höheren Ursprung, man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raffaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie."
Als Reiseführer wählt Gourari die Mazurkas des Komponisten - vierzehn Jahre alt war Chopin, als er nach einem Ferienaufenthalt auf dem Lande 1824 seine erste Mazurka schrieb; die letzte, op. 68 Nr. 4, komponierte er im Oktober 1849 in Paris, wenige Tage vor seinem Tod. Diese Werke Chopins sind keine Folklore, sondern Traum-Tänze, hochartifiziell und geschliffen. Gourari interpretiert sie in erster Linie als poetischen Gedanken, als dahinschwebende Melodie. Dabei geht ihr mitunter leider die rhythmische Bodenhaftung verloren, und sie verliert sich gar zu sehr in purer Romantik. Schade.

Sonntag, 18. April 2010

Chopin: Préludes op. 28, 2 Ballades; Sheila Arnold (Cavi-Music)

Als Chopin 1838 zusammen mit George Sand nach Mallorca reiste, hatte er Bachs Wohltemperiertes Klavier im Gepäck - und erste Notizen für ein eigenes Werk: Die 24 Préludes op. 28, Charakter- stücke, über denen seitdem Pianisten und Musikwissenschaft- ler grübeln. So gaben Pianisten diesen Stücken diverse Untertitel, Alfred Cortot beispielweise von "Fieberhaftes Warten auf die Geliebte" bis "Vom Blut, von der Wollust und vom Tod". Und André Gides berühmte "Aufzeichnungen über Chopin" sind in erster Linie Notate zu den Préludes.
Die indisch-deutsche Pianistin Sheila Arnold gestaltet diese 24 Stücke sowie die Balladen Nr. 1 g-Moll op. 23 und Nr. 4 f-Moll op. 52, die sie voran- bzw. an den Schluss stellt, ausgesprochen souverän und ent- schieden. Konsequent spielt sie sich durch den Kosmos der Tonarten; sie gibt jedem Stück einen eigenen Charakter, nimmt aber Chopins Werke nicht als Grundmasse für eigene Reflexionen, sondern als das, was sie sind: Musik, und zwar enorm anspruchsvolle. Arnold musi- ziert auf einem Érard-Hammerflügel, gebaut in Paris 1839. Die Mechanik dieses Instruments nutzt die Pianistin, um musikalische Strukturen hörbar werden zu lassen - hier wird jedenfalls nichts überspielt oder zugelärmt, und jedes Rubato, jedes Zögern hat seine Funktion. 
Das 17. Prélude, in b-Moll, Presto con fuoco, beispielweise dauert nur 01:07. Es beginnt mit sechs Akkorden wie Peitschenschlägen - und dann rast die rechte Hand unaufhaltsam wie ein Hurrikan in Wellen- bewegungen Tonleitern hinauf und hinab, und durch diverse Modu- lationen und Figurationen, zornig rhythmisch versetzt kommentiert durch die Linke im Bass. Schließlich aber gerät der Furor ins Straucheln; und dann finden sich beide Hände vereint in einer auf- steigenden chromatischen Passage - Schluss. Grandios!

Freitag, 16. April 2010

Arthur Rubinstein - The Chopin Recordings (EMI Classics)

Arthur Rubinstein, geboren 1887 in Lodz, kam als Zehnjähriger nach Berlin, und spielte dort dem berühmten Geiger Joseph Joachim vor. Dieser besorgte einen Mäzen, überwachte die Ausbildung des Knaben, und dirigierte höchstper- sönlich auch das Debüt des Wunderkindes im Jahre 1900, bei dem Rubinstein unter anderem das zweite Klavierkonzert von Saint-Saens und Mozarts Konzert A-Dur KV 488 spielte.
So begann eine großartige Pianistenkarriere, die fast gescheitert wäre. Denn der junge Mann reiste um die Welt, und gab ein Konzert nach dem anderen. Die vorliegende Kollektion enthält einige frühe Aufnahmen, die staunen lassen: Das soll der große Rubinstein sein? In junge Jahren sah der Pianist seinen Job offenbar ziemlich locker: „Ich bin ein Glücks- mensch, dass ich einen Beruf habe, der mir erlaubt, so viel unterwegs zu sein. Und dann wiederum kann ich von Glück sagen, dass ich Pianist bin. Ein großartiges Instrument, das Klavier, gerade groß genug, um es nicht mitnehmen zu können! Anstatt zu üben, kann ich lesen, essen, trinken und anderen Aktivitäten nachgehen. Bin ich nicht ein Glückspilz?
Doch dieses unbeschwerte Leben hatte abrupt ein Ende, als Rubin- stein 1932 heiratete. Seine neue Rolle als Familienvater brachte ihn zur Besinnung - und ein Erlebnis, das er so schilderte: „Horowitz begeisterte Paris, er riß es mir buchstäblich unter den Händen weg. Ich sah in ihm einen neuen Liszt. Ich wollte alles hinwerfen. Bevor ich sterbe, will ich beweisen, wozu ich fähig bin, sagte ich mir. Ich ballte die Fäuste, was ich jedoch als Pianist nicht lange konnte, ich öffnete sie wieder und begann hart zu arbeiten. Ich hatte Rache zu nehmen - nicht an Horowitz, sondern an mir.“ 
Diese Verwandlung lässt sich anhand der Chopin-Aufnahmen nach- vollziehen, denn diese Sammlung enthält unter anderem Aufnahmen der Scherzi aus dem Jahre 1932, der Polonaisen aus 1934/35, der Nocturnes von 1936/37 sowie die Mazurkas von 1938/39. Insofern ist die Kompilation außerordentlich spannend. 
Auch ansonsten erscheint sie mir eher von dokumentarischen Wert, als musikalisches Porträt eines großartigen Pianisten. Wer aber Chopins Werk kennenlernen will, der sollte sich eine andere Auf- nahme suchen - Rubinstein ist ohne Zweifel grandios, aber Chopin spielt man heute anders. Und das ist auch gut so.

Tchaikovsky: Swan Lake; Pletnev (Ondine)

Das Ballett Schwanensee nach der ausdrucksstarken Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und in der Choreographie von Marius Petipa gehört zum Standardrepertoire eines jeden Tänzers; es steht exemplarisch für die weltweit verehrte und kopierte russische Tanztradition.
Darüber vergisst man leicht, dass Tschaikowskis Auftraggeber seinerzeit mit dem Werk ziemlich unglücklich waren. Zu ungewöhn- lich war die Musik; den Tänzern erschien sie zu dramatisch, und auch das Publikum fand sie "wagnerianisch". Ballettmusik ist in der Tat ein Balanceakt. Librettist und Komponist wollen eine Geschichte erzählen; der Choreograph und die Tänzer aber müssen sie in Bewegung umsetzen. Und die Solisten haben obendrein meist ganz eigene Vorstellungen davon, wie sie sich präsentieren möchten.
Das Resultat ist oftmals ein Kompromiss; deshalb werden Ballett- musiken im Konzertsaal üblicherweise in Form von Suiten zusammengefasst, die die "schönen Stellen" bringen - und die zwar funktional notwendigen, aber musikalisch oft weniger ansprechenden Teile ausklammern. Michail Pletnev spielt mit seinem Russischen Nationalorchester die komplette Partitur Tschaikowskis, wie aus Marmor gemeißelt und auf Hochglanz poliert, perfekt und ein bisschen langweilig. Am stärksten ist diese Einspielung dort, wo sie dramatisch wird - wobei Pletnev jegliches Pathos meidet. Das ist schade, denn eine Bühnenmusik verkraftet hier und da durchaus auch ein Augenzwinkern und ein bisschen Ironie. 

Donnerstag, 15. April 2010

Travelogues of Italy - Die Freitagsakademie (Winter & Winter)

Hofkomponist Johann Gottlieb Janitsch lud ab 1736 zu "Freitags- akademien" ein, bei denen sich die Berliner Gesellschaft zum gemein- samen Musizieren traf. Diese bürgerliche Tradition nimmt das Berner Ensemble "Die Freitagsaka- demie" auf, das sich seit 1993 in verschiedenen Besetzungen der Musik des 17. und 18. Jahrhun- derts widmet. Seit acht Jahren veranstalten die Musiker um Oboistin Katharina Suske und Cellist Bernhard Maurer zudem fünf "Freitagskonzerte" pro Saison im Kunstmuseum Bern.
Mit dieser CD begeben sich acht exzellente Solisten sowie die Sopra- nistin Susanne Rydén auf eine musikalische Reise nach Italien zu Beginn des 18. Jahrhunderts. Damals ließ sich Georg Friedrich Händel, gerade 21 Jahre jung, endlich überzeugen, jenes Land zu besuchen, dem damals die Sehnsucht aller Künstler und Kunstbegeis- terten galt. Händel blieb mehr als drei Jahre dort, lernte Land und Leute kennen, und arbeitete mit den besten Musikern seiner Zeit zusammen. Die Reise nach Italien prägte Händel nachhaltig; und das gilt nicht nur für seinen musikalischen Stil.
Dort aber sind die Einflüsse ganz offensichtlich. So entsprechen Händels Solokonzerte für Oboe - diese CD beginnt mit Concerto Nr. 3 in g-Moll HWV 287 - nicht nur formal dem Vorbild der Kirchen- sonaten von Arcangelo Corelli; bis hinein in Klangfarben und Melodik folgt er dem Muster, das er in Rom kennengelernt hat. Der Oboe blieb der Komponist sehr zugetan. Davon zeugt unter anderem die Kantate "Delirio amoroso", wo sie einen außerordentlich delikaten Part übernimmt. Das Werk ist eine Klage einer gewissen Chloris um einen toten Thyris, dem sie offensichtlich sehr zugetan ist - der ihre Zuneigung jedoch schon zu Lebzeiten nicht erwiderte, und sich nun auch in der Hölle, wohin sie zu seiner Rettung geeilt ist, von ihr abwendet. 
Eine typische italienische Kantate - der Inhalt ist nicht wirklich von Belang, aber die Form ist phantastisch. Susanne Rydén hat hörbar Vergnügen an diesem Kabinettstückchen, das weniger versierte Sänger wohl an den Rand der Aspyxie treiben kann. Auch eine zweite Kantate Händels, "Mi palpita il cor", singt die Schwedin bravourös. Die CD schließt mit der Sonate Nr. 6 in A-Dur für Violine und Basso continuo op. 5 von Corelli. Als absolute Überraschung aber erweist sich die Toccata in d-Moll für Cembalo "d'ottava stesa" von Alessandro Scarlatti. Dieses Werk ist nicht nur hochkomplex; es bricht über den Zuhörer herein mit der Wucht eines Tornados, und wirbelt mit seinen energischen Läufen, gewagten Modulationen und Affektwechseln jedes Barockmusik-Stereotyp davon. Brillant! besten Dank an Jörg-Andreas Bötticher am Cembalo.

Mittwoch, 14. April 2010

Kennedy plays Bach with the Berliner Philharmoniker (EMI Classics)

Eine Aufzeichung aus dem Jahre 2000: Nigel Kennedy, der gern mit seinem Image als Rebell unter den Klassik-Stars kokettiert, spielt gemeinsam mit einigen Mitgliedern der Berliner Philharmoniker Kon- zerte von Johann Sebastian Bach. Schon der Einstieg lässt aufhor- chen: Kennedy beginnt mit dem Violinkonzert in E-Dur BWV 1042, und er startet furios in den ersten Satz.
Der Geiger erweist sich als Magier der Phrasierung; er bringt Bachs Werk zum Atmen und auch ins Tanzen - prächtig! Seine Mitmusiker lassen sich davon spürbar inspirieren. Das macht die Musik durch- hörbar, und zeigt Strukturen auf, die üblicherweise irgendwo in der "Begleitung" eines konzertierenden Solisten versacken. 
Das zweite Konzert, BWV 1060, ist als Doppelkonzert für Cembalo überliefert, aber dem Musikfreund auch in Versionen für zwei Violinen oder - wie in diesem Falle - für Oboe und Violine bestens vertraut. Albrecht Mayer, Solo-Oboist der Berliner Philharmoniker, ist als Virtuose der Extraklasse bekannt; sein strahlender, klarer Ton kommt besonders im Adagio exzellent zur Geltung.
Im Violinkonzert a-Moll BWV 1041 macht Kennedy erneut deutlich, dass er Bach nicht nur als genialen Melodiker sieht, sondern auch rhythmisch außerordentlich interessant findet. Abschließend erklingt das Konzert für zwei Violinen d-Moll BWV 1043, das Kennedy gemeinsam mit Daniel Stabrawa spielt, dem ersten Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Das Doppelkonzert interpretieren die beiden Solisten beinahe klassisch - als Dialog zweier Musikerpersön- lichkeiten, die über die Gestaltung musikalischer Phrasen nachdenken und dabei durchaus auch zu unterschiedlichen Meinungen neigen. Sehr spannend, bis zum letzten Ton faszinierend.

Montag, 12. April 2010

Albinoni Vivaldi - Oboe Concertos (Helios)

Eine traumschöne CD, aufgezeich- net 1990, die Liebhaber barocker Bläsermusik bezaubern wird: Paul Goodwin, Oboe, spielt gemeinsam mit dem King's Consort unter Robert King Konzerte von Albinoni und Vivaldi. 
Antonio Vivaldi schrieb zwei Kon- zerte für jeweils ein Paar Oboen und Klarinetten - seinerzeit eine geradezu avantgardistische Beset- zung, denn die (Barock-)Klarinette war gerade erst erfunden, und so- zusagen bei ihren ersten Schritten als Soloinstrument. Vivaldi setzt die Klarinetten sowohl gemeinsam mit den Oboen als Concertino-Gruppe als auch im Paar kontrastie- rend, imitierend und alternierend zu den Oboen ein. Im Concerto  RV560, mit dem die CD beginnt, überlässt er den langsamen Satz ganz den Oboen, die über den Streichern anmutig ihre Melodie singen. Im Concerto RV559 hingegen, das die CD beschließt, ist der Mittelsatz den Bläsern allein vorbehalten, die hier sogar ohne Continuo musi- zieren - dankbare Aufgaben für die beteiligten Musiker, die ihren Part durchweg virtuos und - das Wort sei hier gestattet - mit Grazie spielen.
Die CD enthält zudem Vivaldis Oboenkonzert in F-Dur RV455 und vier Konzerte von Tomaso Albinoni. Zwei davon sind für zwei Oboen geschrieben, eines für Trompete, drei Oboen, Fagott und Continuo. Das stärkste aber, das Concerto in d-Moll op.9 Nr.2, beschränkt sich in der Besetzung auf Oboe und Streicher - melodisch hinreißend, und, zumal im letzten Satz, auch technisch hochvirtuos.

Der musikalische Salon der Annette von Menz (Dynamic)

Annette von Menz war noch keine zwanzig Jahre alt, als ihre Eltern starben. Die junge Frau erbte ein prächtiges Palais in Bozen, ein beträchtliches Vermögen - und eine Musikaliensammlung, die ihr Vater, ein wohlhabender Kaufmann und Mäzen, zusammengetragen hatte. 
Auch Annette von Menz interes- sierte sich für Musik; sie lud zu musikalischen Akademien ein, und umgab sich mit Musikern - was dafür sorgte, dass auch ihr Noten- fundus beträchtlich weiter wuchs. Ihre Tochter führte dann die Musikaliensammlung Toggenburg weiter. Die vorliegende CD stellt einige Stücke für Gitarre solo bzw. für Gitarre und Flöte aus dieser Kollektion vor - und gewährt so einen erstaunlichen Einblick in das Repertoire, das die gehobene Hausmusik zu Beginn des 19. Jahr- hunderts prägte. 
Diese Werke sind anspruchsvoll, aber nicht zu sehr, so dass ein geübter Laie durchaus Vergnügen daran haben kann. Sie sind eingängig und gefällig, so dass sie sich auch im Salon zur Unterhaltung von Gästen gut eignen. Der Flötist Luigi Lupo und der Gitarrist Giuseppe Carrer erwecken diese längst verklungenen Werke im Palais Toggenburg noch einmal aus dem Vergessen, dem sie mit dem Unter- gang jener musikalischen Tradition anheim gefallen sind. So erinnert die CD an Kleinmeister wie Johann Baptist Gänsbacher, Joseph Ewald Reiner, Johann Nepomuk Huber oder Leonhard von Call.

Sonntag, 11. April 2010

Michael Haydn: Symphonies 14, 17, 19, 24, 29, 33, 40 & 41 (cpo)

Johann Michael Haydn, der jüngere Bruder von Franz Joseph Haydn, wirkte mehr als 40 Jahre lang am Hofe des Fürstbischofs zu Salzburg  - zunächst, unter Vize- kapellmeister Leopold Mozart, als "HofMusicus und Concert-Meister"; 1782, nach dem Eklat um Wolfgang Amadeus Mozart, wurde er dessen Nachfolger als Hof- und Domorga- nist. 
Haydn prägte das Musikleben in Salzburg über einen langen Zeitraum. Bekannt wurde er vor allem durch seine eindrucksvolle Kirchenmusik, die bis heute ihren Platz im Repertoire hat; er schrieb jedoch auch zahlreiche Vokal- werke zur Aufführung in geselliger Runde, und  gilt er als der Schöpfer des Männerquartetts. Michael Haydn war zudem ein exzellenter Musikpädagoge; zu seinen Schülern gehören beispielsweise Antonio Diabelli und Carl Maria von Weber.
Seine Sinfonien und Märsche sind gefällig, aber nicht außergewöhn- lich; sie sind abwechslungsreich und sorgsam instrumentiert. Die Deutsche Kammerakademie Neuss, geleitet von Frank Beermann bzw. Johannes Goritzki spielt seine Werke liebevoll und mit Esprit.

Samstag, 10. April 2010

Die Zauberflöte - Magic on the Piano; Babette Dorn (Genuin)

Wer die neuesten Hits hören wollte, der setzte sich noch vor hundert Jahren ans Klavier. Heerscharen von Verlegern und Tonsetzern,  Notenstechern und Druckern sorgten dafür, dass oft schon we- nige Tage nach glanzvollen Opern- premieren die schönsten Melodien daraus für das häusliche Musizie- ren verfügbar waren.
Ganze Stapel Variationen, Para- phrasen und Fantasien, von unterschiedlichstem Schwierig- keitsgrad und für die verschie- densten Besetzungen, zeigen bis heute deutlich, welche Werke einst zu den Favoriten gehörten - und welche Figuren beim Publikum beliebt waren. 
Die Pianistin Babette Dorn hat den Notenfundus nach dem Stichwort "Zauberflöte" durchforstet - und dabei einige erstaunliche Ent- deckungen gemacht, die sie auf dieser CD vorstellt. Sie beginnt mit einer Klavierbearbeitung der Ouvertüre durch Mozarts Schüler Johann Nepomuk Hummel, die dieser - weit über den üblichen Klavierauszug hinaus - offenbar für das Konzertpodium eingerichtet hat. Gleich im Anschluss spielt sie den ersten Satz, Allegro con brio, aus der Sonate B-Dur op. 47 Nr. 2 von Muzio Clementi. Der Hörer muss schmunzeln: Dort also hat sich Mozart ein Thema "entliehen", das er dann aber in seiner Ouvertüre gänzlich anders weiter verar- beitet hat als Clementi - dramatisch statt elegant, vorwärts drängend statt lediglich vorangestellt, beunruhigend und geheimnisvoll statt ausgefeilt und edel. 
Die Fantaisie sur l'air Der Vogelfänger bin ich ja op. 97 von Ferdinand Ries erweist sich als hübsches Virtuosenstückchen. Es folgen Variationen über den Priestermarsch von Christian Gottlob Neefe, bei denen man sich fragt, ob das Stück tatsächlich so abgrund- tief langweilig ist, oder ob die Ursache dafür, dass die gut 14 Minuten schier endlos erscheinen, auch darin liegen könnte, dass Dorn hörbar keinen Zugang zu diesem Stück findet. Beethovens VII Variationen über Bei Männern welche Liebe fühlen jedenfalls liegen ihr besser - und doch hätte man sich auch hier mitunter mehr Konsequenz gewünscht, mehr Mut zur theatralischen Geste.
Johann Baptist Cramer lässt in seinen charmanten Variations sur un Air de la Flute enchantée noch einmal Papageno auftreten, in diesem Falle auf der Suche nach einem Mädchen oder Weibchen, virtuos - und mit einem Augenzwinkern. 
In  einem Sammelalbum des 19. Jahrhundert entdeckte Babette Dorn eine ausgesprochen attraktive Bearbeitung der letzten Szenen der Zauberflöte, von unbekannter, aber sicherer Hand arrangiert. In diesem Stück dürfen endlich auch einmal die beiden Bösewichter der Oper, die Königin der Nacht und ihr Gegenspieler, der Priesterkönig Sarastro, erscheinen. An dieser Ersteinspielung hat die Pianistin spürbar Vergnügen - als Höhepunkt der CD aber erscheint mir das letzte Stück, die Improvisation über Motive der Zauberflöte op. 51 von Josef Rheinberger. Der Romantiker galoppiert quer durch das Stück - und bringt es dabei gründlich durcheinander. So grüßt die Ouvertüre ganz zum Schluss; dafür eröffnen das Stück die drei Knaben, gemeinsam mit der Königin der Nacht. Dorn zelebriert "ihren" Rheinberger mit Begeisterung, wenn der geradezu anarchisch Themen und Motive miteinander verknüpft, chaotisch, lustvoll und mit einer gehörigen Portion Humor. Köstlich!

Montag, 5. April 2010

Verdi: Messa da Requiem (Deutsche Grammophon)

Ein Konzertmitschnitt aus der Stuttgarter Liederhalle, entstanden im November 1960 - in einer Zeit, als die Stars noch in der Nachbar- schaft wohnten, und nicht nur zum Konzert eingeflogen wurden. Auch die Gesangskultur war eine andere, wie dieses Solistenquartett zeigt - da wird miteinander musiziert, statt um die Wette zu tönen. Natürlich sind die vier Sänger keine Spezialisten fürs italienische Fach; selbst Fritz Wunderlich wirkt etwas angestrengt, aber er wäre in solche Partien ganz sicher hineingewachsen, wenn ihm die Lebenszeit dazu vergönnt gewesen wäre. Wer also den legendären Tenor mit diesem Werk hören will, der muss sich mit dieser Aufnahme be- scheiden - und damit abfinden, dass hier neben dem Südfunk-Chor auch der Stuttgarter Lehrergesangsverein und der Bachchor Stuttgart mitsingen, ein wackerer Haufen zwar begeisterter, aber dennoch musikalischer Laien. Auch Hans Müller-Kray, der diese Sänger- scharen sowie das Südfunk-Sinfonieorchester dirigierte, hat ganz sicher nicht das Format eines Karajan oder Toscanini. Wer sich aber mit dem Gedanken anfreunden kann, dass es sich hier um die Auf- zeichnung eines Konzertes mit lokaler Besetzung und ursprünglich auch nur regionaler Relevanz handelt, der wird viel Staunenswertes finden.

Handel: Opera Arias - Max Emanuel Cencic (Virgin Classics)

"Händels Musik ist im Hinblick auf Ausdruck, technisches Können und guten Operngeschmack eine enorme Herausforderung für jeden Sänger", meint Cencic. Für diese CD wählte er Arien aus dem gesamten Werk - von Händels Opernerstling Agrippina bis zu Imeneo aus seiner letzten Opernsaison. 
Sie sind vom Gestus her sehr unterschiedlich, und auch für sehr verschiedene Sänger entstanden. Es ist jedoch müßig, darüber zu spekulieren, ob dem Countertenor Cencic nun die Arien mehr liegen, die Händel für Pellegrini, Carestini, Andreoni, Caffarelli, Senesino oder gar für eine seiner Sängerinnen komponiert hat. Denn der Sänger, der seit seiner Kindheit auf der Bühne steht, ist Profi genug, genau die Stücke zu bevorzugen, die ihm stimmlich liegen - und technische Schwächen geschickt zu kaschie- ren. 
In den Koloraturen und in der Höhe fehlen ihm mitunter Fokussiert- heit und Glanz; die große dramatische Geste scheint ohnehin seine Sache nicht so zu sein.  Doch wo es ihm an Durchsetzungsvermögen mangelt, dort beeindruckt er mit poetischer Kraft und mit lyrischem Fluss. Begleitet wird der Sänger hochprofessionell vom Orchester
I Barocchisti unter Diego Fasolis, sowie vom Coro della Radiotele- visione svizzera. Ein durchgestyltes Album, das Fans möglicherweise begeistert - aber die "schönen Stellen", und davon hat es doch etliche, bringen es allein halt nicht.

Händel: Israel in Egypt (BR Klassik)

Es war ein kühnes Experiment, und es war beim Publikum offenbar nicht sehr erfolgreich - sonst hätte Händel, der Operndirektor, es sicher nicht bei diesem einen Ver- such belassen: "Israel in Ägypten" kennt keine Figuren, keine Hand- lung im klassischen Sinne und kei- ne Konflikte. Der Text entstammt der Bibel, und er wird einzig durch die Musik dramatisiert. Das Oratorium wird zum überwiegen- den Teil vom Chor getragen.
Es beginnt mit einer bewegenden Totenklage - ursprünglich 1737 von Händel für das Begräbnis von Königin Caroline geschrieben; ein bezauberndes Werk, das der Komponist dann mit nahezu identischem Text als Trauergesang der Israeliten in Ägypten auf ihren Stammvater Josef an den Beginn seines Oratoriums setzte. Der Mittelteil des Oratoriums schildert unüberhörbar die Plagen, vom Gestank des verpesteten Wassers über das Quaken der Frösche, das Flirren der Heuschreckenschwärme, das Prasseln der Hagelkörner bis hin zur Finsternis, die so dicht ist, dass sich auch das Ohr verirrt, von keiner Tonart geleitet. Nach dem gelungenen Auszug der Kinder Israels durch das Schilfmeer beginnt der dritte Teil, Moses' Song, in dem das Volk mit prächtigen Chören den Untergang den Verfolger feiert, die hinter den Israeliten im Meer versanken und von den Fluten verschlungen wurden. 
Es singt der Chor des Bayerischen Rundfunks - außerordentlich sauber geführt und stimmgewaltig. Er wird begleitet vom Concerto Köln, und in einigen Partien traut sich Peter Dijkstra sogar, die exzessive Klangrede umzusetzen, die das Werk förmlich aufdrängt. Dort ist die Aufnahme richtig stark.

Sonntag, 4. April 2010

Concerti d'Amore - Bell'Arte Salzburg (Berlin Classics)

Barockmusik bringt mitunter Klangwelten hervor, die gänzlich anders sind als jene, die wir heute gewohnt sind. Dafür sind diese charmanten Stücke exzellente Beispiele. Schon das erste Con- certo E-Dur TWV 53:E1 von Georg Philipp Telemann kombiniert Instrumente, die im modernen Orchester so nicht mehr gespielt werden.
Die Traversflöte, aus Holz und gänzlich ohne Klappenmechanik, klingt wesentlich sanfter als die heute gebräuchliche Böhm-Flöte. Die Oboe d'amore, aufgrund ihrer interessanten Klangfarbe nie gänzlich aus dem Orchester verschwunden, ist etwas länger als die gewöhnliche Oboe und verfügt über einen kugelförmigen Schallbecher, dem sie ihren weichen, elegischen Ton verdankt. 
Die Viola d'amore sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Violine und Viola, aber in Form einer Viola da gamba, gern auch mit fünf, sechs oder sieben Spielsaiten und dazu mehr oder minder reichlich mit zusätzlichen Resonanzsaiten ausgestattet. Sie klingt lieblich - und hat es Annegret Siedel angetan, die für diese CD vier prachtvolle Werke ausgewählt hat, um dieses Instrument in Bestform zu präsentieren. Die anderen Mitglieder des Ensembles Bell'Arte Salzburg haben ebenfalls hörbar Vergnügen an diesen Raritäten.
Ein solches Repertoire erklingt aber auch nicht alle Tage. Denn Christoph Graupner, Hofkapellmeister zu Darmstädt, hat eine Menge Musik für eine Besetzung geschrieben, die man möglicherweise erst einmal ausbuchstabieren muss: Gefordert ist hier ein Chalumeau - dabei handelt es sich um eine faktisch ausgestorbene Instrumenten- familie, ähnlich den Klarinetten. Sie klingen aber nicht so durch- dringend und strahlend wie beispielsweise die Barock-Clarinette, sondern sanglicher, wärmer, intimer. Diese Instrumente, die man heute kaum noch dem Namen nach kennt, waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts offenbar weit verbreitet und sehr beliebt.
Das mag vielleicht auch daran liegen, dass sich die Hofgesellschaften jener Tage gern die Zeit in bukolischer Idylle vertrieben - und durch Graupners köstliche Ouvertüre F-Dur GWV 450 hört man ganz eindeutig übermütige Lämmchen springen. Sein Concerto B-Dur GWV 343, die zweite Weltersteinspielung auf dieser CD, gibt sich etwas elegischer. Aber beide Stücke sind reizvolle Entdeckungen. Man darf gespannt darauf sein, was sich im Archiv weiterhin finden wird; denn schließlich ist Graupner-Jahr. 
Zwischen die beiden Werke des Darmstädters gruppierte Siedel Vivaldis Concerto a-Moll RV 397 für Viola d'amore, Streicher und Continuo. Es ist zwar hochvirtuos, aber formal auch sehr konventionell. Das Werk hat es erstaunlich schwer, sich neben den beiden Stücken Graupners zu behaupten, die von originellen musikalischen Einfällen nur so sprühen. Die Musiker von Bell'Arte spielen mit der gewohnten Präzision und Musizierlust; und für die sonnigen Frühlingstage ist diese CD genau das richtige - meine Empfehlung!

David Oistrakh - Concertos and Encores (Deutsche Grammophon)

"Ich liebte ihn vom ersten Augenblick an. Nicht nur war er der Freundlichste, Warmherzigste, Zuverlässigste von allen, sondern auch noch bescheiden und klug. Niemals wollte er mehr oder anders sein als er selbst, niemals wollte er klüger scheinen als andere, stets trat er einem offen entgegen, ohne Hintergedanken, unbefangen, und ohne jede Scheu: Ein wahrer Mensch." Mit derart enthusiastischem Lob bedenkt Yehudi Menuhin in seinen Memoiren seinen Kollegen und Freund David Oistrach. Obwohl er, bedingt durch den Zweiten Weltkrieg, erst spät im Westen wahrgenommen wurde, liegt doch eine erstaunlich große Anzahl von Aufnahmen vor - etliche davon hat die Deutsche Grammophon nun auf drei CD versammelt. Leider sind die meisten davon uralte Mono-Aufzeichnungen, was zunächst etwas gewöhnungsbedürftig klingt. Doch Werke wie Prokofievs Violinkonzert Nr. 1 in D-Dur, op. oder Kabalevskis Violinkonzert in C-Dur, op. 48 hört man noch heute nicht allzu häufig. Etwas öfter begegnet einem wohl Glazunows Violinkonzert in a-Moll op. 82, und Mendelssohns Violinkonzert in e-Moll, op. 64 ist im vergangenen Jahr aus Jubiläumsgründen gleich mehrfach mit diversen Solisten auf CD veröffentlich worden. Wenn man aber nicht wüsste, dass diese Aufnahmen aus den 40er und 50er Jahren stammen, dann müsste man durchaus feststellen: Was Oistrach damals eingespielt hat, das ist erstaunlich wenig in die Jahre gekommen. Einiges würde man heute sicherlich anders gestalten - aber sein herrlicher Ton und seine enorme künstlerische Intelligenz, das sind genug Gründe, diese Aufnahmen auch heute noch gern anzuhören. Und als besondere Überraschung gibt's jede Menge Zugaben, und einen Mitschnitt, bei dem er sogar als Dirigent tätig wird - Bruchs Violinkonzert Nr. 1 in g-Moll, op. 26 spielt sein Sohn Igor.

Samstag, 3. April 2010

Bach: Matthäus-Passion; Mauersberger (Berlin Classics)

Bei Wieder-Anhören dieser Auf- nahme ist man zunächst erstaunt: Was, so langsam haben die Gebrüder Mauersberger seinerzeit die Matthäus-Passion dirigiert? Das Instrumentalvorspiel jedenfalls schleppt sich dahin. Doch dann setzt der Chor ein, und plötzlich stimmen die Relationen. Denn die Eindringlichkeit und die Glaubens- wucht dieser Aufnahme verträgt sich nicht mit dem Eilzugtempo und jener beschwingten Phrasie- rung, wie sie derzeit, "historisch informiert", noch der Kantor im letzten Dorf anstrebt.
Wenn Peter Schreier hier das Evangelium vorträgt, dann ist das nicht nur Gesangskunst, sondern darüber hinaus unüberhörbar auch ein Bekenntnis des christlichen Glaubens - was von den DDR-Funktionä- ren scharf bekämpft wurde. In diesem Kontext wird Bachs Matthäus- Passion von  einer Musikaufzeichnung zum künstlerischen Vermächt- nis.
Denn diese Aufnahme entstand 1970 - in einer Zeit, in der Rudolf Mauersberger um den Fortbestand "seiner" Kruzianer fürchten und ringen musste. Jahre beständiger Schikane und kleinlicher Macht- kämpfe lagen hinter ihm, und die Verhältnisse wurden nicht besser. Man stelle sich vor, dass der Kreuzkantor im Alter von 82 Jahren am 6. Februar 1971 noch sein "Dresdner Requiem" eigenhändig dirigierte, um die Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger gesichert zu wissen - am 22. Februar 1971 ist er gestorben.
In einer solchen Umgebung und unter solchen Bedingungen wiegen das Herzblut und die Inbrunst, mit der hier musiziert wird, doppelt. Diese CD belegt: Rudolf Mauersberger und sein jüngerer Bruder Erhard, der 1961 Thomaskantor wurde, konnten zudem die beiden traditionsreichen sächsischen Knabenchöre in diesem schwierigen Umfeld auf hohem sanglichen Niveau halten. Obwohl die Aufnahme in der Lukaskirche Dresden entstand, musiziert das Gewandhaus- orchester Leipzig mit seinen erstklassigen Solisten. Und die Continuo-Orgeln spielen Thomasorganist Hannes Kästner und Kreuzorganist Herbert Collum.
Als besondere Stärke dieser Einspielung erweisen sich die überwie- gend exzellenten Gesangssolisten, mit denen selbst die kleinsten Partien besetzt sind. Neben dem Evangelisten Peter Schreier sind beispielsweise Theo Adam als Jesus, Siegfried Vogel als Petrus, Johannes Künzel als Judas und Hermann Christian Polster als Pontius Pilatus zu hören. Wer könnte Adele Stolte "Blute nur, du liebes Herz" klagen hören, oder Annelies Burmeisters ergreifende "Erbarme dich"- Arie, ohne Ostern zu erfassen? Die Tenor-Arien singt Hans-Joachim Rotzsch; er wurde übrigens Mauersbergers Nachfolger als Thomas- kantor, und sein Rücktritt 1991 ist dem Chor leider nicht gut bekommen. 
Obwohl ganz im Sinne der DDR-"Erbe-Pflege", also nicht-"historisch authentisch" und mit modernen Instrumenten eingespielt, und obwohl letztendlich nicht jeder Ton perfekt sitzt, gehört dieses Dokument für mich zu den Referenzaufnahmen von Bachs "großer Passion". Die Aufnahme gibt Zeugnis von jener großartigen mitteldeutschen Musiktradition, die vorreformatorischer Zeit entspringt, die Uniformen, Stiefel und Gleichschritt überlebt hat - und hoffentlich auch unser vollelektronisches Zeitalter überdauern wird.

Schubert: Die schöne Müllerin; Konrad Jarnot (Oehms Classics)

Konrad Jarnot interessiert an Schuberts Liederzyklus ganz offensichtlich das dramatische Moment. Er legt großen Wert auf Verständlichkeit - was keineswegs selbstverständlich ist - und gestal- tet die Lieder mit großer Sorgfalt. Dabei geraten ihm Schuberts Miniaturen gelegentlich zur großen Oper. Und manche Kleinigkeit, auffallend insbesondere bei den Verzierungen, entschwindet an- gesichts dieser schwungvollen Geste im musikalischen Nirwana. Das ist freilich keine Katastrophe, sondern nur eine bedauerliche Schwäche einer ansonsten sehr akzeptablen Aufnahme. 
Alexander Schmalcz begleitet den Sänger durch Müllers Verse - und lässt den Flügel hingebungsvoll plätschern, flüstern, rauschen, strudeln und murmeln, so dass man ganz verwundert lauscht. Es ist doch verblüffend, wieviel verschiedene Möglichkeiten dieser Schubert erdacht hat, dem Wasser des Mühlbächleins eine Stimme zu geben. Und letztendlich flüchtet der unglückliche Müllerbursche in die Wellen - Romantik ist nicht immer nett. 
Aber wie Jarnot und Schmalcz dieses Finale ins Piano verklingen lassen, das ist schon großes Kino. Schließlich ist es unendlich schwierig, angesichts der Vielzahl der Einspielungen der Schönen Müllerin noch neue Ideen aufzuspüren, wie man den Liederzyklus gestalten könnte. Jarnot und Schmalcz haben da eine intelligente Lösung gefunden.

Ensemble Esteban - Das Tango Nuevo Ensemble (Zeitklang)

"Es war im April 2006, als ich zum ersten Mal Tangos für Klavier solo von Daniel Barenboim gehört hatte", berichtet Bernfried E. G. Pröve. "Ich war derart fasziniert und elektrisiert von seiner Inter- pretation, dass ich beschloss, mich tiefer auf den instrumentalen Tango einzulassen. Der geheime Swing, die Leichtigkeit der Inter- pretation haben mich derart in den Bann gezogen, dass ich mich immer tiefer mit Tango und Tangokomposition auf höchster kompositorischer Ebene beschäftigt habe und endlich 2008 mit meinen Freunden Sebastian König, Ubaldo Pérez-Paoli, Stefan Bolte und Leo Weiß das Tangoensemble Esteban ins Leben rief." Praktischerweise verfügt der Braunschweiger Pianist und Komponist Pröve über ein Studio nebst eigenem Label, so dass die Resultate dieser Begeisterung auch gleich noch per CD dokumentiert werden konnten. 
Die Besetzung ist interessant: Leo Weiß spielt Violine, Sebastian König Schlagzeug (Vibraphon!), Stefan Bolte den Kontrabass,  Pröve Piano; in drei Stücken lässt sich zudem Uwe Steger mit dem Bandoneon ver- nehmen. Und der Argentinier Dr. Ubaldo Ramon Pérez-Paoli, Profes- sor für Philosophie, im Hauptberuf Dozent an der Uni Braunschweig, singt. Das kann er eigentlich nicht, was ja bei Tango-Sängern öfters vorkommen soll, aber er tut es, mit Leidenschaft - und Ausstrahlung. Und trägt damit einen wesentlichen Part des Ensembles.
"Tango ist ein trauriger Gedanke, den man tanzen kann", so der argentinische Tango-Komponist Enrique Santos Discépolo. Die CD enthält überwiegend Klassiker von Astor Piazzolla - doch auch jeweils eine Eigenkomposition von Pröve und Weiß. Und man staunt, wie nah sich doch offenbar Braunschweig und Argentinien sind...

Freitag, 2. April 2010

Chopin: Cello Sonata, Piano Trio, Grand Duo (EMI Classics)

Zum Freundeskreis Chopins in Paris gehörte der Cellist und Komponist Auguste-Joseph Franchomme.
Das erste Stück auf dieser CD, die Cellosonate in g-Moll op. 65, ist ihm gewidmet. Franchomme war berühmt für seinen ausdrucks- starken, singenden Ton, für seine elegante Bogentechnik und seine akkurate linke Hand. Der junge dänische Cellist Andreas Brantelid tritt daher in große Fußstapfen - doch er bewältigt das schwierige Stück exzellent und mit schönem Ton. 
Das gilt auch für die Pianistin Marianna Shirinyan, die hier erstmals auf CD zu hören ist. Sie übernimmt einen wichtigen Part. Denn bei allen drei Werken Chopins, die für diese Einspielung ausgewählt wurden, dominiert und brilliert das Klavier weite Abschnitte - um dann wieder hinter die Streicher zurückzutreten, sie zu geleiten und ihre Melodien zu umspielen. Die armenische Pianistin erweist sich als eine versierte Kammermusik-Partnerin, die ihre solistischen Abschnitte differenziert und ausdrucksstark gestaltet, aber auch achtsam mit ihren Musikerkollegen zusammen spielt.
Das zweite Stück auf dieser CD, das Klaviertrio g-Moll op.8, gehört zu den Frühwerken Chopins. Hier gibt die junge norwegische Violinistin Vilde Frang ihr CD-Debüt. Sie wird demnächst im Hause EMI zudem auf einer weiteren CD mit Violinkonzerten von Sibelius und Prokofiev zu erleben sein. Dann kann man auch mehr über die hochgelobte junge Musikerin sagen; dieses Trio jedenfalls beherrscht in nahezu allen Sätzen das Klavier. Und die beiden Streicher haben eine zwar melodisch durchaus schöne, aber eingentlich auch ziemlich blasse Nebenrolle. 
Ähnlich beginnt das dritte Werk. Das Grand Duo concertant in E über Themen aus Meyerbeers "Robert le Diable" schrieb Chopin 1831 im Auftrag des Verlegers Schlesinger. Das erste Wort bekommt auch in diesem Falle das Tasteninstrument. Doch bald setzt das Cello ein - und zeigt dann mit raffinierten und auch technisch anspruchsvollen Variationen der seinerzeit populären Opernmelodien, dass dieses Werk seinen Titel zu recht trägt.
Brantelid lässt sich auch hier souverän und klangschön hören. Der junge Däne begann übrigens breits vor seinem vierten Geburtstag, Violoncello zu üben. Er startete seine Solokarriere im Alter von 14 Jahren mit Elgars Cellokonzert - und spielt ein Giovanni-Grancino- Cello aus dem Jahre 1690.

Scarlatti: Kantaten (Naxos)

Der Begriff der "Kantate" als Be- zeichnung eines mehrsätzigen Werkes für Gesang und Instrumen- talbegleitung erscheint erstmals 1620 in einem Notenband aus Venedig. Kammerkantaten, besetzt zumeist lediglich mit einer Solo- stimme und Basso Continuo, mitunter auch einigen wenigen Melodieinstrumenten, erfreuten sich bald in ganz Europa großer Beliebtheit. Die neue, flexible Form, die enormen Raum für musikalische Experimente bot, ging eine überaus fruchtbare Verbindung mit der Poesie des Barockzeitalters ein.
So soll allein Alessandro Scarlatti (1660-1725) mehr als 780 der- artige Werke komponiert haben. Davon sind uns heute nur noch wenige zugänglich; doch die Suche in den diversen Archiven lohnt sich. Erstaunt stellt man fest, dass es sich auch bei den fünf hübschen Stücken auf dieser CD um Weltersteinspielungen handelt. Die Sopranistin Susanne Crespo Held gestaltet sie souverän, und gefällt mit ihrer schlanken, beweglichen unangestrengten Stimme. Begleitet wird sie von Musica Poetica in der Besetzung Gianluca Capuano, Cembalo, Marco Testori, Barockcello und Rosario Conte, Theorbe, auf Nachbauten historischer Instrumente.