Samstag, 3. Juli 2010

Stravinsky: The Fairy's Kiss (Hyperion)

Igor Fjodorowitsch Strawinski war ein Phänomen. Geboren 1882 in Oranienbaum bei Petersburg, lernte der Sohn eines Sängers schon in seiner Jugend zahlreiche führende russische Dirigenten und Komponisten kennen. Ab 1920 lebte er überwiegend in Paris;
1934 wurde er französischer Staatsbürger. Vor den deutschen Besatzern floh er nach Amerika; 1971 starb er in New York City. 
Mit seinen Werken wie Feuervogel hatte Strawinski schon jung Erfolg; er konnte von seiner Musik gut leben, denn er arbeitete vorzugsweise auf Auftrag. Und daran herrschte offenbar kein Mangel. So beauf- tragte Ida Rubinstein den Komponisten, ein Ballet für die Herbst- saison 1928 zu schreiben, das auf Musik von Tschaikowski beruhen sollte.
Das Ergebnis ist verblüffend: Der Kuss der Fee klingt in der Tat nach Tschaikowski - aber eigenartigerweise ist es Musikwissenschaftlern nicht gelungen, herauszufinden, welche seiner Werke Strawinski da "zitiert" hat. Musikalisches Mimikry auf höchstem Niveau.
Man staunt. Dieses "klassische" Erzählballett hat eine Handlung frei nach Andersons Schneekönigin, die aber eigentlich keine Handlung ist - denn die Personen haben keinen Charakter, nehmen keine erkennbare Entwicklung, durchleben keine Konflikte. Und dazu gibt es typisch russische Ballettmusik, die aber bei genauerem Hinhören so typisch gar nicht ist. 
Auch die Scènes de ballett sind ein Auftragswerk, bestellt von Broadway-Impresario Billy Rose im Sommer 1944. Der Auftraggeber wünschte sich eine klassische Tanznummer in einer Show mit den Titel The Seven Lively Arts, inklusive einer verkürzten Fassung des zweiten Akts von Giselle, denn dieses Ballett tanzte Alicia Markova damals gerade an der Met. Das Problem: Die Tänzerin lehnte das ab. Die Lösung, die Strawinski dafür fand, ist sehr ironisch - und leider heute fast vergessen. 
Es ist daher sehr schön, dass der junge israelische Dirigent Ilan Volkov diese beiden Strawinski-Raritäten wieder ausggegraben hat. Mit dem BBC Scottish Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent er einige Jahre lang war, fand er zu einer ausgesprochen differenzierten und einen Tick distanzierten Lesart - was beiden Werken sehr gut gerecht wird.

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