Montag, 26. September 2016

Bach: Köthener Trauermusik (Deutsche Harmonia Mundi)

Darf man verlorene Werke von Johann Sebastian Bach rekonstru- ieren? Und wenn ja, in welchem Umfang sind Ergänzungen zulässig? Darf man beispielsweise Rezitative, deren Musik nicht überliefert ist, neu komponieren? Wo sind Entdeckun- gen möglich, und wo wird die Grenze überschritten zu einem musikalischen Disney-Land? 
Einen Beitrag zu dieser Debatte liefert Alexander Grychtolik. Er hat, mit dem Ensemble Deutsche Hofmusik, die Trauerkantate BWV 244a Klagt, Kinder, klagt es aller Welt einge- spielt. Dieses Werk hatte Bach im Jahre 1729 für den Gedächtnisgottes- dienst seines früheren Dienstherrn Fürst Leopold von Anhalt-Köthen geschrieben, der im November 1728 gestorben war. 
Die Trauerfeierlichkeiten sind, wie damals üblich, minutiös dokumentiert; wir wissen, wie der Gottesdienst verlaufen ist, ja, selbst was die Gäste an- schließend speisten. Die Trauermusik erklang aufgeteilt in vier Abschnitte, die Landestrauer, Tod und Erlösung, eine nochmalige Würdigung des Verstorbenen sowie Trost und Abschied zum Gegenstand haben. Das Libretto schuf der Leipziger Christian Friedrich Henrici, besser bekannt unter dem Pseudonym Picander. Es ist gleich in drei Versionen überliefert – die Musik dazu allerdings nicht. 
Schon 1873 wurde bei der Arbeit an der ersten Bach-Gesamtausgabe festgestellt, dass Bach für die Trauerkantate im Parodieverfahren auf zwei ältere Werke, nämlich die Trauerode für Kurfürstin Christine Eberhardine BWV 198 und die Matthäus-Passion BWV 244, zurückgegriffen hat. Die allermeisten Einzelsätze ließen sich damit zuordnen. Zudem folgt Grych- tolik Vorschlägen des Musikwissenschaftlers Detlef Gojowy, der darauf hingewiesen hatte, dass auch im Falle der Accompagnato-Rezitative Analogien zur Matthäus-Passion aufzufinden sind. Die fehlenden Teile – es sind nur noch wenige – wurden angelehnt an entsprechende Vorbilder neu komponiert. 
Man muss anerkennen, dass es Alexander Grychtolik sehr schlüssig gelungen ist, die Köthener Trauermusik zu rekonstruieren. Auch bei der Aufführung folgt das Ensemble Deutsche Hofmusik unter seiner Leitung den historischen Fakten: In Köthen gab es zwar eine exzellente Hofka- pelle, aber keine Kantorei. So wird Bach neben den herausragenden Musikern, wie dem berühmten Gambisten Christian Ferdinand Abel, nur einige wenige professionelle Sänger zur Verfügung gehabt haben. Neben den Solisten Sidonie Otto, David Erler, Hans Jörg Mammel und Daniel Ochoa sind hier noch fünf Ripienisten eingesetzt. Musiziert wurde in der Köthener Stadtkirche St. Jakob; der Kirchenraum ist allerdings heute nach diversen Umbaumaßnahmen, zuletzt im 19. Jahrhundert, nicht mehr in dem Zustand, in dem er sich zu Bachs Zeiten befand. 
Es ist also nicht mehr ganz der originale Klangraum; die Grablege des Fürstenhauses von Anhalt-Köthen befindet sich in der Kirche aber bis zum heutigen Tage. In dieser besonderen Atmosphäre hat das Ensemble Deutsche Hofmusik im September 2014 die Trauermusik aufgeführt – und das sehr beeindruckend, wozu nicht zuletzt Instrumentalsolisten wie die Flötisten Jan de Winne und Christine Debaisieux, Mechthild Karkow, Violine, und natürlich Marcel Ponseele mit beitragen. Geht es um Barock- musik, ist dieser Oboist derzeit eine Klasse für sich.

Montag, 19. September 2016

Daniel_Röhn - The_Kreisler_Story (Berlin Classics)

Daniel Röhn enstammt einer Musikerdynastie: Sein Großvater Erich Röhn war Konzertmeister bei den Berliner Philharmonikern, sein Vater Andreas Röhn musizierte als Konzertmeister im Symphonie- orchester des Bayerischen Rund- funks, seine Mutter ist Pianistin, und seine Schwester Anja ist ebenfalls eine erfolgreiche Geigerin. 
Schon mit 14 Jahren begann er sein Studium an der Münchner Musik- hochschule. Gelernt hat er freilich auch anderswo: „Einer meiner besten Lehrer war der Plattenschrank meiner Eltern“, merkt der junge Geiger an: „Das meiste habe ich mir bei den Kreislers und Heifetzes einfach abgelauscht.“ Röhn klingt tatsächlich ein wenig wie die alten Meister; allerdings hat er ihr Spiel nicht einfach kopiert, sondern einen eindrucksvollen, ganz eigenen Ton entwickelt. Dieser ist überraschend warm und beredt, aber nicht ganz so breit und so gestisch wie beispielsweise der Kreislers. 
Von dem berühmten Kollegen hat Daniel Röhn auch in Sachen Marketing offenbar einiges gelernt. Denn Fritz Kreisler hat erstaunlich viele kurze Stücke geschrieben – und sie auch gleich selbst für die Schallplatte eingespielt, die in ihren frühen Jahren bekanntlich nur wenige Minuten Laufzeit hatte. Röhn gelingt es, mit diesen Miniaturen ein Publikum zu begeistern, das sonst sicherlich eher nicht ins Konzert geht. In das Programm hat er allerdings auch einige Werke anderer Komponisten mit „hineingeschmuggelt“, wie zwei Capricen und ein Moto Perpetuo von Paganini, Tartinis berühmte Teufelstriller-Sonate, zwei Capricen von Wieniawski oder eine Partita von Bach – in den virtuosen Bearbeitungen von Fritz Kreisler, selbstverständlich. 
Im Originalklang-Zeitalter ist das ziemlich mutig; normalerweise präsentieren sich Geiger heutzutage mit einem Repertoire, das in erster Linie aus drei Dutzend mehr oder minder bekannter Konzerte besteht, beginnend bei Bach und Vivaldi, und endend allerspätestens bei Schostakowitsch. Wenn Kammermusik gespielt wird, dann Sonaten; was nach Salonmusik klingt, das hat seinen Platz im Konzertsaal, maximal, unter den Zugaben. 
Röhn setzt sich über diese Konventionen hinweg. Zwar hat auch er bereits Violinkonzerte von Mendelssohn, Berg und Sibelius eingespielt. Doch dann widmete er ein weiteres Album virtuosen Piècen, beispielsweise der Carmen-Suite von Waxman. Und nun folgt dieses Kreisler-Programm, das Virtuosität und Ausdruck elegant kombiniert. Mit dem Pianisten Paul Rivinius hat Daniel Röhn dabei den perfekten Partner an seiner Seite. 
„Wenn ich Kreisler höre, habe ich manchmal das Gefühl, direkt von ihm angesprochen zu werden“, schreibt der Geiger. „Musiker sollen erzählen, predigen, manchmal vielleicht nur ein einziges Wort. Leichter gesagt als getan, Kreisler konnte es. Er holte mit dem Bogen schöne Worte aus der Geige. Auf eine Weise, die ihn von allen anderen Geigern unterschied, auch von jenen, die ihm technisch eigentlich überlegen waren.“